Europäische Staats- und Regierungschefs nutzen Gedenken an Ersten Weltkrieg, um auf neue Kriege zu drängen

Von Stefan Steinberg
7. August 2014

Politische und militärische Führer aus Europa und den USA haben die Gedenkveranstaltungen zum hundertsten Jahrestag des Beginns des Ersten Weltkriegs zum Anlass genommen, auf neue Kriege zu drängen.

Am 4. August 1914 erklärte die britische Regierung Deutschland nach dessen Einmarsch in Belgien den Krieg. Am gleichen Tag stimmten die Reichstagsabgeordneten - darunter alle Abgeordneten der SPD - einstimmig für Kriegskredite zur Finanzierung der deutschen Kriegsanstrengungen. Der Krieg zwischen den europäischen Mächten, der daraufhin begann, forderte fast 40 Millionen Todesopfer.

An den Gedenkveranstaltungen, die am Montag und Dienstag im belgischen Lüttich stattfanden, nahmen Vertreter von 83 Ländern teil, darunter Könige, Präsidenten und Militärführer aus vielen Ländern, die am Ersten Weltkrieg beteiligt waren. Die USA schickten eine Delegation, die vom Staatssekretär des Heeres John M. McHugh angeführt wurde.

In der Region um Lüttich fanden einige der blutigsten Kämpfe des Ersten Weltkrieges statt. Während des Jahre andauernden erbitterten Grabenkrieges kamen mehr als vier Millionen Soldaten ums Leben. Vor diesem Hintergrund erklärte der französische Präsident Francois Hollande am Montag in seiner Grundsatzrede vor den versammelten europäischen und internationalen Würdenträgern, die wichtigste Lehre, die man aus dem Krieg ziehen müsse, sei diejenige, dass man heute nicht neutral bleiben könne.

Hollande bezog sich direkt auf die Konflikte, die in der Ukraine und dem Nahen Osten toben und machte deutlich, dass sich der französische Imperialismus auf neue militärische Konfrontationen vorbereitet. Er wich angeblich von seiner vorbereiteten Rede ab und erklärte, Europa könne nicht neutral bleiben, wenn nicht weit von Europa ein Volk für seine Rechte und seine territoriale Integrität kämpfe, ein ziviles Flugzeug abgeschossen werde, im Irak die Zivilbevölkerung massakriert und in Syrien Minderheiten verfolgt würden.

Hollande fuhr fort, man könne nicht neutral bleiben, sondern habe die Pflicht zu handeln, wenn im Gazastreifen seit über einem Monat ein mörderischer Konflikt stattfindet. Europa sei, gemeinsam mit der UN, in der Pflicht zu handeln.

Hollande zog aus dem Sterben von Millionen Menschen im Ersten Weltkrieg den Schluss, dass neue Militärinterventionen vorbereitet werden müssten. Man dürfe nicht nur einen Erinnerungskult betreiben, sondern müsse sich seiner Verantwortung stellen.

Dann lobte Hollande die Europäische Union als die "verrückte Idee“, ein Modell für Zusammenarbeit und Fortschritt zu schaffen und warnte vor der Gefahr "nationaler Selbstsucht."

Bundespräsident Joachim Gauck wiederholte in seiner Rede in Lüttich Hollandes Verweise auf die Verantwortung der Großmächte.

Gauck erklärte: "Millionen Menschen leiden unter Gewalt und Terror, Millionen sind auf der Flucht. Immer noch werden politische, ethnische oder religiöse Überzeugungen instrumentalisiert, um als Rechtfertigung von Gewalt und Mord zu dienen. Wir sind deshalb als Repräsentanten so vieler Länder heute nicht nur im Gedenken vereint, wir erinnern uns auch daran, dass wir gemeinsam eine Verantwortung haben für die Welt."

Der britische Prinz William, der im Namen seiner Regierung sprach, erwähnte ebenfalls die Ereignisse in der Ukraine, die zeigten, dass der Kontinent auch weiterhin unter Instabilität leide. Daraufhin lobte er die Zusammenarbeit zwischen ehemaligen europäischen Gegnern, die "seit drei Generationen zusammenarbeiten, um die Demokratie und die Rechtsstaatlichkeit in ganz Europa zu festigen und zu verbreiten und unsere gemeinsamen Werte auf der ganzen Welt zu fördern."

Die Äußerungen von Hollande, Gauck und Prinz William zeigen den völligen Bankrott des europäischen Kapitalismus. Sie nehmen das Gedenken an das Massensterben des Ersten Weltkrieges zum Anlass, sich für eine aggressive Politik einzusetzen, die zu einem noch größeren weltweiten Krieg führen könnte.

Im Februar haben die USA und Deutschland, mit der Unterstützung Frankreichs und Großbritanniens rechtsextreme und nationalistische Milizen aufgebaut, um die gewählte ukrainische Regierung zu stürzen und die aktuelle, eskalierende militärische Konfrontation mit Russland zu provozieren.

Erst letzte Woche schloss sich die Europäische Union den USA bei der Durchsetzung drastischer Wirtschaftssanktionen gegen Russland an. Gleichzeitig liefert die EU der Ukraine Waffen, obwohl Anfang des Jahres eine offizielle Resolution verabschiedet wurde, die solche Waffenexporte verbietet.

Im Nahen Osten haben die USA und die europäischen Mächte extrem rechte islamische Kräfte unterstützt, um gewählte Regierungen zu stürzen und damit die ganze Region ins Chaos gestürzt.

Im Laufe des letzten Monats haben die gleichen Mächte die israelische Regierung bedingungslos bei ihrer Terrorkampagne gegen die palästinensische Bevölkerung unterstützt.

In Frankreich hat Hollande Demonstrationen gegen den Krieg im Gazastreifen verboten, in der Bundesrepublik hat Gauck eine Hetzkampagne angeführt, die alle, die Israels Massaker an den Palästinensern im Gazastreifen verurteilen, als "Antisemiten" brandmarkt. An dem Tag, an dem Hollande und Gauck in Lüttich ihre Reden hielten, stieg die Zahl der Todesopfer durch den Krieg des zionistischen Regimes im Gazastreifen auf über 1.800.

Jetzt erklären diese europäischen Staats- und Regierungschefs, die Blut an den Händen haben und in ihren eigenen Ländern zunehmend verhasst sind, die europäischen Mächte müssten mehr "Verantwortung" für die Welt übernehmen. Ihre Äußerungen machen deutlich, dass neue militärische Katastrophen für die arbeitenden Massen in Europa und der Welt vorbereitet werden.

Das steckt hinter Hollandes Appell in Lüttich, hinsichtlich des Ersten Weltkrieges keinen "Erinnerungskult" zu betreiben. Bei ihren Versuchen, das imperialistische Blutvergießen des 21. Jahrhunderts zu rechtfertigen, sehen sie es als ihre wichtigste Aufgabe, die historische Erinnerung an die Verbrechen des Imperialismus im 20. Jahrhundert zu verwischen.