Vor einhundert Jahren: Zapata und Villa nehmen Mexiko-Stadt ein

Teil 1

Von Eric London
27. Dezember 2014

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Vor einhundert Jahren, am 4. Dezember 1914, kam es zu einem persönlichen Treffen zwischen Francisco “Pancho” Villa und Emiliano Zapata in Xochimilco, einem Bezirk von Mexiko-Stadt. Die beiden führten zwei Bauernarmeen an, die die Hauptstadt eingenommen hatten und bereit schienen, die Kontrolle über das gesamte Land zu übernehmen.

Zwei Tage später saßen die beiden Befehlshaber nebeneinander im Präsidentenstuhl des Nationalpalasts, nachdem sie vom Palastbalkon aus die Siegesfeier Zehntausender Soldaten verfolgt hatten, die die beiden Bauernarmeen der mexikanischen Revolution bildeten.

Die mexikanische Revolution war auf ihrem Höhepunkt angelangt. Doch nur Monate später befanden sich beide Bauernarmeen vollständig auf dem Rückzug, nachdem sie die Hauptstadt an das Militär der liberalen Bourgeoisie verloren hatten. Sechs Jahre später wurde Zapata gehängt. Villa zog sich von der Politik zurück; dennoch ließ ihn der mexikanische Staat 1923 ermorden.

Die revolutionäre Massenerhebung, die Mexiko vor einem Jahrhundert erfasste, ist in den gesellschaftlichen Beziehungen in Mexiko immer noch sehr präsent. Die Arbeiter, Jugendlichen und unterdrückten Massen Mexikos erinnern sich der Revolution als eines Aufstands der Massen gegen ein brutales Regime, das an der Spitze einer zutiefst ungleichen Gesellschaft stand, in welcher die sozialen und demokratischen Rechte der Bevölkerung immer wieder mit Füßen getreten wurden.

Heute stehen dieselben Missstände in der Kritik, die vor einhundert Jahren dem despotischen Regime von Porfirio Diaz angelastet wurden. Wie schon 1914, so dominieren auch 2014 weitverbreitete Armut, wachsende soziale Ungleichheit und ständige staatliche Gewalt sämtliche Aspekte des kulturellen und politischen Lebens in Mexiko.

Das Verschwinden von 43 angehenden Lehrern (Normalistas) im südlichen Bundesstaat Guerrero, für das die Polizei die Verantwortung trägt, die dabei mit einer Drogenbande zusammengearbeitet und auf Anweisung der Regierung Guerreros gehandelt hat, hat den Charakter des gesamten mexikanischen politischen Establishments sowie die enorme soziale Ungleichheit enthüllt, für die es verantwortlich ist.

Proteste gegen das Verschwinden der 43 Lehramtsstudenten am 1. Dezember

Die Bevölkerung lastet allen bürgerlichen Parteien Mexikos die Verantwortung für das Massaker an den Normalistas an, auch der Partei der Institutionalisierten Revolution (PRI) von Präsident Enrique Peña Nieto, der rechten oppositionellen Nationalen Aktionspartei (PAN) und der Partei der Demokratischen Revolution (PRD), die, obwohl sie zu den linken Parteien gezählt wird, direkt mit dem Auftrag zur Entführung zu tun hat. Auch die neue Bewegung für Nationale Erneuerung (MORENA) des ehemaligen PRD-Präsidentschaftskandidaten Andrés Manuel López Obrador ist nicht unschuldig an dem Massaker. Tatsächlich gibt es Fotos, die belegen, dass López Obrador den Bürgermeister von Iguala, der der PRD angehört und die Verschleppungen befohlen hatte, persönlich kennt.

Die massive Empörung, die das Massaker an den Normalistas bei mexikanischen Arbeitern und Jugendlichen ausgelöst hat, zeigt, dass die objektiven Bedingungen für eine erneute soziale Explosion herangereift sind. Vieles deutet darauf hin, dass Mexiko bald wieder eine Revolution bevorsteht.

