WChUTEMAS – Wiederentdeckung einer revolutionären russischen Kunstschule

Zur Berliner Ausstellung „Ein russisches Labor der Moderne. Architekturentwürfe 1920-1930“

Von Sibylle Fuchs und Verena Nees
7. März 2015

Im Berliner Martin-Gropius-Bau ist zurzeit eine bemerkenswerte Ausstellung über die legendäre Kunst- und Architekturschule WChUTEMAS der frühen Sowjetunion zu sehen. Gezeigt werden erstmals 250 Arbeiten – Zeichnungen, Skizzen, Gemälde, Fotos und Modelle hauptsächlich aus dem Bereich Architektur – von Studierenden und Lehrern dieser Moskauer Werkstätten, die von 1920 bis 1930 bestanden.

Die Ausstellung wurde vom Staatlichen Schtschussew Museum für Architektur Moskau erarbeitet, das sich auf langwierige Nachforschungen in verschiedenen Archiven und bei Absolventen und Familien ehemaliger Lehrer stützte und einige der lange verschollenen Entwürfe, Konstruktionspläne und Modelle aufspüren konnte. Sie gibt einen faszinierenden Einblick in eine Kunstschule, die die moderne Architektur stärker revolutioniert hat als bisher bekannt.

Die gezeigten Arbeiten der WChUTEMAS-Schüler reichen von Entwürfen für Wohngebäude, Theater, Kioske, Schwimmbäder, Sportstadien, Arbeiterclubs oder ganze Städte zu Studienarbeiten über theoretische Fragen wie „Masse und Gewicht“, „Farbe und räumliche Komposition“ oder „geometrische Eigenschaften einer Form“. Die Skizzen zu komplexen Dachlandschaften, fantasievollen, in die Natur eingebetteten Erholungsstätten, schwerelos wirkenden Bauwerken voller Kurven und Schwünge, ästhetischen Formen und Fassaden für Industriebauten zeichnen soviel Radikalität, Experimentierfreudigkeit und Ideenvielfalt aus, dass dahinter manche Bauhaus-Kreationen verblassen.

Zugleich ist bei allen Entwürfen, selbst bei solch kühnen und wenig realistischen wie den fliegenden Hochhäusern an Ballons, eine große Ernsthaftigkeit zu spüren, die von den Aufgaben im Aufbau des Arbeiterstaats nach der Oktoberrevolution ausgeht.

A. Wesnin: Entwurf zur Gestaltung der Außenfassade der WChUTEMAS zum 10. Jahrestag der Oktoberrevolution Papier, Druck, Aquarell (© Staatliches Schtschussew Museum für Architektur Moskau / VG Bild-Kunst, Bonn 2014)

Am 19. Dezember 1920 hatte Lenin das Dekret der Sowjetregierung zur Gründung der „Höheren Künstlerisch-Technischen Werkstätten“ verkündet, die unter der russischen Abkürzung WChUTEMAS bekannt wurden. Ziel war es, unter Einbeziehung der bildenden Künste technisch, politisch und wissenschaftlich gebildete Architekten und Designer aller Fachrichtungen auszubilden. In den zehn Jahren ihres Bestehens waren sie ein Labor moderner Architektur und Kunst, in dem die unterschiedlichsten künstlerischen Ideen und Methoden, wie Klassizismus, Konstruktivismus, psychoanalytische Ansätze oder auch Futurismus, aufeinandertrafen.

In den Medien werden die WChUTEMAS immer wieder als „russisches Bauhaus“ bezeichnet. Viele Wissenschaftler im Westen haben bisher das Bauhaus in Weimar und Dessau als Vorbild für die russische Architektur-Avantgarde gesehen. Das stellt die Ausstellung jedoch stark in Zweifel. Auch wenn die WChUTEMAS enge Beziehungen zum Bauhaus hatten und dieses ähnliche Konzepte und Ideen vertrat, ist das Verhältnis eher umgekehrt. Die Arbeiten der Studenten und Lehrer, so Barbara Kreis in einem Katalogbeitrag, suchen „bis heute ihresgleichen und dienten späteren Architekten nicht selten als Kopiervorlagen und Inspiration“.

Schon der Umfang der Ausbildung und die Zahl der Studenten und Lehrer machen deutlich, dass die Moskauer Werkstätten eine einzigartige Stellung in der Entwicklung der modernen Architektur einnehmen. Allein im ersten Jahr schrieben sich 2000 Studenten ein, während das Bauhaus nur etwa 150 Studenten gleichzeitig unterrichtete.

