Das Debakel der UAW in Tennessee

19. Februar 2014

Die Entscheidung der VW-Arbeiter in Tennessee, gegen die Vertretung durch die United Auto Workers zu stimmen, ist eine völlig gerechtfertigte Zurückweisung für eine Organisation, die die Arbeiterklasse seit Jahrzehnten verraten hat. Die UAW hatte zwei Jahre lang eine mehrere Millionen Dollar teure Kampagne geführt und war sich sicher, dass ihr die Unterstützung des VW-Managements den Sieg sichern werde. Allerdings entwickelte sich die Abstimmung mit 712 gegen 626 Stimmen zu einer schweren Niederlage.

VW und die UAW hatten versucht, der Belegschaft die Vertretung durch die UAW aufzuzwingen, obwohl sie die diskreditierte Organisation nicht unterstützt. Die UAW hat in fast vierzig Jahren nie zu einem landesweiten Streik aufgerufen und ihre ganze Energie darauf verwendet, den Widerstand der Arbeiter gegen Entlassungen, Lohnsenkungen und höhere Arbeitsleistung zu unterdrücken. Die UAW und das Unternehmen versuchten, die Arbeiter zu erpressen, für die Gewerkschaft zu stimmen, indem sie andeuteten, dass die Produktion eines neuen SUV-Modells nach Mexiko verlagert würde, wenn die UAW nicht die Vertretungsrechte erhalten würde.

Mehrere Medien, darunter die New York Times, nannten als Grund für die Niederlage die angebliche Rückständigkeit der Arbeiter in den Südstaaten. Das ist falsch und eine Verleumdung. Die VW-Arbeiter in Chattanooga, darunter viele, die aus den Nordstaaten hierher gezogen sind, sind sich der katastrophalen Bilanz der UAW in Detroit und in anderen Städten bewusst, die durch Werksschließungen und Massenentlassungen ausgeblutet wurden.

Gary Casteel, der Direktor der UAW-Region 8, verkündete auf einer Pressekonferenz, die er gemeinsam mit dem VW-Management im Werk Chattanooga hielt, mit missmutigem Gesicht die Niederlage. Die Tatsache, dass die UAW bei der Ankündigung gemeinsam mit dem Unternehmen auftrat, zeigt, dass sie versuchte, in die Rolle einer Betriebsgewerkschaft zu schlüpfen. In dem hoch bezahlten, korrupten Apparat, der die Organisation leitet, steckt kein Funken Klassenbewusstsein. Der Gewerkschaftsvorstand fühlte sich angesichts der Niederlage nur noch mehr gezwungen, sich den Autobossen völlig unterzuordnen.

Auch die Chefs von VW waren sichtlich enttäuscht. Nach dem amerikanischen Arbeitsrecht brauchen sie die UAW für ein rechtliches Feigenblatt, um einen "Betriebsrat" nach deutschem Vorbild einzurichten, d.h. ein vom Management dominiertes Gremium von Arbeitern und Aufsehern, das ausdrücklich den Interessen des Unternehmens verpflichtet ist.

Die UAW hat sich schon vor langer Zeit von allen Beziehungen zu den Massenkämpfen losgesagt, die vor 80 Jahren zu ihrer Gründung führten. Sie ist eine arbeiterfeindliche Organisation, die politisch mit der Demokratischen Partei verbündet ist und sich der Verteidigung des Profitsystems verschrieben hat. Sie hat Tarifverträge mit den drei größten amerikanischen Autobauern abgeschlossen, die Streiks verbieten, und hat sich in ein Unternehmen verwandelt, das bei den Arbeitern schmarotzt, die es angeblich vertritt

Im Jahr 2009 arbeitete die UAW mit der Obama-Regierung, General Motors und Chrysler zusammen, um Armutslöhne für neu eingestellte Arbeiter, Nullrunden und die Senkung von Gesundheitsleistungen durchzusetzen, den Achtstundentag abzuschaffen und weitere Errungenschaften zu zerstören, die die Autoarbeiter zuvor erkämpft hatten. Das ermöglichte den Detroiter Autokonzernen, wieder Rekordgewinne zu erzielen. Es hat sich auch für die UAW-Führung reichlich ausgezahlt - sie erhielt Milliarden Dollar in Form von Aktien der Konzerne.

