WSWS veröffentlicht Interviews mit Kindern der Linken Opposition

Von Fred Williams und Clara Weiss
19. November 2014

In den kommenden Tagen veröffentlicht die WSWS Interviews mit Kindern der sowjetischen Linken Opposition – Tatjana Smilga-Polujan, Sorja Serebrjakow und Juri Primakow – sowie mit Tatjana Isajewa, der Enkeltochter des bedeutenden marxistischen Literaturkritikers Alexander Woronski.

Die Interviews machen den verheerenden Schaden deutlich, den der Stalinismus im historischen Bewusstsein der Gesellschaft hinterlassen hat. Zugleich schaffen sie auf faszinierende Weise Zugang zu einem der komplexesten und bedeutendsten Kapitel der Geschichte der Arbeiterklasse – zur Oktoberrevolution, der frühen Sowjetunion und dem Kampf des Trotzkismus gegen den Stalinismus. Das Leben der Interviewpartner und ihr Kampf zur Verteidigung der historischen Wahrheit über Trotzki und die Linke Opposition zeigen den anhaltenden Einfluss der marxistischen Kultur und des Trotzkismus auf Arbeiter und Intellektuelle in der Sowjetunion trotz Stalinismus.

Lenin und Trotzki auf dem Roten Platz in Moskau 1919

Die Väter von Tatjana Smilga, Sorja Serebrjakowa und Juri Primakow – Iwar Smilga, Leonid Serebrjakow und Witali Primakow – und Alexander Woronski hatten als junge Männer wichtige Rollen in der Oktoberrevolution von 1917 und dem darauffolgenden Bürgerkrieg gespielt. Sie waren schon als Jugendliche den Bolschewiki beigetreten und durch Lenins Kampf für den Aufbau einer unabhängigen Arbeiterpartei erzogen worden. Sie gehören zu einer Generation Revolutionäre, die sich unter dem Eindruck der revolutionären Kämpfe der Arbeiterklasse 1905 und der Katastrophe des Ersten Weltkrieges entschlossen hatten, ihr Leben dem Kampf für eine sozialistische Gesellschaft zu widmen.

Die Oktoberrevolution stellte einen gewaltigen Sprung nach vorn im Kampf für den Sozialismus dar und leitete eine ganze historische Periode von revolutionären Kämpfen der internationalen Arbeiterklasse ein. Wie das Internationale Komitee der Vierten Internationale (IKVI) kurz nach der Auflösung der Sowjetunion betonte, war die Machtergreifung des russischen Proletariats unter Führung der bolschewistischen Partei „… ein positiver Höhepunkt des Klassenkampfs als objektivem historischen Prozess und ein Höhepunkt in der politischen Entwicklung der internationalen Arbeiterbewegung. Trotz des wechselhaften Schicksals des Klassenkampfs hatte in den 70 Jahren vor 1917 eine erstaunliche, historisch beispiellose Entwicklung im politischen Bewusstsein der Massen stattgefunden.“ 1)

Genau diese marxistischen Traditionen und dieses Bewusstsein der Arbeiterklasse versuchte die trotzkistische Bewegung zu bewahren, als der Druck des Imperialismus auf die isolierte Sowjetunion zunahm und der Arbeiterstaat bürokratisch zu degenerieren begann. Die Linke Opposition wurde 1923 von Leo Trotzki – neben Lenin dem wichtigsten Führer der Oktoberrevolution – gegründet und kämpfte während des folgenden Jahrzehnts für die Reform der sowjetischen Kommunistischen Partei und ihre Reorientierung auf das Programm des proletarischen Internationalismus, das die Grundlage für die Revolution gebildet hatte. Serebrjakow, Smilga, Woronski und Primakow waren während der 1920er Jahre bedeutende Führer der Linken Opposition.

