Verzerrung und Verlogenheit: Ukrainische Filme auf dem Filmfestival Cottbus

Von Stefan Steinberg
6. Dezember 2014

Das Festival des osteuropäischen Films in Cottbus (120 Kilometer südöstlich von Berlin und nahe der polnischen Grenze gelegen), findet alljährlich seit 1991 statt.

Während eine Reihe von Filmen beim diesjährigen Festival, das vom 4. bis 9. November stattfand, wenigstens einen begrenzten Einblick in die Probleme der Region gewährten, stellten viele andere die Lebensverhältnisse im Osten verzerrt, einige sogar vollständig verlogen dar.

In ganz Osteuropa, auf dem Balkan und in der ehemaligen Sowjetunion, stehen Dutzende Millionen Menschen 25 Jahre nach der Restauration des kapitalistischen freien Marktes vor dem sozialen Ruin. Die Arbeitslosigkeit grassiert, und die sozialen Sicherheitssysteme, die unter den ehemaligen stalinistischen Regimen existiert hatten, wurden zerschlagen. Dieser Prozess war bereits vor sechs Jahren weit fortgeschritten, doch seit dem Finanzcrash von 2008 hat er sich beschleunigt und zur schnellen Ausbreitung von Armut unter Jungen und Alten geführt. Die politischen Strukturen in der gesamten Region werden von korrupten Eliten dominiert, die aus den früheren stalinistischen Bürokratien hervorgegangen sind, und von einer Schicht Neureicher, die Staatseigentum geplündert und sich exzessiv bereichert haben.

Die schnelle Zunahme sozialer Ungleichheit in der gesamten Region, die Hinwendung zu autoritären Herrschaftsformen und von oben inszenierte nationalistische Kampagnen wurden von der Politik der Europäischen Union (EU), des Internationalen Währungsfonds (IWF) und der internationalen Banken ausgelöst und verschärft. Sie fordern immer wieder Sparprogramme, um die Tresore der Banken und die Taschen der Superreichen zu füllen.

Die zunehmende Desillusionierung über die offizielle Politik in Osteuropa findet ihren Ausdruck in den niedrigsten Wahlbeteiligungen bei einer Wahl nach der anderen. Politische Parteien und Losungen werden als austauschbar empfunden. Plutokraten haben jetzt entschieden, dass der beste Weg, ihre Geschäfte und Finanzinteressen zu verteidigen, darin besteht, ihre eigenen Parteien zu finanzieren und die Regierung zu übernehmen. Das prominenteste Beispiel liefert die Ukraine, wo der Milliardär Petro Poroschenko regiert und die volle Rückendeckung der EU genießt.

Vor diesem Hintergrund explosiver Spannungen entschieden die Organisatoren des 24. Cottbuser Filmfestivals, die zentrale Sektion „Fokus“ ihres Festivals dem Thema „Homosexualität in Mittel- und Osteuropa“ zu widmen, wie es im Programm heißt.

Ganz sicher werden Schwule und Lesben in vielen osteuropäischen Ländern, wo die Kirche und nationalistische, homophobe Gruppen eine beträchtliche Rolle im politischen Leben spielen, massiv diskriminiert. Wenn aber in der heutigen Situation die Rechte der Homosexuellen zum vorrangigen Thema gemacht werden, ist das ein eindeutiges Signal. Vor allem bietet es Parteien wie den Grünen und diversen pseudolinken Organisationen eine Plattform, die mit entsprechenden Nichtregierungsorganisationen zusammenarbeiten im Bestreben, Identitätspolitik statt soziale Fragen in den Mittelpunkt zu stellen.

Die kleinbürgerlichen Kräfte, die die Kampagnen für Schwulenrechte anführen, stehen den wirtschaftlichen und sozialen Bedürfnissen breiter Schichten der arbeitenden Bevölkerung zum großen Teil gleichgültig und sogar feindselig gegenüber. Ganz sicher gilt dies für die deutschen Grünen, die sich sehr stark für die „Schwulen- und Lesbenagenda“ in Osteuropa engagieren, während sie gleichzeitig die diesen Ländern von EU und IWF diktierten Austeritätsprogramme unterstützen.

Zusätzlich zur Unmenge an Filmen, in denen es um Identitätspolitik geht, wurden beim Cottbuser Festival auch etliche unlautere und verlogene Filme gezeigt, die sich den Entwicklungen in der Ukraine widmen.

Es war einmal in der Ukraine

Der Hauptfilm Es war einmal in der Ukraine von Regisseur Igor Parfenow eröffnet mit einer zehnminütigen Sequenz, die die Vergewaltigung zweier junger Mädchen durch prorussische Polizisten auf der Krim darstellt. Eines der Mädchen, Nina, überlebt ihre Vergewaltigung und flieht vor ihren Peinigern nach Kiew, während das zweite Opfer, ihre Freundin, von ihnen getötet wird. Diese Episode gibt die Richtung des ganzen Film vor. Russland wird als Aggressor in der Ukraine dargestellt, der bereit ist, alle Mittel einzusetzen, um seine räuberischen Ziele zu erreichen.

