Buchbesprechung: Der Vernichtungskrieg der Nazis gegen die Sowjetunion

Teil 1

Von Clara Weiss
20. Januar 2015

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“Nazi Policy on the Eastern Front, 1941: Total War, Genocide, and Radicalization”, Hrsg. von Alex J. Kay, Jeff Rutherford, David Stahel, Rochester University Press 2012, 359 Seiten

Der akademische Verlag Rochester University Press hat im Jahr 2012 einen wichtigen Band zur Politik der Nazis in den besetzten Gebieten der Sowjetunion im Jahr 1941 veröffentlicht. Die elf Essays behandeln unterschiedliche Aspekte des Vernichtungskriegs der Nazis gegen die Sowjetunion, der als brutalster Krieg, der je geführt wurde, in die Geschichte eingegangen ist. Das Material, das in dem Band präsentiert wird, ist wichtig, um den historischen Hintergrund der heutigen kriminellen Politik des amerikanischen und deutschen Imperialismus in der Ukraine und Osteuropa zu verstehen.

Russland soll unwiderruflich auf das Niveau einer Bauernnation herabgesetzt werden.“

Dem Krieg der Nazis gegen die Sowjetunion lagen zwei wesentliche, miteinander zusammenhängende Motive zugrunde. Erstens war das Unternehmen Barbarossa (der nationalsozialistischer Deckname für den Vernichtungskrieg) ein konterrevolutionärer Krieg, durch den die Sowjetunion zerschlagen, ihre Republiken auf den Status von Kolonien des Dritten Reiches reduziert und alle sozialen und wirtschaftlichen Errungenschaften der Oktoberrevolution zunichte gemacht werden sollten. Trotz der Degeneration der Sowjetunion unter der politischen Herrschaft der stalinistischen Bürokratie waren viele dieser Errungenschaften zumindest teilweise erhalten worden und beflügelten weiterhin Arbeiter auf der ganzen Welt.

Wie ein SS-Oberführer im Frühjahr 1941 erklärte: „In Russland sollen alle Städte und Kulturstätten samt dem Kreml dem Erdboden gleichgemacht und das Land unwiderruflich auf das Niveau einer Bauernnation herabgesetzt werden.“ (S. 122 [1])

Zweitens war die Kontrolle über die umfangreichen Rohstoffressourcen der Sowjetunion, die Landwirtschaft aber auch das Öl (vor allem im heutigen Aserbaidschan), für die Nazis notwendig, um den Krieg gegen die USA zu führen, den größten imperialistischen Rivalen Nazi-Deutschlands im Kampf um die Weltherrschaft. Diese beiden Triebkräfte werden in dem Buch zwar nicht marxistisch erklärt, aber an mehreren Stellen angesprochen. Besonders die Aufsätze zur Hungerpolitik zeigen, wie diese beiden Aspekte zusammenhingen.

So schreibt der deutsche Historiker Adrian Wettstein: „Die Hungerstrategie war Teil des Vernichtungskriegs und hatte das Aushungern von bis zu dreißig Millionen Sowjets in den Waldregionen Weißrusslands und Nordrusslands sowie in den Städten zum Ziel. Im Ergebnis sollte sie die Einwohner Kontinentaleuropas mit Nahrungsmitteln versorgen, die sonst aus Übersee hätten importiert werden müssen. Auf diese Weise sollte Kontinentaleuropa – in anderen Worten, das von Deutschland besetzte Europa – gegen eine Seeblockade abwehrfähig gemacht und die deutsche Einflusssphäre auf die sich abzeichnende Konfrontation mit den angelsächsischen Mächten vorbereitet werden.“ (S. 62)

Der Generalplan Ost (die Militärstrategie, die als Grundlage für das Unternehmen Barbarossa diente) sah vor, dass 30 Millionen Menschen in West- und Nordwestrussland dem Hungertod preisgegeben werden. Durch diese Politik sollten nicht nur die für die Fortsetzung des Krieges notwendige Nahrungsmittel zur Verfügung gestellt, sondern auch „Lebensraum“ für die Expansion des Nazi-Reiches geschaffen werden.