Die unerwartete Verspätung der Weltrevolution in den Jahren 1917-1922 setzte den Arbeiterstaat großem wirtschaftlichem und politischem Druck aus. Das noch junge Sowjetregime war nach dem Ende des Bürgerkrieges 1922 mit immensen Aufgaben konfrontiert: die Wirtschaft war auf rund 20 Prozent des Vorkriegsniveaus von 1913 geschrumpft; viele Teile des Landes wurden von Hungersnot erfasst, und der Aufstand in Kronstadt 1921 hatte großen Unmut unter den Bauern und selbst unter Schichten der Arbeiterklasse offen gelegt, die die wichtigste Unterstützungsbasis für die Revolution gewesen waren. Die 1921 eingeführte Neue Ökonomische Politik (NÖP) ließ eine teilweise Restauration des Kapitalismus zu, während gleichzeitig die Schlüsselpositionen in der Wirtschaft unter Kontrolle des Arbeiterstaates blieben. Zwei Jahre nach Beginn des NÖP kündigte sich mit einem unverhältnismäßigen Anstieg der Preise für Industriegüter und dem damit einhergehenden Einbruch der Preise für landwirtschaftliche Produkte eine neue Wirtschaftskrise an und gefährdete das Bündnis zwischen Stadt und Land.

Die wirtschaftlichen Spannungen waren immer häufiger von Verstößen gegen die innerparteiliche Demokratie in der Regierungspartei begleitet: ein wachsender Bürokratismus, in dem sich eine zunehmende Kluft zwischen den oberen Rängen der Partei und den breiten Massen, insbesondere den jungen Arbeitern, ausdrückte, und ein aufkeimenden System von Privilegien, das eine Schicht in der Partei relativ gleichgültig gegenüber der Armut des Großteils der Bevölkerung machte.

Die Gründung der Linken Opposition hing eng mit den Entwicklungen in Deutschland 1923 zusammen. Das Fehlen einer revolutionären Führung, die in Lage gewesen wäre, die Macht zu erobern - was hauptsächlich der Linie der Komintern geschuldet war -- führte zum Scheitern des Aufstands im Oktober. Die Verzögerung der deutschen Revolution, in die viele sowjetische Arbeiter ihre Hoffnung gesetzt hatten, um die internationale Isolation des jungen Arbeiterstaates zu durchbrechen, führte verbreitet zur Demoralisierung der Arbeiterklasse.

Gleichzeitig war Lenin schwer krank. Niemand wusste, ob er sich von den Schlaganfällen, die er 1922 und 1923 erlitt, je wieder erholen würde. Genau so wenig klar war, wer seine führende Rolle innerhalb der Partei im Falle seines Todes übernehmen würde. Auf dem 13. Parteitag im Januar 1924 nahmen die Angriffe auf Trotzki zu. Lenin starb am 21. Januar, und das ganze Land versank in tiefer Trauer.

In den folgenden Monaten ging die Stalin'sche Fraktion noch nicht zu einer frontalen Konfrontation mit Trotzki und seinen Unterstützern in der Linken Opposition über. Doch der Charakter der bolschewistischen Partei veränderte sich deutlich, als anlässlich des „Lenin-Aufgebots“ die Tore der Partei weit geöffnet und Hunderttausende neuer Mitglieder aufgenommen wurden. Viele unter ihnen hatten keinerlei Beziehung zu den revolutionären Traditionen der bolschewistischen Partei, und es gab etliche ausgesprochene Karrieristen ohne jede Verbindung zum Marxismus. In den kommenden innerparteilichen Auseinandersetzungen wurden diese neuen Kräfte mobilisiert, um die Linke Opposition zu unterdrücken.

Im Sommer 1924 diskutierte der Fünfte Kongress der Kommunistischen Internationale die Niederlage der Revolution in Deutschland. Leo Trotzki, der mit den Ergebnissen dieser Diskussion äußerst unzufrieden war, schrieb im September Die Lehren des Oktober als Vorwort zu einem Band seiner Schriften zu 1917. Darin kritisierte er den rechten Flügel, der sich im Jahr 1917 innerhalb der bolschewistischen Partei gegen den Aufstand im Oktober stellte. Zu diesem rechten Flügel gehörten nicht nur Sinowjew und Kamenew, sondern auch Stalin, Molotow und Nogin, die auch wesentlich für die Linie der Komintern zu Deutschland im Jahr 1923 verantwortlich waren. Bald folgten scharfe Angriffe in der so genannten Literarischen Diskussion, in der Stalin, Sinowjew, Kamenew, Bucharin und viele andere plumpe Lügen über Trotzkis Geschichte in der Partei, seine Rolle in der Oktoberrevolution und selbst seine Rolle als Kopf der Roten Armee während des Bürgerkrieges verbreiteten.

