Ein großer sowjetischer Film über den Zweiten Weltkrieg

Nie wieder Krieg! Die Antikriegsbotschaft von Die Kraniche ziehen (1957)

Von Dorota Niemitz
5. Juli 2014

Fast siebzig Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg, dem blutigsten Krieg in der Geschichte der Menschheit, ist der Planet erneut von einem militärischen Konflikt im Weltmaßstab bedroht.

Ohne einen Hauch von Schamesröte nahm die Europäische Union (EU) im Jahr 2012 den ihr verliehenen Friedensnobelpreis an. Sie und ihre Vorgängerinnen hätten „über sechzig Jahre lang einen Beitrag zu Frieden, Aussöhnung, Demokratie und Menschenrechten in Europa geleistet.“ Diese Aussage stellt die Wirklichkeit auf den Kopf.

Die EU hat in ihrer 62-jährigen Geschichte Regimewechsel und kriminelle Kriege auf der ganzen Welt unterstützt, darunter jene im Irak und in Afghanistan. Vor kurzem hat die EU zusammen mit den Vereinigten Staaten einen rechten Putsch in der Ukraine organisiert, der in einen blutigen Bürgerkrieg mündete und die Gefahr einer Konfrontation mit der Atommacht Russland birgt.

Die Kraniche ziehen

Diese finstere Farce eines „Friedenspreises“ sowie die Heuchelei der Großmächte stießen praktisch auf keinerlei Widerspruch. In den Mainstream-Medien erhebt sich keine einzige Stimme gegen die aktuelle Kriegstreiberei. Auch entstand in jüngster Zeit kein einziger Film, der gegen die imperialistischen Kriegsvorbereitungen Stellung bezogen hätte. Der nachdenkliche Kinogänger empfindet eine eklatante Leere, und spürt die schlimme Krise der Filmindustrie und des Kulturschaffens im Allgemeinen, das aufgehört hat, unsere Gegenwart auf bedeutsame Weise darzustellen.

Da es keine neuen Filme gibt, die ein klares „Nein zum Krieg“ aussprechen, hielt es die Rezensentin für nötig, einen Film in Erinnerung zu rufen, den sie für einen der besten je gedrehten Antikriegsfilm hält: Die Kraniche ziehen, der 1957 in der UdSSR entstand. Der Film war der einzige sowjetische Film, der jemals die Goldene Palme bei den Filmfestspielen von Cannes gewann (im Jahr 1958), und er eroberte ein breites Publikum im Westen, darunter auch in den Vereinigten Staaten, wo er im März 1960 anlief.

Die Kraniche ziehen erzählt die Geschichte zweier junger Menschen, Boris (Alexei Batalow) und Weronika (Tatjana Samoilowa), die verliebt sind und heiraten wollen. Sie müssen ihr Vorhaben aufschieben, als die deutsche Armee 1941 in die Sowjetunion einfällt. Boris, ein aufrechter und uneigennütziger junger Mann, meldet sich freiwillig zur sowjetischen Armee, bevor er eingezogen wird. Später wird er als vermisst gemeldet. Weronika, die bei einem Bombenangriff ihre Eltern verliert und ihren Verlobten nicht vergessen kann, wird in eine Ehe mit Boris’ Vetter Mark gedrängt, der ihr in Boris‘ Abwesenheit nachstellt, nachdem er sich um die Einberufung herummogeln konnte.

Alexei Batalow (Boris) and Tatjana Samoilowa (Weronika)

Die Kraniche ziehen basiert auf Wiktor Rosows Drama Die ewig Lebenden (1943) und ist eine komplexe und wahre Geschichte von Menschen, deren Recht, ihr eigenes Leben zu leben, vom Krieg und den damit einhergehenden Leiden und Traumatisierungen rücksichtslos zerstört wird.

