Karstadt-Beschäftigte werden wieder zur Kasse gebeten

Von Dietmar Henning
6. Februar 2015

Es nimmt kein Ende. Die Karstadt-Beschäftigten werden ausgezogen bis aufs Hemd. Am Wochenende gelangte ein so genanntes Zukunftskonzept des Karstadt-Managements an die Öffentlichkeit. Es beinhaltet weitere drastische Kürzungen für die Belegschaft.

Vor gut einem halben Jahr hatte der österreichische Immobilienunternehmer René Benko den Karstadt-Konzern vom Milliardär Nicolas Berggruen übernommen, Kaufpreis: 1 Euro. Benkos Firma Signa Holding hatte dann Stephan Fanderl als Sanierer nach Karstadt geholt. Fanderl kündigte als Erstes an, etwa 2000 Stellen abzubauen und sechs Filialen zu schließen, um Karstadt wieder profitabel zu machen.

Nun hat der Aufsichtsrat – also auch Betriebsratsspitzen und Funktionäre der Gewerkschaft Verdi – ein 32-seitiges, „streng vertraulich“ gekennzeichnetes Zukunftskonzept diskutiert, das detailliert die kommenden Kürzungen und Umbaumaßnahmen beschreibt.

So sollen in Dortmund und Bremen die Servicecenter für die Warenwirtschaft noch in diesem Jahr geschlossen werden. Das gleiche Schicksal erleidet das Servicecenter in Saarbrücken in den nächsten Jahren, das in Stuttgart soll nach Leonberg verlegt werden.

In den 83 Karstadt-Filialen sollen ab 2016 nur noch 8170 Vollzeitbeschäftigte arbeiten, das wären 1271 weniger als heute. Auch in der Essener Verwaltung sollen mehrere hundert Arbeitsplätze bedroht sein. Der Personalabbau durch die angekündigten Filialschließungen ist in diesen Zahlen noch gar nicht berücksichtigt.

Den größten Aderlass sollen die Abteilungsleiter im Verkauf zu spüren bekommen. Fast jeder zweite muss das Unternehmen verlassen. In den Filialen soll so eine komplette Führungsebene gestrichen werden, um eine „intensivere und breitere Einbindung der Filialen“ zu ermöglichen, wie es in dem Dokument heißt.

Neben den direkten Einsparungen durch Arbeitsplatzabbau sollen die verbleibenden Beschäftigten erneut Kürzungen beim Weihnachts- und Urlaubsgeld hinnehmen.

Als einschneidendste Maßnahme wird sich jedoch die Aufteilung der Belegschaft in drei Gruppen von Karstadt-Beschäftigten entpuppen, in Verkäufer, Kassierer und Mitarbeiter der neu geschaffenen „Warenservice-Teams“. Diese bis zu 1100 Mitarbeiter sollen zukünftig angeblich nur noch Ware auspacken und die Regale einräumen. Diese Umgruppierung eröffnet Karstadt die Möglichkeit, diese Beschäftigten in naher Zukunft nach den deutlich niedrigeren Tarifen der Logistikbranche zu bezahlen. Im Schnitt würde dies Lohneinbußen in Höhe von etwa 300 Euro im Monat bedeuten.

Karstadt hat auf diese Befürchtungen geantwortet, es gebe keine Absicht, diese Beschäftigten – ähnlich wie beim Versandhändler Amazon – nach dem Logistik-Tarif zu bezahlen. Doch für die abgruppierten Beschäftigten in den neuen „Warenserviceteams“ wird es auf jeden Fall weniger Geld geben. Offensichtlich sollen die „Warenserviceteams“ zunächst innerhalb des Tarifs des Einzelhandels abgruppiert werden. Denn auch er lässt unterschiedliche Bezahlungen zu. Das zwischen Management, Verdi und Betriebsräten darüber diskutiert wird, bestätigte der Gesamtbetriebsratsvorsitzende Hellmut Patzelt.

Was die Karstadt-Beschäftigten von Versprechungen des Managements erwarten können, haben sie in den letzten Jahren erlebt – nichts. Weitere Kürzungen werden kommen, die Verschiebung der Warenservice-Team-Mitarbeiter in den Logistiktarif wohl eher früher als später.