Das Vorrücken der Wehrmacht an der Ostfront im Jahr 1941, CC-BY-SA-3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/)

Ein Essay von Alex J. Kay, dem Autor einer umfassenden Studie über den Generalplan Ost, macht deutlich, dass die Nazi-Politik in erster Linie gegen die sowjetische Arbeiterklasse gerichtet war. So schreibt er: „Ob Zufall oder nicht, aber die Zahl 30 Millionen entsprach genau dem Wachstum der sowjetischen Bevölkerung in den Städten zwischen dem Beginn des Ersten Weltkriegs 1914 und dem Beginn des Zweiten Weltkrieges 1939. Laut den Wirtschaftspolitischen Richtlinien vom 23. Mai [1941], würde ‚insbesondere die Bevölkerung der Städte … der größten Hungersnot ausgesetzt sein‘.“ (S. 112)

Der Ukraine kam in dieser Strategie eine zentrale Rolle zu. Herbert Backe, Reichsminister für Ernährung und Landwirtschaft (RMEL) und einer der Hauptplaner des Unternehmens Barbarossa, bezeichnete die Ukraine als „Überschuss“-Gebiet, weil sie Getreide in andere Republiken der UdSSR – allen voran die RSFSR (entspricht größtenteils dem heutigen Russland) – lieferte.

Herbert Backe, Bundesarchiv, Bild 183-J02034 / CC-BY-SA (http://creativecommons.org/ licenses/by-sa/3.0/)

Nachdem sie im Sommer 1941 von der Wehrmacht überrannt worden war, sollte die besetzte Ukraine ausschließlich für das Dritte Reich produzieren und vom Rest der Sowjetunion abgeschnitten werden. Millionen von Menschen blieben so ohne die notwendigen Getreidelieferungen. Außerdem galt die Ukraine als strategisch entscheidend, da sie ein wichtiger Kohleproduzent (vor allem im Donezk Becken) und hoch industrialisiert war, und eine Brücke zur Region ums Schwarze Meer darstellte.

Ein Beitrag von Jeff Rutherford konzentriert sich auf die Hungerpolitik in Pawlowsk, einem Vorort von Leningrad, das vom Herbst 1941 bis Anfang 1944 900 Tage lang von den Nazis belagert wurde. Abgeschnitten von den Getreidelieferungen aus der Ukraine sowie Zulieferungen aus dem Umland, waren die Einwohner schon sehr bald dramatischem Hunger ausgesetzt.

Es gab immer wieder Fälle, in denen Wehrmachtssoldaten, die in der besetzten Stadt lebten, der hungernden Bevölkerung halfen. Die Wehrmachtsführung lehnte jedoch jedes Aufweichen der Hungerpolitik strikt ab. So hieß es im berüchtigten „Reichenau-Befehl“ vom 10. Oktober 1941, benannt nach dem Generalfeldmarschall Walther von Reichenau: „Was die Heimat unter großer Entsagung entbehrt, was die Führung unter größten Schwierigkeiten nach vorne bringt, hat nicht der Soldat an den Feind zu verschenken, auch nicht, wenn es aus der Beute stammt. Sie ist ein notwendiger Teil unserer Versorgung.“ [2]

Als der Widerstand der Roten Armee gegen Ende des Jahres 1941 zunahm und die deutsche Wehrmacht nicht zu neuem fruchtbaren Boden vorstoßen konnte, wurde die Beschlagnahmung von Nahrungsmitteln von der Bevölkerung in besetzten Städten wie Pawlowsk immer brutaler.

Von den 11.000 Einwohnern, die 1939 in der Stadt lebten, starben 6.000 während der deutschen Besatzung am Hunger und seinen Folgen. Rutherford schreibt, dass das Schicksal von Pawlowsk „symptomatisch für das allgemeine Elend war, das mit der deutschen Besatzung einherging“. (S. 146)

Zusätzlich zu den Millionen Zivilisten starben rund 3,3 Millionen von insgesamt 5,7 Millionen sowjetischen Kriegsgefangenen in der Haft, die meisten von ihnen verhungerten. Von diesen 3,3 Millionen kamen 2 Millionen bereits in den ersten sieben Monaten des Krieges um, vor Anfang Februar 1942.