Die UAW begrüßte die Senkung der Löhne neu eingestellter GM- und Chrysler-Arbeiter um 50 Prozent auf ein Niveau, das teilweise noch unter dem der Werke im Besitz ausländischer Unternehmen im Süden der USA liegt. Das deckte sich völlig mit der Strategie der Gewerkschaft, den Zusammenbruch ihres Beitragseinkommens dadurch zu verhindern, dass sie Unternehmen wie VW, Toyota, Nissan und Hyundai davon überzeugte, sie könnten die Arbeitskosten mit der UAW besser senken und mehr Geld machen, als ohne sie.

Sie unterzeichnete hinter dem Rücken der Arbeiter in Chattanooga ein "Neutralitätsabkommen," in dem sie versprechen, bei allen künftigen Tarifabkommen darauf zu achten, dass "der Kostenvorteil und andere Wettbewerbsvorteile, die Volkswagen im Verhältnis zu seinen Konkurrenten in den Vereinigten Staaten und Nordamerika genießt, gewahrt oder möglichst verbessert werden.

Sie versprach außerdem, die "hohen Produktivitätsstandards“, d.h. erhöhte Arbeitslast und Ausbeutung auf dem Niveau von Sweatshops beizubehalten und jegliche Streiks, Streikposten oder Dienst nach Vorschrift zu verhindern - mit anderen Worten, sich zur Werkspolizei des Unternehmens zu machen.

Die Einstiegsgehälter für Arbeiter betragen bei Volkswagen durchschnittlich zwanzig Dollar pro Stunde - fünf Dollar mehr als ihre Kollegen in den von der UAW repräsentierten GM-, Chrysler- und Ford-Werken erhalten. Die "Verbesserung der Kostenvorteile" des Werks in Tennessee würde für die VW-Arbeiter eine Lohnsenkung bedeuten!

Und für das Privileg von dieser wirtschaftsfreundlichen Organisation "vertreten" zu werden, müssten die Arbeiter Tribut in Form von monatlichen Gewerkschaftsbeiträgen entrichten, die ihnen vom Lohn abgezogen werden.

In dem Neutralitätsabkommen versprach die UAW, dass sie "dem Betriebsrat viele der Funktionen und Zuständigkeiten abtreten werde, die in den USA normalerweise den Gewerkschaften als Verhandlungspartner zufallen." Die IG Metall in Deutschland, die im Aufsichtsrat von VW sitzt, drohte damit, dass die Produktion des neuen SUV-Modells aus den USA verlagert werden könnte.

Die UAW sieht das Modell des Betriebsrats als Mittel, ihren tödlichen Niedergang aufzuhalten. Die Organisation hat seit 1979 75 Prozent ihrer Mitglieder verloren, d.h. mehr als eine Million Arbeiter. Sie rechnet damit, nächstes Jahr Millionen Dollar Verlust zu machen, wenn die Zahlung von Beiträgen für zahlreiche Autoarbeiter in Michigan nächstes Jahr nach dem Recht-auf-Arbeit-Gesetz freiwillig wird. Die Niederlage in Chattanooga könnte der letzte Nagel im Sarg dieser todgeweihten Organisation sein.

Eine Zeit lang war die fortgesetzte Existenz der UAW von der Unterstützung der amerikanischen Autokonzerne und des Staates abhängig, da sie die Unterstützung der einfachen Arbeiter verloren hatte.

Die New York Times, Businessweek, und die Detroit Free Press brachten Artikel, in denen sie den Arbeitern vorwarfen, sie seien nicht aufgeklärt genug, um für die UAW zu stimmen. Als Grund für das Ergebnis der Abstimmung nannten sie die Hetze von rechten Republikanern wie Senator Bob Corker aus Tennessee.