Der Regisseur verwebt den fiktionalen Plot seines Films mit wirklichen Ereignissen vom Kiewer Maidan (dem Unabhängigkeitsplatz). In Cottbus erklärte Parfenow (in einer Kurzbiographie als Sportler und Umweltschützer dargestellt), dass er schon lange einen Film über Revolution drehen wollte. Als die Proteste im November 2013 in Kiew begonnen hatten, schrieb er innerhalb einer Woche ein Drehbuch, stellte auf die Schnelle eine Filmcrew zusammen und brach zum Maidan auf. Mehrere Szenen seines Films wurden bei den gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten und Polizei sowie Spezialkräften des Regimes des ehemaligen prorussischen Präsidenten Viktor Janukowitsch aufgenommen.

Der Regisseur tritt in seinem Film außerdem in einer Hauptrolle auf: als Veteran aus dem Afghanistankrieg. Er freundet sich mit Nina an und beschützt sie. Der Veteran händigt Mitgliedern der Polizei und Spezialeinheiten, die Regierungsgebäude im Zentrum Kiews bewachen, Exemplare von Leo Tolstois Brief an einen Unteroffizier aus. Darin ruft Tolstoi die russischen Truppen auf, nicht auf ihre Landsleute zu schießen.

In Wirklichkeit hat Parfenows Film nichts zu tun mit Tolstois humanitärem Appell. Vielmehr gibt er prowestlicher Propaganda gegen Russland eine Plattform und glorifiziert gleichzeitig ukrainischen Nationalismus. Parfenows Darsteller grüßt wiederholt seine Begleiter, darunter einen weiteren Afghanistan-Veteranen, mit dem Schlachtruf der ukrainischen Nationalisten: „Ruhm der Ukraine! Ehre den Helden!“

Almanac #Babylon ’13

Die Unredlichkeit des Films zeigt sich vor allem daran, dass er völlig ignoriert, welche Rolle ultrarechte Kräften wie die Partei Swoboda und der Rechte Sektor spielten, die gerade in den Wochen vor dem Sturz Janukowitschs die bestimmenden Akteure bei den Maidan-Demonstrationen waren. Ebenfalls unerwähnt bleiben die vielen Einmischungen führender Politiker aus Deutschland, Polen, den Vereinigten Staaten und weitere Länder, welche die Menschenmenge auf dem Maidan gegen Janukowitsch und Russland anstachelten.

Vielen der Mängel und Auslassungen von Es war einmal in der Ukraine begegnen wir auch in einem zweiten Film, der in Cottbus gezeigt wurde: Almanac #Babylon ’13—“Chronik der Bürgerproteste”, der auf einseitige Weise die Ereignisse vom Maidan seit Ende November 2013 dokumentiert, und für den ein Konsortium von zwölf jungen Filmemachern verantwortlich zeichnet. Der Film zeigt Dokumentarmaterial vom Beginn der Proteste, die Studenten vor einem Jahr organisierten, und welche sich schnell zu einer gewaltsamen Konfrontation mit staatlichen Sicherheitskräften der Regierung Janukowitsch entwickelten.

Wir sehen einige Demonstranten im Dezember, die versuchen, den Weihnachtsbaum niederzureißen, der nach alter Tradition in der Mitte des Unabhängigkeitsplatzes aufgestellt wird, während andere Demonstranten sie von der Sinnlosigkeit ihrer Tat überzeugen wollen. Eine andere Szene zeigt, was unmittelbar nach dem Sturz der riesigen Lenin-Statue, die den Platz vor dem Parlament geprägt hatte, geschehen war. Der Film verschweigt, dass Militante von der ultrarechten Partei Swoboda für den Abriss der Statue verantwortlich waren.

Stattdessen zeigt Almanac #Babylon ’13 einen Kunststudenten, der die Zerstörung der Statue zwar ablehnt, sie aber als Exponat in einem Museum sehen möchte, das den Verbrechen des Kommunismus gewidmet ist.

Eine weitere interviewte Person, eine junge Frau, erklärt, dass sie in der Stadt aufgewachsen sei und kein Problem mit der Lenin-Statue im Zentrum der Stadt hatte. Eine weitere Szene präsentiert kritiklos Poroschenko, der zu den Massen auf dem Platz spricht und sich als echte Alternative zum Janukowitsch-Regime geriert.

Die Interviews in Almanac #Babylon ’13, wie auch der Streifen als Ganzes, weisen auf einige Probleme hin, vor denen Filmemacher und breitere Bevölkerungsschichten in der Ukraine stehen. Der Antikommunismus wird von Schichten innerhalb der ukrainischen Mittelklasse und von Künstlern entweder offen begrüßt oder sie stehen nationalistischen und faschistischen Ideologien sowie den Aktivitäten von Swoboda und dem Rechten Sektor völlig unkritisch gegenüber oder unterstützen sie sogar.