Die Hungerpolitik hing mit der systematischen Zerstörung der sowjetischen Städte zusammen. Mit dem Überfall auf die Sowjetunion nahm die Kriegsführung in den Städten im Zweiten Weltkrieg ganz neue Dimensionen an. In Westeuropa war während des Krieges nur eine Stadt, nämlich Rotterdam im Mai 1940, einer Belagerung durch die Nazis ausgesetzt. In Osteuropa waren hingegen die Kriegsführung in den Städten und die Belagerung von Städten, die meist auf das systematische Aushungern der Bevölkerung abzielte, ein wesentlicher Bestandteil des gesamten Krieges.

Die erste osteuropäische Stadt, die Schauplatz der Städtekriegsführung der Nazis wurde, war Warschau. Nach der Nazi-Invasion in Polen am 1. September 1939 stieß die Wehrmacht hier auf unerwartet heftigen Widerstand. Doch selbst im Vergleich zur brutalen Belagerung von Warschau und Rotterdam war die Kriegsführung der Nazis in den Städten der Sowjetunion außerordentlich grausam. Es gab keinerlei Anweisungen, die dazu anmahnten, wenigstens allzu exzessive Gewalt gegen Zivilisten zu vermeiden.

Der Beitrag des Historikers Adrian Wettstein, der die Schlacht um Dnjepropetrowsk behandelt, ist in dieser Hinsicht bedeutsam. Bisher gab es zu dieser Schlacht kaum Forschungsarbeiten, obwohl sie ein wichtiger Wendepunkt im Ostkrieg war.

Mit einer Bevölkerung von rund 500.000 im Jahr 1939 (gegenüber 100.000 in den 1920er Jahren), war die Stadt ein wichtiger strategischer Drehpunkt. Die Wehrmacht brauchte wesentlich länger als geplant, um den Widerstand der Roten Armee zu brechen und die Stadt zu erobern.

In dem Monat, um den der deutsche Vormarsch so verzögert wurde, unternahm die Sowjetregierung wichtige Schritte zur Mobilisierung der Roten Armee und der für die Verteidigung notwendigen wirtschaftlichen Ressourcen. Dennoch wurde die Stadt Dnjepropetrowsk am Ende vollkommen zerstört. Wie Wettstein anmerkt, kam es bei der Schlacht „zu einer der stärksten Konzentrationen von Artilleriefeuer während dem gesamten Unternehmen Barbarossa“. (S. 56 )

Ein krimineller Krieg vom Anfang bis zum Ende

Mehrere Aufsätze in dem Buch befassen sich mit den Vorbereitungen für das Unternehmen Barbarossa. Sie fassen zwar nur einige der wichtigsten Fakten zusammen, doch selbst diese reichen aus, um revisionistische Theorien, die die Verbrechen der Nazis in der Sowjetunion als „Reaktion“ auf die Gewalt der Russischen Revolution darstellen, vollkommen zu widerlegen.

Der wohl bekannteste Vertreter dieser revisionistischen Schule ist der deutsche Historiker Ernst Nolte, der in den 1980er Jahren argumentierte, Auschwitz sei „die aus Angst geborene Reaktion auf die Vernichtungsvorgänge der Russischen Revolution“ gewesen und „die Dämonisierung des Dritten Reiches“ könne nicht akzeptiert werden.[3] (Siehe auch: Ein Versuch, Hitler zu rehabilitieren)

Anfang letzten Jahres hatte Professor Jörg Baberowski, Lehrstuhlinhaber für die Geschichte Osteuropas an der Berliner Humboldt Universität im Spiegel erklärt, „Hitler war nicht grausam“ und Nolte „hatte historisch Recht“.

In Wahrheit wurde das Unternehmen Barbarossa von Anfang als Krieg zur rücksichtslosen Plünderung und Kolonisierung der sowjetischen Bevölkerung geplant. Alle Grundlagen des internationalen Rechts sollten dabei über den Haufen geworfen werden.

