Der Angriff der Financial Times auf Thomas Piketty

28. Mai 2014

Die Financial Times hat in den letzten Tagen in einer Reihe von Artikeln und einem Leitartikel am Montag den Ökonomen Thomas Piketty und sein Buch Kapital im 21. Jahrhundert auf gemeine Weise angegriffen.

Die Zeitung behauptet, sie habe schwere Fehler in den Daten entdeckt. Dadurch würde angeblich eines der zentralen Themen des Buches beeinträchtigt – dass vor allem in den USA und Europa die Konzentration des Reichtums auf der ganzen Welt zunimmt. Am Wochenende erschien eine Titelstory mit dem provokanten Titel „Thomas Pikettys ausführliche Daten zur Ungleichheit erweisen sich als fehlerhaft, in der es heißt, die Autoren hätten "ungeklärte Dateneinträge und Fehler in den Zahlen" gefunden, die einigen der wichtigsten Statistiken des Buches zugrunde liegen.

Ohne Pikettys Antwort auf diese Kritik zu berücksichtigen, kommt die Zeitung zu dem Schluss, dass diese Fehler "ernst genug sind, um Professor Pikettys Behauptung zu schwächen, der Anteil des Reichtums steigt, den die Reichsten der Gesellschaft besitzen und dass [Piketty zitierend] 'der Grund, warum der Reichtum heute nicht so ungleich verteilt ist wie früher nur darin liegt, dass seit 1945 einfach noch nicht genug Zeit vergangen ist.'"

Zwischen der World Socialist Web Site und Professor Piketty bestehen grundlegende theoretische und politische Differenzen. Er ist ein Gegner des Marxismus, der glaubt, soziale Ungleichheit ließe sich vollständig durch diverse Reformen aus der Welt schaffen. Unsere Kritik wird Thema einer späteren Besprechung seines Buches und der Reaktion darauf sein. Das Ziel des Angriffs der FT sind jedoch nicht diese Beschränkungen, sondern die größte Stärke des Buches und von Pikettys ganzer Arbeit – seine detaillierte Untersuchung des Anwachsen der Ungleichheit von Einkommen und Wohlstand in den letzten 50 Jahren.

Der tatsächliche Inhalt der Vorwürfe der FT (die sich nur auf ein Kapitel des Buches konzentrieren) hat nichts mit den umfassenden Schlussfolgerungen zu tun, die die Zeitung daraus zu ziehen versucht. Die Fehler, auf die sich die Zeitung beruft, sind offensichtliche Ungenauigkeiten bei der Übertragung von Daten und andere kleinere Probleme ohne reale Bedeutung. Sie beruft sich auch auf vermeintlich unerklärte Änderungen an den Daten im Rahmen von Pikettys Versuchen, ein einheitliches Bild der Verteilung des Reichtums im Laufe der Zeit darzustellen. Solche Änderungen und Annahmen sind unvermeidbar, wenn man Daten aus diversen Quellen zusammenträgt, die auf unterschiedliche Arten und in unterschiedlichen Zeitabschnitten ermittelt wurden – was Piketty selbst zugibt.

In seiner Antwort auf die Kritik der FT wies Piketty darauf hin, dass er alle seine Daten online verfügbar gemacht hat, um so transparent wie möglich zu sein und der Öffentlichkeit eine Untersuchung zu ermöglichen. Mehrere Annahmen des Professors tendieren sogar eher dazu, die Konzentration des Reichtums zu unterschätzen als zu übertreiben. So erklärt er selbst, seine Schätzungen des Vermögens der Reichen berücksichtigten nicht in vollem Umfang Offshore-Konten und könnten wohl zu niedrig sein.

Die treibende Kraft hinter der Kritik der FT hat eindeutig politischen Charakter. In ihrem Leitartikel mit dem Titel „Pikettys Werk wirft große Fragen auf“ beharren die Redakteure der Zeitung darauf, dass die angeblichen Probleme in Pikettys Daten "seine These untergraben, der Kapitalismus habe eine natürliche Neigung dazu, den Reichtum immer mehr in den Händen der Reichen zu konzentrieren." Allen Ernstes behauptet die Zeitung, aufgrund der Fehler in den Daten gebe es Grund, das Ergebnis zu hinterfragen, dass sich der Anteil des Vermögens der Reichen in Europa seit 1980 erhöht habe. "Ohne dieses Ergebnis kann es kein eisernes Gesetz des Kapitalismus geben, dass er zu wachsender Ungleichheit führt."

