Die amerikanischen Medien und das Debakel im Irak

18. Juni 2014

Chelsea (Bradley) Manning hat in seiner Zelle im Militärgefängnis in Fort Leavenworth, Kansas eine Kolumne geschrieben, die die wahren Ursachen für das .aktuelle Debakel des US-Imperialismus im Irak besser beleuchtet als alle verlogenen, eigennützigen Artikel der gut bezahlten "Experten" in der New York Times, der Washington Post und der anderen großen Nachrichtenmedien zusammen.

Die Kolumne des inhaftierten US-Soldaten, die am Sonntag in der New York Times erschien, soll die Rolle enthüllen, die die Geheimniskrämerei der Regierung und ihre Kontrolle über die Medien gespielt haben, der amerikanischen Bevölkerung einen Angriffskrieg zu verkaufen, der auf der Grundlage von Lügen begonnen wurde.

Manning betont, dass der plötzliche Zusammenbruch des irakischen Militärs, das von den USA ausgebildet und finanziert wurde, und das Abgleiten des Landes in einen offenen sektiererischen Bürgerkrieg nur zeigen, dass die Probleme, die ihn dazu motivierten, WikiLeaks fast 700.000 Geheimdokumente über den Irak und Afghanistan und die außenpolitischen Intrigen der USA auf der ganzen Welt zuzuspielen, "noch nicht gelöst sind."

Indem er die Wand aus Geheimhaltung und Fehlinformationen durchbrach, die die Regierung und die Medien errichtet hatten, zog er den Zorn des amerikanischen herrschenden Establishments auf sich. Der Soldat und ehemalige Geheimdienstanalyst verbüßt mittlerweile eine 35-jährige Haftstrafe. Im April lehnte ein General des Heeres ein Gnadengesuch ab.

Manning befasst sich mit der Reaktion der USA auf die Wahl von Premierminister Nuri al-Maliki im Jahr 2010, der vier Jahre zuvor vom amerikanischen Besatzungsregime eingesetzt worden war. Der inhaftierte Soldat weist darauf hin, dass die amerikanische Presse die "die Wahl allgemein zum Erfolg erklärte," um den Eindruck zu erwecken, der amerikanische Krieg habe einen "stabilen und demokratischen Irak hervorgebracht."

Er schreibt, in dieser Zeit hätten er und andere Militäranalysten in Bagdad ständig Berichte über "ein brutales Vorgehen gegen politische Dissidenten durch das irakische Innenministerium und die staatliche Polizei " erhalten, die im Auftrag von Maliki handelten. Gegner des von den USA unterstützten Premierministers wurden "oft gefoltert oder sogar getötet."

Manning entlarvt die direkte Komplizenschaft des US-Militärs bei diesen Verbrechen und berichtet, er habe den verantwortlichen amerikanischen Offizier in Bagdad darüber informiert, dass fünfzehn Personen, die wegen der Veröffentlichung einer Kritik an Malikis Regierung verhaftet wurden, "absolut keine Verbindungen zum Terrorismus hatten." Der Kommandant antwortete darauf, er "brauche diese Information nicht, stattdessen sollte ich der Staatspolizei dabei helfen, weitere 'antiirakische' Druckereien zu finden."

Er schreibt: "Ich war schockiert über die Komplizenschaft unseres Militärs bei der Korruption, die diese Wahl umgab. Aber die amerikanischen Medien nahmen diese zutiefst beunruhigenden Details nicht zur Kenntnis."

Diese Darstellung entlarvt die Behauptungen der amerikanischen Medien als Lügen, das aktuelle Debakel im Irak sei "allein Malikis Schuld".

Manning erklärt die starken Unterschiede zwischen der Entwicklung im Irak und ihrer Darstellung in den Medien teilweise mit der Zensur der Kriegsberichterstattung durch das Pentagon durch dessen System von "eingebetteten Journalisten." Er schreibt, Reporter, die gute Beziehungen zum Militär hatten und wohlwollend darüber berichteten, bekamen Zugang, diejenigen die Skandale, Verbrechen und Lügen aufdeckten, mussten damit rechnen, auf eine schwarze Liste gesetzt zu werden.

Zweifellos hat dieses System militärischer Zensur eine wichtige Rolle darin gespielt, den grausamen und kriminellen Charakter des Krieges vor der amerikanischen Bevölkerung zu verheimlichen, der mehr als eine Million irakische und fast 4.500 amerikanische Todesopfer gefordert und zehntausende Verwundete gekostet hat.

Allerdings begann der Prozess des "Einbettens" schon, bevor Bush seine "Shock and Awe"-Kriegsführung gegen Bagdad anordnete, und umfasste nicht nur Kriegsberichterstatter, sondern auch die führenden Kolumnisten, Redakteure und Herausgeber der großen Zeitungen und Nachrichtenmedien.

Menschen wie der Times-Herausgeber Arthur Ochs Sulzberger und der damalige Chefredakteur Bill Keller stellten sich und ihre Zeitungen uneingeschränkt in den Dienst einer Kampagne, deren Ziel es war, die amerikanische Öffentlichkeit für einen Angriffskrieg gegen den Irak zu gewinnen. Sie beschlossen, die Lügen der Regierung über irakische "Massenvernichtungswaffen" und Beziehungen zwischen Bagdad und Al Qaida nachzuplappern, obwohl beides nicht existierte, und jede kritische Untersuchung der Kriegspropaganda der Bush-Regierung zu unterbinden. Im Gegenteil, die unheilvollen Bestrebungen der Times und ihrer Korrespondentin Judith Miller ergänzten diese Propaganda sogar um ihre eigenen Lügen.