Gleichzeitig besteht unter großen Bevölkerungsschichten, die solche Organisationen ablehnen, weiterhin Verwirrung und Fehlorientierung über den historischen Fortschritt für die ukrainische Arbeiterklasse, der aus der Oktoberrevolution resultierte, die von Lenin und Trotzki angeführt wurde.

Ein dritter Beitrag, bestehend aus vier Kurzfilmen von jungen ukrainischen Filmemachern, liefert Einblicke in die rückständigen und zunehmend schlimmeren sozialen Bedingungen im Lande, insbesondere im ländlichen Raum. Der Film enthüllt die enormen Belastungen, denen soziale und familiäre Beziehungen durch die jetzige Situation ausgesetzt sind, und vermeidet den nationalistischen Tenor, der in Es war einmal in der Ukraine und in Almanac so hervorsticht. Auf dem Festival bemerkte einer der Filmemacher, dass es seit der Wahl Poroschenkos schwieriger geworden sei, in der Ukraine Filme zu machen, da dieser das staatliche Filmförderprogramm beendet habe, das unter der Regierung Janukowitsch existiert hatte.

Der Kandidat

Zu den interessanteren Filmen beim Cottbuser Festival gehörte Der Kandidat von Regisseur Jonáš Karásek, der schonungslos das politische System in der Slowakei kritisiert. Hauptfigur des Films ist der Chef einer Werbeagentur, der dafür sorgen soll, dass bei den Wahlen, die bereits in zwei Monaten anstehen, ein unbekannter Kandidat zum Staatspräsidenten gewählt wird. Hinter dem Plan stehen dubiose politische „Schmierer“, die der Agentur dafür unbegrenzte Mittel versprechen.

Die Werbeagentur ist ihren westlichen Gegenstücken nachempfunden. Die Wand, vor der Agenturchef Adam Lambert (Marek Majeský) seine Teamgespräche führt, ist mit nationalen Währungen aus der ganzen Welt bepflastert. Seine Mitarbeiter wurden großen internationalen Konzernen und Banken abgeworben.

Lambert selbst wird von einem Sicherheitsdienst beschattet, engagiert von Kräften, deren Identität bis zum Ende des Films im Dunkeln bleibt. Nachdem Lambert den richtigen Dreh gefunden hat, seinen unbekannten Kandidaten gegenüber dessen korruptem Rivalen anzupreisen, entscheidet er, dass ein Sieg in einer Stichwahl nicht genug ist. Damit sein Kandidat in der ersten Runde eine deutliche Mehrheit gewinnt, organisiert Lambert kurz vor den Wahlen einen Mordversuch auf seinen eigenen Kandidaten, um Sympathie für ihn in der Öffentlichkeit zu erzeugen und so das Blatt zu Gunsten seines Kandidaten zu wenden.

Der Kandidat

Lamberts Kandidat wird gewählt, aber am Wahltag selbst tatsächlich ermordet. Lamberts neue Aufgabe besteht nun darin, den Tod seines Kandidaten vor den Medien und der Öffentlichkeit geheim zu halten, bis das Wahlergebnis verkündet wird. Wir erfahren, dass die Amtszeit des Kandidaten die kürzeste eines Präsidenten in der Geschichte der Slowakei war. Einer der Darsteller im Film, der offenkundig für den „kleinen Mann“ in der Slowakei spricht, kommentiert lakonisch: „Besser ein toter Präsident als ein ‚kleineres Übel‘“. Der Kandidat lebt eindeutig von der jüngsten politischen Geschichte der Slowakei. Wikipedia listet nicht weniger als acht große politische Skandale in der Slowakei seit 1993 auf. Darunter befinden sich Wahlmanipulation, geheime Verbindungen zwischen Geheimdiensten und Politikern, Korruption, kriminelle Geschäfte von Politikern und dergleichen mehr.

Der gegenwärtige Premier Robert Fico (ehemals Mitglied der Kommunistischen Partei der Tschechoslowakei) gelangte im Jahr 2012 ins Amt, nach dem sogenannten Gorilla-Skandal. Dieser Skandal wurde nach einer Abhöraktion mit dem Codenamen „Gorilla“ des slowakischen Geheimdienstes benannt, mit der ein großes Ausmaß von Korruption innerhalb der slowakischen Geschäfts- und politischen Elite enthüllt wurde. Es sollte erwähnt werden, dass der „Sozialdemokrat“ Fico zuvor zwischen 2006 und 2010 das Land in einer Koalition mit der rechten, fremdenfeindlichen Slowakischen Nationalpartei regierte. Dem Kandidat gelingt es nicht, eine fortschrittliche Kraft zu benennen, die das Netz der korrupten und kriminellen Beziehungen, die die slowakische Politik dominieren, zerreißen könnte. Der Film tendiert zu einer Sicht der Dinge, dass einfache Slowaken den Botschaften der Werbeagenturen bereitwillig Glauben schenken. Dessen ungeachtet hat der Film, der 2013 Rekordzuschauerzahlen in der Slowakei erreichte, offensichtlich einen Nerv des Publikums getroffen. Und die Themen, die er anspricht, sind in ganz Osteuropa allgegenwärtig.