Autozulieferer Johnson Controls kündigt Teilschließung in Bochum an

Von Dietmar Henning
7. Februar 2014

Der Automobilzulieferer Johnson Controls (JC) hat am Montag angekündigt, ein Drittel seiner Belegschaft im Bochumer Werk bis zum Ende des Jahres abzubauen. 220 der rund 660 Arbeitsplätze seien betroffen. Die Ankündigung ist eine direkte Folge der Schließung des Bochumer Opelwerks, für das Johnson Controls Fahrzeugsitze herstellt.

In Bochum verbleibt dann nur noch die Produktion der Sitze für den in Köln gebauten Ford Fiesta. JC-Sprecher Ulrich Andree sagte, als erstes müssten alle 88 Leiharbeiter gehen. Gleichzeitig bot er Beschäftigten aus Bochum an, sich „schon jetzt auf rund 100 Stellen am Standort Saarlouis zu bewerben“. In der 350 Kilometer entfernten Stadt im strukturschwachen Saarland werden ebenfalls Sitze für Ford produziert.

Opel benötigt die in Bochum hergestellten Sitze nur noch bis Ende des Jahres. Ab 2015 wird der Opel Zafira im Stammwerk Rüsselsheim gebaut. „Wir haben untersucht, ob wir von Bochum aus auch Sitze nach Rüsselsheim liefern können“, erklärte Konzernsprecher Ulrich Andree. Das Sitzgeschäft funktioniere aber nur in kurzer Distanz. Rüsselsheim liegt rund 250 Kilometer von Bochumer Werk entfernt.

Sitze werden in der Regel „just in time“ geliefert und sofort eingebaut. Das nahe gelegene Bochumer Opel-Werk wird von JC mehrmals täglich per LKW mit Sitzen versorgt, nur wenige werden im Werk zwischengelagert.

Der US-Konzern Johnson Controls beschäftigt weltweit 170.000 Mitarbeiter und ist neben dem Automobilsektor auch im Bereich Energieoptimierung von Gebäuden tätig. Schon in den vergangenen Jahren hatte JC, nach eigenen Angaben der weltweit größte Anbieter von Autositzsystemen, mit Umstrukturierung, Lohnsenkung und Arbeitsplatzabbau auf den Absatzeinbruch in der Automobilindustrie infolge der internationalen Finanzkrise von 2008 reagiert.

JC verkaufte die Elektroniksparte, und es gibt anhaltende Gerüchte über eine Trennung von der Produktion von Zulieferteilen des Innenraumbereichs. Vor gut einer Woche hatte JC angekündigt, einen Teil seines Betriebs in Solingen-Merscheid zu schließen. Betroffen ist die Abteilung für Prototypenbau und Testing mit 117 Arbeitern. Ihnen sollen Abfindungen angeboten werden.

Am Standort in Wuppertal fordert das Unternehmen laut Gewerkschaft IG Metall Lohnkürzungen. Wenn diese nicht akzeptiert würden, könne das Werk noch in diesem Jahr geschlossen werden. Selbst wenn die IGM der Reduzierung der Bezüge zustimmt, stelle JC lediglich einen Fortbestand bis 2017 in Aussicht. Laut dem IGM-Bevollmächtigten Torsten Lankau hat die Belegschaft schon in den letzten Jahren Verschlechterungen hingenommen, ohne dass im Gegenzug die versprochenen Investitionen oder neue Aufträge nach Wuppertal gekommen sind.

Auch an anderen Standorten haben die Gewerkschaften eine Kürzung der Löhne oder eine Verlängerung der Arbeitszeit vereinbart. Im Werk Grefrath nahe der niederländischen Grenze haben die Beschäftigten laut Gewerkschaft IGBCE (Bergbau, Chemie, Energie) seit 2009 im Rahmen einer tariflichen Standortsicherung auf mehr als 13 Millionen Euro verzichtet. So haben sie zum Beispiel 40 anstatt der tariflich vereinbarten 38 Stunden pro Woche gearbeitet. Das Werk wird Ende des Jahres geschlossen.

Der Personalabbau bei JC ist nicht auf Deutschland beschränkt. Im österreichischen Werk Mandling wurde die Belegschaft bereits im letzten Jahr von 400 auf 270 Beschäftigte reduziert. Nun sollen bis September in der Schaumproduktion für Fahrzeugsitze weitere 65 gehen. Erklärt wird dies mit dem wachsenden Preisdruck der Automobilhersteller auf die Zulieferer. „Wir haben uns daher entschieden, bestimmte Kaltschaumteile in Zukunft nicht mehr in Mandling, sondern an einem Standort in Osteuropa zu fertigen“, sagte Matthias Groß von JC.

Die Unternehmensleitung von JC in Bochum hat den Betriebsrat eingeladen, möglichst schnelle Verhandlungen über einen Sozialplan und Interessensausgleich zu führen. Sie ist aber nicht auf die Forderung des Betriebsrats eingegangen, auf den Arbeitsplatzabbau zu verzichten und über andere Lösungen zu verhandeln. 1999 hatte das Unternehmen versucht, den Betriebsratsvorsitzenden Dietmar Kupfer mit einer Abfindung von 500.000 DM loszuwerden, was dieser aber ablehnte.

