Die Aktualität von Trotzkis „Europa im Krieg“ und die Kriegsgefahr in der Ukraine

Von Peter Schwarz
18. März 2014

Mit 175.000 Besuchern, die an vier Tagen auf das Messegelände strömten, erlebte die diesjährige Leipziger Buchmesse einen neuen Rekord. Zählt man das gleichzeitig in der Stadt stattfindende Lesefestival „Leipzig liest“ hinzu, waren es sogar 237.000 Besucher.

Im Gegensatz zur im Herbst stattfindenden Frankfurter Buchmesse, die stark vom Kommerz geprägt ist, ist die Leipziger Buchmesse ein Ort, an dem Leser ihre Autoren treffen und hören können. In allen fünf Messehallen gibt es mehrere Foren, auf denen im Halbstundenrhythmus Vorträge und Vorlesungen stattfinden. Auch zahlreiche Fernseh- und Radiosender übertragen live aus der Messe.

Die hohe Besucherzahl war Ausdruck eines Bedürfnisses, sich unabhängig vom Einheitsbrei der etablierten Medien zu informieren und zu bilden. Das zeigte sich auch in der starken Resonanz, die zwei Veranstaltungen des Mehring Verlags fanden.

Aus aktuellem Anlass stellte der Mehring Verlag Leo Trotzkis Buch „Europa im Krieg“ vor, das er bereits 1998 – damals noch als Arbeiterpresse Verlag – erstmals in deutscher Übersetzung veröffentlicht hatte. Er brachte Trotzkis Analyse des ersten, imperialistischen Weltkriegs mit der gegenwärtigen Kriegsgefahr in Verbindung, die durch das aggressive Vorgehen der deutschen und amerikanischen Regierung in der Ukraine entstanden ist.

Ein Flugblatt, das in mehreren Tausend Exemplaren an die Messebesucher verteilt wurde, fand reißenden Absatz. Selbst viele Jugendliche, die – eine weitere Eigenheit der Leipziger Messe – in Manga-Kostümen auftraten, zeigten erhebliches politisches Interesse. Die Reaktionen waren überwiegend positiv. Nur wenige Ausnahmen verteidigten die offizielle Regierungslinie, in Kiew habe ein demokratischer Aufstand stattgefunden.

Vorstellung von Europa im Krieg auf der Buchmesse

Zur Buchvorstellung in Halle 3 kamen dann rund 90 Leute. Das Forum war bis zum letzten Platz besetzt. Mehrere Besucher bedankten sich hinterher beim Referenten und kauften am Signiertisch Trotzkis „Europa im Krieg“. Viele kamen später auch zu einer weiteren, zweistündigen Veranstaltung des Mehrings Verlags auf dem Messegelände, um dort ausführlicher über die politischen Fragen zu diskutieren.

Wir dokumentieren hier den Beitrag, mit dem Peter Schwarz, Mitglied der internationalen Redaktion der World Socialist Web Site, Trotzkis Buch vorstellte.

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Das Buch, das ich Ihnen heute vorstelle, ist hundert Jahre alt. Leo Trotzki hat die darin enthaltenen Reportagen, Artikel, Essays und Briefe in den ersten drei Jahren des Ersten Weltkriegs geschrieben. Trotzdem ist es lebendiger, interessanter und aktueller als die meisten Bücher, die in den vergangenen Monaten zu diesem Thema erschienen sind.

Der Grund ist zum einen Trotzkis Fähigkeit, die Dinge zu beobachten, zu hinterfragen und auf den Punkt zu bringen. Bertold Brecht hat ihn in einem Gespräch mit Walter Benjamin nicht zufällig als „größten lebenden Schriftsteller von Europa“ bezeichnet.

