Eindrucksvoller Dokumentarfilm über Naziverbrechen:

Night will fall

Von Paul Mitchell
5. Dezember 2014

Ein Film des British Film Institute, Regie André Sinder, Drehbuch Lynette Singer, erzählt von Helena Bonham Carter

In der gegenwärtigen Atmosphäre von Militarismus und bewusster Ermutigung rechtsgerichteter Antworten auf den Wirtschaftszusammenbruch von 2008 kommt der Film Night Will Fall zur rechten Zeit. Er zeigt in allen Einzelheiten die Grausamkeit der Naziverbrechen. Sie waren das Produkt der Krise des deutschen Imperialismus, die das Hitler-Regime hervorgebracht hatte.

Es handelt sich um eine Arbeit über einen verlorengegangenen Film mit dem Titel „German Concentration Camps Factual Survey“ (GCCFS) [Bestandsaufnahme der Deutschen Konzentrationslager]. Es war ein offizieller Bericht über die Konzentrationslager, der aus politischen Gründen am Ende des Zweiten Weltkriegs unvollendet ad acta gelegt worden war.

Jetzt, 70 Jahre später, ist dieser Bericht von Experten des Imperial War Museums (IWM) fertig gestellt worden. Sie haben etwa 100 Filmrollen bisher nicht veröffentlichter Aufnahmen gesichtet. Aufgenommen hatten sie speziell ausgebildete Soldaten der Kampftruppen. Es ging darum, die sechste und abschließende Rolle des ursprünglichen Produktionsteams von 1945 wiederherzustellen.

GCCFS ist eine bemerkenswerte Arbeit. Der Film zeigt die furchtbaren Verbrechen des Holocaust aufrüttelnd und präzise. Er beginnt im April 1945 mit dem Marsch britischer Truppen zum Konzentrationslager Bergen-Belsen. Das erste Anzeichen dessen, was sie dort erwartete, war ein schrecklicher Geruch. Dieser, so stellten sie fest, rührte her von der Verbrennung der Berge ausgezehrter Leichen, die zwischen den Gruppen hungernder ausdrucksloser Überlebender aufgehäuft waren.

Der Kameramann Sergeant Mike Lewis beschreibt es: „Wir waren ungefähr zwei Wochen dort und filmten alles. Kein Film, den ich seitdem je gesehen habe, kann die Gefühle der Verzweiflung und der Horrors vermitteln, über das was europäischen Menschen anderen Glaubens dort angetan worden war … Ich dachte, das würde mich mit der Zeit loslassen und ich könnte es vergessen, aber das wird man nie los.“

Ähnliche Gefühle drückte der legendäre Filmregisseur Alfred Hitchcock aus, der als Berater für das GCCFS für die Filmaufnahmen tätig war. Ihm ging es vor allem darum, Wege zu zeigen, wie Vorwürfen zu begegnen wäre, es handle sich um Fälschungen. In den 1970er Jahren erzählte er: „Am Ende des Krieges machte ich bekanntlich einen Film, um die Wirklichkeit der Konzentrationslager zu zeigen. Grauenvoll. Es war grauenvoller als jede Horrorvorstellung in der Fantasie. Dann wollte das niemand sehen. Es war einfach nicht zu ertragen. Aber es blieb all die Jahre in meinem Gedächtnis haften.“

GCCFS enthält Aufnahmen vom Juli 1944, als Sowjettruppen vom Osten her bei Majdanek erstmals in Kontakt mit dem Lagersystem kamen, wo sie in Warenlagern Verschläge voll mit menschlichen Haaren, Zähnen, Kinderspielzeug, Brillen und anderen Habseligkeiten entdeckten.

Gezeigt werden Filmaufnahmen von Auschwitz, das anders als Bergen-Belsen und Majdanek ein Lager für Sklavenarbeit und Vernichtung war. Mehr als eine Million Menschen starben dort in den Gaskammern. Über ihr Schicksal wurde innerhalb von Minuten nach ihrer Ankunft entschieden.

Eine der wenigen Überlebenden, Eva Monzes, beschreibt, wie das vor sich ging: „Die Türen der Viehwagons wurden aufgeschoben. Tausende Menschen strömten heraus. Mein Vater und meine zwei älteren Schwestern verschwanden in der Menge. Ich habe sie niemals wieder gesehen … Eine Frau kam zu meiner Mutter, nahm ihren kleinen Koffer und fragte: ‘Sind die beiden Zwillinge?’ Meine Mutter sagte: ‘Ja’ und die Frau sagte: ‘Warum sagen sie nicht, dass es Zwillinge sind? Es ist eine gute Sache hier, Zwillinge zu haben.’“

Eva und ihre Schwester Miriam gehörten zu den wenigen Zwillingen, die von den 1.500 überlebten, die dort von Dr. Josef Mengele grausamen medizinischen Experimenten unterzogen wurden.

Inmitten des unablässigen Horrors und der Verzweiflung, gibt es aber auch Zeichen der Menschlichkeit. Eine Sequenz zeigt lächelnde Kinder, die glücklich über ihre Rettung sind, eine andere zeigt, wie rasch die hungernden Insassen sich erholen konnten, nachdem ihnen Nahrung, Medizin und Aufmerksamkeit zuteil wurden.

