Ukraine-Berichterstattung: Beschwerde gegen Beitrag im ZDF Heute-Journal

Von Sybille Fuchs
18. Dezember 2014

Die Initiative „Ständige Publikumskonferenz der öffentlich-rechtlichen Medien e.V. “ hat Ende November formal eine Programmbeschwerde gegen den Beitrag vom ZDF Heute-Journal „Lemberg kämpft für mehr Europa“ von Armin Coerper eingelegt. Die Publikumskonferenz wirft dem Beitrag „geschichtsvergessene Darstellung“, kritiklose Übernahme von ukrainisch-nationalistischen Narrativen sowie Verschweigen der SS-Vergangenheit eines Interviewten vor. Der Beitrag wurde am 21. Oktober unmittelbar vor den ukrainischen Parlamentswahlen gesendet.

Die Beschwerde bezieht sich vor allem auf ein Interview mit dem 90-jährigen Iwan Mamtschur, der vom Reporter kumpelhaft nur mit seinem Vornamen begrüßt und als ehemaliger Häftling des sowjetischen Geheimdienstes KGB vorgestellt wird. Der Reporter Armin Coerper geht mit ihm durch das KGB-Gefängnis, in dem er 1946 einsaß und fragt ihn, ob er heute an die Freiheit der Ukraine glaube. Dieser antwortet: „Na klar. Die Welt wird uns helfen, Europa, Amerika."

Was der Beitrag verschweigt: Mamtschur war keineswegs ein unschuldiges Opfer des Stalinismus. Er ist ein ehemaliger Kämpfer auf Seiten der deutschen Wehrmacht und ein Veteran der Waffen-SS Galizien und der faschistischen Organisation Ukrainischer Nationalisten (OUN), der bis heute stolz auf seine Geschichte ist.

Die Waffen-SS Galizien bestand ab Juli 1943 aus 14.000 Freiwilligen, die überwiegend der OUN angehörten. Sie dienten vor allem der „Partisanenbekämpfung“ und spielten eine wichtige Rolle im Vernichtungskrieg der Nazis. Besonders grausam gingen sie gegen die polnische und die jüdische Bevölkerung vor. Dabei verübten sie Massaker an den Bewohnern von Huta-Pieniacka, Podkamień und Palikrowy.

Nach Kriegsende kämpften sie weiter gegen die Sowjetunion, diesmal im Auftrag der westlichen Geheimdienste, der Organisation Gehlen, aus der später der BND hervorging, und der CIA.

Das Onlinemagazin Teleopolis schreibt dazu: „Bis 1951 ermordeten diese Freiheitskämpfer etwa 35.000 Menschen, schätzt die CIA laut Frank Wisner, Chef des CIA-Directorate of Plans. Sie unterstützte, wie auch der britische SIS, den Freiheitskampf der ukrainischen SS-Schlächter. Erst ab 1957, als die Sowjetunion vor der UNO formell protestierte und die meisten Kameraden von Ivan Mamtschur in eben diesem KGB-Gefängnis saßen, das Armin Coerper dem deutschen Publikum einfühlsam vorzeigt, war der Krieg vorbei.“

Ein Video zeigt Mamtschur als Teilnehmer einer gespenstischen Zeremonie im Jahr 2013, bei der ehemalige galizische SS-Kämpfer als Helden des ukrainischen „Freiheitskampfs“ feierlich umgebettet und geehrt werden. Mamschtur wird im Bericht zwar nicht namentlich erwähnt, ist aber deutlich in vorderster Reihe der Veteranen zu sehen. An der Umbettung der SS-Männer, die der Division „Galizien“ angehört hatten, nahm als „Ehrengast“ auch der Vize-Chef der faschistischen Swoboda-Partei, Oleg Pankewitsch, teil.

Der nationalistische Dichter Teodor Kukuruza aus Lwiw trug eigens zu dem Anlass verfasste Werke vor und wechselte während des Vortrags ins Deutsche. Am Ende berichtet eine polnische Augenzeugin, wie die SS-Division, die 1944 im Kessel von Brodow aufgerieben wurde, ein polnisches Dorf in Wolhynien fast vollständig niedermetzelte. Die wenigen Überlebenden, meist Kinder, wurden am nächsten Tag von Banderisten ermordet. Im Video ist zu sehen, wie ukrainische Nationalisten in SS-Uniformen unter Anwesenheit eines Priesters der ukrainischen orthodoxen Kirche Salutsalven über das Grab der umgebetteten Kämpfer abfeuern.