Hauptziel der Angriffe war die internationalistische Perspektive des Marxismus, die in Trotzkis Theorie der Permanenten Revolution zusammengefasst war. In seiner Analyse der sozialen Triebkräfte der Russischen Revolution von 1905 hatte Trotzki erklärt, dass die sozialistische Revolution zwar in einem relativ rückständigen Land wie Russland beginnen könnte, ihr Überleben aber von der Ausweitung der Revolution in zumindest einigen der fortgeschrittenen kapitalistischen Länder Europas abhängen würde. Genau diese Perspektive lag dem Programm der Oktoberrevolution und der Politik der bolschewistischen Regierung und Komintern unter Lenin zugrunde.

Im August 1924 erklärte Stalin, dass der Sozialismus in einem Land aufgebaut werden könne – ein nationalistischer Standpunkt, der die internationalistischen Grundlagen des Bolschewismus zurückwies. Als politisches Programm drückte der „Sozialismus in einem Land“ die sozialen Interessen der Bürokratie aus. Sie war unter Bedingungen der internationalen Isolation der verhältnismäßig rückständigen Sowjetunion entstanden, und ihre sozialen Privilegien brachten sie ständig in Konflikt mit der Arbeiterklasse und dem internationalistischen Programm der Revolution. Die Reorientierung der Partei auf die nationalistische Linie, den „Sozialismus in einem Land“ aufzubauen, sollte schließlich die Ermordung der Linken Opposition und fast der gesamten Führung der Oktoberrevolution erfordern.

Dabei handelte es sich um einen langwierigen Prozess, in dessen Folge immer härtere Repressionen verhängt wurden. Mitte der 1920er Jahre wurden viele Unterstützer Trotzkis wie Rakowski, Joffe und Serebrjakow vom Orgbüro unter Stalins Leitung in entfernte Gegenden, teilweise sogar ausländischen Botschaften, versetzt. Andere wurden offen abgesetzt, wie Trotzki, den man vom Posten des Volkskommissars der Armee und Flotte verdrängte. Parteisekretäre, die Sympathie für die Linke Opposition bekundet hatten, wurden ausgewechselt; Arbeiter aus Fabriken entlassen; Armeeführer wie Antonow-Owsejenko, Muralow und Primakow, in unterschiedliche Regionen versetzt; Redakteure wie Woronski, Preobraschenski, Sosnowski und Wilenski-Serebrjakow ihrer Posten bei Zeitungen und Journalen enthoben; Studenten von den Universitäten ausgeschlossen. Leute, die keine Rolle in der Revolution oder dem Bürgerkrieg gespielt oder sogar in beiden Konflikten auf der gegnerischen Seite gestanden hatten, schrieben die Parteigeschichte um.

Ende 1925 brach die Fraktion Stalin-Sinowjew-Kamenew auseinander. Die Linke Opposition zog daraus im April die Schlussfolgerung, dass Sinowjew und Kamenew trotz weiterhin bestehender Differenzen den Druck der Arbeiterklasse in Petrograd (nunmehr Leningrad) und Moskau widerspiegelten, wo sie die jeweiligen Parteikomitees anführten. Im April 1926 wurde die Vereinigte Linke Opposition gegründet.

Ausschlaggebend für die wachsende politische Isolation der Linken Opposition war die Niederlage des britischen Generalstreiks 1926, gefolgt von der verheerenden Niederlage der chinesischen Revolution 1925-1927. In der chinesischen Revolution hatten Stalin und Bucharin sowie der ehemalige Menschewik Martynow, der nun als „Bolschewik“ gehandelt wurde, eine politische Linie ausgearbeitet, mit der die Kommunistische Partei Chinas dem so genannten „Block der vier Klassen“ untergeordnet wurde. Im April 1927 ließ die Kuomintang unter Führung von Chiang Kai-shek ein Massaker unter chinesischen Kommunisten in Shanghai anrichten. Stalin-Bucharin-Martynow hatten darauf bestanden, dass sich die chinesische KP den Forderungen erst der Kuomintang und dann des „linken Flügels“ der Kuomintang unterordnet, der dann ein weiteres Massaker an Arbeitern in Wuhan verübte.

