Paganini oder „Der Teufelsgeiger“?

Von Bernd Reinhardt
11. Dezember 2013

Der italienische Geigenvirtuose Niccoló Paganini ist noch immer ein Mythos, umrankt von Legenden. Der Kinofilm Der Teufelsgeiger (Drehbuch/Regie: Bernard Rose; Produktion: Deutschland, Italien, Österreich) trägt kaum dazu bei, sie ins rechte Licht zu rücken und Paganinis Verdienste an der Kunst zu würdigen. Zeigte sich der frühere deutsche Film Paganini (1989) von Klaus Kinski fasziniert vom „wahnsinnigen Genie“, hielten es die Macher von Der Teufelsgeiger für originell, Paganini als „Rockstar des 19. Jahrhunderts“ zu präsentieren.

Der Teufelsgeiger © Summerstorm/Dor/Construction/BR/Arte, Photo: W.Wehner

Der Film zeigt, wie Paganini 1830 in London zum unangefochtenen Star wird. Bisher musste er oft mit billigen Mätzchen auf sich aufmerksam machen. So imitiert er während eines Konzertes mit großem Erfolg einen Esel. Dann begegnet ihm der Manager Urbani, dem man sofort ansieht, dass er mit dunklen Kräften in Verbindung steht. Und richtig: Paganini verkauft ihm seine Seele für Geld und Ruhm. Nun stehen ihm die großen Säle offen. Die jungen Damen kreischen hysterisch, sobald der „Teufelsgeiger“ nur den Bogen ansetzt, wenn sie nicht schon vorher in Ohnmacht gefallen sind.

Paganini wird von dem Geiger David Garrett gespielt, der sein Instrument wirklich beherrscht. Doch selbst in den Konzertszenen springt kein Funke über. Der ganze Film ist seicht und langweilig bis hin zur einstudierten Massenhysterie. Garrett muss so schwülstige Sätze hauchen wie: „Ich lebe nur für die Musik“, und auch eine kitschige Liebesgeschichte fehlt nicht. Paganini begegnet Charlotte, einer jungen Sängerin, nicht sehr talentiert aber hübsch. Er gibt ihr Gesangsunterricht und unter seiner Anleitung blüht sie auf.

Die leichte Kritik des Films an der Kommerzialisierung von Kunst besteht aus modisch-biederen Plattheiten. Die Botschaft lautet: In jedem steckt der Teufel, oder weltlicher ausgedrückt: Niemand kann sich der eigenen, geheimen Gier nach Reichtum und Ruhm sicher sein. Auch Charlotte begibt sich zu guter Letzt auf das dünne Eis des Showbusiness, in dem Paganini einbricht.

Irgendwo im Film fällt das Wort „Kulturindustrie“ (oder „Musikindustrie“). Und für einen Moment meint der Zuschauer, als Paganini im nebligen London eintrifft, mit dunkler Brille und Taschentuch vor dem Mund, Michael Jackson in der Kutsche zu sehen. Ihn empfängt eine fanatische Frauendemonstration, die von der Presse aufgehetzt, Stimmung gegen den angeblichen Kinderschänder und Ausländer macht.

An mehreren Stellen inszeniert der Film genüsslich die von Medien manipulierten Menschenmassen bis hin zu gefährlichem Fanatismus. Unvorstellbar scheint den Filmemachern indes die Vorstellung, Kunst könnte aus sich selbst heraus die Kraft haben, Menschen zu begeistern und zu erheben. Der Film-Paganini steigt Dank cleverer Werbung und Inszenierung zum Star auf. Als sein Stern sinkt, fordert das launische Publikum wieder „Mach uns den Esel“. Mit dem wirklichen Paganini hat dies alles wenig zu tun.

Niccoló Paganini wurde 1782 in Genua in ärmlichen Verhältnissen geboren. Sein Vater war Hafenarbeiter und musikalischer Autodidakt. Die Einkünfte bemühte er sich mit Glücksspiel aufzubessern. Die Mutter, eine einfache Frau, konnte kaum lesen und schreiben, liebte aber die Musik. Niccoló beschäftigte sich schon als kleines Kind mit Mandoline, Geige und Gitarre. Die ersten Unterweisungen erteilte der Vater, der dabei sehr brutal gewesen sein soll. Gefördert von einem Genueser Kaufmann und Kunstmäzen, der ihn in die besseren Kreise einführte, erhielt der Junge einige Violinstunden bei einem angesehenen Musiker und absolvierte erste Auftritte, die die Umgebung in Bewunderung versetzen.