Das Erbe der mexikanischen Revolution durchdringt alle Aspekte des politischen Lebens Mexikos. Daher können die mexikanischen Arbeiter ihren Kampf für soziale Gleichheit und demokratische Rechte nur gewinnen, wenn sie die gesellschaftlichen Kräfte verstehen, deren politische und militärische Konfrontationen in Erfolge wie Misserfolge der Revolution mündeten.

Die jüngste Entscheidung des mexikanischen Präsidenten Peña Nieto, die Staatsfeierlichkeiten zum 20. November abzusagen - der Tag, der offiziell den Beginn der Revolution im Jahr 1910 markiert -, unterstreicht, wie wichtig es ist, die politischen Lehren aus der mexikanischen Revolution zu klären.

Nietos Entscheidung zum Trotz strömten Hunderttausende Arbeiter und Jugendliche auf den Zocalo-Platz in Mexiko-Stadt. Sie feierten die Revolution und stellten das politische Establishment für das Massaker an den 43 Normalistas an den Pranger. Die Eltern eines verschwundenen Studenten sagten zu der versammelten Menge: „Heute, am 20. November, begehen wir den 104. Jahrestag des Beginns der mexikanischen Revolution. Wenn man uns davon abhalten will, dann deshalb, weil die regierende Klasse unsere Verfassung zu ihrem eigenen Nutzen und zur Rechtfertigung ihres Handelns verstümmelt hat.“

Für die mexikanische Bourgeoisie, die heute an der Spitze einer der ungleichsten und verarmtesten Gesellschaften der Welt steht, ist das Erbe der Revolution ein Ärgernis, und die Erinnerung daran rührt an alte Wunden. Die Zugeständnisse, die die Bourgeoisie nach einem Jahrzehnt revolutionärer Kämpfe gemacht hatte, werden seit Jahrzehnten ausgehöhlt. Dieser Prozess nahm an seinem Beginn in den 1980er Jahren unter Präsident Miguel de la Madrid, besonders intensive Formen an. Die Errungenschaften der Revolution werden heute immer mehr beschnitten: Rechte Reformen greifen das Bildungssystem an, und die staatliche Ölgesellschaft PEMEX soll privatisiert werden.

Trotz der Zugeständnisse, die die mexikanischen Massen in mehr als einem Jahrzehnt Bürgerkrieg errangen, wurden die Hoffnungen der Arbeiter und Bauern, die Gleichheit und Land anstrebten, von den bürgerlichen Konstitutionalisten, die während der Revolution die Zügel der Macht in der Hand behalten konnten, niemals erfüllt. Obwohl sie Massen in Bewegung setzte, war die mexikanische Revolution eine bürgerliche Revolution, die die kapitalistischen Eigentumsverhältnisse nach dem Bürgerkrieg unangetastet ließ.

Die Niederlagen, die die Armeen von Pancho Villa und Emiliano Zapata im Anschluss an das Treffen in Xochimilco vom Dezember 1914 einstecken mussten, sowie die Unfähigkeit der Arbeiterklasse, in der Revolution als unabhängige politische Kraft aufzutreten, müssen sorgfältig untersucht werden. Dabei dürfen einzelne Individuen, wie mutig sie auch gewesen sein mögen, nicht zu Idolen erhoben werden.

Der Imperialismus und der Sturz des Porfiriats

Das Jahr 1914 bezeichnete einen Wendepunkt der Weltgeschichte. Ab Mitte des Jahres konnten die Spannungen, die sich in Jahrzehnten rasanter kapitalistischer Entwicklung aufgestaut hatten, durch die politische Form des Nationalstaates nicht länger im Zaum gehalten werden.