Viele berühmte russische Künstler und Architekten der Avantgarde gehörten zumindest zeitweilig zu den Lehrern, darunterAlexander Rodtschenko, Warwara Stepanowa, Wladimir Tatlin, Wladimir Krinski, Alexander Wesnin und seine Brüder Wiktor und Leonid, Ljubow Popowa, Naum Gabo, El Lissitzky, Nikolai Ladowski, Konstantin Melnikow, Moisej Ginsburg, Alexei Schtschussew, Wassilij Kandinsky, Alexandra Exter, Gustav Klucis.

Auch international hatten die WChUTEMAS eine große Ausstrahlung, die bis nach New York reichte, wo es Ausstellungen ihrer Arbeiten gab. Der Gründungsdirektor des Museum of Modern Art, Alfred H. Barr, reiste eigens für einen Besuch der WChUTEMAS im Jahr 1928 nach Moskau. Auf der Pariser Internationalen Kunstgewerbeausstellung, der „Exposition internationale des arts décoratifs et industriels modernes“ von 1925, erhielten der von Melnikow entworfene sowjetische Pavillon und Rodtschenkos Arbeiterklub große Anerkennung. Auch Arbeiten ihrer Schüler wurden ausgestellt.

Die jetzt in Berlin gezeigten Entwürfe und Skizzen sind ein beredtes Zeugnis, welch ungeheure Aufbruchsstimmung die Oktoberrevolution in der Architektur und den anderen Kunstrichtungen hervorgerufen hatte. Ein in der Ausstellung gezeigter Dokumentarfilm des WDR von 1984 lässt Zeitzeugen sprechen, die voller Begeisterung von ihren Studienjahren in den WChUTEMAS berichten. Er habe damals „die Treppe hoch immer zwei Stufen auf einmal genommen“, beschreibt einer der damaligen Studenten die Atmosphäre, „und die Treppe abwärts immer einen ganzen Absatz“.

Man könne sich im heutigen „pragmatisch orientierten“ Russland kaum mehr vorstellen, schreibt auch die Kuratorin Irina Tschepkunowa in der Einführung zum Katalog, welchen Enthusiasmus es nach der Revolution gegeben habe. „Hunger und Zerrüttung während des Kriegskommunismus, der in den Randgebieten des Landes andauernde Bürgerkrieg, das ärmliche Alltagsleben riefen bei den jungen Leuten – so merkwürdig das heute scheinen mag – nicht Mutlosigkeit hervor, sondern einen ungekannten schöpferischen Elan und Arbeitswillen.“

Aufbau der WcHUTEMAS

Die Ausbildung in den WChUTEMAS war ausgerichtet auf die Mobilisierung aller Talente für den Aufbau einer sozialistischen Gesellschaft. Bereits unmittelbar nach der Revolution wurden die Akademien und Kunstgewerbeschulen, die den privilegierten gesellschaftlichen Eliten vorbehalten waren, abgeschafft und das künstlerische Ausbildungswesen durch die Einführung der Freien Staatlichen Kunstwerkstätten reformiert. Alle, die Kunst studieren wollten, konnten sich an den Kunsthochschulen einschreiben. Das galt zunächst auch für die WChUTEMAS, an denen aber 1921 für Arbeiter und Jugendliche ohne Vorbildung die Teilnahme an Vorbereitungskursen der Arbeiterfakultät verbindlich wurde. Erst 1925 wurde auch eine Prüfung der künstlerischen Begabung als Zulassungsvoraussetzung eingeführt.

Die WChUTEMAS gliederten sich in acht Fakultäten, darunter drei Kunstwerkstätten: Malerei (Tafel-, Monumental- und Dekorationsmalerei), Bildhauerei und Architektur, sowie fünf Produktionswerkstätten: Grafik, Textil, Keramik, Metall- und Holzbearbeitung. Lidja Komarowa, eine Architektin und Absolventin der WcHUTEMAS von 1929 formuliert die übergreifende Ausrichtung der Werkstätten so: „Das Ziel bestand darin, die Kunst mit der Produktion, die Wissenschaft mit der Technik und dem neuen Inhalt des sozialistischen Lebens sowie mit den Bedürfnissen des Volkes zu vereinen.“ (1)

