American Sniper: Ein Wolf im Schafspelz

Von Matthew MacEgan
4. Februar 2015

American Sniper, der neue Streifen des Regieveteranen Clint Eastwood, ist eine Verfilmung der Autobiografie von Chris Kyle. Kyle gilt mit schätzungsweise 255 Tötungen, von denen 160 vom Pentagon offiziell bestätigt wurden, als der treffsicherste Scharfschütze in der Geschichte des US-Militärs. Der mit vielen Mängeln behaftete und stark überzeichnende Film begleitet Kyle bei mehreren Einsätzen im Irak nach den Anschlägen vom 11. September. Die Handlung ist geprägt von fremdenfeindlich motivierter Rache und Gewalt.

American Sniper

Eine Szene aus Kyles Kindheit bald nach Beginn macht uns gleich mit dem rauen Ton und den harten Themen des Films bekannt. Sein jüngerer Bruder wird auf dem Schulhof von einem viel größeren Jungen verprügelt, während andere Kinder im Kreis um die beiden herumstehen. Kyle versucht, seinen Bruder zu verteidigen, indem er auf den anderen Jungen losgeht.

Am Abend erklärt Kyles Vater den Jungen beim Essen, dass es drei Arten von Menschen auf der Welt gibt: Schafe, Wölfe und Hütehunde. Er erklärt, dass räuberische Wölfe für alles "Böse" in der Welt verantwortlich sind, und dass es Aufgabe der "mit Aggression gesegneten" Hütehunde ist, die wehrlosen Schafe zu beschützen.

Offensichtlich ist es das, was Kyle den ganzen Film hindurch antreibt. Die Vorstellung, die USA würden von "Übeltätern" angegriffen, dient ultrarechten und promilitärischen Eiferern als Allzweckrechtfertigung. Sie stellt außerdem die Wirklichkeit auf den Kopf. Der Imperialismus plündert den Nahen Osten seit mehr als einem Jahrhundert. Seit mehreren Jahrzehnten geht die Aggression primär von den USA aus Sie sind der Wolf im Schafspelz (und tarnen sich auch noch sehr schlecht). American Sniper fußt auf einem Trugbild, auf vollständiger Entstellung der Wahrheit, und davon kann sich der Film bis zum Ende nicht befreien.

Als erwachsener Mann arbeitet Kyle (Bradley Cooper) als Rodeo-Cowboy, wird jedoch 1998, als er am Fernseher die Bombenanschläge auf amerikanische Botschaften verfolgt, in den Strudel der Weltpolitik gerissen. Er stiert wie in Trance auf den Fernseher und murmelt vor sich hin: "Schau dir das an... schau dir an, was sie uns angetan haben."

Er meldet sich zur Marine, da er, wie sein Anwerber schon vermutet, dienen und kämpfen will, weil er "stocksauer" ist. Er beginnt eine stramme Ausbildung bei der Spezialeinheit Navy SEALs und wird auch Scharfschütze. Zum Ende seiner Ausbildungszeit trifft Kyle Taya (Sienna Miller) und verliebt sich in sie. Sie hat zuerst ihre Bedenken gegen eine Beziehung zu einem arroganten SEAL, erliegt jedoch schnell Kyles schlichtem texanischem Charme.

Die beiden erleben später die Anschläge des 11. September am Fernseher, und Kyle wird wieder von seiner Wut überwältigt. Eineinhalb Jahre später, bei der Hochzeit des Paares, erhalten Kyle und seine Navy SEAL-Kameraden die freudige Nachricht, dass sie in den Irak geschickt werden.

Kyle leistet über mehrere Jahre hinweg vier Einsatzzeiten im Irak ab und stellt bei jeder Rückkehr nach Hause fest, dass er sich im Zivilleben nicht zurechtfindet, auch nicht, als er Vater eines Sohnes und einer Tochter wird. Kyle drängt es mit aller Macht, in den Irak zurückzukehren, um seine Kameraden zu schützen. Er spricht mit niemandem über die Erinnerungen, die ihn offensichtlich verfolgen.

American Sniper

Kyles Fähigkeiten als Scharfschütze bringen ihm schnell den Spitznamen "die Legende" ein. Den Marines, die er beschützt, gibt es das Gefühl der Unbesiegbarkeit. Kyles Aufgabe besteht im Allgemeinen darin, Gruppen von US-Soldaten abzusichern, wenn sie in verwüsteten Städten wie Falludscha von Tür zu Tür streifen. Die Einwohner wurden zum Großteil evakuiert, und diejenigen, die noch dort sind, werden als böswillige Agenten dargestellt, denen es darum geht, Amerikaner anzugreifen.

