Portugal versteigert 85 Werke von Joan Miró

Von Sybille Fuchs
6. Februar 2014

Wie in der insolventen Stadt Detroit sollen auch in Portugal Kunstwerke versteigert werden, um die staatliche Haushaltskasse aufzufüllen.

Die portugiesische Regierung hat dem Auktionshaus Christies in London 85 Werke des spanischen Malers Joan Miró zur Versteigerung angeboten. Der Verkauf sollte bis zu 50 Millionen Euro in die leere Staatskasse spülen, eine im Vergleich zur internationalen Finanzhilfe von 78 Milliarden Euro, die Portugal 2011 erhalten hatte, recht geringe Summe. Portugal hatte sich dafür zu einem strikten Sparkurs verpflichten müssen.

Das Haushaltsdefizit in Portugal und seine Schuldenlast waren durch die Bankenrettung 2008 explodiert und auf 211 Milliarden Euro gestiegen. Das sind 130 Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung, mehr als doppelt so viel wie das EU-Stabilitätsziel von 60 Prozent. Experten gehen davon aus, dass das Land die Schulden niemals zurückzahlen kann. Dennoch plant die Regierung, im Juni aus dem europäischen Rettungsschirm auszusteigen und sich wieder über die Kapitalmärkte zu finanzieren. Dazu soll auch der Verkauf der Miró-Werke beitragen.

Obwohl ein Verwaltungsgericht in Lissabon den Verkauf der Gemälde, Skulpturen, Zeichnungen und Kollagen von Miró gebilligt hatte, wurde die Auktion im letzten Moment abgeblasen.

Das Gericht hatte eine einstweilige Verfügung gegen den Verkauf abgelehnt, obwohl die Generalstaatsanwaltschaft die Aussetzung des Geschäfts empfohlen hatte. Dem Auktionshaus wurde die Sache aber wegen „juristischer Unsicherheiten“ zu heikel, denn in dem hochverschuldeten Land hatte sich erheblicher Widerstand gegen den Verkauf formiert. Wie SpiegelOnline berichtet, waren die Interessenten für die Kunstwerke bereits nach London gereist, als die Auktion abgesagt wurde.

Viele Portugiesen haben sich gegen den Verkauf ausgesprochen. Der Galerie-Kurator Carlos Cabral Nunes hatte eine Online-Unterschriftenaktion gestartet, die Oppositionsparteien hatten einen Antrag gegen den Verkauf im Parlament eingebracht. Er wurde am 17. Januar von der konservativen Regierungsmehrheit unter Ministerpräsident Pedro Passos Coelho abgelehnt.

Die Miró-Werke stammen aus dem Besitz der Banco Português de Negócios (BPN), die in der Finanzkrise wegen ihrer horrenden Verluste verstaatlicht und mit Steuergeldern gerettet worden war. Der portugiesische Staat hatte 700 Millionen Schulden der Bank übernommen und diese dann – allerdings ohne die Mirós – an die angolanisch-portugiesische BIC-Bank verkauft.

Bei den Miró-Werken handelt es sich laut Christies um eine der „umfassendsten und eindrucksvollsten Sammlungen des 1983 verstorbenen katalanischen Künstlers, die jemals zur Versteigerung angeboten wurden“. Die angebotenen Arbeiten umfassen sieben Jahrzehnte seiner künstlerischen Karriere. Die BPN hatte sie 2003 und 2006 nach Presseberichten für 34 Millionen Euro aus einer Privatsammlung in Japan erworben und in Portugal nie öffentlich gezeigt.

Das teuerste Gemälde „Femmes et Oiseaux“ von 1968 allein wurde vom Auktionator auf eine Summe zwischen 4 Mio. und 7 Mio. Pfund geschätzt. Ein anderes großes Ölbild ohne Titel, das auf blauem Hintergrund schwarze Schattenrisse und ein grünes Wesen mit einem grünen und einem roten Auge zeigt, soll mindestens 2,5 Millionen Pfund einbringen. Vergleichsweise preiswert sind Zeichnungen, die je 10.000 Pfund (16.000 Euro) bringen sollen.

Verschiedene Kultur- und Bürgerbewegungen sprechen sich grundsätzlich gegen den Verkauf der Bilder aus, da die Privatbank mit Steuergeldern gerettet wurde und das Volk somit ein Recht auf die Miró-Werke habe, die in einem staatlichen Museum ausgestellt werden sollten. Portugiesische Künstlergruppen kritisierten unter anderem, dass ein Kunstschatz verhökert werden solle, den Christie's als „eines der teuersten und beeindruckendsten Angebote“ von Werken Mirós anpreise, die jemals versteigert wurden.

Es gibt aber auch Kritik am Verkauf der Werke, die sich nicht dagegen richtet, dass hier Kunst als Ware verramscht wird, sondern dass alle Werke gleichzeitig und damit unter Wert angeboten werden. So meinte die sozialistische Abgeordnete Ines de Medeiros, die Sammlung hätte schrittweise verkauft werden sollen.

„Fast 100 Mirós einfach so auf den Markt zu bringen, auf einen Schlag, wird die Sammlung und alle anderen jetzt am Markt verfügbaren Mirós unterbewerten“, meinte sie. „Die Mirós so in einem zu verkaufen, als wären es Industriewaren, macht einfach keinen Sinn. Das ist das schlechteste Geschäft der Welt.“

Der Organisator der Unterschriftenliste Cabral Nunes vertritt die Auffassung, dass die Sammlung beim Verbleib in Portugal innerhalb von zwei Jahren dieselbe Summe einbringen könnte. Die museologische Gesellschaft APOM argumentiert, in einem Tourismusland wie Portugal könnten die Werke besonders viel Reichtum generieren.

Die 53-jährige Künstlerin Ana Perez-Quiroga erklärte: „Die Dinge sind an einem Punkt angelangt, an dem wir vielleicht sogar darüber nachdenken sollten, die Stühle zu verkaufen, auf denen wir sitzen… Diese Sammlung in Portugal zu haben, ist doch außergewöhnlich. Man bekommt ja nicht alle Tage 85 Miró-Werke in die Hände.“

Der Verkauf von Kunstwerken aus öffentlichem Besitz galt lange zu Recht als verpönt, aber mit der Entwicklung der Finanzkrise und der zunehmenden Verschuldung der öffentlichen Haushalte plädieren Politiker, Wirtschaftsvertreter und Medien dafür, dieses Tabu endgültig aufzugeben. Schließlich sei es unerheblich, so z. B. die Huffington Post, ob ein Zuschauer im Museum ein Original oder eine Kopie betrachte, wenn dieses „einen reichen Sammler mehr“ reize „und er für den Besitz mehr Geld bezahlen will – dann weg, ohne Schaden“.

Diese zynische Argumentation verachtet die große Mehrheit Bevölkerung und spricht den superreichen Eliten das Recht zu, Kunstwerke als Geldanlage zu horten und der Öffentlichkeit zu entziehen. Kunstwerke sind ein wichtiger Bestandteil des kollektiven historischen Erbes einer Gesellschaft und müssen, ganz gleich wie hoch sie gerade geschätzt werden, der Öffentlichkeit erhalten bleiben und zugänglich sein.