Bevor ihn der Vater 1795 nach Parma schickte, um bei ausgezeichneten Musikern weiter zu studieren, brachte der 13-Jährige in Genua eine eigene Komposition zu Gehör. La Carmagnola con Variazioni sind 14 Variationen über ein populäres französisches Revolutionslied. Die meisten Einwohner Genuas waren Anhänger der Jakobiner und begrüßten die Ligurische Republik (1797-1805), die nach dem Einmarsch Napoleons in Italien die alte Adelsrepublik Genua ablöste. Napoleon erwies sich schnell als Enttäuschung. Als Niccoló Ende 1797 nach Genua zurückkehrte, hungerte die Bevölkerung, die Napoleons Armee unterhalten musste. Der junge Geiger verließ bald seine Heimatstadt.

Niccoló Paganini 1819


Nach dem Sturz Napoleons, lebte die Ligurische Republik kurz wieder auf, um vom Wiener Kongress unter Federführung des österreichischen Außenministers Fürst von Metternich 1815 endgültig aufgelöst zu werden. Die alten feudalen Mächte waren zurück. Die Carmagnole spielte Paganini jetzt nicht mehr. Dafür erklangen 1828 im Wiener Hoftheater seine Variationen über Joseph Haydns Hymne Gott beschütze Franz den Kaiser, heute bekannter als deutsche Nationalhymne. Ein Jahr später stellte er in Berlin in Anwesenheit Kaiser Wilhelms Variationen über die deutsche Kaiserhymne Heil dir im Siegerkranz vor, die er dann praktischerweise 1930 in London als God save the King- Variationen über die englische Nationalhymne präsentierte. (Es ist dieselbe Melodie). Ungeachtet der gekrönten Häupter spricht aus Paganinis Musik doch immer wieder die ungebändigte Energie der Carmagnole.

Musikalisch stellte damals die Wiener Klassik mit Beethoven (1770-1827) den Höhepunkt dessen dar, was aus dem Geist der revolutionären Ideale entstand. „Seid umschlungen Millionen. Dieser Kuss der ganzen Welt!“ Davon kündet die 9. Sinfonie. Durch Napoleons Eroberungen hatte dieser „Kuss“ zu Ernüchterung geführt. Die Musik des später geborenen Paganini teilt jedenfalls nicht Beethovens Pathos. Die theatralisch-pompösen Orchestereinsätze im 1.Satz von Paganinis Concerto Nr. 1 für Violine und Orchester wirken etwas ironisch.

Paganini und Beethoven vertraten aber vor allem sehr verschiedene Musiktraditionen. Beethoven repräsentierte den hohen Entwicklungsstand der Instrumentalmusik Österreich-Ungarns. Seine Musik entfaltet vor dem Zuhörer ein komplexes musikalisches Geflecht. Paganini war von der Kultur des so kunstvoll wie technisch anspruchsvollen italienischen Operngesangs geprägt. Seine virtuosen Kompositionen wirken unmittelbar und spontan, oft mehr improvisiert als komponiert. Wie andere italienische Komponisten benutzte er eingängige, volkstümliche Themen, so in Il Carneval di Venezia. Anders als Beethoven ging es ihm um die Entwicklung der Melodie. Das Orchester diente im Wesentlichen der Begleitung des Solisten.

Paganini erforschte die solistischen Möglichkeiten der Geige, entwickelte neue Spieltechniken und Klänge. Oft stimmte er das Instrument höher als gewöhnlich. Mit Hilfe seiner atemberaubenden Virtuosität erweiterte er den bisher üblichen Tonumfang der Geige. Mehrere Werke, wie die Sonata Napoleone oder die Variazioni sull Mosèüber Dal tuo stellato soglioaus der Rossini-Oper Mosè in Egitto (Moses in Ägypten), werden nur auf der G-Saite gespielt. Er verwendete verstärkt Obertöne (Flageoletttöne) und entwickelte ein ganzes System künstlich erzeugter Flageoletts, die oft zweistimmig erklingen. Seine Handhabung des Bogens war so imponierend wie seine Dynamik. Markenzeichen wurde eine virtuose Zupftechnik, das Fingerpizzicato mit der linken Hand in Kombination mit dem Bogen. An ein Wunder grenzt sein Duo für nur eine Violine, Duo merveille, Sonata per violino solo.

