Edlef Köppens „Heeresbericht“: ein bedeutender Roman zum Ersten Weltkrieg

Von Clara Weiss
1. Juli 2014

Seit einigen Jahren ist Edlef Köppens Roman „Heeresbericht“ über den Ersten Weltkrieg wieder in mehreren Formaten zugänglich. Er ist als gebundenes, als Taschen- und als Hörbuch sowie in elektronischer Form erschienen. Im Projekt Gutenberg ist er kostenlos abrufbar. Angesichts des hundertsten Jahrestags des Beginns des Ersten Weltkriegs ist der „Heeresbericht“ eine hochaktuelle Lektüre.

Im Zentrum des Romans steht der Student Adolf Reisiger, der 21-jährig im Sommer 1914 wie viele andere in einer Aufwallung von Patriotismus und Kriegsbegeisterung freiwillig in den Krieg zieht. Der Roman schildert seine Erlebnisse; zuerst an der Westfront, in Frankreich, dann wenige Monate an der Ostfront, bis er schließlich die endgültige Niederlage der deutschen Armee im Sommer 1918 miterlebt. Bis dahin ist er zum Offizier aufgestiegen, doch von seiner anfänglichen Begeisterung für den Krieg ist nichts mehr übrig.

Reisiger erlebt die ersten Gasangriffe in Frankreich. Für die Soldaten handelt es sich anfangs um ein militärtechnisches Novum. Die ersten Berichte über Gasangriffe werden mit einem trockenen „Viel Lärm um nichts“ kommentiert, doch die verheerenden Folgen sollten sich schon bald zeigen.

In dem Roman versichert der deutsche Oberarzt, der den Soldaten zeigt, wie man die Gasmasken zu tragen hat: „Wir halten uns selbstverständlich an die Gesetze des Völkerrechts, das von den Schweinen da drüben oft genug mit Füßen getreten wird, aber wir machen ihnen die Hölle so heiß wie möglich.“

Flandern, deutsche Soldaten in Gasangriff (Bundesarchiv)

Wenige Seiten später zitiert Köppen trocken Berichte aus Zeitungen über den Gasangriff der Deutschen auf die französische Armee: „Die Gaswolke traf einen vornehmlich von einer französischen Kolonial-Division besetzten Frontabschnitt zwischen Bixschoote und Langemark, trug Schrecken und Verwirrung in ihre Reihen und bewirkte insgesamt 15.000 Gasvergiftete, davon 5.000 Tote.“

Die Schilderung der Massenschlächtereien während des Krieges ist in einer schlichten und nüchternen Sprache gehalten. Gerade durch diesen klaren Erzählstil wird die Bestialität auf erschütternder Art und Weise deutlich.

So ist die Beschreibung eines Kavallerieangriffs der Alliierten ebenso meisterhaft wie verstörend: „Maschinengewehre zwischen die schlagenden Beine der Pferde, dass die zerzackten Stümpfe über die Erde schlurren, Schrapnells vor die Brust, Granaten unter den Bauch, Bündel schwefelgelber Stichflammen, Säulen aus braunem Rauch, Fontänen armdick. Blut und Gedärme, hoch geschleudert Glieder und Rümpfe aus Menschen und Tieren. Das alles, soweit sich das Massiv dehnt, von Loos bis zur Halde. … Stehend freihändig bringt die deutsche Infanterie ihre Fangschüsse an. Bis Alles reglos im Blutbrei erstickt.“

Reisiger und seine Kameraden sehen immer weniger Sinn in der Massenschlächterei. Spätestens 1917 sind die Soldaten überwältigend kriegsmüde. Reisiger wird in diesen Monaten an die Ost-Front verlegt. Kurz zuvor ist er zum Offizier befördert worden, obwohl er 1916 pazifistische Gedichte in der linkssozialistischen Zeitung Die Aktion veröffentlicht hat. Nun erlebt er an der Ost-Front, wie die russischen Soldaten in Massen desertieren. Wenige Monate später setzt die Sowjetregierung, die im Oktober unter Führung der Bolschewiki an die Macht gekommen ist, dem Krieg ein Ende.

Doch auch nach dem Frieden von Brest-Litowsk, dessen Bedingungen der Sowjetregierung aufgezwungen wurden, führt die deutsche Regierung den Krieg weiter. Reisiger wird wieder an die Westfront verlegt, wo die deutsche Heeresleitung den Alliierten einen vernichtenden Schlag versetzen will. Er ist als Offizier an der Vorbereitung der Offensive im Sommer 1918 beteiligt, die jedoch in einer verheerenden Niederlage für die Deutschen endet. Das Kräfteverhältnis der Alliierten, die nun um amerikanische Truppen verstärkt worden sind, gegenüber den Deutschen ist 7 Millionen zu 2,5 Millionen Mann.