In der Einführung des Programms der Werkstätten heißt es: „Die Aufgaben, die das moderne Leben stellt, zerstören entschieden die Prinzipien der von der Gesellschaft abgeschlossenen Spezialisierung des Künstlers und erfordern gleichzeitig Kenntnisse und professionelle Fertigkeiten, die sich bis zur heutigen Zeit in einzelnen Spezialisierungen der Meister entwickelt haben… Im gegenwärtigen Augenblick brauchen wir kein sich selbst genügendes ‘Bild’ oder ‘Projekt’… Deshalb ist es die Aufgabe der heutigen Produktionswerkstatt, mittels Arbeit zur Erfüllung der wirklichen Aufträge im individuellen und kollektiven Konsumbereich, die Spezialkenntnisse der Künstler zusammenzufassen.“ (2) Mehr oder weniger dienten alle Werkstätten diesen Zielen. Über die Konzepte und Methoden der Lehre, die hier nur unzureichend dargestellt werden können, gibt der Katalog und vor allem der Beitrag von Barbara Kreis detailliert Auskunft. (3)

Der Unterricht in den Akademischen Werkstätten war der eher traditionellen Akademieausbildung verpflichtet. Sie bemühten sich unter dem Stichwort der „lebendigen Klassik“ um die Übertragung des traditionellen Erbes von Architekturformen, Formelementen und Methoden auf die Bedingungen des sozialistischen Aufbaus. Der Volkskommissar für das Bildungswesen Lunatscharski begründete dies damit, dass die Studenten auch in der Lage sein müssen, sich auf eine richtig verstandene klassische Tradition zu stützen.

Ganz anders dagegen war der Ansatz der Vereinigten Linken Werkstätten (Obmas), die unter Mitarbeit von Wladimir Krinski und Nikolaj Dokutschajew nach Nikolai Ladowskis „psychoanalytischer Lehrmethode“ zu arbeiten begannen. Der Architekt Ladowski (1881-1941) hatte von 1918 bis 1920 im Büro für Architektur und Kunst des Moskauer Sowjets der Volksdeputierten gearbeitet und schon 1919 die Ziele der Baukunst als Körper und Raum dargelegt. Sein WcHUTEMAS-Labor widmete sich der Erforschung der psychologischen Wahrnehmung des Raums und der örtlichen Bedingungen.

N. Ladowski: Architektonische Erscheinung eines Gemeinschaftshauses, 1920 (© Staatliches Schtschussew Museum für Architektur Moskau)

Die Werkstatt der Experimentellen Architektur dagegen orientierte sich an den Theorien des Aufbaus „architektonischer Organismen“ der Architekten Ilja Golossow und Konstantin Melnikow. Sie zählte nur relativ wenige Studierende und wurde bereits Mitte der 1920er Jahre geschlossen. Zu ihren Zielen gehörte, mittels der räumlichen Form und ihrer Ästhetik einen harmonischen Zusammenhang aller Bereiche des Lebens zu schaffen.

Eine große Rolle bei den WChUTEMAS spielten, insbesondere ab Mitte der 20er Jahre, die Konstruktivisten und die Produktionskünstler. Sie propagierten ähnlich wie in Westeuropa funktionelle Bauten mit Glas, Beton und Stahl und waren stark an den unmittelbaren Bedürfnissen des Wohnungsbaus und der Errichtung von Industriebauten und öffentlicher Gebäude orientiert. Doch auch sie entwickelten Projekte mit ästhetisch ansprechenden Formen. Die hässlichen Plattenbauten und Wohnsilos, wie man sie in der DDR und in ganz Osteuropa kennt, gehörten der späteren, stalinistischen Periode der Sowjetunion an.

Ein interessantes Beispiel, das in der Ausstellung zu sehen ist, ist der Wettbewerbsentwurf der Brüder Wesnin für das Verlagshaus der Leningrader Prawda 1924, der in der Presse als „Kristall in einer übersättigten Lösung“ gerühmt wurde. (4) Alexander Wesnin unterrichtete in der Fakultät für Malerei und Freihandzeichnen in der akademischen Abteilung.

Kunstdebatten an den WChUTEMAS

Noch einen wichtigen Punkt zeigt die Ausstellung: Obwohl die bolschewistische Führung die technische und künstlerische Ausbildung an den WChUTEMAS nicht als l’art pour l’art, als Kunst um der Kunst Willen wünschte, ließ sie den unterschiedlichen künstlerischen Strömungen große Freiräume, ihre Theorien zu vertreten und auszutesten.