Die Ermordung des österreichischen Erzherzogs Franz Ferdinand am 28. Juni 1914 setzte eine Folge von Ereignissen in Gang, die in den vierjährigen imperialistischen Krieg mündeten. Zu dem Zeitpunkt, als Zapata und Villa in Xochimilco ihr Treffen abhielten, hatte der Weltkrieg bereits Millionen Opfer gefordert und die Zahl stieg stetig an.

Als der Krieg die andere Seite des Atlantiks erreichte, führten dieselben Widersprüche in der Weltwirtschaft, die zum bewaffneten Konflikt zwischen den imperialistischen Mächte geführt hatten, zum explosiven Ausbruch der sozialen Spannungen in Mexiko.

Die Entstehung der weitverbreiteten Opposition in Mexiko gegen das vorrevolutionäre Regime des Autokraten Porfirio Diaz war untrennbar verbunden mit der feindseligen Haltung der Bevölkerung gegen die Ausbeutung der mexikanischen Wirtschaft durch den amerikanischen, britischen und französischen Imperialismus und deren Kontrolle über die Politik der Regierung.

Porfirio Diaz

Die Amtszeit der Regierung Diaz (auch als “Porfiriat” bezeichnet) war vor allem gekennzeichnet durch die Aufteilung der Reichtümer des Landes durch ausländische Kapitalisten und das damit einhergehende antidemokratische politische Klima. Die bescheidene Entwicklung der Industrie, die in diesem Zeitraum parallel zum Strukturwandel in der Landwirtschaft stattfand, ließ die Arbeiterklasse in beträchtlichem Maße anwachsen.

Die Vereinigten Staaten, die sich im Krieg von 1848 die Hälfte des Territoriums von Mexiko aneigneten, beherrschten die mexikanische Bergbau- und Eisenbahnindustrie. Das Handelsvolumen zwischen den beiden Ländern stieg von sieben Millionen Dollar im Jahr 1860 auf 246 Millionen Dollar im Jahr 1910.

Mittels großzügiger Subventionen des Porfiriats konnten amerikanische Eisenbahnmagnaten, Industrielle und Finanziers ein Eisenbahnnetz im gesamten Land aufbauen, das sich im Jahr 1908 über 23.000 Kilometer erstreckte. Im Jahr 1880 waren es nur 1.500 Kilometer gewesen. Die von den USA gebauten Eisenbahnlinien verbanden die Bergwerke und Anbaugebiete tropischer Früchte, die für den Export bestimmt waren, mit den großen Handelszentren, aber sie waren nicht dafür ausgelegt, Lebensmittel von den Landwirtschaftszonen zu den heimischen Märkten zu transportieren.

Mexikanische Arbeiter bauen eine Eisenbahn

Amerikanische Kapitalisten spielten auch im mexikanischen Bergbau die führende Rolle. 1904 kontrollierten sie 81 Prozent des Bergbaukapitals. Das Porfiriat arbeitete gemeinsam mit den ausländischen Kapitalisten an einer kapitalfreundlichen Gesetzgebung, die den Eigentümern „das unanfechtbare Recht auf alle neu entdeckten unterirdischen Lagerstätten“ übertrug.

Im Jahr 1908 war das mexikanische Kapital zu 80 Prozent in ausländischer Hand. Frankreich, das in Mexiko einmarschiert war und das Land von 1861 bis 1867 militärisch besetzt gehalten hatte, nachdem Präsident Benito Juarez von der Liberalen Mexikanischen Partei Zinszahlungen an das Ausland eingestellt hatte, dominierte dem mexikanischen Finanzsektor. Kurz nach der Jahrhundertwende übten französische Kapitalisten die Kontrolle über die drei größten Banken aus und konzentrierten 45,7 Prozent des Kapitals der 52 größten Finanzinstitutionen in ihren Händen.

