Zum Tod Richard von Weizsäckers

Von Peter Schwarz
2. Februar 2015

Hört und liest man die Nachrufe auf Ex-Bundespräsident Richard von Weizsäcker, der am Samstagmorgen im Alter von 94 Jahren starb, ist man unwillkürlich froh, dass er Protestant und nicht Katholik war. Er würde sonst als Nächstes heilig gesprochen.

Unzählige Sondersendungen im Radio und Fernsehen priesen den ehemaligen Bundespräsidenten in den höchsten Tönen. Die Sonntagszeitungen veröffentlichten jeweils mehrere Seiten lange Lobeshymnen auf Weizsäcker, der das höchste Staatsamt von 1984 bis 1994 bekleidete.

Als Weizsäckers größte Leistung wird einhellig die Rede genannt, die er am 8. Mai 1985 zum 40. Jahrestag der deutschen Kapitulation im Zweiten Weltkrieg hielt. Er bezeichnete darin das Kriegsende als „Tag der Befreiung“ und nicht als Tag der Niederlage und der Schande, wie dies viele deutsche Politiker bisher getan hatten.

Tatsächlich verraten diese Rede und das Aufsehen, das sie bis heute hervorruft, mehr über das Verhältnis der deutschen Eliten zur Demokratie und zur Masse der Bevölkerung als über Weizsäcker.

Viele, wenn nicht die Mehrheit der Deutschen hatten das Kriegsende bereits 1945 als Befreiung erlebt – als Befreiung von einer brutalen Diktatur, die jede abweichende Meinung unterdrückte und verfolgte; als Befreiung von einem Regime, das unsägliche Verbrechen beging; und als Befreiung vom Schrecken der Bombennächte. Spätestens mit dem Wirtschaftsaufschwung der Nachkriegsjahre schmolz die Schar derer, die dem Nazi-Regime nachtrauerten, auf eine winzige Minderheit zusammen.

Nicht so unter den herrschenden Eliten der Bundesrepublik. Im Staats-, Justiz- und Sicherheitsapparat, in den Chefetagen der Wirtschaft und auf den Lehrstühlen der Universitäten saßen zahlreiche alte Nazis und Mitläufer, die tief in die Verbrechen des Dritten Reichs verstrickt waren. Wenn sie sich von Hitler distanzierten, dann weil er Deutschland in die Niederlage geführt hatte, und nicht, weil er die Weltherrschaft angestrebt und die Arbeiterbewegung zerschlagen hatte.

Unter diesen Umständen konnten die Attentäter vom 20. Juli 1944, die sich erst gegen Hitler wandten, als sich die Kriegsniederlage abzeichnete, zu den offiziellen Helden des „Widerstands“ werden, während die Kommunistische Partei verboten und ihre Mitglieder, die vielfach Widerstand geleistet und dafür im KZ gebüßt hatten, verfolgt wurden.

Dass es vier Jahrzehnte dauerte, bis ein westdeutsches Staatsoberhaupt den 8. Mai 1945 schließlich als „Tag der Befreiung“ bezeichnete, ist deshalb kein Verdienst, sondern ein Skandal.

Weizsäcker ging dabei äußerst zaghaft vor. Er machte in seiner Rede zahlreiche Zugeständnisse an jene, die nach wie vor den deutschen Großmachtplänen nachtrauerten, die, wie er es ausdrückte, „Schmerz über die vollständige Niederlage des eigenen Vaterlandes“ empfanden und „verbittert vor zerrissenen Illusionen“ standen. „Der 8. Mai ist für uns Deutsche kein Tag zum Feiern,“ betonte er. „Wir haben wahrlich keinen Grund, uns am heutigen Tag an Siegesfesten zu beteiligen.“

Weizsäckers Rede diente weniger der Abrechnung mit der Vergangenheit, als der Vorbereitung auf zukünftige politische Ziele. Der diplomatisch erfahrene Bundespräsident wusste, dass sich Deutschland von den Verbrechen des Dritten Reichs lossagen musste, wenn es wieder eine Rolle als Großmacht spielen wollte.

Als er seine Rede hielt, lagen große Veränderungen in der Luft, die er wohl erahnte. Zwei Monate vorher war Michail Gorbatschow zum Generalsekretär der KPdSU gewählt worden. Viereinhalb Jahre später fiel die Berliner Mauer.

Weizsäcker konnte dies natürlich nicht im Einzelnen voraussehen. Aber er hatte die deutsche Wiedervereinigung fest im Blick, als er über die Folgen des Zweiten Weltkriegs sprach. „Wir Deutschen sind ein Volk und eine Nation,“ betonte er und fügte hinzu: „Bei uns ist eine neue Generation in die politische Verantwortung hereingewachsen. Die Jungen sind nicht verantwortlich für das, was damals geschah.“

Die Wiedervereinigung begleitete Weizsäcker dann im Amt des Bundespräsidenten. Während Bundeskanzler Helmut Kohl und andere deutsche Spitzenpolitiker laut polternd die neugewonnene deutsche Stärke feierten, übernahm Weizsäcker die Aufgabe, die alarmierten Regierungen Großbritanniens, Frankreichs und anderer Länder zu beruhigen, die sich vor einem Wiedererstarken Deutschlands fürchteten. Seine Rede aus dem Jahr 1985 spielte dabei eine wichtige Rolle.

Richard von Weizsäcker wurde 1920 in eine süddeutsche Beamten- und Diplomatenfamilie hineingeboren. Sein Großvater Karl Hugo Weizsäcker diente dem König von Württemberg von 1906 bis 1918 als Ministerpräsident und wurde von diesem 1916, zwei Jahre vor dem Ende des Kaiserreichs, in den erblichen Adelsstand erhoben.

