Lokführer setzen Streik fort

Von unseren Korrespondenten
7. November 2014

Die Lokführer und Zugbegleiter der Gewerkschaft GDL setzen ihren Streik fort. Seit gestern wird neben dem Güter- auch der Personenverkehr bestreikt. Während Medien und Politik alles daran setzen, die Lokführer zu diffamieren, ist die Sympathie in der Bevölkerung groß.

Lokführer am Berliner Ostbahnhof

 

Der Bahn-Vorstand hatte am Donnerstag beim Arbeitsgericht Frankfurt Klage gegen den Streik der Lokführer eingereicht und versucht, eine einstweilige Verfügung zu erwirken. Am Abend schlugen die Richter einen Vergleich vor, der aber zunächst nicht veröffentlicht wurde. Zunächst blieb unklar, ob die Tarifparteien dem Vorschlag zustimmen oder das Gericht noch eine Entscheidung trifft.

Im Morgenmagazin der ARD hatte der GDL-Vorsitzende Claus Weselsky am Donnerstag noch erklärt, die Grundlage jeder Einigung müsse die Anerkennung der GDL als Verhandlungspartnerin für die bei ihr organisierten Zugbegleiter sein. „Die Bahn hat darauf zu verzichten, die Grundrechte von Lokführern und Zugbegleitern zu verletzen“, sagte Weselsky. Bisher hatte sich die Bahn strikt geweigert, mit der GDL gesonderte Tarifverträge abzuschließen.

Das juristische Vorgehen der Bahn wurde von einer wüsten Medienkampagne gegen die Lokführer begleitet. Vertreter sämtlicher Parteien griffen die Streikenden an und forderten ein Ende des Arbeitskampfes. In der Bevölkerung stößt der Streik hingegen auf Sympathie.

Am Berliner Ostbahnhof versammelten sich Dutzende Streikende, um die Fahrgäste über ihre Standpunkte zu informieren.

Jürgen

 

Jürgen, der als Lokführer arbeitet, geht auf den Zusammenhang zwischen der Privatisierung der Bahn und der Verschlechterung der Arbeitsbedingungen ein: „Die Bahn baut immer nur ab. Es darf nichts Geld kosten. Pflege und Wartung werden vernachlässigt, Werkstattpersonal abgebaut. Ich übernehme als Lokführer mittlerweile die Aufgabe vom Zugführer, vom Wagenmeister, vom Zugbereitsteller und vielem mehr. Alles fürs gleiche Geld.“

Der Lokführer Axel erklärt, dass die Arbeitsbedingungen in den letzten Jahren immer schlechter wurden und Rationalisierung die einzige Richtschnur sei: „Die Schichten werden immer mehr danach ausgerichtet, dass sie effektiv sind. Pausen werden so kurz bemessen, dass es nicht mehr geht. Lokführer werden durch das ganze Land geschickt, müssen in Hotels übernachten und werden so von ihren Familien getrennt. Die Kollegen nennen das Freiheitsberaubung. Die Bahn fährt so viele Züge. Warum lässt sich das nicht anders organisieren?“

Es zähle nicht mehr der Mitarbeiter, sondern nur noch die Effizienz. „Alle Zeiten werden beinahe in Sekunden bemessen.“ Diese Belastung führe auf der anderen Seite dazu, dass Personal abgebaut werde, während die Verbliebenen immer mehr Überstunden anhäuften. „Deshalb wollen wir die Arbeitsbedingungen des gesamten Zugpersonals verbessern.“

In dem Streik gehe es auch um das Recht, sich in einer unabhängigen Gewerkschaft zu organisieren und zu streiken, betont Axel. „Das Grundprinzip einer großen Gewerkschaft ist eigentlich gut, weil sie stark ist“, sagt er. „Aber man muss sich schon die Frage stellen, warum die DGB-Gewerkschaften so viele Mitglieder verlieren. Warum teilweise der Marburger Bund mehr Mitarbeiter im Krankenhaus organisiert als Verdi. Die Arbeiter fühlen sich von den Gewerkschaften nicht mehr vertreten.“

Mirko

 

„Man muss sich einfach mal die Geschichte angucken“, wirft Lokführer Mirko ein. „Dann kann man sehen, warum die Leute aus der EVG austreten. Die Gewerkschaft und ihre Vorläufer haben zusammen mit der SPD die Privatisierung organisiert.“ Seither sei es nur noch um die Gewinnmaximierung gegangen. „Die EVG hat alles mitgemacht.“

Auch Uwe, ein Lokführer aus Berlin, sieht die Verteidigung des Streikrechts als zentrale Aufgabe des Arbeitskampfs: „Vor 25 Jahren sind wir für unsere Grundrechte auf die Straße gegangen. Wir haben die Einheitsgewerkschaft abgeschafft, weil wir darin als Arbeitnehmer nicht vertreten wurden. Jetzt sollen wir diese Grundrechte aufgeben und uns wieder in eine Riesengewerkschaft zwingen lassen. Was will die Politik da von uns?“

Neben den Lokführern sind auch viele Zugbegleiter und andere Mitarbeiter der Bahn anwesend, die in den letzten Jahren von der EVG zur GDL gewechselt sind. Eine Zugbegleiterin erklärt, sie sei in die GDL eingetreten, nachdem der Chef der EVG-Vorläuferin Transnet, Norbert Hansen, in den Vorstand der Bahn gewechselt sei und dafür Millionen kassiert habe. „Da dachte ich: das ist keine Gewerkschaft, die meine Interessen vertreten wird.“

Auf dem Hauptbahnhof in Stuttgart ist vom Streik weniger zu bemerken. In Süddeutschland ist der Anteil beamteter Lokführer deutlich höher als im Rest des Landes. Ihnen ist es verboten zu streiken. Zwei beamtete Kollegen drücken ihre volle Solidarität mit den Streikenden aus. Schockiert sind sie über die Hetze in den Medien.

Auch Fahrgäste zeigen sich solidarisch und lehnen die Medienkampagne ab. „Als Arbeitnehmer unterstütze ich den Streik“, sagt ein Fahrgast, „auch wenn ich über eine Stunde auf meinen Zug warten muss. Streik ist immer ein Mittel, um Forderungen durchzusetzen, die einem sonst verwehrt werden.“

Patrizia

 

Auf dem Essener Hauptbahnhof sprechen wir mit Patrizia, die im Pflegebereich arbeitet und eigentlich aus Leipzig kommt. Die Medienhetze gegen die Lokführer vergleicht sie mit Kriegsberichterstattung. „Wie im Krieg ist das erste Opfer die Wahrheit“, sagt sie.

Die Medien stellten es so dar, als handle es sich bei der Auseinandersetzung um einen reinen Machtkampf der Gewerkschaften. „Mit dieser Darstellung bin ich nicht einverstanden. Die kleinen Gewerkschaften sind nicht überflüssig.“

Mit den großen Gewerkschaften habe sie im Pflegebereich bereits sehr schlechte Erfahrungen machen können. „Verdi kämpft vor allem für ihre eigenen Interessen, aber nicht für die Mitarbeiter.“ Das Recht auf eigene Gewerkschaften und unabhängige Streiks müsse verteidigt werden.