Leo Trotzki über den Rath-Attentäter Grynszpan

13. November 2013

Am 7. November 1938 erschoss der 17-jährige Herschel Grynszpan in Paris den deutschen Diplomaten Ernst vom Rath. Die Tat diente den Nazis als Vorwand für die Novemberpogrome gegen die jüdische Bevölkerung Deutschlands.

Grynszpan war als Sohn polnisch-jüdischer Eltern in Deutschland geboren und aufgewachsen. Mit 14 Jahren emigrierte er nach Frankreich. Er beging das Attentat, nachdem er erfahren hatte, dass seine Eltern unter menschenunwürdigen Umständen mit zehntausenden anderen in Deutschland lebenden Polen zwangsweise nach Polen deportiert worden waren. Von Vichy-Frankreich nach Deutschland ausgeliefert, wurde Grynszpan 1942 vermutlich im KZ Sachsenhausen ermordet.

Im Februar 1939 verteidigte Leo Trotzki Grynszpan gegen Angriffe der Stalinisten. Der Artikel erschien 14. Februar 1939 in englischer Sprache in der Zeitung der amerikanischen Trotzkisten Socialist Appeal und im Mai in deutscher Sprache in der Exilzeitung der deutschen Trotzkisten Unser Wort. Wir geben ihn in einer redigierten Version wieder, die sich auf die englische Fassung stützt.

Für Grynszpan

Für jeden mit der politischen Geschichte auch nur wenig vertrauten Menschen ist klar, dass die Politik der faschistischen Gangster direkt und zuweilen mit Absicht terroristische Akte provoziert. Das erstaunlichste ist, dass es bisher nur einen einzigen Grynszpan gegeben hat. Zweifellos wird die Zahl solcher Akte zunehmen.

Wir Marxisten betrachten die Taktik des individuellen Terrors als ungeeignet zur Lösung der Aufgaben des Befreiungskampfes des Proletariats oder der unterdrückten Nationalitäten. Ein einzelner isolierter Held kann nicht die Massen ersetzen. Jedoch verstehen wir ebenso klar die Unvermeidlichkeit solch impulsiver Verzweiflungs- und Racheakte. All unser Mitempfinden, unsere ganze Sympathie gehören den sich aufopfernden Rächern, auch wenn sie nicht den richtigen Weg gefunden haben. Unsere Sympathie ist noch größer, weil Grynszpan kein politischer Kämpfer ist, sondern ein junger unerfahrener Mensch, fast ein Kind, dem das Gefühl der Empörung der alleinige Ratgeber war.

Grynszpan den Händen der kapitalistischen Justiz zu entreißen, die im Dienste der kapitalistischen Diplomatie fähig ist, ihm den Kopf abzuschlagen, ist die unmittelbare Pflicht der internationalen Arbeiterklasse!

Umso empörender sind der Polizeistumpfsinn und die unbeschreibliche Heftigkeit der Kampagne, die jetzt auf Befehl des Kreml in der internationalen stalinistischen Presse gegen Grynszpan geführt wird. Sie versuchen ihn als Agenten der Nazis oder der Trotzkisten im Bündnis mit den Nazis hinzustellen. Indem die Stalinisten den Provokateur und sein Opfer über einen Kamm scheren, unterstellen sie Grynszpan die Absicht, er habe absichtlich einen geeigneten Vorwand für Hitlers Pogromtreiben schaffen wollen.

Was soll man von diesen bestechlichen „Journalisten“ halten, die nicht mehr die geringste Spur von Scham besitzen? Seit den Anfängen der sozialistischen Bewegung hat die Bourgeoisie stets alle gewaltsamen Unmutsäußerungen, insbesondere terroristische Akte, dem verderblichen Einfluss des Marxismus zugeschrieben. Hier wie anderswo haben die Stalinisten die schändlichsten Traditionen der Reaktion geerbt. Die Vierte Internationale kann mit Recht stolz darauf sein, dass der reaktionäre Abschaum, einschließlich der Stalinisten, jede kühne Aktion und jeden Protest, jeden Ausbruch der Empörung und jeden Schlag gegen die Henker automatisch mit dem Namen der Vierten Internationalen verbindet. Genauso erging es der Internationale zu Marx’ Zeit.

Uns verbindet mit Grynszpan ein natürliches Band der offenen moralischen Solidarität, und nicht mit seinen „demokratischen“ Kerkermeistern oder mit den stalinistischen Verleumdern, die den Leichnam Grynszpans brauchen, um die Urteilssprüche der Moskauer Justiz wenigstens teilweise und indirekt zu stützen.

Die bis ins Mark verkommene Kremldiplomatie versucht diesen „glücklichen“ Vorfall gleichzeitig zu nutzen, um ihre Bemühungen um ein internationales Abkommen zwischen verschiedenen Regierungen, einschließlich der Hitlers und Mussolinis, über die gegenseitige Auslieferung von Terroristen zu erneuern. Aber seit vorsichtig, Meister der Fälschung! Die Anwendung einer solchen Regelung würde die sofortige Auslieferung Stalins an wenigstens ein Dutzend ausländische Regierungen erfordern.

Die Stalinisten schreien der Polizei ins Ohr, Grynszpan habe „Versammlungen der Trotzkisten“ besucht. Das ist leider nicht wahr. Denn hätte er sich im Milieu der Vierten Internationale bewegt, hätte er eine andere und viel wirkungsvollere Möglichkeit für den Einsatz seiner revolutionären Energie gefunden. Leute, die nur gegen Ungerechtigkeit und Grausamkeit wettern können, finden sich leicht. Doch wer wie Grynszpan fähig ist, zu handeln und zu denken, wenn nötig unter Einsatz seines Lebens, zählt zur Blüte der Menschheit.

Moralisch, wenn auch nicht durch seine Handlungsweise, kann Grynszpan jedem jungen Revolutionär als Vorbild dienen. Unsere moralische Solidarität mit Grynszpan gibt uns ein besonderes Recht, allen noch kommenden Grynszpans, allen, die im Kampf gegen Despotismus und Bestialität zur Selbstaufopferung fähig sind, zuzurufen: Sucht einen anderen Weg! Nicht der isolierte Rächer, sondern nur eine große revolutionäre Massenbewegung kann die Unterdrückten befreien, eine Bewegung, die vom ganzen System der Klassenausbeutung, der nationalen Unterdrückung und der Rassenverfolgung nichts bestehen lässt.

Die beispiellosen Verbrechen des Faschismus erzeugen einen Rachedurst, der völlig berechtigt ist. Aber der Umfang dieser Verbrechen ist so ungeheuerlich, dass dieser Durst nicht durch die Ermordung isolierter faschistischer Bürokraten gestillt werden kann. Dazu müssen Millionen, zehn und hunderte Millionen Unterdrückte auf der ganzen Welt mobilisiert und zum Sturm auf die Grundlagen der alten Gesellschaft geführt werden. Nur der Sturz aller Formen der Versklavung, nur die völlige Vernichtung des Faschismus, nur die schonungslose Justiz des Volkes über die zeitgenössischen Banditen und Verbrecher können der Empörung des Volkes wirkliche Genugtuung verschaffen. Genau das ist die Aufgabe, die sich die Vierte Internationale gestellt hat. Sie wird die Arbeiterbewegung von der Seuche des Stalinismus zu reinigen. Sie wird in ihren Reihen die heroische Generation der Jugend vereinigen. Sie wird einen Weg bahnen zu einer edleren und menschlicheren Zukunft.