Geschichtsfälschung im Ersten Deutschen Fernsehen

Von Lena Sokoll
17. Januar 2015

Der ukrainische Ministerpräsident Arsenij Jazenjuk hat in den Tagesthemen, der wichtigsten Nachrichtensendung des Ersten Deutschen Fernsehens auf groteske Weise die Geschichte des Zweiten Weltkriegs verdreht und die Sowjetunion bezichtigt, Deutschland und die Ukraine überfallen zu haben.

Diese dreiste und bewusst platzierte Lüge, die eine Tradition des gemeinsamen deutsch-ukrainischen Kampfes gegen einen sowjetisch-russischen Aggressor betonen soll, blieb von der Moderatorin unwidersprochen und wurde auch im Nachhinein vom Sender nicht kritisch kommentiert.

Das gesamte Interview, das mit Jazenjuk am 7. Januar anlässlich seines Besuchs bei der deutschen Kanzlerin Angela Merkel geführt wurde, bestand zum größten Teil aus antirussischen Tiraden. Die harmlosen und allgemein gehaltenen Fragen der Moderatorin Pinar Atalay wurden von Jazenjuk nicht beantwortet, sondern waren lediglich kurze Unterbrechungen seiner Auslassungen gegen Putin, Russland und die Sowjetunion.

Wörtlich sagte Jazenjuk: „Die russische Aggression in der Ukraine, das ist der Angriff auf die Weltordnung und auf die Ordnung in Europa. Wir können uns alle sehr gut an die sowjetische Invasion in der Ukraine und nach Deutschland erinnern. Das muss man vermeiden und keiner hat das Recht, die Ergebnisse des Zweiten Weltkriegs neu zu schreiben. Und das versucht der russische Präsident Herr Putin zu machen.“

Moderatorin Atalay ging über die skandalöse Geschichtsrevision hinweg und ließ damit unkommentiert die Aussage im Raum stehen, die Sowjetunion, nicht Nazi-Deutschland, habe die Ukraine überfallen. Der Sender reagierte auf eine Programmbeschwerde der Ständigen Publikumskonferenz der öffentlich-rechtlichen Medien e.V. mit dem Hinweis, die Qualität der Simultanübersetzung sei zu dürftig gewesen, um während des laufenden Interviews die Äußerung zu hinterfragen. Tatsächlich wurde in den Tagesthemen aber eine Aufzeichnung des Interviews ausgestrahlt, ein kritischer Kommentar zu Jazenjuks Lüge von Seiten der Sendung und der ARD unterblieb.

Die Frankfurter Allgemeine Zeitung attackierte fünf Tage nach dem Interview nicht etwa Jazenjuk und die ARD, sondern das russische Außenministerium, das die Äußerungen des ukrainischen Premiers scharf zurückgewiesen und dabei auf die Urteile der Nürnberger Prozesse verwiesen hatte.

„Was den Zweiten Weltkrieg betrifft“, schreibt Russlandkorrespondentin Kerstin Holm in dem Blatt, „ist das Denken der Russen wie in Beton gegossen.“ Sie fährt fort: „Aufgeklärte Landsleute erinnern jedoch daran, dass Russland im Zweiten Weltkrieg infolge des Molotow-Ribbentrop-Paktes auch als Angreifer aufgetreten ist und das Massaker von Katyn begangen“ hat. „Von Befreiung könne allenfalls bei der Vertreibung der Nazis, nicht jedoch bei der Sowjetisierung der zurückeroberten Gebiete die Rede sein“, so Holm.

Auch die Bundesregierung sah keinen Grund, sich von ihrem Staatsgast zu distanzieren und die Interviewäußerungen zu kommentieren. Der Sprecher des Auswärtigen Amts, Martin Schäfer, sagte: „Der ukrainische Ministerpräsident hat wie jeder andere – ob Politiker, Bürger oder Sportler – bei uns in Deutschland die Möglichkeit, in den deutschen Medien zu sagen, was er für angemessen hält. Das ist Ausdruck der uns sehr wichtigen Meinungsfreiheit.“

Damit wird das Ergebnis der Nürnberger Prozesse und die Leugnung der deutschen Kriegsschuld im Zweiten Weltkrieg zu einer Meinungsfrage erklärt. Das ist gerade deshalb bedeutsam, weil die deutsche Wehrmacht und Verbände der Waffen-SS in der Ukraine einen Vernichtungskrieg führten, dessen Barbarei noch unter den zahllosen Grausamkeiten und Verbrechen der Nazi-Diktatur und des von ihr gewollten und begonnenen Weltkrieges heraussticht.

Am 22. Juni 1941 überschritten die Truppen der deutschen Wehrmacht ohne Kriegserklärung die Grenzen der Sowjetunion mit dem Ziel, den Gegner in einem Blitzkrieg zu überrumpeln und weit ins Landesinnere zurückzudrängen. Während die Heeresgruppen Nord und Mitte den Auftrag hatten, Leningrad und Moskau zu erobern, marschierte die Heeresgruppe Süd auf Kiew. Unterstützt wurde sie dabei von zwei Bataillonen ukrainischer Nationalisten unter den Decknamen „Nachtigall“ und „Roland“, die in deutschen Uniformen und unter Wehrmachtsbefehl marschierten.

