WM-Debakel für Brasilien

Soziale Spannungen nehmen zu

Von Bill Van Auken
11. Juli 2014

Die vernichtende Niederlage der brasilianischen Fußballnationalmannschaft, der Selecao (Auswahl), gegen Deutschland mit 7:1 hat zu einer Welle von erbitterten Anschuldigungen im Gastgeberland der Fußballweltmeisterschaft (WM) geführt, das lange Zeit als führende Fußballnation galt. Die großen Tageszeitungen brachten hysterische Schlagzeilen, in denen von "Demütigung," "Schmach" und "Schande" die Rede war, eine forderte den Trainer des brasilianischen Teams offen auf, "zur Hölle zu fahren."

Trotz dieser Verteufelungen und Bedrohungen muss man für die brasilianischen Spieler, die eines der jüngsten Teams bildeten, das das Land je aufgestellt hat, tiefes Mitgefühl zu empfinden. Sie waren ohne ihren international anerkannten Stürmer Neymar, der sich im Viertelfinalspiel gegen Kolumbien den Rücken gebrochen hatte, und ohne ihren Kapitän Thiago Silva angetreten, der im gleichen Spiel gesperrt wurde.

Demonstration gegen die Weltmeisterschaft Anfang des Jahres. [Foto: Victor Prat]

Viele Sportjournalisten haben sich gefragt, ob das Spiel angesichts der unnachgiebigen Spielführung der Deutschen, die in sechs Minuten vier Tore schossen, wesentlich anders verlaufen wäre, wenn am Dienstag einer von ihnen oder beide im Mineirao-Stadion in Belo Horizonte dabei gewesen wären. Sie schrieben auch, dass die Schwächen in der Leistung des brasilianischen Teams bereits in früheren Spielen sichtbar waren.

Es gab auch andere beunruhigende Anzeichen. Der Psychologe des Teams wurde herbeigerufen, um den brasilianischen Spielern zu helfen, die im Abseits saßen und weinten, einige von ihnen schluchzten unkontrollierbar.

Der immense psychische Druck, der auf den Spielern lastete, muss eine große Rolle bei der Niederlage gegen Deutschland gespielt haben. Ihnen wurde eindeutig klar gemacht, dass die Regierung von ihnen den Sieg erwartete. Sie hat massive Mittel investiert, um die Weltmeisterschaft, die von 1,6 Milliarden Menschen auf der ganzen Welt gesehen wird, zu nutzen, der Welt den Aufstieg des brasilianischen Kapitalismus auf der Weltbühne zu präsentieren.

Dass die Weltmeisterschaft und andere Sportveranstaltungen für solche politischen Zwecke ausgenutzt werden, ist nichts Neues. Eines der berüchtigtsten Beispiele war die Weltmeisterschaft von 1978, deren Gastgeber die argentinische Diktatur von General Jorge Videla war. Die politischen Gefangenen in den Folterzentren konnten den Jubel über einen argentinischen Sieg hören, der benutzt wurde, um das blutrünstige Regime zu legitimieren.

Allerdings war die Bedeutung, welche die brasilianische PT-Regierung (Arbeiterpartei) der WM beigemessen hat (und das Geld, das sie aufgewendet hat) nahezu beispiellos. Als der internationale Fußballverband FIFA dem Land 2007 die WM zuschlug, erklärte der damalige Präsident Luiz Inacio Lula da Silva: "Was wir hier übernehmen, ist im Kern eine Verantwortung als Nation, als Regierung, der Welt zu beweisen, dass wir eine wachsende, stabile Wirtschaft sind, dass wir eines der Länder sind, das sich Stabilität erarbeitet hat."

Zu diesem Zweck verteilte die Regierung mehr als elf Milliarden Dollar aus Steuergeldern an Privatunternehmen, um Stadien und Infrastruktur aufzubauen, die nichts mit den drängenden sozialen Bedürfnissen der 200 Millionen Einwohner des Landes zu tun haben. Alleine die Kosten für die Stadien wurden um 300 Prozent überzogen, die geplanten Investitionen in die Infrastruktur, darunter eine Hochgeschwindigkeitszugstrecke zwischen Rio und Sao Paulo, wurden nie verwirklicht oder wurden nicht rechtzeitig fertig.

Um die "Stabilität" zu schaffen, von der Lula sprach, und die von der FIFA gefordert wurde, wurden eine Viertelmillion Menschen zwangsweise umgesiedelt, tausende von Familien wurden dabei obdachlos. Die militarisierte brasilianische Polizei besetzte die Favelas genannten Elendsviertel und verhängte praktisch das Kriegsrecht über die Austragungsorte der Spiele, Proteste wurden rücksichtslos unterdrückt. Berichten zufolge wurden Straßenkinder und Obdachlose von Todesschwadronen der Polizei getötet.

Für die jungen brasilianischen Spieler war es zweifellos auch bedrückend, dass die Mehrheit ihrer Landsleute die WM in Brasilien ablehnen, obwohl die Nation historisch gesehen mit Fußball identifiziert wird. Eine Umfrage im Vorfeld der Spiele zeigte, dass 61 Prozent der Bevölkerung die Veranstaltung für schlecht für das Land hielten.