Wie sehr sich Lenin selbst, der seinen, wie er selbst zugab, konservativen Kunstgeschmack niemandem aufdrängen wollte, um eine freie, aber auch wissenschaftlich fundierte künstlerische Ausbildung bemühte, wird auch daran deutlich, dass er ein privates Gespräch mit Studierenden der WChUTEMAS suchte. So berichtet Alexander W. Stepanow: „Nach der Gründung der WChUTEMAS fand Lenin trotz der schweren politischen Lage im Lande die Möglichkeit, sich mit Studenten der WChUTEMAS zu treffen. W.I. Lenin wollte die Studenten nicht offiziell sprechen und darum nutzte er seine Bekanntschaft mit der Familie seiner Kampfgefährtin Inessa Armand, einer sehr gebildeten Frau, die mehrere Fremdsprachen beherrschte und die der Revolution bis zum Tode treu diente. Inessa Armand hatte zwei Töchter, Inna und Warja, letztere war Studentin an den WcHUTEMAS. Spät am Abend des 21. Februar 1921 kamen Lenin und N. K. Krupskaja in das Studentenheim der WcHUTEMAS, das in der ehemaligen Mjasnitskaja Straße lag. Dort haben sie über drei Stunden miteinander gesprochen.“ (5)

Teilweise bekämpften sich die verschiedenen Schulen aufs Heftigste. Kandinsky, der eng mit der deutschen Avantgarde verbunden war und schon 1922 einem Ruf ans Weimarer Bauhaus folgte, vertrat einen geistig-intuitiven Weg in der Kunst und wurde von anderen als „metaphysisch“ bekämpft. Rodtschenko sah die Aufgabe des Künstlers darin, „der materialistischen konstruktiven Arbeit einen kommunistischen Ausdruck zu verleihen“. Er wollte die Atelierarbeit in eine praktische Tätigkeit verwandeln.

Auch Tatlin, der vom Futurismus kam, und Malewitsch lagen meist in heftigen Fehden miteinander. Tatlin kritisierte die Konstruktivisten, sie würden die Technik mechanisch mit ihrer Kunst verknüpfen, aber sich in Wahrheit mit dekorativer Stilisierung befassen. Ihm ging es um die Kunst als Mittel zur Humanisierung der Technik. Einige der WChUTEMAS-Künstler wie Malewitsch, Popowa, Stepanowa, Rodtschenko hatten Verbindungen zur Linken Front der Künste, der LEF, oder zu Anhängern des Proletkults.

Trotz aller Auseinandersetzungen war den russischen Avantgarde-Künstlern in den WChUTEMAS – im Unterschied zu den Avantgarde-Vertretern der kapitalistischen Metropolen – eines gemeinsam: Sie wollten in der Ausbildung nicht Stile und Richtungen, sondern vor allem Kenntnisse, Wege und Mittel vermitteln, die dem Aufbau der neuen Gesellschaft förderlich waren. Anders als im Bauhaus deklarierten sie nicht die völlige Absage an vergangene „bürgerliche“ Kunstformen, sondern ließen alle Stile zu, sofern sie dem Ziel einer sozialistischen Gesellschaft und der Hebung der Kultur der Arbeiterklasse dienten.

W. Krinski: Experimentell-methodische Studienarbeit zum Thema „Farbe und räumliche Komposition“ 1921 Papier, Bleistift, Gouache (© Staatliches Schtschussew Museum für Architektur Moskau)

Das Rote Stadion

Neben dem engen und von Kollegialität geprägten Verhältnis zwischen Lehrenden und Lernenden zeichnete die Ausbildung an den WcHUTEMAS die Tatsache aus, dass oft konkrete Aufgaben gestellt wurden, die tatsächlich in Moskau realisiert werden sollten. Dabei konnten die Studenten unmittelbar praktische Erfahrungen sammeln. Beispiele dafür sind die Diplomarbeit zur Gartenstadt Ostankino von Georgi Golz oder vor allem das Internationale Rote Stadion an den Moskauer Sperlingsbergen, dessen spannende Projektierungs- und Baugeschichte einen großen Raum in der Ausstellung einnimmt.