Trotzki schildert seine Gespräche mit Soldaten und Vertretern verschiedener Gesellschaftsschichten und politischer Strömungen. Er kommentiert den Kriegsverlauf und analysiert die Strategie, die den Rest des Kriegs prägen sollte: den Abnutzungskrieg, das gegenseitige massenhafte Abschlachten von Soldaten in den Schützengräben. Er beschreibt das Schicksal eines belgischen Infanterieregiments, das in der Hölle des Grabenkriegs aufgerieben wird. Er schildert das Los eines serbischen Zimmermanns, der auf dem Balkan zwischen die Fronten gerät.

Er geißelt die Lügen der Medien und die Kriegspropaganda der Sozialdemokratie. Dazu eine Leseprobe. Trotzki schildert hier die Stimmung in Wien kurz nach der Ermordung von Erzherzog Franz Ferdinand in Sarajewo:

„Wien hatte offizielle Trauer angelegt, was weite Kreise der Stadtbevölkerung allerdings nicht davon abhielt, die Nachricht vom Tod des Habsburger Thronfolgers ziemlich gleichgültig aufzunehmen. Doch da schickte sich die Presse an, die öffentliche Meinung zu bearbeiten. Es lassen sich nur schwer entsprechend ausdrucksstarke Wörter finden, um die wahrlich erzgemeine Rolle zu charakterisieren, die die Presse in ganz Europa – und eigentlich in der ganzen Welt – bei den Ereignissen des jetzigen Krieges gespielt hat und noch spielt. In dieser Orgie der Gemeinheit nimmt die österreichisch-ungarische schwarz-gelbe Presse, die sich weder durch Kenntnisse noch durch Talent hervortut, bestimmt nicht die letzte Stelle ein. Auf Befehl eines für die Betrachter unsichtbaren Zentrums – aus jener Hölle der Diplomatie, wo die Geschicke der Völker entschieden werden – haben die Schreiberlinge aller politischen Couleur seit dem Attentat in Sarajevo so viele Lügen hervorgebracht, wie man seit der Erschaffung der Welt nicht vernommen hat.“

Trotzki schreibt aber nicht nur als genialer Beobachter und Schriftsteller. Er schreibt als revolutionärer Marxist. Wie Rosa Luxemburg, Karl Liebknecht und Wladimir Iljitsch Lenin gehörte er zu jener Minderheit in der internationalen Sozialdemokratie, die bei Kriegsausbruch im Sommer 1914 nicht vor der Kriegseuphorie und dem Chauvinismus der kriegsführenden Länder kapitulierte und ihren internationalen Überzeugungen treu blieb.

Der Marxismus ist für ihn beides: Methode der Analyse, des Aufspürens der Ursachen und Triebkräfte des Krieges und Ausdruck seiner Verbundenheit mit der großen Masse der Bevölkerung in allen kriegsführenden Ländern.

Letztere sollte nach der Verwirrung der ersten Kriegsmonate bald mit den Kriegstreibern in Konflikt geraten und sich gegen sie erheben. Nur sieben Monate nachdem Trotzki im März 1917 in New York den letzten in diesem Band enthaltenen Artikel schrieb, stand er an der Spitze der ersten siegreichen proletarischen Revolution der Weltgeschichte. Mit der Oktoberrevolution beendeten die russischen Arbeiter nicht nur den Krieg, sie beseitigten auch seine Ursache, den Kapitalismus.

In den vergangenen Jahrzehnten hat an den Universitäten eine systematische Offensive gegen den Marxismus und gegen jede Form wissenschaftlicher Gesellschaftsanalyse stattgefunden. Danach gibt es keine objektive Wahrheit. Im historischen Prozess von objektiven Ursachen zu sprechen, ist ebenso unstatthaft, wie die materiellen gesellschaftlichen Interessen zu untersuchen, die einer bestimmten Politik zugrunde liegen.

