Karstadt: Verdi stimmt 1400 Entlassungen zu

Von Dietmar Henning
25. Februar 2015

Der Arbeitsplatz- und Lohnabbau beim Kaufhauskonzern Karstadt geht ungebrochen weiter – mit voller Unterstützung der Gewerkschaft Verdi und des Gesamtsbetriebsrats.

Ende vergangener Woche stimmten Verdi und Betriebsrat der Entlassung von 1400 Beschäftigten zu. Die Kündigungen sollen schon im März verschickt werden. „Die Arbeitgeber wollen das jetzt so schnell wie möglich voranbringen“, erläuterte Verdi-Verhandlungsführer Arno Peukes.

Der Gesamtbetriebsratsvorsitzende Hellmut Patzelt bezeichnete die Vereinbarung als Kompromiss, mit dem er „sehr zufrieden“ sei. „Unser Ziel – die Einrichtung einer Transfergesellschaft und die Verhinderung von Abgruppierungen – haben wir erreicht. Und selbstverständlich haben wir auch Abfindungen vereinbart“, erklärte er.

Der Konzernvorstand war da ehrlicher. Er sprach von einem „Durchbruch“, mit dem das Unternehmen einen entscheidenden Schritt weiter gekommen sei. Es liege damit bei seinen Sanierungsbemühungen hundertprozentig im Zeitplan.

Tatsächlich hat der Konzern sein Etappenziel erreicht. Im Oktober letzten Jahres hatte der Vorstandsvorsitzende Stephan Fanderl den Abbau von 2750 der damals noch 17.000 Arbeitsplätze angekündigt. Betriebsrat und Verdi hatten sich pflichtgemäß über diesen „Kahlschlag“ empört. Seither sind rund 1000 Beschäftigte über Altersteilzeit und Frühverrentung von ihrem Arbeitspatz verdrängt worden. Mit den nun vereinbarten 1400 Kündigungen ist Fanderls Zielvorgabe bis auf 350 erfüllt.

Für die 1.400 Beschäftigten, die nun gekündigt werden, haben die gut bezahlten Verdi- und Betriebsratsfunktionäre eine magere Abfindung von einem halben Monatslohn pro Jahr Betriebszugehörigkeit vereinbart. Eine Verkäuferin, die 20 Jahre lang Vollzeit bei Karstadt gearbeitet hat, erhält rund 20.000 Euro, die sie auch noch versteuern muss.

Außerdem haben die Entlassenen die Möglichkeit, ab Juni 2015 bis Februar 2016 in eine Transfergesellschaft zu gehen, wo sie ungefähr 80 Prozent ihres letzten Nettogehalts bekommen. Für die meisten bedeutet dies lediglich, dass sich der Gang zum Arbeitsamt um einige Monate verzögert, wobei sie dann entsprechend weniger Unterstützung erhalten.

Auch in einer anderen Frage hat sich der Konzern durchgesetzt, bei der Aufspaltung der Belegschaft in Kassierer, Verkäufer und Wareneinräumer. Letztere werden dann laut Verdi-Funktionär Peukes knapp 300 Euro weniger verdienen als Verkäufer.

Karstadt will hier auf Freiwilligkeit und Fluktuation statt auf Änderungskündigungen und Abgruppierungen setzen. Das ist das einzige Zugeständnis, das der Konzern gemacht hat. In der Praxis bedeutet es, dass ältere Beschäftigte so lange unter Druck gesetzt werden, bis sie „freiwillig“ einer Abgruppierung zustimmen, und dass Neueingestellte wesentlich schlechter bezahlt werden.

Bereits gestern nahmen Verdi und der Konzern zudem Verhandlungen über weitere Einschnitte vor. Bereits 2013 waren sie aus der Tarifbindung für den Einzelhandel ausgestiegen, was zur Folge hatte, dass die Belegschaft auf tariflich vereinbarte Gehaltserhöhungen im Umfang von 50 Millionen Euro verzichten musste.