Das GCCFS war im April 1945 vom Oberkommando der Alliierten Streitkräfte (SHAEF) unter dem Befehl des US-Generals Dwight D. Eisenhower zusammengestellt worden. Es hatte die Aufgabe, Beweise zu liefern für Kriegsverbrechen und sollte zur „Umerziehung“ der „besiegten Deutschen“ dienen. Gezeigt werden Märsche von Bewohnern umliegender Orte, die in die Lager geführt werden, um ehemalige SS-Offiziere zu sehen, die die Toten in Massengräbern beerdigen. Das Lächeln und die gute Laune der Zuschauer verschwinden rasch.

Sidney Bernstein, der Leiter der Filmabteilung des britischen Informationsministeriums war zum Produzenten berufen worden. Er stellte ein kleines Team zusammen, dem auch der „bekannteste Redakteur Londons“, Stewart McAllister angehörte. Richard Crossman, der stellvertretende Leiter der SHAEF-Abteilung für psychologische Kriegsführung, eine Unterabteilung des Geheimdienstes Special Operations Executive, wurde als Drehbuchautor verpflichtet. Crossman wurde 1945 Parlamentsabgeordneter der Labour Party und unter Premierminister Harold Wilson (1964-1976) Kabinettsminister und Herausgeber des New Statesman.

Dr. Toby Haggith zufolge, dem Senior Kurator des Imperial War Museums, der für die Restauration und Vervollständigung des GCCFS verantwortlich war, gestaltete sich das Projekt von Anfang an schwierig. Einige hohe britische Beamte wollten das Material zensieren, andere waren dagegen, alles zu zeigen, weil sie die Reaktion des Publikums auf die Grausamkeiten fürchteten, vor allen auf die Nahaufnahmen toter Frauen und Kinder.

Haggith deutete an, es habe “heftige Rivalitäten“ zwischen Großbritannien und den USA über die Richtung gegeben, die der Film verfolgen sollte. Bernstein wollte, dass sein akribischer „systematischer Bericht“ erzieherisch wirken und die Welt besser machen“ sollte, aber die Vertreter der USA wollten einen „hart zuschlagenden Film und sie wollten ihn sofort“.

Die USA zogen im Juli 1945 ihre Unterstützung für die Vollendung der GCCFS zurück. Stattdessen beauftragten sie den Regisseur Billy Wilder, aus dem vorhandenen Material einen kürzeren Film, die Death Mills (Todesmühlen) zusammenzustellen, der dann in der amerikanischen Zone gezeigt wurde.

In Night Will Fall wirdauch über andere Pressionen diskutiert, die die Fertigstellung des Films verhindert haben, wie Bernstein später aufdeckte: „Die Militärführung und das US-Außenministerium entschieden, dass die Deutschen sich in einem Zustand der Apathie befänden und angeregt werden müssten, die Maschine Deutschland wieder in Gang zu bringen. Sie wollten sie nicht mit der Nase auf die Grausamkeiten stoßen.“

Außerdem befanden sich die USA und Großbritannien in einer Kontroverse darüber, was mit den jüdischen Flüchtlingen geschehen solle. Beide wollten deren Zuzug in ihre Länder oder nach Palästina verhindern oder zumindest begrenzen. Daher wollten sie nicht, dass durch die Dokumentation zu viel Sympathie für diese Vertriebenen wegen ihres elenden Schicksals entstand.

Ein Hauptfaktor in dieser Entwicklung aber war der Kalte Krieg. Die unvollendete sechste Filmrolle sollte die Befreiung der Lager im Osten durch die Sowjetarmee zeigen. Aber die Grausamkeiten, die die Sowjets enthüllten, wurden von den USA und Großbritannien als Propaganda abgetan.

Zwar erkennt Night Will Fall an, dass der Beginn des Kalten Kriegs dazu beitrug, dass die GCCFS verschwand, aber dass Tausende von Nazi-Kriegsverbrechern wertvolle Helfer der USA wurden, wird heruntergespielt. Sie halfen in der Nachkriegszeit dabei, den Bundesnachrichtendienst (BND) aufzubauen oder wurden Spione, Forscher und Wissenschaftler im Dienste des US-Militärs oder der Geheimdienste. Mindestens fünf hochrangige Mitarbeiter des Organisators des Holocaust, Adolf Eichmann, wurden nach dem Krieg von der CIA eingestellt.

Night Will Fall endet mit einem Appell, dass so furchtbare Dinge nie wieder geschehen dürfen. Moralische Empörung kann aber ein historisch materialistisches Verständnis der Ursachen derartiger Barbarei aus der Krise des Kapitalismus nicht ersetzen.

Geschichtliche Entwicklungen führten dazu, dass der deutsche Imperialismus sich der nationalsozialistischen Bewegung bediente, um die starke deutsche Arbeiterbewegung zu zerschlagen und um sein Projekt weiter zu verfolgen „Lebensraum im Osten“ zu erobern, das er mit dem Ersten Weltkrieg begonnen hatte. Die Stabilisierung des faschistischen Regimes erforderte die Beseitigung und Auslöschung der „jüdischen Bolschewiken“, die wegen ihrer engen Verbindungen mit der Arbeiterbewegung und dem Marxismus als Bedrohung angesehen wurden. Darüber hinaus nehmen die Rivalitäten zwischen den Imperialistischen Mächten zu und Deutschland versucht erneut seine geostrategischen Interessen zu vertreten. Daher hat es im Osten – in der Ukraine – unter Mithilfe von Faschisten und dem Rechten Sektor einen Staatsstreich unterstützt.

Hier ist ein Trailer von Night Will Fall zu sehen.