Leichen von hingerichteten sowjetischen Zivilisten, YadVashemPhoto Archive

Der deutsche Historiker Felix Römer konzentriert sich in seinem Beitrag auf die verbrecherischen Befehle, die Hitler am Vorabend des Überfalls auf die Sowjetunion dem Ostheer gegeben hatte. Der berüchtigtste davon war der so genannte „Kommissarbefehl“. Darin hieß es:

„In diesem Kampf [gegen den Bolschewismus, CW] ist Schonung und völkerrechtliche Rücksichtnahme diesen Elementen gegenüber falsch… Die Urheber barbarisch asiatischer Kampfmethoden sind die politischen Kommissare… Sie sind daher, wenn im Kampf oder Widerstand ergriffen, grundsätzlich sofort mit der Waffe zu erledigen.“ [4]

Im Nachkriegsdeutschland wurde lange vehement geleugnet, dass diese Befehle dem Ostheer gegeben worden waren, geschweige denn ausgeführt wurden. Dies änderte sich erst langsam in den 1970er und 80er-Jahren. Dennoch wurden die Ausmaße der Verbrechen der Wehrmacht entweder kaum recherchiert oder kleingeredet. (Siehe auch: Die Debatte über die Verbrechen der Wehrmacht)

Felix Römer hat als erster Historiker umfassend ausgewertet, wie weit die Wehrmacht die verbrecherischen Befehle Hitlers ausführte. Seine Schlussfolgerung ist vernichtend:

„Für fast alle Truppen, die an der Ostfront gekämpft haben, gibt es Belege für ihre Ausführung des Kommissarbefehls… In der Regel haben sie immer dann, wenn die äußeren Bedingungen gegeben und die Einheiten wirklich in der Lage dazu waren, den Kommissarbefehl auszuführen, entschieden, dies auch zu tun.“ (S. 88, 91)

Ukraine, Charkow: Zivilisten, die in einer Vergeltungsmaßnahme für ein Attentat auf das deutsche Hauptquartier gehängt wurden, November 1941, YadVashemPhoto Archive

Die genaue Anzahl der politischen Kommissare, die von der Wehrmacht auf der Grundlage des Kommissarbefehls ermordet wurden, lässt sich schwer feststellen. Römer nennt eine Mindestzahl von 4.000 und fügt hinzu: „Die wirkliche Zahl der Opfer muss allerdings weit höher angeschlagen werden…“ (S. 88)

Der Kommissarbefehl wurde schließlich im Juni 1942 aufgehoben. Nazi-Generäle schlugen Alarm, weil der Befehl den bereits enormen Widerstand der Roten Armee weiter angefacht und zu horrend hohen Opferzahlen auf der deutschen Seite geführt hatte.

Der andere verbrecherische Befehl, den Römer analysiert, ist der „Erlass über die Ausübung der Kriegsgerichtsbarkeit im Gebiet ,Barbarossa‘ und über besondere Maßnahmen der Truppe” vom 13. Mai 1941. Der Erlass verfügte, dass Verbrechen der Wehrmacht gegen die Zivilbevölkerung nicht Gegenstand der militärischen Gerichtsbarkeit seien. Mit anderen Worten: sowjetische Zivilisten wurden für vogelfrei erklärt.

Römer stellt fest, dass es „kaum eine Division und kein Korps und keine Armee gab, bei der man keine Hinweise auf die Hinrichtung von sowjetischen Zivilisten sowie von wirklichen oder angeblichen Partisanen ohne jeden Gerichtsprozess finden kann“. (S. 84)

Wie viele sowjetische Zivilisten insgesamt im Krieg umgebracht wurden, ist bis heute umstritten. Für gewöhnlich wird die Zahl auf 18 Millionen veranschlagt von insgesamt 27 Millionen sowjetischen Kriegstoten.

Fortsetzung folgt

Anmerkungen

[1] Wenn nicht anders angegeben, stammen alle Zitate aus diesem Buch und wurden von der Autorin übersetzt.

[2] Begleitschreiben zum „Reichenau-Befehl“ vom 10.10.1941. Online verfügbar unter: http://www.ns-archiv.de/krieg/untermenschen/reichenau-befehl.php#begleit

[3] Ernst Nolte, „Zwischen Geschichtslegende und Revisionismus? Das Dritte Reich im Blickwinkel des Jahres 1980“, in: „Historikerstreit“. Die Dokumentation der Kontroverse um die Einzigartigkeit der nationalsozialistischen Judenvernichtung, München 1987, S. 32, 34.

[4] Der Kommissarbefehl an das Oberkommando der Wehrmacht vom 06.06.1941. Online verfügbar unter: http://www.ns-archiv.de/krieg/1941/kommissarbefehl.php