Diese Ukrainer-Bataillone wurden aus der scharf antisemitischen und antikommunistischen Organisation Ukrainischer Nationalisten (OUN) unter der Führung von Stepan Bandera rekrutiert. Sie übernahmen im Zuge des Einmarsches und mit Billigung der deutschen Besatzer Polizeiposten und entfachten Pogromstimmungen. In der galizischen Stadt Lemberg kam es Ende Juni 1941 zum ersten größeren Pogrom, das von den deutschen Besatzern angestachelt und mit tatkräftiger Unterstützung der OUN durchgeführt wurde. Der öffentlichen Jagd auf Juden fielen mindestens 4.000 Menschen zum Opfer.

Viele weitere Massaker und Pogrome folgten. Die größte einzelne Vernichtungsaktion fand kurz nach der Eroberung Kiews am 29./30. September 1941 in der Schlucht von Babij Jar statt, wo ca. 33.000 Kiewer Juden ermordet wurden, unter ihnen vor allem alte Menschen, Frauen und Kinder, die nicht vor der vorrückenden Armee hatten fliehen können. Das Massaker war einer der Anklagepunkte bei den Nürnberger Prozessen. Insgesamt wurden im deutschen Vernichtungskrieg in der Ukraine etwa 850.000 Juden ermordet.

Judentum und Bolschewismus waren in der Propaganda der Nazis und der OUN als Synonyme miteinander verbunden. Der Mord an Juden wurde als antisowjetischer Kampf verstanden und propagiert. Der bestialische Terror gegen die Juden und die Entschlossenheit zur Vernichtung insbesondere der jüdischen Bevölkerung in den besetzten Gebieten der Ukraine hatte seinen rationalen Kern in der Entschlossenheit des Deutschen Reiches, die Sowjetunion als weltweit ersten Arbeiterstaat zu vernichten und damit die erste sozialistische Revolution ungeschehen zu machen.

Die Eroberung der Ukraine durch die Wehrmacht bedeutete nicht nur ein weites Vordringen auf sowjetisches Territorium, sondern schnitt das Land auch von ertragreichen Böden und großen Kohlevorkommen ab. Während die Sowjetunion durch Hunger geschwächt wurde, beutete Nazi-Deutschland die Ressourcen des Landes zu eigenen Zwecken aus – nicht zuletzt auch durch die Deportation von über einer Million Ukrainern als Zwangsarbeiter, die im Reich als Arbeitssklaven in Industrie und Landwirtschaft eingesetzt wurden.

Daher wollten die deutschen Besatzer von einer eigenständigen Ukraine nichts wissen: Als die OUN am 30. Juni 1941 in Lemberg die Unabhängigkeit der Ukraine proklamierte, wurde Bandera als „Schutzhäftling“ ins KZ Sachsenhausen gebracht. Dies bedeutete jedoch nicht das Ende der Kollaboration zwischen deutschen Besatzern und ukrainischen Faschisten.

Anhänger der OUN waren weiterhin in der Verwaltung und als Hilfspolizisten tätig und organisierten darüber auch den Holocaust in der Ukraine. Als Freiwillige dienten sie zu Zehntausenden in SS-Divisionen und kämpften dort direkt für die Nazis gegen die Rote Armee.

Die heutige Führung der Ukraine, die sich im vergangenen Frühjahr maßgeblich mit deutscher Unterstützung an die Macht putschte, stellt sich unverhohlen in diese blutige Tradition der ukrainischen Nationalisten und Faschisten. Stepan Bandera gilt ihnen als Nationalheld, das Bündnis mit Deutschland gegen den Feind Russland als Grundlage der eigenen politischen Macht.

Mitglieder von Jazenjuks Regierung pflegen enge Beziehungen zu faschistischen Kräften und platzieren diese in Schlüsselpositionen. So ernannte Innenminister Arsen Awakow im November 2014 den Faschisten Wadim Trojan zum Polizeichef für das Kiewer Gebiet. Trojan war Kommandant des rechtsextremen Freiwilligen-Bataillons Asow, dessen Mitglieder zum Teil mit Hakenkreuzen und SS-Runen am Stahlhelm in der Ostukraine gegen prorussische Separatisten kämpfen. Ein anderer Kommandant des Bataillons Asow, Andrij Bilezki, sagte gegenüber der britischen Zeitung Telegraph: „Die historische Mission unserer Nation in diesem kritischen Moment ist, die weißen Rassen der Welt in einen finalen Kreuzzug für ihr Überleben zu führen.“

Um ihre Zusammenarbeit mit diesen Kräften zu rechtfertigen und die neue aggressive Außenpolitik umzusetzen, muss die deutsche Elite die Geschichte fälschen und umschreiben. Die Verbrechen des deutschen Imperialismus sollen relativiert und verharmlost werden. Mit der Relativierung der Kriegsschuld des Deutschen Reichs erreicht diese Kampagne eine neue Qualität.