Nahezu jeder Araber in American Sniper, egal ob Mann, Frau oder Kind, plant, so viele Amerikaner wie möglich zu töten. Sie greifen sie mit Handgranaten an, vergraben Landminen oder verstecken sich mit Raketenwerfern hinter Gebäudeecken. Für Kyle und seine Kameraden ist der Irak von "Wilden" - diese Bezeichnung wird mehrfach benutzt - bevölkert, die ausgelöscht werden müssen.

Auch die Handvoll Araber, die keine unmittelbare Gefahr für die Soldaten darstellen, werden ausgesprochen negativ gezeichnet. Der Vater einer Familie, auf die Kyle und seine Einheit treffen, fordert 100.000 Dollar dafür, ihnen bei der Suche nach einem al Qaida-Mitglied zu helfen; eine andere Familie, die die Soldaten zum Essen zu sich nach Hause einlädt, hat ein Waffenlager unter einem Kinderbett versteckt. In der verstörendsten Szene des Films foltert das gesuchte al Qaida-Mitglied einen Jungen vor den Augen seines Vaters mit einem Bohrer, weil der Vater den US-Truppen helfen will. Der Nahe Osten ist voll mit furchtbaren Menschen, die tatsächlich "böse" zu sein scheinen.

Kyle entfremdet sich derweil zusehends von seiner Frau, die ihm immer und immer wieder sagt, er müsse physisch und psychisch "nach Hause kommen". Eine zufällige Begegnung in einer Autowerkstatt mit einem Soldaten, dem er während einer seiner Einsätze das Leben gerettet hat, scheint Kyle davon zu überzeugen. Die US-Soldaten im Irak scheinen es im Irak nicht "zu Ende bringen" zu können, egal wie viele von ihnen ihr Leben opfern.

Eastwoods Film baut darauf, dass sein Publikum kein Geschichtswissen hat, auch nicht über die langjährige Unterstützung und Finanzierung des islamischen Fundamentalismus durch die USA, und dass die Ansichten der Zuschauer von geistiger Schlichtheit und Oberflächlichkeit geprägt sind. Der Zuschauer erfährt nie, warum die Bevölkerung des Irak Widerstand gegen die USA leistet. In einer Szene sagt Kyle zu einem anderen Soldaten, der Irak sei "mehr als nur dieser Dreck." Das Böse im Irak könnte sich nach San Diego und New York ausbreiten, wenn sie es nicht aufhalten.

Wie wir es von Eastwood kennen, darf sein Protagonist alles tun, auch Frauen und Kinder töten, solange er danach ein trauriges Gesicht macht und reuig wirkt. Coopers Darstellung ist dürftig und nicht überzeugend, aber das Drehbuch ist ebenfalls schlecht und überzeugt nicht. Den anderen Darstellern geht es nicht besser. Klischees und Stereotypen reihen sich aneinander.

In American Sniper wird der Widerstand gegen den Irakkrieg, einen der unpopulärsten der amerikanischen Geschichte, kaum erwähnt. Der einzige Soldat, der zu Kyle etwas nebulös sagt, er hoffe, sie würden im Irak etwas erreichen, wird kurz darauf getötet. Kyle erklärt später, nicht die Kugeln, die ihn getroffen haben, hätten ihn getötet, sondern die Tatsache, dass er die Ziele und die Aufgabe der Truppen in Frage gestellt hatte.

Eastwood, der sich bereit erklärt hatte, Regie zu führen, nachdem sich Steven Spielberg von dem Projekt zurückgezogen hatte, behauptete in einem Interview, er sei zwar "Kriegsgegner," doch solle American Sniper keine bestimmte politische Ideologie unterstützen.

Er erklärte: "Ich bin als Kind im Zweiten Weltkrieg aufgewachsen. Das sollte der Krieg sein, der alle Kriege beendet. Und vier Jahre später wurde ich während des Koreakrieges einberufen, und danach kam Vietnam, und so geht es weiter und weiter... Ich frage mich... hört das jemals auf? Nein, es hört einfach nicht auf." Deshalb lohnt es immer, wenn wir in Konflikte geraten, gründlich nachzudenken, ehe wir uns in Kampfhandlungen begeben oder sie einstellen. Intervenieren oder abziehen. Das muss besser durchdacht werden, glaube ich.“

Die Zweifel des Regisseurs an der Wirksamkeit von Kriegen mögen ehrlich gemeint sein, doch seine ideologische Orientierungslosigkeit und der Sog reaktionärer gesellschaftlicher Kräfte haben ein Werk hervorgebracht, das die illegale, neokoloniale Invasion des Irak, eines der großen Verbrechen des letzten halben Jahrhunderts, legitimiert und verherrlicht. Die Verantwortlichen, die Kyle und andere dorthin geschickt haben, gehören wegen Kriegsverbrechen auf die Anklagebank.