Imperialistische Heuchelei über die ISIS-Hinrichtung

Von Barry Grey
6. Februar 2015

Die Veröffentlichung eines Videos, das die Verbrennung des gefangenen jordanischen Piloten Moaz al-Kasabeh durch den Islamischen Staat im Irak und in Syrien (ISIS) zeigt, hat bei den imperialistischen Mächten und ihren Verbündeten in der Region eine Flut heuchlerischen Moralisierens ausgelöst, kombiniert mit weiterer Gewaltandrohung.

Die Ermordung al-Kasabehs, die offenbar schon Anfang Januar stattfand, kurz nachdem er mit seinem Kampfflugzeug in Syrien abgestürzt war, hat bei vielen Menschen in aller Welt Abscheu hervorgerufen. Der Mord belegt die Rückständigkeit und den reaktionären Charakter von ISIS.

Allerdings geschah diese Untat nicht in einem politischen Vakuum. ISIS selbst, wie auch die Katastrophe, die sich im Irak und in Syrien abspielt, sind das direkte Ergebnis der kriminellen Politik der Regierungen, die sich jetzt in moralischer Empörung überschlagen.

Die imperialistischen Führer mit US-Präsident Barack Obama an der Spitze sehen die jüngste Gräueltat von ISIS als willkommene Gelegenheit, die Öffentlichkeit mit schaurigen Details und Angst einflößender Propaganda zu bombardieren, um die Antikriegsstimmung in der Bevölkerung zu überwinden. Wie vor einem Monat der Terroranschlag auf Charlie Hebdo, so wird auch die Hinrichtung vom Dienstag als Rechtfertigung benutzt, den Krieg im Nahen Osten im Namen des „Kriegs gegen den Terror“ auszudehnen.

In den letzten Tagen haben diverse amerikanische Politiker und aktuelle und ehemalige Militär- und Geheimdienstfunktionäre die Entsendung von Tausenden amerikanischen Bodentruppen in den Irak und eine Intensivierung des Kampfs zum Sturz der Regierung von Baschar al-Assad in Syrien, u. a. die Einrichtung von Flugverbotszonen in dem Land gefordert.

Am Dienstag verurteilte Obama die Bösartigkeit und Barbarei von ISIS und fügte hinzu: “Diese Organisation scheint nur an Tod und Zerstörung interessiert zu sein.“ Außenminister John Kerry sagte, die Hinrichtung von Kasabeh „erinnert uns an alles Böse an diesem Feind.“

Welch unglaubliche Heuchelei! Obama spricht als Führer des Staates, der “Tod und Zerstörung” in beispiellosem Ausmaß verbreitet hat und die weitest entwickelten und tödlichsten Waffen gegen praktisch wehrlose Bevölkerungen eingesetzt hat, um die riesigen Energiereserven des Nahen Ostens unter seine Kontrolle zu bringen.

Im Irak stürzte die Invasion und Besetzung des Landes den säkularen Staatschef Saddam Hussein und brachte ein sektiererisches schiitisches Marionettenregime an die Macht, das Tausende Sunniten umbrachte und damit einen religiös motivierten Krieg in Gang setzte, der bis heute andauert.

Washington zerstörte systematisch eine der höchstentwickelten Gesellschaften des Nahen Ostens mit kriminellen Methoden, für die die Namen Falludscha, Abu Ghraib und Haditha stehen.

Die Vereinigten Staaten führen seit 25 Jahren wirtschaftlich oder militärisch Krieg gegen das Land. Das begann 1990 mit der Verhängung verheerender Sanktionen und dem ersten Golfkrieg von 1991 und wurde nur unterbrochen durch eine Periode von nicht einmal drei Jahren, von 2011-2014. Die dreizehn Jahre währenden Sanktionen von 1990 bis 2003, immer wieder begleitet von Bombenangriffen, kosteten mehr als eine Million Iraker das Leben, darunter Hunderttausende Kinder.

Seriöse Schätzungen beziffern die Zahl der Iraker, die durch die Invasion und die folgende Besatzung starben, auf mehrere Hunderttausend bis zu über eine Million. Bis 2007 flohen ca. zwei Millionen Iraker aus ihrem Land und weitere 1,9 Millionen waren zu Heimatlosen im eigenen Land geworden. Das sind insgesamt 15 Prozent der Bevölkerung.

Die Vereinigten Staaten zerstörten die Wasserversorgung und das Abwassersystem des Landes, brachten die Stromversorgung beinahe zum Erliegen, verschlechterten gravierend das Gesundheitssystem und zerstörten praktisch das Bildungssystem. Von 1990 bis 2005 stieg die Säuglingssterblichkeit im Irak um 150 Prozent. Im vierten Jahr der amerikanischen Besatzung verfügte nur noch ein knappes Drittel der Bevölkerung über sauberes Trinkwasser, und nur 19 Prozent hatten ein funktionierendes Abwassersystem. Die Folge war ein starker Anstieg von Durchfallerkrankungen, Typhus und Hepatitis. Die Hälfte der Kinder des Landes litt unter Mangelernährung.

Eine derart systematische Zerstörung einer ganzen Gesellschaft durch Gewaltanwendung und Verbrechen hat es nicht mehr gegeben, seit Hitlers Armeen im Zweiten Weltkrieg Europa verwüsteten.

Aus dieser Zerstörung heraus entstand ISIS. Er ist ein Geschöpf des US-Imperialismus sowohl in dem allgemeinen Sinn, dass seine Vorgängerorganisation, al-Qaida im Irak, aus dem von den Vereinigten Staaten herbeigeführten Zusammenbruch der irakischen Gesellschaft hervorging, als auch in dem spezifischeren Sinn, dass Amerika ihn und andere dschihadistische Gruppen direkt unterstützt hat

Die amerikanische Strategie zur Erringung der Vorherrschaft über den Nahen Osten beinhaltet seit langem die Finanzierung, Bewaffnung und Ausbildung islamistischer Kräfte gegen säkulare Regime wie in Afghanistan, im Irak, Libyen und Syrien, die die amerikanische Wirtschafts- und Finanzelite in ihrem Streben nach globaler Vorherrschaft als Hindernis betrachtet.

In Syrien bewaffneten die USA ISIS-Kämpfer direkt und bildeten sie aus. Zu diesem Zweck richteten sie in Jordanien einen CIA-Stützpunkt ein. Ihre regionalen Verbündeten im Krieg für einen Regimewechsel gegen Assad, darunter die Monarchien in Saudi-Arabien und Katar, finanzierten ISIS und andere al-Qaida-nahe Gruppen wie die al-Nusra-Front großzügig. Solange ISIS Assad bekämpfte, hatte Obama keine Einwände gegen die sektiererischen Morde und andere Gräueltaten der Gruppe gegen Schiiten.

Erst als ISIS in den West- und Nordirak eindrang und amerikanische Interessen im Irak und der Region bedrohte, verkündete die Obama-Regierung seinen „bösen“ Charakter und begann einen illegalen Krieg im Irak und in Syrien, um seinen Vormarsch aufzuhalten.

In den letzten Monaten haben die Untaten von ISIS, besonders seine auf Video dokumentierten Hinrichtungen, den USA und ihren Verbündeten immer zum passenden Zeitpunkt eine willkommene Rechtfertigung für ein verstärktes Engagement im neuen Krieg im Nahen Osten geliefert. Wie immer ist die moralische Heuchelei des Imperialismus der erste Schritt zu noch schlimmeren Verbrechen in naher Zukunft.