Piketty versichert zwar mehrmals, er sei kein Gegner des kapitalistischen Systems (und glaube nicht an ein "eisernes Gesetz" der Ungleichheit), dennoch hat das Material, das er gesammelt und in zusammenhängender Form vorgelegt hat, die FT und die Schichten, für die die Zeitung spricht, sehr nervös gemacht. Sie erwähnen das Wort Sozialismus zwar nicht, aber sie haben es im Kopf.

Die Financial Times spricht bei ihrem Angriff auf Piketty für mächtige Teile der Finanzaristokratie, die die immensen sozialen Spannungen zu erkennen beginnen, die sich in Europa, den USA und weltweit entwickeln. Ihnen ist bewusst, dass sie über ein Wirtschaftssystem herrschen, das in den Augen von Millionen Menschen seine Glaubwürdigkeit verloren hat. Von ihrem Standpunkt aus ist es gefährlich, zu bestätigen, dass die Vermögen, die eine winzige Schicht der Bevölkerung angehäuft hat, unrechtmäßig sind.

Sie betonen, Ungleichheit sei kein wirklich ernstes Problem. Sofern sie bestehe, sei sie höchstwahrscheinlich gerechtfertigt. "Es gibt einen großen Unterschied zwischen Reichtum aus unternehmerischem Geschick und Vererbung," schreiben die Redakteure.

Welches "unternehmerische Geschick" ist für den Reichtum der modernen Aristokratie verantwortlich? Die herrschende Klasse – allen voran die Finanzinstitutionen in London und an der Wall Street – feiern seit Jahrzehnten eine riesige Spekulationsorgie, in deren Rahmen sie ganze Industriezweige zerstören, um Geld in den Aktienmarkt zu pumpen. Riesige Vermögen wurden durch Finanzmanipulation und halb- oder gänzlich kriminelle Aktivitäten angehäuft. Seit dem Zusammenbruch von 2008 haben die Zentralbanken ihre Geldhähne aufgedreht, um das Finanzsystem mit Geld für fast null Prozent Zinsen zu überschwemmen, was die Spekulationsblasen wieder gefüllt hat, die die Krise ausgelöst haben.

Das Ergebnis dieser Politik zeigt sich deutlich genug – Piketty und auch andere Quellen weisen es nach, wie der Autor in seiner Verteidigung anmerkt. Vor kurzem veröffentlichte die britische Sunday Times ihre jährliche Reichenliste, die zeigt, dass die reichsten eintausend Menschen in Großbritannien zusammen 519 Milliarden Pfund besitzen – ein Wachstum von 15,4 Prozent im Vergleich zum Vorjahr und zweimal soviel wie sie 2008 hatten. Das Vermögen dieser 1000 Individuen entspricht heute einem Drittel des Bruttoinlandsproduktes des ganzen Landes.

Die 85 reichsten Menschen der Welt kontrollieren heute so viel Reichtum wie die untersten 50 Prozent der Menschheit zusammen. Und laut Forbes besitzen die 1.645 Milliardäre der Welt ein Gesamtvermögen von 6,4 Billionen Dollar, eine Billion mehr als 2013. In den USA konnten die reichsten 400 Menschen ihren Reichtum 2013 auf zwei Billionen Dollar erhöhen, siebzehn Prozent mehr als im Vorjahr.

Was die Einkommensungleichheit angeht, so geht die FT nicht einmal auf die ausführlichen Daten ein, die Piketty und seine Mitarbeiter zusammengetragen haben. Sie zeigen, dass ein immer größerer Anteil am Gesamteinkommen der Welt vor allem in den USA und Europa auf das oberste eine und 0,1 Prozent entfällt. In den USA hat das oberste eine Prozent im Jahr 2012 von allen Einkommen 22,46 Prozent für sich beansprucht, im Jahr davor waren es noch 19,65 Prozent.

Der Angriff der FT auf Piketty ist ein Versuch, durch das Leugnen der Bedeutung von sozialer Ungleichheit auf das Anwachsen von Klassenantagonismen zu reagieren. Die Tatsachen bleiben jedoch bestehen – und ebenso ihre explosiven sozialen und politischen Folgen.

Joseph Kishore