Teresa Tritch, ein Mitglied der Redaktionsleitung der New York Times, erklärte, durch die Niederlage sei eine Gelegenheit verpasst worden, eine "vielversprechende Entwicklung der Beziehungen zwischen Belegschaft und Management in den Vereinigten Staaten" zu beginnen. Sie lobte die UAW für ihre "wachsende Rolle beim Aufschwung der amerikanischen Autobauer seit der Rettungsaktion" und fügte hinzu, die Offenheit gegenüber dem Betriebsratsmodell habe ihre "Fähigkeit gezeigt, sich an veränderte Geschäftsprioritäten anzupassen."

Die Ablehnung der UAW in Tennessee ist nicht nur eine Sondersituation, die mit den Eigenheiten der amerikanischen Südstaaten erklärt werden kann. In den letzten paar Jahren hat sich eine Rebellion der Autoarbeiter in mehreren UAW-Werken gegen die Gewerkschaft entwickelt. Unter anderem haben die NUMMI-Arbeiter in Kalifornien, die GM-Arbeiter in Indianapolis und Lake Orion in Michigan und Chrysler-Arbeiter im Dundee-Engine-Werk in Michigan Kämpfe ausgetragen. UAW-Funktionäre, die versuchten, betrügerische Tarifabkommen und Armutslöhne durchzusetzen, wurden aus den Gewerkschaftsversammlungen vertrieben.

Im Falle von Indianapolis bildeten die Arbeiter ein unabhängiges Basiskomitee, um gegen das Unternehmen und die UAW zu kämpfen. Die Entrüstung wächst vor allem unter den jüngeren Arbeitern, die zu miserablen Löhnen und Arbeitsbedingungen verurteilt sind.

Es ist eine historische Tatsache, dass die Industriegewerkschaften, darunter die UAW, als Ergebnis einer Rebellion gegen de alte, von Zunftgewerkschaften dominierte American Federation of Labor gegründet wurde. Diese Kämpfe wurden von Sozialisten und militanten Linken angeführt.

Die Organisationen, die Arbeiter in den 1930er und 1940er Jahren aufgebaut haben, haben sie schon vor langer Zeit verraten und sind zu Handlangern der Konzerne und der Regierung geworden. Diese Entwicklung zeigte sich bereits, als die Gewerkschaften den Aufbau einer unabhängigen politischen Bewegung der Arbeiterklasse ablehnten und sich mit der Demokratischen Partei verbündeten, die sie benutzte, um die Arbeiterklasse den inländischen und internationalen Interessen des amerikanischen Kapitalismus unterzuordnen.

Die Arbeiter sind erneut gezwungen zu rebellieren. Es müssen neue, wirklich demokratische Kampforganisationen aufgebaut werden, die von den offiziellen Gewerkschaften völlig unabhängig sind, beispielsweise Basiskomitees.

Das muss mit einer neuen politischen Strategie verbunden werden, die die Klassenkollaboration und die pro-kapitalistische und nationalistische Perspektive der UAW ablehnt. Die Angriffe auf die amerikanischen Autoarbeiter sind Teil eines globalen Angriffs, von den brutalen Umstrukturierungen und Werksschließungen in Europa bis zu der geplanten Schließung der gesamten Autoindustrie in Australien. Um sich dagegen zu wehren, müssen die Arbeiter ihre Kämpfe weltweit koordinieren.

Die Arbeiter in den USA stehen vor einem politischen Kampf gegen die Wirtschafts- und Finanzelite und die beiden Parteien des amerikanischen Großkapitals.

Ein sozialistisches Programm ist erforderlich, um das Recht aller Arbeiter auf einen angemessen bezahlten Arbeitsplatz zu sichern und die Kämpfe der Autoarbeiter mit einer Bewegung der ganzen Arbeiterklasse zu verbinden, deren Ziel es ist, eine Arbeiterregierung aufzubauen und die Wirtschaft auf der Grundlage sozialer Bedürfnisse statt privatem Profitstreben zu organisieren. Das bedeutet, dass die Autokonzerne der Kontrolle der Finanzinteressen entrissen werden und in öffentliches Eigentum unter der demokratischen Kontrolle der Arbeiterklasse überführt werden müssen.

Jerry White