Die Wirkung dieser Musik war überwältigend In einer Zeit der Desillusion gelang einem Einzelnen das schier Unmögliche, die Erschaffung einer neuen Welt – in der Kunst. Goethe, der Paganini in Weimar hörte, hatte den Eindruck von etwas „Meteorischem“, von einer „Flammen- und Wolkensäule“.

Gleichzeitig empörten sich viele sogenannte ernste Zuhörer über seine Respekt- und „Geschmacklosigkeiten“. So über die Angewohnheit, Werke anderer Komponisten willkürlich zu verändern. Gegenüber der Kirche bekundete Paganini nicht die gebotene Ehrfurcht. Während einer festlichen Messe in der Kathedrale von Lucca spielte der „Jakobiner Paganini“, wie es in damaligen Aufzeichnungen heißt, nicht nur unanständig lange. (Er spielte nach dem Kyrie Eleison eine knappe halbe Stunde). Er imitierte dabei auf der Geige auch verschiedene Musikinstrumente und Tiere. (Ob ein Esel dabei war, ist leider nicht überliefert.)

Kathedrale St Martino in Lucca

Paganini liebte solche Späße. Zu seinem Repertoire gehörte ein Spanischer Tanz, in dem er verschiedene Vogelstimmen nachahmte. Dies war noch im 17. und 18. Jahrhundert nichts ungewöhnliches. Man denke an die zwitschernden Vögel im Frühling von Vivaldis Le quattro stagioni (Die vier Jahreszeiten). Die alte Praxis kam Paganinis Humor, seiner kommunikativen Haltung gegenüber dem Publikum, seiner Lust zu provozieren, entgegen. In Ferrara ahmte er im Konzert den Schrei eines Esels nach und widmete ihn jenem Zuhörer, der die Sängerin des Abends beleidigt hatte. Im Stück La Campanella, Teil des Concerto Nr.2 für Violine und Orchester, ertönte mehrmals aus dem Publikum ein Glöckchen, das der Violine freundlich antwortete.

Das Nebeneinander von „Göttlichem“ und Profanen trug nicht wenig zu Paganinis Ruf als „Scharlatan“ bei. Zu Unrecht. Musik hatte für ihn einfach nichts Elitäres. Sicher war er in dieser Hinsicht beeinflusst von der französischen Aufklärung. Seine Konzerte waren ein grandioses Gemeinschaftserlebnis. Er lehnte es auch nicht ab, sogenannte Gebrauchsmusik für das häusliche Musizieren von gehobenen Laien zu komponieren. Darin war Paganini, so der Musikhistoriker Edward Neill, neben wenigen anderen, ein wirklicher Pionier. Paganini selbst spielte gern zum Spaß und völlig uneitel in geselliger Runde, griff zur Mandoline, zur Gitarre, zur Geige. So entstanden neben anspruchsvollen Werken etliche Stücke, die eher der Spielfreude und Übung dienten.

Einfühlsamkeit und Geschick bewies Paganini als Pädagoge. Schon der etwa 20-Jährige beratschlagte im Orchester von Lucca Kollegen bei der Verbesserung ihrer Spieltechnik. Einem Kontrabassisten zeigte er eine neue, effektivere Spielweise. Dabei war der Bass nicht Paganinis Instrument. Er unterrichtete auch erfolgreich Cello, obwohl er nicht als Cellist hervorgetreten ist. Im Unterricht, so ist überliefert, konnte er in kurzer Zeit falsche Bogenhaltungen korrigieren, was schwer ist. Offenbar beruhte Paganinis Genialität auch auf großem physiologischen Wissen. Sein kreatives pädagogisches Herangehen, ohne Pedanterie und Drill, sein ausgewiesener „Respekt vor dem Schüler“ (E. Neill) weisen wieder auf einen aufklärerischen Geist.