Wäre Stalin 1953 nicht gestorben, dann wäre Die Kraniche ziehen wahrscheinlich nicht gedreht worden. Der sowjetische Filmregisseur Michail Kalatosow (1903-1973), der im georgischen Tiflis zur Welt kam, drehte ihn, seinen bekanntesten Film, im Jahr 1958, während der sogenannten Tauwetterperiode in der UdSSR. Nach Stalins Tod hielt Nikita Chruschtschow, der Erste Parteisekretär, auf dem XX. Parteitag der Kommunistischen Partei im Jahr 1956 seine berühmte „Geheimrede“, in welcher er Stalin verurteilte und einen Teil seiner Verbrechen enthüllte. Damit bewirkte er eine größere Umbildung innerhalb der Partei und einige Veränderungen in der sowjetischen Gesellschaft, darunter eine weitergehende Meinungsfreiheit.

Chruschtschows Rede und das politische “Tauwetter” allgemein hatten erheblichen Einfluss auf die Künste und besonders auf die Filmschaffenden, weil finanzielle Mittel bereitgestellt und die Zensur gelockert wurde. Vom Staat kontrollierte Filmstudios wie Mosfilm, das größte im Lande, wo Die Kraniche ziehen produziert wurde, erhielten finanzielle Unterstützung für neue Filme. Historische Filme, insbesondere über die Oktoberrevolution und den Zweiten Weltkrieg, wurden ermutigt.

“Den Meistern der Filmkunst wurde der Weg zur Überwindung des ‚Personenkults’, wie die Stalinära genannt wurde, aufgezeigt. Leninistische Auffassungen von der ‘Partijnost’ (Parteigeist) wurden wieder anerkannt und jene Bereiche gestärkt, welche das kulturell-politische Leben der Nation anregen und fördern sollten,“ kommentierte Louis Harris Cohen im Jahr 1974 in seinem Buch The Cultural-Political Traditions and Developments of the Soviet Cinema 1917-1972 [Die kulturpolitischen Traditionen und Entwicklungen des sowjetischen Kinos 1917-1972 – aus dem Englischen].

In früheren sowjetischen Filmen über den Zweiten Weltkrieg wurde die historische Wahrheit verfälscht, um den Bedürfnissen der stalinistischen Propaganda über die sowjetischen Kriegsanstrengungen zu genügen, die stets siegreich und patriotisch, durchgehend eindimensional und heroisch zu sein hatten. In Streifen wie Der Fall von Berlin (1950, Micheil Tschiaureli) wurde Stalin als persönlich verantwortlich für den Sieg im Krieg dargestellt. Die Kraniche ziehen war der erste Film, der mit dieser Tradition brach.

Kalatosows Film konfrontiert uns mit Szenen, die der Wochenschaukriegsberichterstattung gleichen: zerbombte Gebäude, zersplittertes Glas, Menschen in Panik, schreiende Kinder und auf sich allein gestellte Waisen, Gruppen verwundeter Soldaten ohne Augen, Arme oder Beine, den Dreck und Schlamm des Kampfgebietes. Die Kraniche ziehen ist ein Meisterwerk des Antikriegskinos, weil er den militärischen Konflikt in der Wahrnehmung seiner wahren Opfer zeigt, einfache Menschen, die dem alptraumhaften Strudel der zerstörerischen Gewalten des Krieges nicht entrinnen können.

Nach dem Bombenangriff

Der in schwarzweiß gedrehte Film - wohl um die düsteren Gegebenheiten zu zeichnen, aber auch um einer Dokumentation zu ähneln - erstaunt den Betrachter durch die Schönheit seiner Bilder. Kameramann Sergei Urussewski (1908-1974), bekannt für Der letzte Schuss (1956, Grigori Tschuchrai) und Kalatosows Ich bin Kuba (1964), schuf ein visuelles Meisterwerk, in welchem die Bilder oft eine prominentere Rolle spielen als der Dialog.

Kalatosow, der zu Beginn seiner Karriere Stummfilme gedreht hatte, nutzt Stilmittel aus der Stummfilmzeit. Er ließ Urussewski überwältigende Großaufnahmen von Gesichtern mit großer Ausdruckskraft machen, arbeitet mit schnellen und plötzlichen Kamerabewegungen, oft mit der Hand geführt, mit raschen Perspektivwechsel und kurzen Einstellungen, um emotionale Zustände von Panik oder Angst darzustellen, aber auch mit starren mittleren und langen Einstellungen, um Traumatisierungen auszudrücken.