Das Management begründet die Angriffe auf die Gehälter mit der im Vergleich zur direkten Konkurrenz – vor allem Kaufhof – bedeutend niedrigeren „Produktivität“. Sie sei angeblich um 25 bis 30 Prozent geringer. Die Personalkosten sollen daher um 64 Millionen Euro auf 308 Millionen Euro pro Jahr gedrückt werden, das entspräche einer Einsparung von gut 20 Prozent. Für alle Filialen – mit Ausnahme des 1881 von Rudolph Karstadt eröffneten Stammhauses in Wismar – gilt künftig, dass die Personalkosten 14,5 Prozent des Umsatzes nicht übersteigen dürfen.

Der Arbeitsplatzabbau soll durch eine Reorganisation kompensiert werden. Im Klartext: Die verbleibenden Beschäftigten müssen mehr Aufgaben übernehmen.

So soll in Zukunft ein Verkäufer pro Etage während der gesamten Ladenöffnungszeiten als „Grundbesetzung“ für ausreichend gelten. Eine Neuorganisation soll dafür sorgen, weniger Kassen betreiben zu müssen. Die Ware soll künftig „just-in-time“ direkt in die Kaufhäuser geliefert werden, was wiederum Lagerkosten (und Lagerpersonal) einsparen hilft.

Das alles ist absurd. Die Karstadt-Häuser verfügen bis auf wenige Ausnahmen über riesige, teilweise mehrere Tausend Quadratmeter große Etagen. Ein Kaufhaus lebt von fachlicher und persönlicher Beratung. Entweder sollen die neuen Warenserviceteam-Beschäftigten weiter verkaufen – und nur zwecks Gehaltskürzung umbenannt werden –, oder das neue System soll bewusst den gesamten Konzern an die Wand fahren. Dann wäre der Weg frei für eine Zerschlagung des Kaufhaus-Konzerns. Benko, der vorbestrafte Immobilieninvestor, könnte sich auf das konzentrieren, was ihn wirklich interessiert: die profitablen Innenstadt-Immobilien.

Der Multimillionär Benko hatte sich schon 2012 die Filetstücke von Karstadt unter den Nagel gerissen, darunter die 28 Karstadt-Sporthäuser und die drei Luxuskaufhäuser KaDeWe in Berlin, Alsterhaus in Hamburg und Oberpollinger in München, außerdem einen Teil der Karstadt-Liegenschaften. Mittlerweile hat Benko die Hälfte dieser zwei Unternehmensbereiche gewinnbringend an den israelischen Diamantenhändler Beny Steinmetz verkauft.

Benko kann sich bei seinen Plänen, den Konzern auszuschlachten und die fast 10.000-köpfige Belegschaft wie eine Zitrone auszupressen, auf die servile Hilfe von Verdi und der Betriebsratsspitze um Hellmut Patzelt stützen. Seit mehr als zehn Jahren haben sie allen Kürzungen und Abbauplänen zugestimmt. Ein Sanierungs- oder Rettungspaket löste das nächste ab. Alle tragen die Unterschrift von Verdi und dem Betriebsrat. Aber-Millionen sind aus der Belegschaft gepresst, zahlreiche Arbeitsplätze abgebaut worden. Investor Berggruen, der sich wie ein Aasgeier die Filetstücke und Namensrechte des Konzerns sicherte, wurde von Verdi als sozialer Wohltäter gefeiert. Sein Nachfolger Benko wurde von Verdi ebenfalls mit offenen Armen empfangen.

Die Regionalzeitung WAZ (Westdeutsche Allgemeine Zeitung) berichtet, dass die geplanten Angriffe bereits Form annehmen. Das Blatt habe „aus Verhandlungskreisen“ erfahren, dass hinter dem Rücken der Belegschaften „die Gespräche der Unternehmensleitung mit Arbeitnehmervertretern zum Teil schon weit fortgeschritten“ seien. „Geplant seien unter anderem Altersteilzeit- und Abfindungsangebote, eine Transfergesellschaft zur Umschulung von Karstadt-Beschäftigten sowie Modelle für die Rente mit 63. In einem nächsten Schritt soll es um einen Sozialplan gehen.“

Die Belegschaften in den einzelnen Häusern erhalten keinerlei Informationen und werden über die Pläne und Verhandlungen im Dunkeln gelassen. Ihre Stimmung schwankt zwischen Wut und Verzweiflung.

Die schrittweise Zerschlagung des Traditionskonzerns geht in die vielleicht letzte Runde. Verdi hat unmissverständlich klargestellt, dass sie weiter an der Seite Benkos und zukünftiger Investoren stehen wird. Bei der Verteidigung ihrer Löhne und Arbeitsplätze sind die Beschäftigten daher nicht nur mit dem Management, sondern auch mit der Dienstleistungsgewerkschaft konfrontiert.