Um die aufstrebende Ölindustrie entbrannte ein heftiger Konkurrenzkampf zwischen amerikanischen und britischen Kapitalisten. Als das zwanzigste Jahrhundert begann, waren 290 Unternehmen aktiv an der Förderung mexikanischen Rohöls beteiligt, das an ausländische Raffinerien ging. Die britische Ölausfuhr, in erster Linie betrieben von der Mexican Eagle Petroleum Company, die sich im Besitz des Ölindustriellen Weetman Pearson befand, begann die Oberhand über die amerikanischen Unternehmen zu gewinnen – in der Hauptsache Rockefellers Standard Oil, Edward Doheneys Mexican Petroleum Company und die Texas Oil Company.

Dass die Industrie sich durch ausländische Investitionen entwickelte, bedeutete, dass nur wenige der Fortschritte, die durch die Modernisierung der mexikanischen Wirtschaft erzielt wurden, dem sozialen Fortschritt der Mehrheit der Bevölkerung zugutekamen. Das Gros der Infrastruktur und industriellen Produktion diente dem Export. Die Umstellung auf exportorientierten Anbau ließ die Produktion von Grundnahrungsmitteln 1910 auf ein Niveau sinken, das unter dem von 1877 lag. 1910 betrug die durchschnittliche Lebenserwartung kümmerliche 30 Jahre. Die Bevölkerung litt entsetzlich darunter, dass das Finanzkapital das Land immer fester in den Würgegriff nahm.

Landarbeiter auf einer für den Export produzierenden Hazienda

Doch die späte Entwicklung des Kapitalismus in Mexiko war ein widersprüchlicher Prozess. Während die ausländischen Investitionen dem Land die Ressourcen entzogen, setzte die wirtschaftliche Modernisierung einen Prozess der Proletarisierung in Gang, der der Arbeiterklasse eine starke Position im politischen und wirtschaftlichen Leben Mexikos verschaffte. Obwohl zwischen 1895 und 1910 nur 82.000 neue Arbeitsplätze direkt durch die ausländischen Industrieinvestitionen entstanden, steigerte der Zufluss von Kapital die Zahl der Arbeitsplätze in größeren Fabriken und Lagerhäusern enorm und führte so zur Entstehung der mexikanischen Arbeiterklasse.

Die Hunderttausende Bauern, die aufgrund von Umfriedungen und einer starken Erhöhung der Grundstückspreise zur Landflucht gezwungen wurden, verdingten sich in den Bergwerken, Textilfabriken und auf den Ölfeldern. Dies waren alles Industrien, die in erster Linie dem Export dienten. 1910 stellte die Arbeiterklasse sechzehn Prozent der fünfzehn Millionen Bewohner Mexikos. Ihr gehörten 100.000 Bergarbeiter, 34.000 Textilarbeiter, 44.000 Schuhfabrikarbeiter, 23.000 Töpfer, 23.000 Teppichweber, 18.000 Hutmacher und Zehntausende Eisenbahnarbeiter an.

Fabrikarbeiter zu Beginn des 20. Jahrhunderts

Insbesondere die Bergbau- und Eisenbahnarbeiter begannen, eine wichtige Rolle in der mexikanischen Politik zu spielen. Am Streik der Kupferminenarbeiter von 1906 in Cananea beteiligten sich mehr als 5.000 Arbeiter, und in den Jahren 1903, 1906 und 1908 brachen drei große Eisenbahnarbeiterstreiks aus, die ihren Schwerpunkt in der Stadt San Luis Potosí hatten. Zwischen 1876 und 1911 wurden insgesamt 250 Streiks gemeldet.

Hinzu kam, dass aus vielen Bauern, die auf dem Lande geblieben waren (wo vor der Jahrhundertwende 87 Prozent der Bevölkerung lebten), Landarbeiter wurden. Eine dramatische Verschiebung gegenüber den vorangegangenen Jahrzehnten fand statt: 62 Prozent der Bauern wurden jetzt als Landarbeiter klassifiziert, nicht mehr als Landbesitzer. Diese Veränderungen schufen die sozialen Bedingungen für die revolutionären Unruhen, die 1910 auf nationaler Ebene einsetzten.

Wird fortgesetzt