„Die Russische Revolution und das unvollendete 20. Jahrhundert“

Großes Interesse für Buchvorstellung in Leipzig

Von unseren Korrespondenten
12. März 2015

„In den Diskussionen mit Arbeitern und Studenten in Leipzig ist man sofort mit historischen Fragen konfrontiert“, sagt Denis von den IYSSE. „Die Frage, was der Stalinismus war und warum er zusammengebrochen ist, kommt immer wieder auf. Auch die Wiederkehr von Militarismus und Rechtsextremismus beschäftigt die Leute.“

Die International Youth and Students for Social Equality (IYSSE) werben seit zwei Wochen für eine Veranstaltung des Mehring Verlags, der am kommenden Freitag im Rahmen der Leipziger Buchmesse zur Vorstellung des neuen Buchs von David North einlädt.

North wird „Die Russische Revolution und das unvollendete 20. Jahrhundert“ am Freitag persönlich an der Universität vorstellen. Das Buch ist eine scharfe Polemik gegen verschiedene Versuche, die Geschichte zu fälschen, um die Russische Revolution zu diskreditieren und die Verbrechen des Imperialismus zu relativieren. Demgegenüber zeigt North auf, wie alle Grundfragen des 20. Jahrhunderts, soziale Krisen und Kriege wieder aufbrechen und damit ganz objektiv die Frage der Revolution zurückbringen.

North erklärt in dem Buch die Bedeutung der Oktoberrevolution und die Ursachen der stalinistischen Unterdrückung. Es befasst sich mit den Ursachen der beiden Weltkriege, der Entstehung von Faschismus und Holocaust und der Entwicklung der Arbeiterbewegung. Dabei verteidigt er die materialistische Geschichtsauffassung gegen irrationalistische Konzepte, wie sie von Postmodernisten vertreten werden.

All diese Fragen waren in der Kampagne sehr präsent. Mitglieder der IYSSE und Unterstützer des Mehring Verlags hängten in den letzten Wochen tausende Plakate auf, verteilten Flyer und führten zahlreiche Diskussionen an Büchertischen in der ganzen Stadt, an der Universität, an Schulen und an Betrieben.

An den Büchertischen entwickelten sich lebhafte Auseinandersetzungen über gegenwärtige politische Entwicklungen und grundlegende Fragen der Geschichte, die in dem Buch behandelt werden. Vor allem die Neubelebung des deutschen Militarismus und die Aggressionspolitik gegen Russland bringt Arbeiter und Studierende dazu, über historische Parallelen nachzudenken.

„Ich kriege Atemnot wenn ich an die Entwicklung in der Ukraine denke“, sagt eine ältere Frau, die in der DDR als Mathematiklehrerin gearbeitet hat. „Deutschland macht schlimme Fehler mit der Aggressionspolitik gegen Russland. Seit der Wende wird immer schlimmer gegen Russland gehetzt.“

Sie sieht einen direkten Zusammenhang zwischen der Kriegsentwicklung und der wachsenden sozialen Ungleichheit. „Ich habe eine Umfrage gelesen, laut der die größte Angst deutscher Unternehmer ein Generalstreik ist“, sagt sie und lächelt. Für sie stehe außer Zweifel, dass sie am Freitag komme.

Auch Sascha, ein russischstämmiger Kunststudent, will zur Veranstaltung kommen. Er sieht Parallelen zwischen der Zerschlagung Jugoslawiens und der deutschen Politik in der Ukraine. Man könne jetzt schon sehen, wie weit die soziale Verwüstung im Land vorangeschritten sei. „Den westlichen Ländern geht es dabei um Geopolitik.“

Mit Leo Trotzki hat sich Sascha bisher noch nicht beschäftigt und ist deshalb schon auf die Lektüre des neuen Buches gespannt. Allerdings stehe er der Oktoberrevolution nicht unkritisch gegenüber, sagt er. „Ich verstehe zwar, dass revolutionäre Gewalt die einzige Lösung ist, aber ich bin gegen Gewalt.“ Das sei ein Dilemma für ihn.