Jetzt, da sich das volle Ausmaß des Debakels zeigt, das die willkürliche Zerstörung der irakischen Gesellschaft geschaffen hat, versuchen diejenigen, die sich als Medienpropagandisten für den Krieg betätigt haben, ihre Haut zu retten. Kolumnisten wie Thomas Friedman von der Times, der vor mehr als zehn Jahren schrieb, er habe "kein Problem mit einem Krieg um Öl", und Nicholas Kristof haben Artikel veröffentlicht, in denen sie erklären, Maliki sei der Alleinschuldige an der Zersplitterung des Irak, die USA hätten damit nichts zu tun.

Am Montag erschien in der Times eine besonders üble Kolumne des Times-Kolumnisten Roger Cohen mit dem Titel "Erobert Mossul zurück," in der er eine amerikanische Intervention forderte, um "die Fanatiker des Isis (Islamischer Staat im Irak und Syrien)" zurückzudrängen.

Cohen benutzt seine Kolumne, um diejenigen lächerlich zu machen, die "Schuldzuweisungen verteilen". Das ist ein atemberaubend zynisches Urteil über den Versuch, jemanden für einen Krieg verantwortlich zu machen, dem über eine Million Menschen zum Opfer gefallen sind und der eine ganze Gesellschaft zerstört hat.

Er schreibt: "Die Fakten sind eindeutig genug. Die USA sind im Jahr 2003 im Irak einmarschiert, und zwar wegen dessen Massenvernichtungswaffen. Allerdings hatte der Irak keine Massenvernichtungswaffen." Es ist tatsächlich eindeutig genug - der Krieg beruhte auf einer Lüge, und Cohen hat geholfen, sie zu verbreiten.

Er fährt fort: "Es gab im Irak unter Saddam keine Al Qaida. Die USA haben sie durch den Einmarsch ins Leben gerufen." Also wurde wieder gelogen, um den Krieg zu rechtfertigen, zu dessen katastrophalen Folgen es gehört, dass er extrem islamistische und sektiererische Tendenzen im Irak und der Region gestärkt hat.

Cohen fordert in seinem Artikel die Obama-Regierung dazu auf, "gezielte militärische Gewalt" gegen die "Fanatiker" der Isis anzuwenden. Allerdings unterstützte er begeistert Washingtons Einsatz der gleichen "Fanatiker" in Kriegen für Regimewechsel in Libyen und dann in Syrien. Er tut alle Fragen nach der Logik solcher Politik mit der Aussage ab: "Eine logische Herangehensweise an den Nahen Osten ist selten eine erfolgversprechende Herangehensweise." Die einzige "Logik" ist, jedes vorhandene Instrument einzusetzen, um die Hegemonie der USA zu stützen und die Ressourcen dieser Regionen zu plündern.

Cohen wiederholt: "Schuldzuweisungen sind nicht, worauf es ankommt." Sowohl der Irak als auch Syrien waren schon vor "Amerikas unglückseliger Intervention" "reif für die Aufteilung."

Wen versucht er zu täuschen? Die amerikanische Intervention war alles andere als "unglückselig". Das Pentagon für sie alles ein, was ihm zur Verfügung stand; in nur drei Tagen gab es 1.700 Bombenangriffe - darunter 504 mit Marschflugkörpern.

Genauso gut könnte man Europa im Jahr 1939 als "reif für die Aufteilung" und Hitlers Blitzkriege als "unglückselig" beschreiben, oder die Nürnberger Prozesse als unnötige "Schuldzuweisungen."

In Wirklichkeit muss eine angemessene Schuldzuweisung erst noch erfolgen. Dazu müssen alle Verantwortlichen für die Planung und Ausführung des Angriffskrieges gegen den Irak - von Bush über Cheney, Rumsfeld, Rice und Powell bis hin zu den obersten Militärkommandanten - als Kriegsverbrecher vor Gericht gestellt werden.

Man muss daran erinnern, dass in Nürnberg neben den überlebenden Führern des Dritten Reiches auch Julius Streicher, der Herausgeber der bösartig antisemitischen Wochenzeitung Der Stürmer, und später der Fränkischen Tageszeitung auf der Anklagebank saß und letzten Endes am Galgen hing. Das Tribunal kam zwar zu dem Schluss, dass Streicher keine direkte Rolle bei der Ausformulierung der Kriegspolitik spielte, allerdings spielte er dennoch eine wichtige Rolle dabei, das Bewusstsein der deutschen Bevölkerung zu vergiften. Die Anklage argumentierte, ohne Streichers Propaganda hätten die deutschen Generäle niemanden gehabt, der ihre Befehle befolgt.

Bei einer echten Aufarbeitung der Verbrechen des Irakkrieges müssten Cohen, Friedman, Keller und alle anderen, die wie sie mit Begeisterung der Propagandamaschinerie des Pentagon gedient haben, ebenfalls für ihre kriminelle Förderung eines Angriffskrieges vor Gericht gestellt werden.

Der jüngste Beitrag des Gefreiten Manning bestätigt alles, was die World Socialist Web Site über den Krieg im Irak und die Rolle der amerikanischen Medien seit Beginn des Krieges im März 2003 geschrieben hat. Die WSWS entlarvte von Anfang an die Lügen, mit denen der Krieg gerechtfertigt wurde, und die kriminellen Methoden, mit denen er ausgeführt wurde.

Während der US-Imperialismus eine neue Militärintervention im Irak plant und noch weitaus schrecklichere Kriege auf dem ganzen Planeten vorbeireitet, wird der unnachgiebige Kampf gegen die Lügen der Medien für die Entwicklung eines Kampfes gegen Militarismus und Krieg noch dringender. Das erfordert die ständige Entwicklung der World Socialist Web Site und die Ausweitung ihrer Leserschaft auf die arbeitende Bevölkerung der ganzen Welt.

Bill Van Auken