Es gibt nur unterschiedliche Narrative. Wahr ist, worauf sich zwei oder mehrere Leute einigen. Man kann die Geschichte vom Standpunkt der Genderforschung erzählen, vom Standpunkt der Gewalt oder von irgendeinem anderen Standpunkt. Nicht erlaubt ist es dagegen, die Geschichte als Geschichte von Klassenkämpfen zu untersuchen und die materiellen Interessen zu analysieren, die im Geschichtsprozess ausgefochten werden.

Eine solche Herangehensweise – die sich auf den Postmodernismus, auf den Poststrukturalismus Michel Foucaults und auf ähnliche Denkrichtungen stützt – führt nicht nur zu einer Verflachung der Geschichtswissenschaft mit teilweise absurden Resultaten, sie richtet sich auch dagegen, dass Lehren aus der Geschichte gezogen werden. Sie dient als Waffe gegen alle, die sich bemühen, aus den Erfahrungen des vergangenen Jahrhunderts Lehren zu ziehen, die nicht wollen, dass erneut eine Generation durch Diktatur, Faschismus und Krieg zerstört wird.

In diesem Zusammenhang möchte ich Euch den Aufsatz „Der Krieg und die Internationale“ empfehlen, der den Abschluss des vorliegenden Bandes bildet. Trotzki hat ihn kurz nach Kriegsausbruch, im Oktober 1914, in Zürich geschrieben und in deutscher Sprache in München veröffentlicht. Er ist eine brillante Analyse der Ursachen und treibenden Kräfte des Ersten Weltkriegs.

Im Gegensatz zu gerade auch in jüngster Zeit wieder aufgewärmten Auffassungen, die imperialistischen Mächte seien „schlafwandlerisch“ in den Krieg hineingeschlittert, der Krieg sei eine Folge von Zufällen und Missverständnissen gewesen und hätte mit einer klügeren Politik verhindert werden können, besteht Trotzki darauf, dass der Krieg das notwendige und unausweichliche Produkt der dem Kapitalismus innewohnenden Widersprüche war.

„Der Krieg und die Internationaler“ beginnt mit den Worten:

„Der Kern des gegenwärtigen Krieges ist der Aufruhr der Produktivkräfte, die den Kapitalismus erzeugten, gegen ihre national-staatliche Ausbeutungsform. Der ganze Erdball, das Festland wie das Meer, die Oberfläche wie die Tiefe, sind bereits zur Arena einer weltumfassenden Wirtschaft geworden, deren einzelne Teile voneinander unlösbar abhängig sind. Diese Arbeit verrichtete der Kapitalismus. Doch er veranlasst auch die kapitalistischen Staaten, für die Unterwerfung dieser Weltwirtschaft unter die Profitinteressen jeder nationalen Bourgeoisie zu kämpfen. …

Alle Reden darüber, dass der jetzige blutige Zusammenstoß ein Werk der nationalen Verteidigung sei, sind eine Heuchelei oder Blindheit. Im Gegenteil: der objektive Sinn des Krieges besteht in der Zertrümmerung der gegenwärtigen national-wirtschaftlichen Zentren im Namen der Weltwirtschaft. Doch nicht auf der Grundlage einer verständig organisierten Mitarbeit der gesamten produzierenden Menschheit trachtet man diese Aufgabe des Imperialismus zu lösen, sondern auf der Grundlage der Ausbeutung der Weltwirtschaft durch die kapitalistische Klasse des siegreichen Landes, das durch diesen Krieg aus einer Großmacht zu einer Weltmacht werden soll.“

Der Marxismus ignoriert die Rolle des Zufalls nicht, ebensowenig wie er die Rolle von politischen Führern und Parteien ignoriert. Er hat nichts mit jenem leblosen Schema zu tun, zu dem ihn die stalinistische Bürokratie gemacht hat, als sie ihn aus einer revolutionären Lehre in eine Rechtfertigungsideologie ihrer Herrschaft verwandelte.