Ein anderer Student kommt zum Infotisch an der Universitätsbibliothek und freut sich, dass David North wieder in Leipzig ist. Er sei bereits vor drei Jahren dabei gewesen, als David North sein Buch „Verteidigung Leo Trotzkis“ vorstellte und mehr als 300 Zuhörer kamen. „Seither hat die Fälschung der Geschichte an den Universitäten noch zugenommen“, sagt der Student.

Auch Arbeiter interessierten sich für das Buch und die Veranstaltung. Unterstützer des Mehring Verlags gingen an die Werkstore von BMW und des Amazon-Logistikzentrums, um für die Veranstaltung zu werben.

Ein Arbeiter kommt zum Büchertisch und sieht die Bücher von Leo Trotzki. „Von dem habe ich auch schon gehört“, sagte er. „Der wurde doch von Stalins GPU umgebracht.“ Die Eliten der DDR seien auf der Grundlage des stalinistischen Terrors an die Macht gekommen. „Die Gruppe Ulbricht hat sich in Moskau hochgedient, indem sie kommunistische Oppositionelle angeschwärzt hat“, sagt er.

Philipp von der IYSSE verweist auf die theoretische Arbeit Leo Trotzkis und der Linken Opposition, die gezeigt hätten, dass es eine sozialistische Alternative zur Herrschaft der stalinistischen Bürokraten gegeben habe. „Das neue Buch von David North widmet dieser Frage viel Raum. Denn die Existenz der Linken Opposition beweist, dass der Stalinismus kein Resultat des Sozialismus, sondern sein schlimmster Gegner war.“ Trotzki habe die Arbeiterdemokratie und den Internationalismus gegen Stalin verteidigt.

Am vergangenen Mittwoch demonstrierten tausende Lehrer und auch Finanzangestellte und Polizisten auf dem Augustusplatz in Leipzig gegen Rentenkürzungen, für eine bessere Versorgung der Schulen und für eine geringe Lohnerhöhung. Viele Teilnehmer verbanden ihre soziale Forderungen mit der Ablehnung des Kriegs.

Monique

Monique ist Lehrerin in dem Leipziger Stadtteil Connewitz. Sie streikt, weil sie die Zustände in den sächsischen Schulen für unzumutbar hält. Ihre Schule habe chronisch zu wenig Lehrer und seit Monaten keine Schulleitung. Sie sieht einen Zusammenhang zwischen den Kürzungen in allen gesellschaftlichen Bereichen und der Entwicklung von Krieg und Rechtsextremismus.

„Es gibt in Deutschland keine Partei, die die Proteste gegen Krieg unterstützen würde“, sagt sie. „Das ist beunruhigend.“ Als auf der Bühne eine Gewerkschafterin der Polizei für die gute Zusammenarbeit dankt, ist Monique irritiert. „Wir wissen doch alle, wen die Polizei schützt.“ Sie schütze nicht die Bevölkerung oder die Zuwanderer, sondern die Rechtsextremen von der Legida.

Christine ist eine 33-jährige Grundschullehrerin. Sie ist auf der Demonstration, weil sie die ungleiche Bezahlung angestellter Lehrer unerträglich findet. „Die Gewerkschaft hat die Forderung nach gleicher Bezahlung fallen gelassen, weil die Kosten für das Land angeblich zu hoch wären.“ Eigentlich sei sie in die GEW eingetreten. „In die Kundgebung heute habe ich wenig Hoffnung.“

Grundschullehrerinnen auf dem Augustusplatz

Unterstützer der Kampagne sprachen mit Christine über die historische Krise der Gewerkschaftspolitik, wie sie in dem Buch von David North aufgezeigt wird. „Die Gewerkschaften waren schon immer eng an den Kapitalismus gebunden. In dem Maße, wie sich dessen Krise vertieft und die Produktion global organisiert wird, verwandeln sich diese Organisationen in Co-Manager.“ Arbeiter bräuchten ein politisches, ein sozialistisches Programm und müssten sich unabhängig von den Gewerkschaften organisieren.

Drei ältere Lehrer machen einen ähnlichen Punkt. Sie sind zum Büchertisch gekommen, nachdem sie den Flyer gelesen haben. „Die Kriegsfrage ist wichtiger als die Lohnfrage“, sagt der eine. Die Lehren aus der Geschichte seien dabei entscheidend.