Die Lehren des 4. August

5. August 2014

In dieser Woche jährt sich zum hundertsten Mal jener verhängnisvolle Tag, an dem die deutsche Sozialdemokratie den Kriegskrediten für den Ersten Weltkrieg zustimmte. In all den vielen Publikationen, Dokumentationen, Ausstellungen und Sondersendungen, die zum Jahrestag des Beginns des Weltkriegs gegenwärtig erscheinen und stattfinden, wird dieses Ereignis meist übergangen oder nur am Rande erwähnt. Und doch war es von welthistorischer Bedeutung.

Als die SPD-Fraktion im Reichstag am 4. August 1914 geschlossen dem Antrag auf Bewilligung von Kriegskrediten zustimmte und Hugo Haase, der seit August Bebels Tod 1913 gemeinsam mit Friedrich Ebert die Partei leitete, erklärte: „Wir lassen in der Stunde der Gefahr das eigene Vaterland nicht im Stich“, brach im Reichstag Jubel aus. Reichskanzler Bethmann Hollweg und die konservativen, deutsch-nationalen Abgeordneten hatten zwar auf eine sozialdemokratische Mehrheit bei der Abstimmung gehofft. Aber eine einstimmige Unterstützung der Kriegspolitik des Kaisers hatten sie nicht erwartet.

Der Widerstand der Arbeiter gegen den Krieg war bekannt und gefürchtet. Nur wenige Tage vor dem Parlamentsbeschluss hatten Hunderttausende in Berlin gegen den Krieg demonstriert.

Im Aufruf zu dieser Demonstration schrieb die SPD am 25. Juli 1914: „Das klassenbewusste Proletariat Deutschlands erhebt im Namen der Menschlichkeit und der Kultur flammenden Protest gegen dies verbrecherische Treiben der Kriegshetzer. Es fordert gebieterisch von der deutschen Regierung, dass sie ihren Einfluss auf die österreichische Regierung zur Aufrechterhaltung des Friedens ausübe, und falls der schändliche Krieg nicht zu verhindern sein sollte, sich jeder kriegerischen Einmischung enthalte. Kein Tropfen Blut eines deutschen Soldaten darf dem Machtkitzel der österreichischen Gewalthaber, den imperialistischen Profitinteressen geopfert werden.“

Dieser Demonstrationsaufruf war in völliger Übereinstimmung mit der offiziellen Parteilinie. Über vier Jahrzehnte lang hatte die SPD die Arbeiter im Sinne der internationalen Solidarität und der Feindschaft gegen den Imperialismus erzogen. Im November 1912 hatte sie eine führende Rolle auf dem Internationalen Sozialisten-Kongress in Basel gespielt, der die europäischen Arbeiter nachdrücklich zum Widerstand gegen den Krieg aufrief.

Im abschließenden, von allen großen sozialistischen Parteien Europas unterzeichneten Manifest hieß es damals: „Der Kongress ... fordert die Arbeiter aller Länder auf, dem kapitalistischen Imperialismus die Kraft der internationalen Solidarität des Proletariats entgegenzustellen.“ Das Manifest drohte den „herrschenden Klassen aller Staaten“ im Kriegsfall mit revolutionären Konsequenzen und warnte: „Es wäre Wahnwitz, wenn die Regierungen nicht begreifen würden, dass schon der bloße Gedanke der Ungeheuerlichkeit eines Weltkrieges die Entrüstung und Empörung der Arbeiterklasse hervorrufen muss. Die Proletarier empfinden es als ein Verbrechen, aufeinander zu schießen zum Vorteile des Profits der Kapitalisten, des Ehrgeizes der Dynastien oder zu höherer Ehre diplomatischer Geheimverträge.“

Am 4. August 1914 brach die SPD-Führung mit diesen Grundsätzen. Rosa Luxemburg geißelte das Ereignis mit den Worten: „Noch nie, seit es eine Geschichte der Klassenkämpfe, seit es politische Parteien gibt, hat es eine Partei gegeben, die in dieser Weise, nach fünfzigjährigem unaufhörlichem Wachstum, nachdem sie sich eine Machtstellung ersten Ranges erobert, nachdem sie Millionen um sich geschart hatte, sich binnen vierundzwanzig Stunden so gänzlich als politischer Faktor in blauen Dunst aufgelöst hatte wie die deutsche Sozialdemokratie.“