Die marxistische Methode hat Trotzki in die Lage versetzt, die Ereignisse und Akteure einzuordnen und aus der Vielschichtigkeit und den Zufällen des Geschehens die grundlegenderen Triebkräfte herauszuarbeiten. Auf diese Weise war er in der Lage, ein vielschichtiges, differenziertes und lebendiges Bild des Kriegsgeschehens zu zeichnen, das in der historischen wie in der belletristischen Literatur seinesgleichen sucht.

Besonders deutlich wird dies in seinen Polemiken gegen die Sozialdemokratie. Er begnügt sich nicht damit, sich über die SPD zu empören, die bei Kriegsausbruch ihr eigenes Programm verriet und eine üble Kriegshetze betrieb. Er verbindet die Empörung mit der Untersuchung der politischen Gründe für diesen historischen Verrat. So versetzt er seine Leser in die Lage, die politischen Lehren zu ziehen und sich auf die kommenden Klassenkämpfe vorzubereiten.

Auch dazu eine Leseprobe aus „Der Krieg und die Internationale“:

„Die prinzipiellen Reformisten, die die soziale Frage zu lösen hofften auf dem Wege der Tarifverträge, der Konsumvereine und des parlamentarischen Zusammenarbeitens der Sozialdemokratie mit den bürgerlichen Parteien, sie alle übertragen jetzt ihre Hoffnungen auf den Sieg der ‚nationalen‘ Waffen. Sie erwarten, dass die besitzenden Klassen williger den Bedürfnissen des Proletariats, das seinen Patriotismus bewiesen hat, entgegenkommen werden. Diese Hoffnung wäre geradezu stumpfsinnig, wenn nicht hinter ihr sich eine andere, weit weniger ‚idealistische‘ Hoffnung verborgen hielte, nämlich: dass die Siege der Waffen für die Bourgeoisie eine weit breitere imperialistische Bereicherungsbasis, auf Kosten der Bourgeoisie anderer Länder, schaffen und ihr erlauben werden, einen Teil ihrer Beute mit dem nationalen Proletariat, auf Kosten des Proletariats anderer Länder, zu teilen. Der sozialistische Reformismus hat sich faktisch in einen sozialistischen Imperialismus verwandelt.“

Weil Trotzki die Widersprüche und Triebkräfte verstand, die in den Krieg führten, bewahrte er auch mitten im Kanonendonner und dem Zusammenbruch der Zweiten Internationale seine revolutionäre Zuversicht. „Der Krieg und die Internationale“ endet mit den Worten:

„Wenn der Krieg der Zweiten Internationale über den Kopf gewachsen war, so werden schon seine nächsten Folgen der Bourgeoisie der ganzen Welt über den Kopf wachsen. … Die revolutionäre Epoche wird aus den unerschöpflichen Quellen des proletarischen Sozialismus neue organisatorische Formen schaffen, die der Größe der neuen Aufgaben entsprechen werden. An diese Arbeit wollen wir sogleich gehen, unter dem wahnsinnigen Gebrüll der Mörser, unter dem Krachen der Kathedralen und dem patriotischen Geheul der kapitalistischen Schakale. Wir bewahren in dieser höllischen Musik des Todes unsern klaren Gedanken, unsern ungetrübten Blick, und fühlen uns als die einzige schöpferische Kraft der Zukunft. Es sind unser jetzt schon viele, mehr als es scheinen mag. Morgen werden wir weit mehr als heute sein. Übermorgen werden sich unter unserm Banner Millionen erheben, die auch jetzt, siebenundsechzig Jahre nach dem Erscheinen des Kommunistischen Manifests, nichts als ihre Ketten zu verlieren haben.“

Trotzkis Buch „Europa im Krieg“ ist nicht nur aktuell, weil sich der Ausbruch des Ersten Weltkriegs 2014 zum hundertsten Male jährt. Hätte ich hier vor fünf Jahren gefragt, ob sich eine Katastrophe wie der Erste – und der Zweite Weltkrieg – wiederholen könne, hätten wohl die meisten mit Nein geantwortet. Heute bin ich mit nicht mehr sicher, dass die Antwort derart eindeutig ausfällt.