Die Szene, die Boris’ Tod im Morast durch das Bild sich gegen den Himmel drehender Birkenbäume darstellt, ist einfach atemberaubend – genau so stellt man sich das Zusammenbrechen und Sterben wohl vor. In der Szene, in der Weronika verzweifelt und vielleicht mit Selbstmordabsichten an Zuggleisen entlang rennt, fühlen wir ihre Panik, ihren kurzen Atem, den Taumel ihres emotionalen Zusammenbruchs und die Spannung der Todesnähe.

Boris' Tod

In der Tradition von Sergei Eisenstein wird die schöne Wendeltreppe, auf der Boris in der Verheißung von Leben und Glück hinter Weronika herläuft, später mit der von Bomben zerstörten Treppe in Kontrast gesetzt, die Weronika zu der schockierenden Erkenntnis führt, dass ihre Eltern einfach verschwunden sind. Das Einzige, was nach dem Bombenangriff von ihrer Wohnung übrigblieb, ist eine laut tickende Wanduhr die Weronika auf quälende Weise daran erinnert, dass das Leben keine Notiz nimmt von ihrem Verlust und einfach weitergeht.

Es gibt auch Hoffnung in Kalatosows Film, die Hoffnung auf die Wiedergeburt eines neuen Lebens, symbolisiert durch den V-förmigen Flug eines Kranichzugs über Moskau.

Die bitteren Erfahrungen der beiden imperialistischen Kriege sollten nicht vergessen werden, ebenso wenig die Lehren aus den Verrätereien des Stalinismus, die den Zweiten Weltkrieg und die ungeheuren Verluste an Menschenleben möglich machten. Die gegenwärtige Ukraine-Krise ist die Folge derselben stalinistischen Politik, welche zum Zusammenbruch der Sowjetunion führte.

Es ist dringend geboten, den Kampf gegen den in Fahrt gekommenen Militarismus und die Vorbereitungen zu einem weiteren Weltkrieg aufzunehmen. Nur die Beseitigung des unmenschlichen Profitsystems ist der Weg hierzu, denn „[e]rst nachdem wir die Bourgeoisie in der ganzen Welt, und nicht nur in einem Lande niedergeworfen, vollständig besiegt und expropriiert haben, werden Kriege unmöglich werden.“

Diese Worte stammen von Wladimir Iljitsch Lenin [Lenin-Werke, Bd. 23, S. 74], dessen kleine Statuette stolz auf Boris’ Schreibtisch in Die Kraniche ziehen steht.

Die Rezensentin hofft, dass die heutigen Zuschauer den Film und seine Antikriegsbotschaft ebenso kraft- und bedeutungsvoll finden werden wie das Publikum bei seiner Uraufführung. Wir hoffen, dass wir die grauenvollen Kriegsbilder, die Die Kraniche ziehen zeigt, niemals wieder sehen müssen. Abschließend zitieren wir aus der Rede von Boris’ Freund Stepan, die dieser in der Schlussszene des Films vor versammelter Menge am Bahnhof hielt:

“Die Zeit wird weitergehen,

die Menschen werden ihre Städte und ihre Dörfer wieder aufbauen,

und unsere Wunden werden vernarben,

aber niemals erlischt unser Hass gegen den Krieg.

Wir fühlen aufs Tiefste den Schmerz derer mit, die heute ihre Lieben nicht wiedersehen,

und wir werden alles tun, dass keine Mutter mehr um ihren Sohn zittern muss,

dass kein Vater mehr heimlich mit den Tränen kämpft.

Wir haben gesiegt und wir sind am Leben geblieben, aber nicht um zu zerstören,

sondern um neues Leben aufzubauen!“

Diese Rezension ist zugleich eine Respektsbekundung für die große russische Schauspielerin Tatjana Samoilowa, die vor kurzem, am 5. Mai 2014, im Alter von 80 Jahren starb.

Der Film ist über Amazon zu beziehen.