Den Wettbewerb für das Rote Stadion gewann Ladowski, sein Mitarbeiter war Krinski. Auch die Diplomarbeiten von Michail Korschew und Sergej Glagolew widmeten sich dem Thema. In die Arbeiten, sowohl bei den Entwürfen als auch bei den Vorbereitungen der Bauarbeiten und den Untersuchungen im Gelände, waren zahlreiche Studierende eingebunden. Ein Foto der Ausstellung zeigt Lehrer und Schüler mit Schaufeln, die gerade eine Arbeitspause einlegen.

Das Stadion sollte nicht nur ein Zentrum für internationale Wettkämpfe der Arbeitersportbewegung werden – mit zwei Sportarenen und Tribünen für 60.000 Zuschauer, einem Schwimmbad, Duschen, Umkleideräumen, Yachtklubs, Kanu-, Ruderboot- und Radrennstrecken sowie etlichen Wintersporteinrichtungen –, sondern auch ein Zentrum für vielfältige Unterhaltung, Vergnügungen und Veranstaltungen mit Theatern, Kinos, Karussells, Schaukeln usw.

Eine Vielzahl von Gründen spielte eine Rolle, warum dieses ehrgeizige Projekt nicht verwirklicht werden konnte. An erster Stelle stand wohl die unsichere Finanzierung. Aber im Laufe der Vorarbeiten stellte sich auch der schwierige Baugrund als mit den damaligen technischen Möglichkeiten nicht zu überwindendes Hindernis heraus.

Andere Entwürfe wie die Diplomarbeiten zur „Stadt der Zukunft“, die in der Ausstellung zu sehen sind, orientierten sich weniger an der unmittelbaren Machbarkeit, sondern an den Möglichkeiten einer zukünftigen sozialistischen Gesellschaft, wie das Kommunehaus der Fliegenden Stadt von Georgi Krutikow.

M. Korshew: Abstrakte Aufgabe zur Ermittlung von Masse und Gewicht 1921 Papier, Tusche, Aquarell (© Staatliches Schtschussew Museum für Architektur Moskau)

Das Ende von WChUTEMAS

Die meisten Entwürfe blieben allerdings auf dem Papier. Der Grund ist hauptsächlich in der bald beginnenden Degeneration der Sowjetunion und dem Aufstieg der bürokratischen Kaste unter Stalins Führung zu suchen. Nach dem Ausbleiben der Revolution in den fortgeschrittenen Industrieländern wie Deutschland oder England setzte diese auf die nationalistische Politik des „Sozialismus in einem Land“ und begann alle Bemühungen um revolutionäre Neuerungen zu ersticken. In der Architektur wie in den anderen Kunstgattungen wurde der „sozialistische Realismus“ zur allein geltenden Doktrin erhoben. Zukunftsentwürfe fielen unter das Verdikt des „Formalismus“. Fortan herrschten rückwärtsgerichtete Stile vor, wie sie dem Geschmack der Parteibürokratie und Stalins entsprachen.

Wie Trotzki in Verratene Revolution schrieb: „ Als die Diktatur [des Proletariats] sich noch auf eine begeisterte Massenbasis stützen konnte und noch die Perspektive der Weltrevolution vor Augen hatte, fürchtete sie weder die Experimente noch das Suchen, denn sie begriff, dass nur auf diesem Weg die neue Kulturepoche vorbereitet werden kann. … Die heutige herrschende Schicht fühlt sich dazu berufen, das geistige Schaffen nicht nur zu kontrollieren, sondern ihm auch seine Entwicklungsrichtung vorzuschreiben. ...“ (6)

1927 wurde die Hochschule in „Höheres Künstlerisch-Technisches Institut“ (WcHUTEIN) umbenannt. Anlässlich des ersten Fünfjahresplans von 1928 ordnete Stalins Regierung die Architektur­ausbildung dem Volkskommissariat für Wirtschaft statt wie bisher für Bildung unter. In der Werkstatt für Experimentelle Architektur wurden bereits ab 1926 Konzepte des Wohnungsbaus nach dem Vorbild des Fordismus und Taylorismus im kapitalistischen Westen erarbeitet. Die innovativen Entwürfe aus den Jahren zuvor, die die Bekämpfung der Wohnungsnot mit Vor­stellungen von humaneren Lebensverhältnissen für Arbeiterfamilien verknüpften, wurden verworfen.

Die von den Stalinisten gegründete Allunionsvereinigung proletarischer Architekten (WOPRA) warf den Konstruktivisten und Rationalisten „Eklektizismus“ vor und behauptete, sie würden sich nicht für die Interessen des Proletariats einsetzen.