Zu Beginn dieses Jahres hat die Bundesregierung verkündet, die Zeit der militärischen Zurückhaltung Deutschlands sei vorbei. Seither hat sie in Zusammenarbeit mit der US-Regierung und der Europäischen Union in der Ukraine eine Krise geschürt, die die Nato an den Rand eines Kriegs mit Russland gebracht hat. Und trotzdem treiben Washington und Berlin den Konflikt immer weiter.

Während breite Teile der Bevölkerung mit Entsetzen und Misstrauen reagieren, bearbeiten die Medien wie 1914 in Wien die öffentliche Meinung. „Es lassen sich“, um Trotzkis in diesem Zusammenhang bereits zitierten Worte zu wiederholen, „nur schwer entsprechend ausdrucksstarke Wörter finden, um die wahrlich erzgemeine Rolle zu charakterisieren, die die Presse in ganz Europa – und eigentlich in der ganzen Welt – bei den Ereignissen in der Ukraine gespielt hat und noch spielt.“

Ich habe an Trotzkis Originaltext nur drei Worte geändert. Statt „in der Ukraine“ heißt es bei ihm „des jetzigen Krieges“.

Es würde den Rahmen der 30 Minuten, die uns hier zur Verfügung stehen, sprengen, genauer auf die Ereignisse in der Ukraine einzugehen. Wir werden das heute Nachmittag nachholen, wenn wir zwei Stunden lang einen eigenen Raum zur Verfügung haben. Hier will ich nur auf einige der schlimmsten Lügen und Verdrehungen eingehen, die von den deutschen Medien über die Ereignisse in der Ukraine verbreitet werden.

Die erste betrifft das EU-Assoziierungsabkommen, dessen Scheitern die Proteste auf dem Maidan ausgelöst haben. Es wird stets so dargestellt, als brächte das Abkommen der ukrainischen Bevölkerung Wohlstand und Demokratie. Das ist aber nicht der Fall.

Das Abkommen schließt eine gleichzeitige Zollunion mit Russland aus, was für große Teile der ukrainischen Industrie, die vor allem im Osten des Landes stark auf Russland ausgerichtet ist, das Aus bedeuten würde. Voraussetzung des Abkommen ist außerdem, dass sich die Ukraine dem Spardiktat des IWF unterwirft. Dieser fordert eine Verdreifachung des Gaspreises für Privathaushalte und massive Kürzungen bei Renten und Sozialausgaben.

Um es kurz zusagen: Die Folge des Assoziierungsabkommens wäre eine Kombination der Sparmaßnahmen in Griechenland mit dem Ende der DDR – massiver Sozialabbau in Verbindung mit dem Zusammenbruch der Industrie. Und das in einem Land, das schon jetzt zu den ärmsten der Welt gehört.

Die zweite Verdrehung betrifft die Rolle der Faschisten auf dem Maidan. Ihre Rolle wird geleugnet und verharmlost. Sie waren aber da und haben die entscheidende Rolle beim Sturz von Präsident Janukowitsch gespielt. Nun sitzt die Partei Swoboda in der Regierung und stellt drei Minister sowie den Generalstaatsanwalt. Ihr Vorbild ist Stepan Bandera, der im Zweiten Weltkrieg mit den Nazis kollaborierte und für die Ermordung tausender Juden und Kommunisten verantwortlich war. Und noch vor 15 Monaten hat eine Delegation von Sowboda hier im sächsischen Landtag die NPD besucht, eine Partei, die die Bundesregierung wegen Verfassungswidrigkeit verbieten lassen will.

Allein die Tatsache, dass die deutsche Regierung mit den Verehrern eines solchen Nazi-Kollaborateurs zusammenarbeitet, hätte früher jeden kritischen Journalisten alarmiert. Heute gilt dies als selbstverständlich, wird hingenommen, verharmlost und gerechtfertigt. Und das im Interesse einer Politik, die nicht nur die ganze Region destabilisiert, sondern auch die Gefahr eines internationalen bewaffneten Konflikts und eines für die Menschheit tödlichen Atomkriegs heraufbeschwört.

