Ein zeitgenössischer Bericht über die Novemberpogrome 1938

Von Elisabeth Zimmermann
3. Januar 2014

Der Journalist und Schriftsteller Konrad Heiden verfasste kurz nach den Novemberpogromen 1938 unter dem Arbeitstitel „Nächtlicher Eid“ eine detaillierte Darstellung der schrecklichen und brutalen Ereignisse, die den Übergang von der Diskriminierung der Juden in Deutschland zu ihrer systematischen Verfolgung kennzeichneten.

Heidens Bericht stützt sich auf zahlreiche Augenzeugenberichte, gesammelt vom Jewish Central Information Office und der Exil-SPD, auf Artikel der Auslandspresse und auf eine Auswertung der Nazi-Presse. Er erschien Anfang 1939 unter dem Titel „The New Inquisition“ in englischer, „Tyskland i fara“ in schwedischer und „Les vêpres hitlériennes“ in französischer Sprache. Eine niederländische Ausgabe war geplant, wurde aber durch den niederländischen Premierminister verboten, um die Beziehungen zu Nazi-Deutschland nicht zu belasten.

75 Jahre nach den Ereignissen hat nun der Wallstein Verlag unter dem Titel „Eine Nacht im November 1938: Ein zeitgenössischer Bericht“ erstmals eine deutsche Ausgabe dieses aufschlussreichen und lesenswerten Buchs veröffentlicht. Die Herausgeber Markus Roth, Sascha Feuchert und Christiane Weber haben sie sorgfältig editiert und mit einem umfangreichen Kommentar versehen. Das 190 Seiten umfassende Buch beinhaltet auch eine Übersicht über das Leben von Konrad Heiden (1901-1966) von Markus Roth, der an einer Biografie des Autors arbeitet.

Konrad Heiden lebte 1938 bereits im Pariser Exil. Er hatte den Aufstieg des Nationalsozialismus seit seinen Anfängen in München in den 1920er Jahren genau beobachtet und in mehreren Büchern beschrieben. Seine zweibändige Hitler-Biografie erschien 1936 und 1937 beim Europa-Verlag in Zürich. „Unter den zahlreichen Hitler-Biografien von heute gibt es kaum eine, die nicht auf den authentischen Beschreibungen dieses Werks aufbaut, obwohl der Autor selbst weitgehend vergessen ist“, heißt es dazu bei Wikipedia.

Auf den ersten Seiten von „Eine Nacht im November 1938“ schildert Heiden die gespenstische Szenerie von fünfzigtausend jungen Männern, die in der Nacht des 9. November 1938 ihren Eid auf den Führer ablegen, um in die SS aufgenommen zu werden, und in der gleichen Nacht systematische Gräueltaten gegen die jüdische Bevölkerung verüben.

„Sie treten heute in die Gemeinschaft ein, die Deutschland schweigend beherrscht. Sie werden heute Mitglieder der geheimnisvollen, furchtbaren allmächtigen S.S. Die S.S. feiert keine brausenden Feste. Sie singt und jubelt nicht an großen Tagen der Bewegung. Schweigend und kalt, fast unauffällig regiert sie; auf wen ihr Schlangenblick fällt, der verschwindet lautlos aus dem Gesichtskreis, aus der Welt, vielleicht aus dem Leben. Die S.S. gönnt dem Volk seine Freude und der S.A. ihre Paraden; sie selbst herrscht stumm. ‚Viele lieben uns nicht, aber alle sollen uns fürchten’, hat Himmler gesagt.“

Auf den nächsten Seiten beschreibt Heiden, wie die Nazis das Attentat des 17-jährigen Herschel Grynszpan auf den deutschen Diplomaten Ernst vom Rath in Paris als Vorwand für ihre antisemitische Hetze und die am 9. November beginnenden Gräueltaten ausnutzten. In wenigen Absätzen schildert er, wie die Diskriminierung und Rechtlosigkeit der jüdischen Bevölkerung seit der Machtübernahme der Nazis zugenommen hat. Dabei erinnert er an den engen Zusammenhang zwischen dem gesellschaftlichen Fortschritt in Deutschland und der Emanzipation der Juden:

„Die geistige und dann die politische Erneuerung Deutschlands, nach hundertfünfzigjähriger Lethargie, beginnt gegen Ende des achtzehnten Jahrhunderts gleichzeitig mit der Emanzipation der deutschen Juden. Die Entdeckung, dass alle Menschen ,gleich’ seien, hat in jener Epoche allen Völkern gewaltige Kräfte zugeführt; die Juden gehören zu diesen neuen Kräften. Mit ihnen trat auch in die deutsche Gesellschaft ein neues Ferment ein, das sie in Bewegung bringen half. Es kann dem Antisemitismus nicht verwehrt werden, diese Bewegung und ihre Ergebnisse schädlich zu finden; das ist Meinungssache. Aber Tatsache ist, dass der historische Aufstieg Deutschlands im neunzehnten Jahrhundert von dem historischen Aufstieg des deutschen Judentums nicht zu trennen ist. Die Einschaltung Deutschlands in den wirtschaftlichen Entfaltungsprozess Westeuropas seit den fünfziger Jahren ist in beträchtlichem Masse jüdisches Werk gewesen. Der Beitrag der Juden zu den Naturwissenschaften, von Hertz bis Einstein, kann nicht gut bestritten werden. Aber nicht nur in den praktischen Künsten haben sie Bedeutendes geleistet. Der jüdische Kreis um Rahel Levin-Varnhagen hat als erster den unbedingten Kultus Goethes in Deutschland begründet. Der letzte Dichter nach Goethes Tod, mit dem Deutschland an der Weltliteratur teilnahm, war Heine, ein Jude.“

Unter der Überschrift „Die Nacht der Beile“ zitiert Heiden zahlreiche Augenzeugenberichte über die Zerstörung von Wohnungen und Geschäften und die Misshandlung von Juden in der Nacht vom 9. auf den 10. November. Namen und genaue Ortsangaben lässt er weg, um die Betroffenen oder ihre Angehörigen nicht zu gefährden.

So schildert er das Schicksal eines Mannes in einer „süddeutschen Mittelstadt“, der nervenleidend zu Bett lag und dessen Frau um Schonung bat. „Es ist typisch für die Nazis, dass sie Krankheit immer für Simulation halten. Herr X. wurde aus dem Bett gerissen und durch die zersplitterten Scheiben der Vorplatztür hindurchgeworfen, so dass er am ganzen Körper von den Splittern Schnittwunden erlitt. Er ging dann barfuß und blutüberströmt auf die Polizeiwache und wurde von dort auf Veranlassung der Beamten ins Krankenhaus geschafft.“

Heiden weist wiederholt nach, dass die Brand- und Zerstörungsaktionen der Pogromnacht nach genauen Plänen abliefen, und dass SS und SA genaue Anweisungen erteilten, jüdische Geschäfte zu zerstören und in jüdische Wohnungen und Häuser einzubrechen, wo alles kurz und klein geschlagen und geplündert wurde.

Synagogen wurden planmäßig in Brand gesetzt, Brandbomben und Petroleum von den Nazis herangeschafft und hinein geworfen. Die Feuerwehr wurde überall im Land angewiesen, die Brände in den Synagogen nicht zu löschen und nur darauf zu achten, dass sich das Feuer nicht auf benachbarte Häuser ausdehnte. Dennoch bekannten sich die Nazis nicht offen zu ihren Schandtaten, sondern versuchten sie als spontane Äußerung des Volkszorns darzustellen, der sich angeblich am Tod des Diplomaten vom Rath entzündet hatte.

Heiden wiederlegt das anhand zahlreicher Berichte, die er in seinem Buch gesammelt hat. So schreibt er: „Einer unserer Gewährsmänner berichtet: ,Ein mir persönlich bekannter S.A.-Mann sagte mir, der Befehl zu diesem Pogrom sei schon vierzehn Tage vorher, also lange vor dem Mord an vom Rath, gegeben worden. An dem fraglichen Mittwoch seien um sieben Uhr die Befehle ausgegeben und die jungen Leute dann zu Alkohol geführt worden.‘ Wie dem auch sei – das Pogrom stand zweifellos schon seit längerer Zeit auf dem Plan, der Schuss in Paris mag es beschleunigt haben…“

Am 10. November 1938 begannen Massenverhaftungen, in deren Verlauf Tausende Juden aus ihren Wohnungen geholt und in die Konzentrationslager Dachau bei München, Sachsenhausen oder Oranienburg bei Berlin oder Buchenwald bei Weimar gebracht wurden. Die Behandlung der Verhafteten in den Konzentrationslagern war nach übereinstimmenden Berichten grauenvoll. Sie wurden geschlagen, gedemütigt und zu stundenlangem Stehen und Exerzieren gezwungen, was die Schwächeren und Kranken meist nicht überlebten.