1930 ließ Stalin schließlich die WChUTEIN schließen und einige Abteilungen wie Malerei und Bildhauerei in andere Einrichtungen eingliedern. Die Architekturabteilung ging in das neue Höhere Architektur- und Bauinstitut ein (ab 1933 Moskauer Architekturinstitut).

Nowizki, der letzte Leiter des WcHUTEIN, erklärte: „Wir verausgaben das Kapital, das seit der Revolution angehäuft wurde, durch die Zerstörung der Kunstschulen.“ (7) Nach der Schließung verschwand auch das Archiv von WChUTEMAS für Jahrzehnte, viele Lehrer fielen in Ungnade oder den Säuberungen zum Opfer, und die revolutionäre Kunstwerkstätte geriet in Vergessenheit.

In den Texten zur Ausstellung und im Katalog werden die historischen Gründe für die Schließung nur sehr vage gestreift. Nichts wird über das Schicksal der Lehrenden und Studenten unter der Stalin-Herrschaft mitgeteilt. Einige passten sich offenbar den neuen Vorgaben an und versuchten, ihre Fähigkeiten im Rahmen der großen Bauprojekte der 1930er Jahre anzuwenden. Nikolai Kolli gehörte zusammen mit Alexander Wesnin zu den Architekten des großen DneproGES Staudamms. Auch Krinski arbeitete an Staudammprojekten mit.

Gustav Kluzis, der noch 1937 am Design des sowjetischen Pavillons der Pariser Weltausstellung mitgewirkt hatte, wurde im Zuge der Säuberungen verhaftet und 1938 erschossen. Melnikow wurde in den 30er Jahren als „Formalist“ angegriffen, aus der Lehre ausgeschlossen und erhielt keine Aufträge mehr. Auch Iwan Leonidow wurde in der Prawda bösartigen Angriffen ausgesetzt. Ginsburg trat zunächst noch für die Avantgarde auf, beugte sich schließlich aber ebenso wie Ilja Golossow den stalinistischen Diktaten.

Von dem traurigen Schicksal der Bauten, die im Geist des WcHUTEMAS zum Teil auch nach dessen Schließung von Lehrenden und Schülern verwirklicht wurden, zeugen die Fotos von Richard Pare, die in der Ausstellung Baumeister der Revolution 2012 im Gropius-Bau gezeigt wurden und im gleichnamigen Katalog aus dem Mehring Verlag dokumentiert sind.

Auch wenn die Ausstellung zu WcHUTEMAS nur wenig über die historischen Hintergründe erklärt, hat sie eine große Bedeutung. In einer Zeit der martialischen anti-russischen Politik und Propaganda ist es den Ausstellungsmachern in Moskau und im Gropius-Bau hoch anzurechnen, dass sie eine objektive Würdigung der kulturellen Errungenschaften der ersten Jahre der Sowjetunion vermitteln.

Die ausgestellten Arbeiten sprechen für sich: Sie widerlegen die Lügen, dass die Oktoberrevolution der erste Schritt des Stalinismus gewesen sei, und zeigen im Gegenteil, wie noch heute, trotz Auflösung der Sowjetunion, dieser erste Versuch der Schaffung einer humaneren Gesellschaft als der Kapitalismus seine Faszination behält.

Die Ausstellung ist noch bis zum 6. April 2015 zu sehen. Der Katalog kostet 20 €.

Anmerkungen:

1) Lidja Konstantinowna Komarowa: Die ArchitekturFakultät der WCHUTEMAS und des WCHUTEIN 1920-1930, in: Wissenschaftliche Zeitschrift der Hochschule für Architektur und Bauwesen Weimar, 26. Jg. 1979, S. 319-322.

2) http://www.societyofcontrol.com/akademie/post.htm

3) WcHUTEMAS – ein russisches Labor der Moderne Architekturentwürfe 1920-1930, Hrsg.: Schtschussew-Museum für Architektur Moskau, Martin-Gropius-Bau, Berliner Festspiele, Berlin 2014.

4) ebd., S. 35.

5) Alexander W. Stepanow: Das Bauhaus und die WCHUTEMAS. Über methodologische Analogien im Lehrsystem. https://e-pub.uni-weimar.de/opus4/frontdoor/index/index/docId/951

6) Leo Trotzki, Verratene Revolution, Essen 1990, S. 168f.

7) WcHUTEMAS – ein russisches Labor der Moderne. Katalog, S. 38.