Wie ist dieser Wandel zu erklären?

Erstens wurde er lange vorbereitet. Seit der Wiedervereinigung hat Deutschland seinen politischen und wirtschaftlichen Einflussbereich systematisch nach Osten ausgedehnt. Osteuropa dient der deutschen Industrie als verlängerte Werkbank mit Löhnen, die teilweise niedriger als in China sind.

Doch der Appetit des deutschen Imperialismus endet nicht an der Grenze der ehemaligen Sowjetunion. Lange Zeit – und nicht ohne Erfolg – hat die deutsche Wirtschaft versucht, ihre Interessen dort in Absprache mit dem Putin-Regime zu verfolgen, das die Interessen der russischen Oligarchen vertritt.

Doch das ist schließlich an der Haltung der USA gescheitert, die das internationale Gewicht Russlands aus geostrategischen Gründen schmälern wollen – vor allem nachdem ihnen Putin in Syrien und Iran in die Quere gekommen ist und dem Whistleblower Edward Snowden Asyl gewährt hat. Nun schwenkt die deutsche Außenpolitik an der Seite der USA auf einen Konfrontationskurs gegen Russland ein.

Die Lage, in der sich Russland jetzt befindet, bestätigt die katastrophalen Folgen der Auflösung der Sowjetunion. Die Propaganda der westlichen Medien über einen russischen „Expansionismus” ist absurd. Seit dem Auseinanderbrechen der UdSSR sind große Teile der ehemaligen Sowjetunion und alle ihre ehemaligen Verbündeten im Ostblock in den Einflussbereich des amerikanischen und europäischen Imperialismus eingegliedert worden.

Vor dem Zusammenbruch der UdSSR war die „friedlichen Koexistenz“ mit dem Imperialismus der Dreh- und Angelpunkt der stalinistischen Außenpolitik. Unter Gorbatschow tat die Kremlbürokratie dann so, als sei der Imperialismus eine marxistische Erfindung. Aber der Imperialismus ist keine Fiktion. Er ist eine brutale Realität, und seine geopolitischen und wirtschaftlichen Interessen schließen eine friedliche Koexistenz mit Russland aus.

Deutschland und die USA konnten sich nie damit abfinden, dass die Oktoberrevolution sie der direkten Kontrolle über die riesigen menschlichen und natürlichen Ressourcen dieses riesigen Landes beraubt hatte. Obwohl die Sowjetunion nicht mehr existiert, bleibt ihr imperialistischer Appetit bestehen.

Die aggressive Außenpolitik steht in direktem Zusammenhang mit den heftigen Angriffen auf die arbeitende Bevölkerung in Deutschland und ganz Europa. Seit der Finanzkrise 2008 diktiert Berlin der EU eine Spar- und Arbeitsmarktpolitik, die große Teile der Bevölkerung zwingt, zu sinkenden Löhnen immer härter zu arbeiten.

Gleichzeitig sammelt eine kleine Schicht an der Spitze der Gesellschaft sagenhafte Reichtümer, dominiert die politischen Parteien und die Medien und greift immer offener zu diktatorischen Methoden, um ihre Herrschaft zu verteidigen. Dieselbe Rücksichtslosigkeit legt sie nun auch in der Außenpolitik an den Tag. Klassenkrieg im Innern und Krieg nach außen sind untrennbar miteinander verbunden.

Es ist höchste Zeit, dieser Entwicklung entgegenzutreten, die die heutige junge Generation mit ähnlichen Katastrophen bedroht, wie sie ihre Urgroßväter zwischen 1914 und 1945 erlebten. Trotzkis marxistische Analyse des Ersten Weltkriegs ist dabei von großem Nutzen.