Weitere Streiks bei Amazon

Von Dietmar Henning
18. Dezember 2013

Die Vereinigte Dienstleistungsgewerkschaft (Verdi) hat am Montag, eine Woche vor den Weihnachtstagen, erneut Beschäftigte von Amazon zur Arbeitsniederlegung aufgerufen. Die Gewerkschaft strebt eine Übereinkunft mit dem weltweit größten Internet-Versandhändler an.

Wie schon beim letzten Mal Ende November streikten Beschäftigte in Leipzig und in der Konzernzentrale Bad Hersfeld (Hessen). Erstmals legten auch Beschäftigte am Amazon-Standort Graben bei Augsburg die Arbeit nieder.

In Bad Hersfeld, dem größten Amazon-Standort in Deutschland, streikten nach Gewerkschaftsangaben rund 700 Beschäftigte der beiden dortigen Verteilzentren. In Leipzig sollen sich 500 und in Graben 600 an dem Ausstand beteiligt haben. Mit 1.800 der 23.000 Beschäftigten sei bei diesem eintägigen Streik eine neue Rekordbeteiligung erreicht worden, erklärte Verdi.

Amazon sprach von 1.115 Mitarbeitern, die am Montag bundesweit nicht gearbeitet haben. Die Auslieferung im Weihnachtsgeschäft, betonte der Konzern, sei dadurch nicht beeinträchtigt worden.

Verdi-Sprecher kündigten eine Fortsetzung des Streiks in Bad Hersfeld am Dienstag und am Mittwoch an. In Leipzig werde bis Freitagabend gestreikt. In Graben blieb es bei der eintägigen Aktion. Ein von Verdi angekündigter Ausstand im Verteilzentrum Werne fand nicht statt.

Verdi-Vorstandsmitglied Stefanie Nutzenberger begründete die Streiks mit der Forderung der Gewerkschaft, den Tarifvertrag des hessischen Einzel- und Versandhandels einzuführen. Amazon weigert sich, diesen Tarif anzuerkennen. Ralf Kleber, der Amazon-Chef in Deutschland, wiederholte, das Unternehmen sei ein Logistik-Konzern, daher sei auch der niedrigere Tarif dieser Branche gültig.

Die Amazon-Beschäftigten haben jedes Recht, gegen ihre niedrige Bezahlung, vor allem aber gegen die Arbeitsbedingungen zu protestieren und zu kämpfen. Mehrere Berichte und Reportagen, wie die des französischen Journalisten Jean-Baptiste Malet, haben aufgedeckt, unter welch unmenschlichen Bedingungen sie arbeiten müssen. Lange Schichten und kurze Pausen, weite Wege bis zu 20 Kilometer pro Schicht, körperlich schwere Arbeit, Schikanen und ein rüder Kommandoton der Vorgesetzten kommen zur absoluten Überwachung, bei der jeder Schritt aufgezeichnet und kontrolliert wird.

Doch Verdi geht es genauso wenig um die Verbesserung der Arbeitsbedingungen wie um die prekäre Beschäftigung bei Amazon. Nur 900 der rund 9.000 fest angestellten Beschäftigten haben unbefristete Verträge, 14.000 sind über Leiharbeitsfirmen beschäftigt. Für diese würde ohnehin ein niedriger Tarif gelten, den Verdi gemeinsam mit der IG Metall erst kürzlich für weitere drei Jahre abgeschlossen hat.

Es geht Verdi noch nicht einmal um die Erhöhung der Stundenlöhne um 1,68 Euro, die als Begründung für die kurzfristigen Streiks herhalten muss. Jahrelang hat Verdi über die Arbeitsbedingungen und Löhne bei Amazon Stillschweigen bewahrt. Auslöser ihrer Tarif-„Initiative“ bei Amazon im April war eine ARD-Fernsehreportage, die aufdeckte, dass Arbeiter aus Ländern wie Spanien, Rumänien und Ungarn mit falschen Lohn-Versprechungen nach Deutschland gelockt wurden und, von Rechtsradikalen bewacht, „moderne Sklavenarbeit“ leisten mussten.