Nachdem die deutsche Armee von den Alliierten praktisch überrannt wurde, desertiert Reisiger. Er erklärt seinen Vorgesetzten, dass er den Krieg für das größte aller Verbrechen hält und nicht mehr daran teilhaben will. Dafür wird er ins Irrenhaus gesteckt.

Das Besondere am „Heeresbericht“ ist, dass in den Erzählstrang von Anfang an zeitgenössische Dokumente eingeflochten sind: Ausschnitte aus deutschen Zeitungsartikeln, die die massive Kriegspropaganda wiedergeben; Äußerungen von Generälen und Kaiser Wilhelm II.; Lexikons-Artikel; Zensurverordnungen; der Friedensaufruf, den die Sowjetregierung nach der siegreichen Oktoberrevolution 1917 an die Völker der Welt richtete.

Auch die Schlachten, an denen Reisiger sich beteiligt, werden nicht nur aus Erzählerperspektive berichtet, sondern um Zeitungsartikel oder auch Einträge aus historischen Arbeiten, die später verfasst wurden, ergänzt.

Auf diese Weise wird nicht nur der enorme Gegensatz zwischen der Kriegspropaganda und der bestialischen Realität des Krieges deutlich, der das Leben von Millionen Menschen zerstörte. Der Leser bekommt auch einen sonst selten vermittelten Einblick in das politisch-kulturelle Klima der Zeit.

Gerade dieser fast dokumentarische Charakter des Romans macht die enorme Erschütterung des Bewusstseins und Weltbildes von Millionen Soldaten und Zivilisten während des Krieges sehr gut nachvollziehbar: viele Soldaten, aber auch Zivilisten glaubten der Kriegspropaganda zu Beginn des Krieges. Die brutale Realität an der Front, die Massenarmut, der Hunger und die Verzweiflung der zurückgebliebenen Familien ließen von diesem Glauben und den Illusionen in die herrschende Ordnung nichts mehr übrig.

Edlef Köppen

Der Autor Edlef Köppen, geboren 1893, hatte selbst wie Reisiger vier Jahre im Krieg gekämpft. Während der 1920er Jahre arbeitete er als Rundfunkredakteur und veröffentlichte Gedichte. Den autobiographisch gefärbten Roman verfasste Köppen in den späten zwanziger Jahren. Er erschien im Jahr 1930, zwei Jahre nach Erich Maria Remarques weltberühmt gewordenem Roman „Im Westen nichts Neues“.

Die beginnende Weltwirtschaftskrise 1928 hatte den Ersten Weltkrieg wieder zu einem heftig diskutierten Thema in der Weimarer Republik gemacht. Zum Teil als Antwort auf Remarques Anti-Kriegsbuch, von dem in wenigen Jahren hunderttausende Exemplare verkauft wurden, setzte um 1930 eine Überflutung des Buchmarktes mit rechtspatriotischen Kriegsromanen ein.

Dieser Umstand, sowie die überwältigende Popularität von Remarques Roman, ließen den „Heeresbericht“ in den Hintergrund treten. Die Rezensionen waren trotzdem überwiegend positiv. Der Schriftsteller Ernst Toller schrieb: „Köppens Buch müsste Hunderttausende Leser finden, in Deutschland, in allen anderen Ländern.“

Der „Heeresbericht“ erschien zwar noch 1931 unter dem Titel „Higher Command“ auf Englisch. Er wurde jedoch weder in Deutschland noch im Ausland je ansatzweise so bekannt wie andere Anti-Kriegs-Romane.

Die Nazis verbrannten das Buch 1933. Köppen konnte zwar noch einige Arbeiten unter Pseudonym in Berliner Zeitungen veröffentlichen, zog sich aber bald – wie viele oppositionelle Intellektuelle – in den Filmbetrieb zurück. Er begann beim Verlag TOBIS zu arbeiten, geriet jedoch in ernsthafte Konflikte mit den Nationalsozialisten, als der Filmverlag Goebbels Propagandaministerium unterstellt wurde.

Köppen weigerte sich, der NSDAP beizutreten und antisemitische und pro-nazistische Filme ins Programm aufzunehmen. Er starb im Februar 1939, wenige Monate vor Beginn des Zweiten Weltkrieges, im Alter von nur 46 Jahren an den Spätfolgen seiner Kriegsverletzung. Sein Roman blieb weitgehend vergessen. Erst in den 1970er Jahren erschien er wieder auf Deutsch.

Obgleich der „Heeresbericht“ in jeder Hinsicht sehr anders gestaltet ist als „Im Westen nichts Neues“, steht er dem berühmteren Roman von Remarque an literarischer Qualität in nichts nach. In einer Situation, in der sich die imperialistischen Mächte wieder auf einen neuen Weltkrieg vorbereiten und die Medien wieder die Kriegstrommel rühren, verdient der „Heeresbericht“ eine breite Leserschaft.