Fanderl will diese „Tarifpause“ fortsetzen. Zusätzlich verlangt er, dass die Beschäftigten erneut auf Teile ihres Urlaubs- und Weihnachtsgeldes verzichten und dass die wöchentliche Arbeitszeit von derzeit 37,5 auf 40 Stunden erhöht wird.

„Das wird es mit uns nicht geben“, sagte eine Verdi-Sprecherin. Doch das hatten die Gewerkschafts- und Betriebsratsfunktionäre bislang noch vor jedem Einschnitt erklärt. Ihr „Nicht mit uns“ bedeutet in Wirklichkeit „Nur mit uns.“ Unter sämtlichen Vereinbarungen, die der Karstadt-Belegschaft in den letzten zehn Jahren Millionen Euro aus der Tasche zogen, standen die Unterschriften von Verdi und des Gesamtbetriebsrats.

Mit dem jetzt beschlossenen Abbau von Arbeitsplätzen wird die Welle der Entlassungen nicht zu Ende sein. Schon im letzten Jahr hatten Verdi und der Gesamtbetriebsrat die Schließung von sechs Standorten mit insgesamt 350 Beschäftigten akzeptiert. Im Oktober kündigte Karstadt-Chef Fanderl in einem Brief „schmerzhafte Entscheidungen“ an und drohte 20 der 83 Filialen mit der Schließung oder dem Verkauf, falls sie weiterhin Verluste erwirtschafteten. Im November schrieb der Gesamtbetriebsrat in einem Flugblatt, die Konzernleitung werde alle Karstadt-Filialen auf den Prüfstand stellen, und setzte hinter das Wort „alle“ ein Ausrufezeichen.

Anfang Januar bekräftigte Finanzvorstand Miguel Müllenbach in einem Mitarbeiterbrief: „Es besteht kein Zweifel daran, dass einschneidende personelle Veränderungen auf der Fläche in den Filialen und insbesondere auch im Service Center in Essen unausweichlich sind.“ Derzeit arbeiten etwa 1700 Beschäftigte in der Karstadt-Hauptverwaltung in Essen, die konzernintern als „Service-Center“ bezeichnet wird. Beim Online-Portal Karstadt.de sollen 90 Prozent aller Angestellten ihren Job verlieren.

Zu Beginn dieses Monats diskutierte der Aufsichtsrat – also auch Betriebsratsspitzen und Funktionäre der Gewerkschaft Verdi – ein 32-seitiges, „streng vertraulich“ gekennzeichnetes Zukunftskonzept, das detailliert die nun vereinbarten sowie kommende Kürzungen und Umbaumaßnahmen beschreibt. Offensichtlich sind dort die Weichen für die jetzige Vereinbarung gestellt worden.

Um den wachsenden Unmut unter den Beschäftigten zu dämpfen, hatten Verdi und der Betriebsrat eine Unterschriftensammlung bei den Kunden und eine Postkarten-Aktion der Belegschaften angeleiert und für Anfang März einen eintägigen Streik geplant, um bei der Belegschaft Druck abzulassen. Mit der Vereinbarung über den Sanierungsplan ist er nun hinfällig.

Der von Karstadt-Eigentümer René Benko eingesetzte Fanderl kann nun den geplanten Stellenabbau fortsetzen. Am Ende wird von dem Traditionsunternehmen nur noch das übrig bleiben, wofür sich der vorbestrafte Immobilienhändler Benko ausschließlich interessiert: die Karstadt-Immobilien. Die Filetstücke, die 28 Karstadt-Sporthäuser und die drei Luxuskaufhäuser KaDeWe in Berlin, Alsterhaus in Hamburg und Oberpollinger in München, hatte sich Benko schon 2012 unter den Nagel gerissen. Zu danken hat der Konzern dies dem Gesamtbetriebsrat und den Verdi-Vertretern.