Dieser Bericht hatte eine Welle der Empörung ausgelöst. Erst dies rief Verdi auf den Plan. Mit dem Abschluss eines neuen Tarifvertrags hätte die Gewerkschaft nicht nur den Protesten innerhalb des Amazon-Konzerns den Wind aus den Segeln genommen, sondern gleichzeitig auch dessen Image wieder aufpoliert. Durch ihre Verbindungen in die Betriebe spürt Verdi wie alle Gewerkschaften, wenn sich unter den Belegschaften Wut und Empörung aufstauen und zu explodieren drohen. Erst dann reagiert sie, um sich den Konzernen als Betriebspolizei anzubieten, die Proteste erstickt.

Verdi versuchte Amazon zu Hilfe zu eilen, nachdem der Konzern durch die Berichterstattung im letzten Jahr Gefahr lief, unvorbereitet von gewaltigen Protesten der Belegschaft und darüber hinaus getroffen zu werden. Weil Amazon-Gründer Jeff Bezos dieses Angebot ablehnte, sind die deutschen Gewerkschaftsvertreter nun in der Zwickmühle. Sie wollen nicht streiken, müssen aber irgendwie einen faulen Kompromiss schließen, um ihr Gesicht zu wahren.

Der Multimilliardär Bezos ist bislang nicht dafür bekannt, anderen zu helfen, wenn es nicht seinen Kontostand erhöht. Dass ihm Verdi genau dies anbietet, ist offensichtlich nicht bei ihm angekommen.

Aus diesem Grund hat Verdi sich nun Unterstützung von ihren nicht weniger korrupten Gewerkschaftskollegen in den USA geholt. Vor der Zentrale des US-Unternehmens in der Terry Avenue North in Seattle fand am Montag eine „Solidaritätsaktion“ statt. Nur, Aktion konnte man dies eigentlich nicht nennen.

Mehrere US-Gewerkschaften aus dem Staat Washington hatten ihre Unterstützung angekündigt, darunter der Dachverband AFL-CIO, die Gewerkschaft der Beschäftigten in der Dienstleistungsbranche (SEIU), der Telekommunikations- und IT-Arbeiter (CWA), der Transportarbeiter (Teamsters), der Landwirtschafts-, Lebensmittelhandels- und Gesundheitsbeschäftigten (UFCW), und einige andere.

In einem Flugblatt für die Presse – nicht für die Arbeiter – haben diese Organisationen Verdi ihre Hilfe angeboten und betont, dass sie Millionen von Arbeitern vertreten. Doch die Arbeiter kamen nicht, denn sie wurden gar nicht erst eingeladen.

So reisten zwei Verdi-Funktionäre nach Seattle, um gemeinsam mit nicht einmal zwanzig amerikanischen Gewerkschaftsfunktionären und ihren Familien zu protestieren. Sie trugen Plakate mit der Aufschrift „We are humans, not robots“ (Wir sind Menschen, nicht Roboter), „Stop Corporate Greed“ (Stoppt die Unternehmensgier) und „We are supporting our working families“ (Wir unterstützen unsere arbeitenden Familien).

Verdi-Chef Frank Bsirske nannte diesen „Akt der Solidarität“ der amerikanischen Gewerkschaften ein „kraftvolles Signal“ dafür, dass die Zusammenarbeit von Arbeitern nicht an nationalen Grenzen endet. Diese Proteste seien ein ermutigendes Signal für die fragwürdigen Methoden globaler Konzerne wie Amazon.

Die ganze Aktion war eine Farce und diente einzig Verdis Versuch, Bezos und seinen Amazon-Konzern doch noch zu einem faulen Deal zu bewegen. Die Streiks bei Amazon seit April haben eins deutlich gemacht: Die Arbeitsbedingungen und Löhne aller 23.000 bei Amazon Beschäftigten können nur gegen die Gewerkschaft verbessert werden.