Vater Ernst von Weizsäcker absolvierte von 1900 bis 1918 eine Karriere als Marineoffizier. Am Ende des Ersten Weltkriegs bekleidete er den Rang eines Korvettenkapitäns und gehörte dem Admiralstab der Seekriegsleitung an. Im Januar 1919 verhalf er dem am Mord an Karl Liebknecht beteiligten Horst von Pflugk-Harttung zur Flucht.

In der Weimarer Republik trat Ernst von Weizsäcker in den diplomatischen Dienst ein, was zur Folge hatte, dass Sohn Richard einen großen Teil seiner Jugend in anderen Ländern verbrachte und eine gewisse Weltläufigkeit erlangte, die ihm als Bundespräsident dann zugute kam. Unter anderem lebte er in Basel, in Kopenhagen, in Oslo und in Bern.

Unter den Nazis ging die Karriere des Vaters steil nach oben. 1937 wurde er, offenbar auf Wunsch Hitlers, ins Auswärtige Amt nach Berlin berufen. 1938 trat er der NSDAP und der SS bei. Von 1938 bis 1943 war er hinter Minister Joachim von Ribbentrop die Nummer 2 im Auswärtigen Amt. 1949 wurde er deshalb in Nürnberg wegen eines Verbrechens gegen die Menschlichkeit zu fünf Jahren Haft verurteilt, kam aber ein Jahr später im Rahmen einer allgemeinen Amnestie wieder frei. Konkret wurde ihm die aktive Mitwirkung an der Deportation französischer Juden nach Auschwitz nachgewiesen.

Sohn Richard trat 1938 im Alter von achtzehn Jahren der Wehrmacht bei. Am Zweiten Weltkrieg war er vom ersten bis zum letzten Tag als aktiver Soldat und Offizier beteiligt. 1939 nahm er am Überfall auf Polen teil, wo sein älterer Bruder Heinrich fiel, 1941 am Unternehmen Barbarossa, dem Überfall auf die Sowjetunion. Er war bei der Belagerung sowohl Moskaus wie Leningrads im Einsatz. Zeitweise war er auch im Oberkommando des Heeres im Führerhauptquartier tätig.

Unmittelbar nach Kriegsende begann Richard von Weizsäcker ein Jurastudium. In Nürnberg trat er als Hilfsverteidiger seines Vaters auf, an dessen Unschuld er Zeit seines Lebens festhielt.

Er wurde so zu einem der wichtigsten Verteidiger jenes Mythos, laut dem die Spitzenbeamten, Diplomaten und Generäle, die ihre Karriere im Kaiserreich oder der Weimarer Republik begonnen hatten und unter Hitler nahtlos fortsetzten, lediglich ihre Pflicht erfüllten und nicht für die Verbrechen der Nazis verantwortlich waren. Dabei waren sie es, die bis zum bitteren Ende dafür sorgten, dass der Staatsapparat reibungslos funktionierte und den „Willen des Führers“ ausführte.

Tatsächlich war Vater von Weizsäcker von Anfang an fest entschlossen gewesen, das Nazi-Regime zu unterstützen. Unmittelbar nach Hitlers Machtübernahme, im Februar 1933, hatte er in seinen persönlichen Aufzeichnungen notiert: „Unsereiner muss die neue Ära stützen. Denn was käme denn nach ihr, wenn sie versagte! Natürlich muss man auch mit Erfahrung, Auslandskenntnis und allgemeiner Lebensweisheit beiseite stehen. Hierzu bin ich entschlossen...“

Während Richards überlebender Bruder, der bekannte Physiker und Philosoph Carl Friedrich von Weizsäcker (1912 bis 2007), sich nach dem Krieg dem Pazifismus zuwandte und sich gegen die atomare Bewaffnung Deutschlands engagierte, schloss sich Richard der CDU an, in der sich zahlreiche Alt-Nazis tummelten.

In den 1950er und 1960er Jahren war er in mehreren Großunternehmen tätig, bevor er sich 1966 auf die politische Karriere konzentrierte. Unter anderem war er federführend an der Ausarbeitung des Grundsatzprogramms der CDU beteiligt, das 1978 verabschiedet wurde. Von 1969 bis 1981 war er Mitglied des Bundestags, von 1981 bis 1984 regierender Bürgermeister von Berlin.

Dass Weizsäcker jetzt derart überschwänglich gewürdigt wird, scheint auf den ersten Blick überraschend. Das Amt, das er zehn Jahre bekleidete, hat weitgehend repräsentative Aufgaben. Mit Ausnahme der drei Jahre als Regierender Bürgermeister Berlins hat er nie eine exekutive Tätigkeit ausgeübt. Es ist außerdem mehr als zwei Jahrzehnte her, seit er sein Amt verließ. Weizsäckers Glorifizierung hat denn auch mehr mit der heutigen politischen Lage als mit seiner tatsächlichen Rolle zu tun.

Weizsäcker – oder vielmehr: der idealisierte Weizsäcker – wird gebraucht, um dem zunehmend aggressiv auftretenden deutschen Imperialismus eine friedfertige Maske aufzusetzen. In einer Zeit, in der Bundepräsident und Bundesregierung das Ende der militärischen Zurückhaltung verkünden, in der die deutsche Außenpolitik wieder nach Osten vordringt und in der Ukraine mit ehemaligen Nazi-Kollaborateuren zusammenarbeitet, in der der Name Merkel in Europa zum Inbegriff deutscher Arroganz geworden ist, dient der von Weizsäcker geprägte Mythos, die deutschen Eliten hätten sich geläutert und mit vergangenen Traditionen gebrochen, der Propaganda nach innen und nach außen.