Unter der Überschrift „Dem Hungertod entgegen“ schildert Heiden, wie die Nazis der jüdischen Bevölkerung mit weiteren Gesetzen und Erlassen jede Möglichkeit zur Bestreitung ihres Lebensunterhalts entzogen.

„Kurz gesagt: kein Jude darf mehr ein eigenes Geschäft haben. Am 10. November hat ihm das empörte Volk spontan den Laden zerschlagen und die Ware fortgetragen. Dann hat er den Laden wieder einrichten, neue Ware kaufen müssen. Nachdem er dies zur Zufriedenheit, vielleicht mit seinem letzten Gelde getan hat, nimmt der Beauftragte für den Vierjahrsplan (Göring) ihm kalt, streng gesetzlich und ohne spontane Empörung den zertrümmerten, wiederhergestellten, wieder aufgefüllten Laden zum Zwecke der ,Ausschaltung der Juden aus dem deutschen Wirtschaftsleben’ endgültig ab.“

Den „tieferen Sinn der Exzesse des 9. und 10. November“ schätzt Heiden am Ende seines Berichts folgendermaßen ein: „Der Antisemitismus ist bisher die stärkste Triebkraft des Nationalsozialismus gewesen. Es hat sich aber herausgestellt, dass nach fünf Jahren nationalsozialistischer Herrschaft dieser Antisemitismus noch nicht genügend tief in das deutsche Volk eingedrungen ist. Durch eine aufpeitschende Tat sollte dies nachgeholt werden. Stärker als Reden, Zeitungsartikel und Gesetze sollten die Trümmer und Scherben des jüdischen Besitzes, die zerschlagenen und verängstigten Gestalten der jüdischen Bevölkerung auf die Phantasie der Volksmassen wirken. Durch das anfeuernde Beispiel der Sprengkolonnen sollte die Masse mitgerissen werden; sie sollte sich am Anblick der Zerstörung berauschen, nötigenfalls sich auch an der Beute bereichern, das Feuer der brennenden Synagogen sollte die Gemüter entflammen. Die Massen sollen in den Taumel des antisemitischen Handelns hineingerissen werden, damit sie auf diese Weise antisemitisch fühlen lernten.“

Dies, so Heiden, sei „nicht gelungen. Eine Fülle von Zeitzeugen spricht es aus. Die breiten Massen des deutschen Volkes haben sich an den Verbrechen des 9. und 10. November – von örtlichen Ausnahmen abgesehen – nicht beteiligt: sie haben wenigstens teilweise sie missbilligt.“

Auch dazu führt Heiden Äußerungen aus Deutschland an. So meldet ein Beobachter aus Aachen: „Die Stimmung der Bevölkerung ist passiv, verabscheut aber diese Aktionen.“

Heiden weist auch darauf hin, dass die Pogrome gegen die jüdische Bevölkerung in engem Zusammenhang mit der Krise standen, in der sich die faschistische Herrschaft zu dieser Zeit befand und die wenig später zum Ausbruch des Zweiten Weltkriegs führte.

„Eine Nacht im November 1938“ ist ein lesenswerter und aufschlussreicher Bericht über die November-Pogrome. Angesichts der tiefsten Krise des Weltkapitalismus seit den 1930er Jahren ist die Kenntnis dieser Ereignisse nicht nur von historischem Wert, sondern auch eine Warnung, wozu das kapitalistische System in seiner Todeskrise fähig ist, wenn es nicht rechtzeitig durch die Arbeiterklasse gestürzt wird.

 

Siehe auch:

Vor 75 Jahren brannten in Deutschland die Synagogen
[13. November 2013]

Antisemitismus, Faschismus und Holocaust
[1. Mai 1997]