Mitglieder der Linken Opposition 1927. Sitzend: Serebrjakow, Radek, Trotzki, Boguslawski, Preobraschenski. Stehend: Rakowski, Drobnis, Beloborodow, Sosnowski

Als Antwort auf die katastrophalen Ereignisse in China verfasste die Vereinigte Linke Opposition die “Erklärung der 83” vom Mai 1927 und verteilte sie bis zum Fünfzehnten Parteikongress im Dezember. Die Liste der Unterzeichner war beeindruckend: sie umfasst über 3.000 Bolschewiki, von denen viele für ihre Rolle in der Revolution berühmt waren. Trotzki schätzte später die damalige Zahl der Oppositionellen allein in Moskau auf 10.000 bis 20.000.

Die Niederlage der chinesischen Revolution, die auf negative Weise Trotzkis Theorie der Permanenten Revolution bestätigte, stellte einen enormen Rückschlag für die Entwicklung der Weltrevolution dar. Die Desillusionierung und Desorientierung, die sich daraufhin in der Arbeiterklasse breit machten, wurden von der stalinistischen Fraktion in der Partei ausgenutzt, um auf dem Fünfzehnten Parteikongress die Linke Opposition auszuschließen.

Die Teilnahme an Aktivitäten der Opposition galt nun als Verbrechen, für das man unter Artikel 58 des Strafgesetzbuches verurteilt wurde. Trotzki wurde ins Exil geschickt, zunächst nach Alma-Ata in Zentralasien und dann 1929 in die Türkei. Seine Unterstützer waren in verschiedenen Gefängnissen und in der Verbannung in der gesamten Sowjetunion verstreut.

Trotz der ersten Repressionen blieb die Linke Opposition in der Sowjetunion der 1920er Jahre eine wichtige politische und kulturelle Kraft. Besonders unter Jugendlichen und Arbeitern, die die Revolution und den Bürgerkrieg und den Internationalismus der Anfangsperiode erlebt hatten, genoss die Linke Opposition bedeutenden Einfluss. Viele der angesehensten Führer der Revolution – darunter Antonow-Owsejenko, Joffe, Muralow, Smilga, Sosnowski, Serebrjakow, I. N. Smirnow, Preobraschenski, Primakow, Ter-Waganjan, Woronski, und vor allem Leo Trotzki – waren als Linke Oppositionelle bekannt.

Bedeutende Persönlichkeiten des kulturellen Lebens wie die Schriftsteller Boris Pilnjak und Isaak Babel; der Theaterregisseur Wsewolod Meyerhold; der Filmregisseur Sergei Eisenstein; die jungen künftigen Schriftsteller Anatoli Rybakow, Lew Kopelew und Warlam Schalamow; sowie mehrere junge marxistische Philosophen wie Maxim Schirwindt; Olga Tanchilewitsch; Israil Agol und Nikolaj Karew – um nur einige zu nennen – waren Mitglieder oder Sympathisanten der Linken Opposition.

Als Stalin 1928-1929 die „Linkswende“ vollzog und die radikale Kollektivierung und schnelle Industrialisierung verkündete, kapitulierten viele Oppositionelle und baten um Wiederaufnahme in die Partei. Trotzki hat seine ehemaligen Unterstützer, die ihre Prinzipien im Namen des Aufbaus des „Sozialismus in einem Land“ verraten hatten, einer gnadenlosen Kritik unterzogen. Einige von ihnen wurden wie Radek offene Gegner, während andere – zum Beispiel Woronski und Serebrjakow – verstummten und versuchten, einen modus vivendi mit dem stalinistischen Regime zu finden. Manche wurden wieder in die Partei aufgenommen, spielten aber nur eine vergleichsweise unbedeutende Rolle im politischen Leben. Die Schriftsteller unter ihnen wandten sich oft dem 19. Jahrhundert zu und vermieden tunlichst die aktuelle Politik.

