87-jährige Rentnerin wegen Schwarzfahrens verhaftet

Von Konrad Kreft
20. Dezember 2013

Nur am Rande berichteten die Medien Anfang Dezember über eine 87-jährige, mittellose Rentnerin, die wegen Schwarzfahrens mit öffentlichen Verkehrsmitteln vom Wuppertaler Amtsgericht zu einer Gefängnisstrafe verurteilt und per Haftbefehl gesucht wurde.

Die Rentnerin aus Ennepetal bei Wuppertal fiel zwischen Februar und September 2012 bei Kontrollen zweiundzwanzig Mal ohne gültigen Fahrschein auf. Im Juni 2013 verurteilte sie das Amtsgericht Wuppertal deshalb zu einer Strafe von 474 Euro. Die Frau war allerdings nicht in der Lage, diese Summe aufzubringen, und wurde zu einer Haftstrafe von 40 Tagen verurteilt, nachdem sie vereinbarte Ratenzahlungen nicht beglichen hatte.

Diese Entscheidung wurde schnell publik. Um den Skandal unter den Teppich zu kehren und der Berichterstattung darüber eine politisch unschädliche Richtung zu geben, schaltete sich die Bild-Zeitung ein und löste die Frau nach einigen Tagen aus dem Frauengefängnis in Gelsenkirchen aus, indem sie die Reststrafe übernahm.

Die Frau, die mit einer monatlichen Rente von 560 Euro auskommen und davon 470 Euro für die Miete aufbringen muss, erklärte: Ich hatte keine Wahl. Ich bin zwar noch gut zu Fuß, aber große Wege schaffe ich nicht mehr.“ Um ihre Rente aufzubessern, arbeite sie täglich für drei Euro die Stunde als Putzfrau. Offenbar nutzte sie die Verkehrsmittel, die sie sich nicht leisten konnte, um zu ihren Arbeitsstellen zu gelangen.

Im September sollte die Frau erneut zu einer Gerichtsverhandlung in Wuppertal erscheinen, doch sie kam nicht. Daraufhin wurde Haftbefehl gegen die Rentnerin erlassen. Anfang Dezember verhaftete die Polizei sie schließlich.

Wie die Westdeutsche Zeitung berichtete, wird das Wuppertaler Amtsgericht „der betagten Dame angesichts ihres Alters und ihrer Gesundheit noch vor Heiligabend den Prozess machen“.

Die Darstellung dieser Begebenheit in den Medien ist darauf bedacht, den gesellschaftlichen Hintergrund auszublenden. „Eine Welle der Empörung“, schreibt die WZ, „war dem Fall vorausgegangen.“ Um diese Empörung niederzuhalten, die eine Empörung über die sozialen Zustände ist, zeichnen Regenbogenpresse und Tagesblätter das Bild einer einzelgängerischen, unbelehrbaren alten Frau, die durch ihre Hilflosigkeit Mitleid erweckt.

In Wirklichkeit ist dieses Einzelschicksal bezeichnend für die Lage von Millionen Menschen, die in Armut gestoßen worden sind und verzweifelt darum kämpfen, sich wieder herauszuarbeiten – darunter auch hundertausende Rentner, die sich mit ihrer kargen Rente nicht über Wasser halten können. Seit Jahren stagnierende Renten und steigende Mieten versetzen viele Alte in Notlagen, aus denen sie keinen Ausweg wissen.

Weitverbreitete Armut ist zu einer alltäglichen Erscheinung geworden. Sie ist die Konsequenz der Regierungspolitik der letzten Jahrzehnte, die den Lebensstandard breiter Bevölkerungsschichten deutlich gesenkt hat.

Laut dem „Armutsbericht 2013“ des Paritätischen Wohlfahrtsverbands ist die Armut in Deutschland seit 2006 von 14 auf 15,2 Prozent gestiegen. „Sämtliche positive Trends aus den letzten Jahren sind zum Stillstand gekommen oder haben sich gedreht. Deutschland war noch nie so gespalten wie heute“, sagte Ulrich Schneider, Geschäftsführer des Verbandes. Dieser Prozess geht unaufhaltsam weiter.