Inzwischen steht das Überleben des 1990 in Betrieb genommenen Bochumer Werks vollständig auf der Kippe. Kupfer sagte der WSWS: „Ob unser Standort in Gefahr ist, hängt jetzt von Ford ab.“ Wenn nach Opel auch Ford als Auftraggeber wegfalle, sei die angekündigte Teilschließung erst der Anfang.

Der Ford-Konzern hat erst vor kurzem angekündigt, noch in diesem Jahr darüber zu entscheiden, ob das neue Fiesta-Modell ab 2017 in Köln produziert wird. „Wir haben noch eine Lücke zu schließen, um es profitabel zu machen“, erklärte Deutschland-Chef Bernhard Mattes der Nachrichtenagentur dpa letzten Monat auf der Automesse in Detroit. Dies ist eine Umschreibung für weiteren Preisdruck auf die Zulieferer und die Belegschaft.

Derzeit verhandelt Mattes mit Betriebsrat und IG Metall über „Zugeständnisse“ der Kölner Ford-Belegschaft. „Wir haben weltweit über 90 Werke und darunter viele Werke, die auch Kleinwagen produzieren“, betonte Mattes. „Die Werke sind untereinander immer im Wettbewerb.“

In Köln sind allein in der Fiesta-Produktion 4.000 Menschen beschäftigt. Entscheidet sich das Managements gegen die Fortsetzung der Produktion in Köln, wären nicht nur die 4.000 Ford-Arbeiter betroffen, sondern auch die 440 verbleibenden JC-Beschäftigten in Bochum und viele weitere Tausend in der Zulieferindustrie.

In Bochum wird nun deutlich, dass die Schließung des Opel-Werks den Verlust von weit mehr als der unmittelbar betroffenen 3.000 Arbeitsplätzen bedeutet. Die lokale Industrie- und Handelskammer (IHK) befürchtet, dass in der Region bei Opel, bei Zulieferern und im Handel bis zu 10.000 Arbeiter ihren Job verlieren.

Laut einer Presseerklärung des Betriebsrats verwendet allein Johnson Controls zur Herstellung der Opel-Sitze Teile von weiteren hundert Zulieferern, die, verstreut über ganz Deutschland und zum Teil im Ausland, Teile herstellen und anliefern. Auch sie wären von Schließungen oder auslaufenden Verträgen betroffen.

Kupfer erklärte der WSWS, er erwarte eine „härtere Auseinandersetzung“. Aktuell werde „mit der Belegschaft besprochen und erarbeitet“, wie diese geführt werde. Als mögliche Forderungen nennt die Presseerklärung „eine Absenkung der betrieblichen Arbeitszeit bei vollem Lohnausgleich“, aber auch die „Forderung nach Ersatzarbeitsplätzen“.

Es sei klar, so Kupfer, „dass wir allein bei Johnson Controls in Bochum das grundlegende Problem nicht lösen können“. Er sei auch in Kontakt mit den Belegschaften von Opel in Bochum und Ford in Köln.

Das Haupthindernis, das einer Verteidigung der Arbeitsplätze im Wege steht, ist die Gewerkschaft. Die IG Metall und der Opel-Gesamtbetriebsrat haben die Stilllegung des Opel-Werks in Bochum organisiert und die Bochumer Belegschaft, die immer wieder dagegen ankämpfte, systematisch isoliert. Der Bochumer Betriebsrat um Rainer Einenkel hat sich zwar gelegentlich über die üble Rolle des Gesamtbetriebsrats beschwert, gleichzeitig aber jeden ernsthaften Arbeitskampf sabotiert und die Belegschaft auf nutzlose Verhandlungen vertröstet.

Auch die JC-Belegschaft hat von der IG Metall außer warmen Worten keine Unterstützung zu erwarten. Widersetzt sie sich dem Arbeitsplatzabbau, wird die IG Metall sie unter Druck setzten und attackieren, wie sie dies mit den Opel-Kollegen gemacht hat.

Um die Arbeitsplätze zu verteidigen, müssen unabhängige Aktionskomitees aufgebaut werden, die Kontakt zu Kollegen in der gesamten internationalen Autoindustrie und anderen Bereichen aufnehmen. Vor allem erfordert die Verteidigung der Arbeitsplätze ein sozialistisches Programm. Das Recht auf einen Arbeitsplatz ist ein unveräußerliches Grundrecht und darf nicht von den Profiten der Autokonzerne abhängig gemacht werden.

Um die Arbeitsplätze zu verteidigen, ist es notwendig, gegen die Gewerkschaften Sturm zu laufen, mit den hinter ihnen stehenden Parteien wie SPD und Linkspartei zu brechen und eine neue revolutionäre Partei aufzubauen, die Partei für Soziale Gleichheit.