In den 1930ern kam es zu neuen Massenkämpfen der Arbeiterklasse in Westeuropa und wachsendem sozialen und politischem Unmut in der Sowjetunion. Die Machtübernahme Hitlers in Deutschland 1933 war ein historischer Wendepunkt. Mit ihrer ultra-linken Linie und der Weigerung, für eine Einheitsfront zwischen den sozialdemokratischen und kommunistischen Arbeitern zu kämpfen, trug die Komintern politisch die Hauptverantwortung für die katastrophale Niederlage der deutschen Arbeiterklasse.

Leo Trotzki schloss aus dieser Niederlage und dem Fehlen jeglicher Diskussion innerhalb der Komintern über ihre bisherige Linie, dass die Dritte Internationale unwiderruflich degeneriert war. Sie hatte sich aus einer Organisation, die für die Weltrevolution gegründet worden war, in ein Instrument der stalinistischen Bürokratie verwandelt, mit dem diese ihre sozialen Privilegien durch das Abwürgen der internationalen Revolution zu bewahren suchte. Als Agentur des Imperialismus innerhalb des Arbeiterstaates musste die Bürokratie in einer politischen Revolution gestürzt werden, um die politische Macht der Arbeiterklasse zurückzugeben und gleichzeitig die sozialen Errungenschaften des Oktobers zu bewahren. Der Kampf für marxistische Führung innerhalb der Arbeiterklasse hing von nun an vom Aufbau der Vierten Internationalen ab.

Seinen schärfsten Ausdruck fand die konterrevolutionäre Rolle des Stalinismus im Massenmord an Trotzkisten und internationalen Kommunisten in den 1930er Jahren. Die Ermordung des führenden Parteimitglieds Sergej Kirow am 1. Dezember 1934 nutzte Stalin als Vorwand für die Massenverhaftung vieler ehemaliger Oppositioneller, die er beschuldigte, politisch für den Mord verantwortlich zu sein. Im August 1936 begann eine Reihe von Schauprozessen, in denen die ehemaligen Führer der Oktoberrevolution der Spionage und Spionage bezichtigt und beschuldigt wurden, gemeinsam mit dem faschistischen Deutschland und Italien die Restauration des Kapitalismus durch die Zerschlagung der Sowjetunion geplant zu haben. Die Dewey Kommission, eine unabhängige Kommission, die im April 1937 einberufen wurde, befand, dass die Moskauer Prozesse „frame-ups“ (auf Falschaussagen beruhende Schauprozesse) waren und erklärten die Hauptangeklagten Leo Trotzki und seinen Sohn Leon Sedow für „nicht schuldig“.

Der Terror, den Stalin am Vorabend des Zweiten Weltkriegs und unter Bedingungen einer bis dahin beispiellosen Krise des Weltkapitalismus gegen sozialistische Arbeiter, Intellektuelle und führende Bolschewiki entfesselte, zielte in erster Linie darauf ab, das Aufkommen einer Massenbewegung der Arbeiterklasse unter trotzkistischer Führung zu verhindern, die den Sturz sowohl der Sowjetbürokratie als auch des Kapitalismus bedeutet hätte.

Im Exil kämpfte Trotzki unermüdlich dafür, die Moskauer Prozesse als Schauprozesse zu entlarven. Er erklärte, dass sie eine blutige Reaktion gegen den Marxismus und die Oktoberrevolution und nicht – wie die Stalinisten und ihre bürgerlichen Apologeten verkündeten – eine Verteidigung gegen „Volksfeinde“ darstellten. Im Jahr 1938 fasste Trotzki die sozialen und politischen Interessen hinter dem Massaker der Stalin-Bürokratie an Revolutionären mit den Worten zusammen:

“Im Kampf um die Macht und Einkünfte war die Bürokratie gezwungen, diejenigen Gruppen zu zerschlagen und zu vernichten, die mit der Vergangenheit verbunden waren, das Programm der Oktoberrevolution kannten und erinnerten und die den Aufgaben des Sozialismus aufrichtig ergeben waren. Die Ausrottung der alten Generation der Bolschewiki und der sozialistischen Elemente der mittleren und jüngeren Generation ist ein notwendiges Teilstück der Anti-Oktober-Reaktion.“ 2)

Im Laufe des Großen Terrors wurden allein in den Jahren 1937-1938 rund eine Million Menschen hingerichtet und weitere Millionen ins Lager geschickt. Viele von ihnen kehrten niemals zurück. Praktisch die gesamte sowjetische Linke Opposition mit ihren rund 30.000 Mitgliedern, die meisten von ihnen Arbeiter und Jugendliche, wurde ausgelöscht.