Auf einem weiteren Video, das vom ARD-Magazin Panorama gesendet wurde, erklärt Mamtschur sich angesichts des 66. Jahrestags der Gründung der SS-Division Galizien 2009 zum Helden, der für die Freiheit der Ukraine kämpfte.

Der Journalist Armin Coerper ist seit Januar 2011 Leiter des ZDF Studios in Warschau und bereits mehrfach durch tendenziöse Beiträge zugunsten des Kiewer Regimes aufgefallen. So war er Anfang April 2014 überraschenderweise“ genau zu dem Zeitpunkt mit seinem Kamerateam in einem Kiewer Supermarkt anwesend, als sich dort ukrainische Politaktivisten in einer Art Flash-Mob-Aktion auf den Boden warfen, um zu demonstrieren, wie „Russland tötet“. Der Bericht wurde ebenfalls vom ZDF gesendet.

In ihrer Beschwerde führt die Publikumskonferenz zahlreiche Belege zum tatsächlichen politischen Hintergrund der ukrainischen Faschisten und rechten Nationalisten auf, insbesondere zur OUN und ihrem Führer Stepan Bandera. In Coerpers Beitrag heißt es, Bandera habe „mit den Nazis [...] gegen die Sowjets [paktiert], mit dem Ziel der Freiheit für sein Volk“.

Damit übernehme er unkritisch den „westukrainisch-nationalistischen Mythos“, unterschlage „zugunsten der Täterperspektive unstrittige historische Fakten“ und missachte „nicht nur, aber auch die ukrainischen Opfer Banderas, dessen Bewegung 'stark am Holocaust beteiligt war'“.

Als Beleg wird in der Programmbeschwerde der ukrainische Rechtsextremismusforscher Anton Schekowtsow zitiert, der über Bandera schreibt: „Stepan Bandera war einer der berüchtigsten ukrainischen Faschisten, Terroristen und Nazikollaborateure, der verantwortlich war für Hunderte, wenn nicht Tausende von polnischen, russischen, jüdischen und ukrainischen Toten. Er spielte eine Schlüsselrolle bei terroristischen Aktivitäten in Polen und anderen Ländern.”

Bandera habe eine faschistische Ein-Parteien-Diktatur ohne Beteiligung nationaler Minderheiten angestrebt. Die von ihm geführte OUN war, so Ivan Kaschanowki von der Universität Ottawa, „eine terroristische Organisation, die involviert war am Massenmord von Tausenden Zivilisten und Kriegsgefangenen.“

Außerdem kommt in dem Beitrag Dimitri Jarosch, der Chef der faschistischen Kampftruppe „Rechter Sektor“ zu Wort, dessen Schlägerbanden beim vom Westen unterstützten Putsch in Kiew im Februar eine zentrale Rolle gespielt haben. Im Beitrag erklärt Jarosch, dass er sich als ukrainischer Nationalist verstehe und keinesfalls ein Faschist oder Nazi sei. Obwohl Coerper erwähnt, dass sich die Anhänger des „Rechten Sektors“ gelegentlich mit Hitlergruß begrüßen, lässt er die Äußerungen Jaroschs unkommentiert stehen.

In den vergangenen Monaten hat die Ende Februar gegründete Publikumskonferenz zahlreiche Beschwerden gegen die Berichterstattung im öffentlich-rechtlichen Rundfunk und Fernsehen vor allem über die Ukraine eingelegt. Auch andere Organisationen wie der ARD-Programmrat hatten die tendenziöse Berichterstattung kritisiert. Das Jahr 2014 wird als das Jahr in die Geschichte eingehen, in der die herrschenden Eliten Deutschlands wieder auf Kriegskurs gingen. Die öffentlich-rechtlichen Sender werden dabei in Propagandainstrumente verwandelt, um der Bevölkerung eine Politik aufzuzwingen, die sie ablehnt.