Luxemburg schlussfolgerte: „Am 4. August 1914 hat die deutsche Sozialdemokratie politisch abgedankt, und gleichzeitig ist die sozialistische Internationale zusammengebrochen.“

Bereits ein Jahr nach Kriegsausbruch schrieb Leo Trotzki, der die Stimmung der europäischen Massen aufmerksam beobachtete: „Wenn die sozialistischen Parteien, auch wenn sie nicht in der Lage waren, den Krieg zu verhindern oder in seiner ersten Phase die Regierenden zur Verantwortung zu ziehen, von Anfang an jegliche Verantwortung für das weltweite Völkergemetzel abgelehnt hätten ... -- wie groß wäre jetzt die Autorität des internationalen Sozialismus, zu dem die Massen, betrogen vom Militarismus und niedergedrückt von Trauer und wachsender Not, immer stärker ihre Blicke wenden würden wie zu einem wahren Hirten der Völker! ... Und jenes Befreiungsprogramm, das jetzt einzelne Sektionen der zerschlagenen Internationale am Ende des Stabstrosses durch den blutigen Schmutz ziehen, würde zur machtvollen Realität bei der internationalen Offensive des sozialistischen Proletariats gegen alle Kräfte der alten Gesellschaft.“

In seiner scharfsinnigen Analyse des Zusammenbruchs der Zweiten Internationale mit dem Titel „Der Krieg und die Internationale“ erklärte Trotzki den starken gesellschaftlichen Druck, der dem Anwachsen des nationalen Opportunismus zugrunde lag. Wie die Entwicklung der Wirtschaft hatte sich auch die Entwicklung der Arbeiterbewegung vorwiegend im nationalen Rahmen vollzogen. Alle Programme, die von einer nationalen, statt internationalen, sozialistischen Perspektive ausgingen, brachen mit dem Beginn des Ersten Weltkriegs zusammen.

„Der Krieg von 1914 verkündet die Zertrümmerung der nationalen Staaten“, schrieb Trotzki und erklärte: „Die sozialistischen Parteien der nun abgeschlossenen Epoche waren nationale Parteien. Mit allen Verzweigungen ihrer Organisationen, ihrer Tätigkeit und Psychologie waren sie mit den nationalen Staaten zusammengewachsen, und entgegen den feierlichen Beteuerungen ihrer Kongresse erhoben sie sich zur Verteidigung der konservativen staatlichen Gebilde, als der auf nationalem Boden emporgewachsene Imperialismus mit dem Schwerte die überlebten nationalen Schlagbäume umzureißen begann. In ihrem historischen Zusammenbruch ziehen die nationalen Staaten die nationalen sozialistischen Parteien mit.“

Der systematische Kampf der Bolschewiki gegen nationalen Opportunismus, vor dem die SPD kapitulierte, bereitete sie auf die revolutionären Klassenauseinandersetzungen vor, die 1917 in Russland ausbrachen.

Lenin hatte bereits 1903 in seiner Schrift „Was tun?“ betont, dass sozialistisches Bewusstsein nicht spontan im Klassenkampf entsteht, sondern durch die revolutionäre Partei „von außen“ – das heißt außerhalb der unmittelbaren betrieblichen Auseinandersetzungen – in die Arbeiterklasse gebracht werden muss.

Das vorherrschende gesellschaftliche Bewusstsein ist immer das Bewusstsein der herrschenden Klasse, erklärte er. Daher besteht die Aufgabe der Partei in einem ständigen, unermüdlichen und kompromisslosen politischen Kampf gegen alle Formen und Spielarten des Opportunismus, der immer ein Ausdruck bürgerlichen Bewusstseins innerhalb der Arbeiterbewegung ist. Der Charakter der Partei, jeder Aspekt ihrer Arbeitsweise und Perspektive muss auf dieses Ziel ausgerichtet sein.

Die politische Unabhängigkeit der Arbeiterklasse kann nur in diesem ständigen Kampf für revolutionären Internationalismus gegen nationalen Opportunismus geschaffen werden.

Angesichts der rapiden Zuspitzung der politischen Situation heute, die das Risiko eines neuen Weltkriegs mit atomar gerüsteten Großmächten birgt, ausgehend von der Offensive der USA, der EU und der NATO gegen Russland in der Ukraine-Krise und der Politik des "Pivot to Asia" (Orientierung auf Asien), die sich gegen China richtet, gewinnen diese Lehren sehr große, unmittelbare Bedeutung.

Ulrich Rippert