Eine ganze Generation von sozialistischen Arbeitern wurde ermordet. Tausende herausragende Schriftsteller, Wissenschaftler, Philosophen, Architekten, Regisseure und Musiker wurden verhaftet, gefoltert und getötet. Fast alle Mitglieder der Komintern fielen den Säuberungen zum Opfer. Beinahe der gesamte Kader der Kommunistischen Parteien von Polen, Litauen, Lettland und Jugoslawien wurde vernichtet. Ermordet wurden auch Tausende Kommunisten aus Deutschland und Ungarn, die vor dem Faschismus in die Sowjetunion geflohen waren.

Während in der Sowjetunion Massenhinrichtungen durchgeführt wurden, brachte die stalinistische Geheimpolizei GPU im Spanischen Bürgerkrieg viele weitere Kommunisten um. Der Höhepunkt des Terrors war die Ermordung Leo Trotzkis in Mexiko im August 1940 durch den stalinistischen Agenten Ramon Mercader. Insgesamt brachte Stalin weit mehr Kommunisten und Revolutionäre um als jedes faschistische Regime.

Dann folgte der Zweite Weltkrieg der in den Jahren 1941 bis 1945 rund 27 Millionen sowjetischen Bürgern das Leben kostete, darunter viele junge Arbeiter, die nach der Oktoberrevolution von 1917 geboren und aufgewachsen waren. Die Vernichtung ganzer Generationen von marxistischen Arbeitern und Trotzkisten war entscheidend für die erneute Stabilisierung des Kapitalismus nach dem Weltkrieg. Die revolutionären Kämpfe, die nach Kriegsende weltweit ausbrachen, wurden von der stalinistischen Führung verraten.

Die physische Liquidierung von Trotzkisten in der gesamten Welt durch den Stalinismus, die durch den Faschismus noch ergänzt wurde, führte zu einem enormen Niedergang des politischen Bewusstseins der Arbeiterklasse, dessen Folgen für Generationen zu spüren sein sollten. Noch heute sind viele Namen selbst der bedeutendsten Persönlichkeiten in Politik und Kultur, die einen wichtigen Beitrag zur marxistischen Erziehung der internationalen Arbeiterklasse in dieser Periode geleistet haben, größtenteils unbekannt. Im Bewusstsein von Millionen werden Sozialismus und Marxismus weiterhin fälschlicherweise mit der konterrevolutionären Politik des Stalinismus und dem Terror in der UdSSR in Verbindung gebracht.

Doch obwohl der Stalinismus schrecklichen Schaden im Bewusstsein der Arbeiterklasse weltweit angerichtet hat, konnte er die internationale trotzkistische Bewegung nicht zerstören. Die marxistische Tradition, die der Oktoberrevolution zugrunde lag, der Kampf des Trotzkismus gegen den Stalinismus und alle Formen des kleinbürgerlichen Opportunismus, hat die trotzkistische Bewegung der Nachkriegszeit und nach der Auflösung der Sowjetunion fortgesetzt und weiter entwickelt. Trotzki bemerkte zu Recht vor der Dewey Kommission in seiner Antwort auf die Frage, ob er pessimistische Schlussfolgerungen aus den Moskauer Prozessen ziehe:

“Nein, ich sehe keinen Grund für Pessimismus. Man muss die Geschichte nehmen, wie sie ist. Die Menschheit bewegt sich wie manche Pilgrime: zwei Schritte nach vorn und einen zurück. Während der Rückwärtsbewegung scheint es den Skeptikern und Pessimisten, als sei alles verloren. Doch das ist ein Fehler der historischen Sichtweise. Es ist nichts verloren. Die Menschheit hat sich vom Affen aufwärts zur Komintern entwickelt. Sie wird von der Komintern zum wahren Sozialismus vorrücken. Das Urteil der Kommission zeigt ein weiteres Mal, dass eine wahre Idee stärker ist als die mächtigste Polizei. In dieser Überzeugung liegt die unerschütterliche Grundlage für den revolutionären Optimismus.” 3)

Tatjana Smilga, Sorja Serebrjakowa und Juri Primakow wurden kurz nach der Oktoberrevolution geboren. Sie waren noch Kinder, als sie das pulsierende politische und kulturelle Leben der 1920er Jahre miterlebten und einige der bedeutendsten Menschen kennenlernten, die die Geschichte bisher hervorgebracht hat. Dennoch erinnern sie sich an diese Periode, so widersprüchlich sie auch war, als die anregendste ihres Lebens.