Paganinis Guarneri del Gesù

Paganini veränderte die Musik Europas und beeinflusste eine Vielzahl von Musikern und Komponisten wie Franz Liszt, Frédéric Chopin oder Robert Schumann. Die Violinkonzerte von Tschaikowski und Sibelius wären ohne Paganini nicht denkbar. Von menschlicher wie künstlerischer Größe zeugte sein öffentlicher Kniefall vor dem jungen Komponisten Hector Berlioz in Paris, dessen Talent er früher als andere erkannte, dessen Symphonie fantastique er bewunderte und den er mit einer großzügigen Geldspende unterstützte. Trotz vorhandener Ecken und Kanten war Paganini nicht der exzentrische Egoist des Films, der den Tag am liebsten im Bett verbringt, wenn er nicht gerade weltfremd, mit verträumten Gesicht durch die Szenerie trottet.

Auch Paganinis vielbeschriebene Habgier erscheint, wenn die folgende Anekdote stimmt, in einem anderen Licht. Es heißt, Paganini hätte dem englischen König ein Privatkonzert ausgeschlagen. Wenn der König ihn hören wolle, so der Virtuose, solle er sich eine Konzertkarte kaufen. Und setzte bissig hinzu: Es sei für ihn auch preiswerter. Der König hatte nämlich nur die Hälfte dessen geboten, was Paganini bei vollem Konzertsaal verdient hätte. Die andere Hälfte wäre „für die Ehr“ gewesen.

Hier sprach ein selbstbewusster Bürger des frühen 19. Jahrhunderts, der die Privilegien, die der Adel für sich beanspruchte, ablehnte und sich von dessen parasitären Existenz abgestoßen fühlte. Dass er mit etwas eitlem Stolz selbst einen ihm verliehenen Adelstitel trug (er war völlig wertlos), tut der Sache keinen Abbruch. Paganini wusste um den Wert seiner Arbeit, und verlangte seinen Preis. Mitunter verlangte er doppelt so hohe Eintrittspreise als üblich. Immer war er jedoch bereit Konzerte zu geben, deren Erlös wohltätigen Zwecken diente. Als er öfter aus Krankheitsgründen absagte, verbreitete die Presse eine Schmutzkampagne.

Die Kirche rächte sich für Paganinis Respektlosigkeiten. Als er 1840 krank in Nizza starb, verweigerte sie dem „Ungläubigen“ das Begräbnis. Über dreißig Jahre dauerte die Irrfahrt des Sarges, bis Paganini dank enger Freunde und seines Sohnes Achill endlich 1876 in Parma begraben wurde. Paganinis Geburtshaus in Genua ist vor Jahren leider dem Bau einer Schnellstraße zum Opfer gefallen. Seine Lieblingsvioline wird im Rathaus von Genua aufbewahrt. Paganinis 24 Capricci für Solovioline, gewidmet „allen Künstlern“, kennt jeder Violinstudent. Seine phantastische, belebende Musik inspiriert Geiger aus aller Welt. Zu diesen Begeisterten gehört David Garrett.

Ärgerlich ist, dass der Film nicht einmal ansatzweise die Zeit Paganinis und die Qualitäten des Ausnahmekünstlers erfasst. Im Bemühen um Modernität, inszeniert er die modernen, verlogenen Vorurteile gegenüber Massen und Massenpublikum. Seine nicht ernst gemeinte Kritik gegenüber dem Showbusiness richtet sich letztendlich gegen das Publikum. Die Masse ist der gefährliche, blutdurstige Vampir, der den Künstler aussaugt und fallenlässt. Demnach hatte der Adel seinerzeit wohl recht, der sich gegen eine Demokratisierung der Kunst wehrte und meinte: Kunst, die mit dem Volk in Berührung kommt, hört auf, Kunst zu sein.

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You Tube-Musikbeispiele in ihrer Reihenfolge im Text:

„God save the King“ - Variationen über die englische Nationalhymne, Interpret: Frank-Peter Zimmermann

Violin Concerto Nr.1, Interpret: Leonid Kogan

Il Carneval di Venezia, Interpret: David Garrett

Sonata Napoleone, Interpret: Salvatore Accardo

Variazioni sull Mosé, Interpret: Antal Zalai

Dal tuo stellato soglio, G. Rossini

Duo merveille Sonata per violino solo, C major, Ning Feng

La Campagnella, Interpret: Mario Hossen

Capriccio Nr 5, Interpret: Nathan Milstein