Die Spiele standen 2013 im Zentrum von massiven landesweiten Protesten, an denen Millionen Menschen teilnahmen und sich ursprünglich gegen die Erhöhung der Fahrpreise im öffentlichen Nahverkehr richteten. Bei den Protesten wurde gefordert, Gelder anstatt für FIFA-Stadien für Bildung, medizinische Versorgung und Wohnungsbau auszugeben.

Diese Proteste verebbten zwar, größtenteils aufgrund ihres unklaren Klassencharakters und dem Fehlen einer klaren Führung oder eines Programms, allerdings auch aufgrund der gewaltsamen Unterdrückung. Die Feindschaft gegenüber der WM wuchs weiter an und fand ihren stärksten Ausdruck in der Arbeiterklasse.

Nur wenige Wochen vor Beginn der WM wurde der Bus der brasilianischen Mannschaft auf dem Weg zum Trainingslager von einer Menschenmenge blockiert. Hunderte von streikenden Lehrern besetzten die Straße, schlugen gegen das Fahrzeug und riefen Parolen gegen die Kosten für die WM und forderten, das Geld stattdessen für die unterbezahlten Lehrer und die unterfinanzierten Schulen auszugeben.

Abgesehen von der wachsenden Unzufriedenheit ist auch die brasilianische Wirtschaft in diesem Jahr um gerade mal 1,0 Prozent gewachsen, obwohl die Inflation stetig ansteigt. Und obwohl die PT-Regierung sich damit brüstet, mit minimalen sozialen Hilfsprogrammen wie "Bolsa Familia" und "Brasil sem Miseria" zwanzig Millionen Menschen aus der Armut geholt zu haben, ist die Kluft der Ungleichheit zwischen der Masse der arbeitenden Bevölkerung und der dünnen Schicht, die die wirtschaftliche und politische Macht für sich mit Beschlag belegt, größer als je zuvor. Und viele Millionen derer, die die Medien heute optimistisch als "Mittelschicht" bezeichnen, stehen kurz davor, in extreme Armut zurückzufallen.

Die politischen Auswirkungen der WM werden von Brasilien bis zur Wall Street vorsichtig abgewogen. Alle wichtigen Präsidentschaftskandidaten - darunter die amtierende Präsidentin Dilma Rousseff von der PT - veröffentlichten Beileidsbekundungen an die brasilianische Bevölkerung. Die politische Rechte freut sich darauf, die Niederlage bei der WM auszunutzen, um der Herrschaft der PT bei den Wahlen im Oktober ein Ende zu bereiten.

Große Kontingente von Militärpolizisten in voller Kampfausrüstung marschierten nach der Niederlage in Belo Horizonte, Sao Paulo, Rio de Janeiro und anderen brasilianischen Städten durch die Straßen und die siegreiche deutsche Mannschaft wurde auf ihrem Weg aus dem Stadion von einer massiven Polizeieskorte begleitet.

Es gab jedoch kaum Proteste. Im Stadion selbst stimmten besser gestellte Fans obszöne Gesänge gegen Präsidentin Rousseff an, wie sie es bereits bei der Eröffnung der Weltmeisterschaft im letzten Monat getan hatten. Für die PT ist das von politischer Bedeutung, da dies zeigt, dass sie von den privilegierten Klassen abgelehnt wird, deren Interessen sie in Wirklichkeit dient, obwohl der Widerstand von unten wächst - von denjenigen, die sie zu vertreten vorgibt.

In Sao Paulo wurden mehrere Busse angezündet, ein Elektrogeschäft wurde geplündert, in einigen Kneipen, in denen sich Fans versammelt hatten, um das Spiel zu sehen, kam es zu Schlägereien.

Dass es in der Bevölkerung als Reaktion auf die WM-Niederlage nicht sofort Unruhen gab, überrascht nicht angesichts der Tatsache, dass die letzten Massenproteste das Ziel hatten, gegen die WM zu protestieren. Dennoch hat man bei der Angelegenheit das Gefühl wachsender Wut. Die WM wird am Sonntag enden, aber ihre Folgen wird man in der sozialen und politischen Entwicklung des größten Landes Lateinamerikas vermutlich noch lange Zeit spüren.

Der brasilianische Teamkapitän David Luis entschuldigte sich nach der verheerenden Niederlage in einer emotionalen Stellungnahme "bei allen Brasilianern" und erklärte: "Ich wollte nur, dass alle lächeln. Gott weiß, wie sehr ich wollte, dass ganz Brasilien glücklich über seinen Fußball ist."

Er fügte hinzu: "Ich hoffe, die Fans, die brasilianische Bevölkerung, nutzen die Nationalmannschaft und unsere Nähe dazu, um nach anderen Dingen im Leben zu streben, nicht nur Dingen, die mit Fußball zu tun haben."

Der 27-jährige Fußballer erklärte zwar nicht eindeutig, was er meinte, aber es besteht kein Zweifel, das die Massen der brasilianischen arbeitenden Bevölkerung in der nahen Zukunft den Kampf für die "anderen Dinge im Leben" aufnehmen werden, die ihnen vom Profitsystem und der bestehenden politischen Ordnung, die es verteidigt, verweigert werden.