Tatjana Isajewa, die nach dem Zweiten Weltkrieg geboren wurde und nie ihren Großvater, Alexander Woronski, kennenlernte, ist zeitlich noch weiter von der Oktoberrevolution und der Linken Opposition entfernt. Nichtsdestotrotz hat sie ihre gesamte Energie in die Verteidigung der historischen Wahrheit über ihren Großvater, ihre Eltern und viele andere Opfer des Terrors gesteckt.

Der Stalinismus hat ihr Leben überschattet, sowohl im politischen als auch persönlichen Sinne – so wie das Leben von Millionen Arbeitern und Intellektuellen. In der Sowjetunion führte die Bürokratie die Kampagne zur Fälschung der Geschichte der Oktoberrevolution, des Marxismus und vor allem der historischen Rolle und Perspektive Leo Trotzkis unaufhörlich weiter. Ihre Vertreter nach dem Krieg gehörten größtenteils zu den "Rekruten des Jahres 1937" und damit den Apparatschiks, die ihre Karriere auf die Ermordung von Tausenden stützten.

Im Jahr 1949 führte Stalin eine neue Welle von Repressionen mit der offen antisemitischen “Anti-Kosmopoliten-Kampagne” durch. Viele Kinder ehemaliger Oppositioneller wurden noch einmal verhaftet und erst während des sogenannten Tauwetters unter Chruschtschow 1956 wieder freigelassen. In dieser Periode einer teilweisen Entstalinisierung, zu der sich die Bürokratie angesichts einer tiefen wirtschaftlichen und politischen Krise gezwungen sah, kam es außerdem zur posthumen Rehabilitierung von einigen – aber bei weitem nicht allen – ehemaligen Oppositionellen. Der Name Leo Trotzkis blieb fast bis zur Auflösung der Sowjetunion 1991 ein Tabu.

Die nächste Welle von Rehabilitierungen folgte erst in der Perestroika, und zwar besonders in den letzten Jahren des Bestehens der Sowjetunion von 1988 bis 1991. Sie erfolgten auf zwei Ebenen, der Parteiebene und der rechtlichen Ebene. So konnte einerseits der Oberste Gerichtshof erklären, ein bestimmtes Opfer habe keine Verbrechen als „Volksfeind“ begangen, andererseits aber die Kommunistische Partei eine Wiederherstellung der Parteimitgliedschaft dieses Opfers verweigern. In diesem Falle bekamen die Nachgebliebenen deutlich weniger finanzielle Unterstützung.

Trotzki wurde in der Sowjetunion auf keiner dieser beiden Ebenen je rehabilitiert. Es gibt Hinweise, dass er unter dem Jelzin-Regime 1992 von zwei Straftaten im Bereich der anti-sowjetischen Aktivitäten (für die er 1929 ins Exil geschickt und ihm 1932 seine sowjetische Staatsbürgerschaft aberkannt wurde) freigesprochen wurde. Aber er wurde nie von der inzwischen nicht mehr existierenden Kommunistischen Partei der Sowjetunion rehabilitiert.

Für die Tatsache, dass die sowjetische und osteuropäische Arbeiterklasse nach der Vernichtung der Linken Opposition in der UdSSR durch den Stalinismus auch in der Nachkriegsperiode vom Trotzkismus isoliert blieb, ist der Pablismus verantwortlich. Als revisionistische Tendenz innerhalb der Vierten Internationale schrieb er der stalinistischen Bürokratie eine fortschrittliche historische Rolle zu und trat weltweit für die Liquidierung der trotzkistischen Bewegung in die stalinistischen und sozialdemokratischen Massenparteien sowie in die nationalen revolutionären Bewegungen der rückständigen Länder ein. Mit dieser opportunistischen Perspektive desorientierte der Pablismus Arbeiter auf der ganzen Welt und zerstörte politisch Tausende von trotzkistischen Kadern. Dieser Verrat erlebte seinen Höhepunkt in den Jahren 1985-1991, als die Pablisten enthusiastisch die kapitalistische Restauration der stalinistischen Bürokratien begrüßten und sich gleichzeitig als „Trotzkisten“ ausgaben.

Seitdem die Sowjetunion aufgelöst wurde und weltweit soziale Gegensätze und die Gefahr von imperialistischen Kriegen zunehmen, arbeiten die russische Oligarchie und ihre westlichen Pendants mit einer ganzen Armee von Akademikern an der Verfälschung der Geschichte der Oktoberrevolution und der Sowjetunion. Sie schreiben Apologien für den Stalinismus und greifen das Leben und Werk Leo Trotzkis an. In dieser Kampagne stützen sie sich in erster Linie auf die historischen Fälschungen der stalinistischen Bürokratie und den verheerenden politischen Schaden, die sie im historischen Bewusstsein der Arbeiterklasse angerichtet haben.

Angesichts dieser Bedingungen ist es von großer politischer Bedeutung, dass Tatjana Smilga, Sorja Serebrjakowa, Juri Primakow und Tatjana Isajewa ihr Leben trotz des gigantischen politischen und persönlichen Drucks sowohl zurzeit als auch in der Zeit nach der Sowjetunion der Verteidigung der historischen Wahrheit über ihre Familien und damit einem bedeutenden Teil der Geschichte des Trotzkismus gewidmet haben. Wie Nadeschda Joffe, die Tochter des Oppositionellen Adolph Joffe, und besonders der Soziologe Wadim Rogowin, dessen monumentale siebenbändige Geschichte der Linken Opposition zu den bedeutendsten Beiträgen zur Geschichte der Sowjetunion in den vergangenen Jahrzehnten gehören, haben diese vier Nachfahren von Linken Oppositionellen dem unaufhörlichen Angriff auf das Bewusstsein der Arbeiterklasse über eine längere historische Periode hinweg Widerstand geleistet.

Dabei handelte es sich nicht einfach um eine persönliche Entscheidung. Ihr Blick auf diese Geschichte ist zwar persönlich, aber ihr Mut und ihre Ausdauer in diesem schwierigen Kampf für historische Wahrheit drücken ein tiefes Bewusstsein über die objektive Bedeutung aus, die diese Geschichte für die Gesellschaft und die Zukunft der Menschheit hat. Mit ihrem Kampf haben sie einen wichtigen Beitrag zur Wiederbelebung und Vertiefung des historischen Bewusstseins der Arbeiterklasse geleistet.

Zu einem Zeitpunkt, wo Arbeiter ein Jahrhundert nach Beginn des Ersten Weltkriegs und 25 Jahre nach dem Zusammenbruch des Stalinismus auf der ganzen Welt in eine neue Periode von revolutionären Aufständen treten, ist diese Geschichte von herausragender Bedeutung. Die Kontinuität der Linken Opposition und ihres Kampfs gegen den Stalinismus, die im Internationalen Komitee der Vierten Internationale verkörpert ist, stellt einen wesentlichen Bestandteil der Geschichte der Arbeiterklasse dar, die Arbeiter und Jugendliche im Kampf für den Sozialismus studieren müssen.

1) David North: Nach dem Ende der UdSSR: Der Kampf für den Marxismus und die Aufgaben der Vierten Internationale. Bericht vor dem 12. Plenum des IKVI am 11. März 1992, in: Vierte Internationale, Jg. 19 Nr. 1, S. 72.

2) Leo Trotzki: Schriften 1. Sowjetgesellschaft und stalinistische Diktatur. Bd. 1.2 (1936-1940), S. 1141.

3) “Biulleten‘ oppozitsii,” 1938, Nr. 62-63, S. 5-6. Übersetzung zitiert aus: Wadim Rogowin: Die Partei der Hingerichteten, Essen 1999, S. 375.