UAW und „Sozialpartnerschaft im 21. Jahrhundert“

11. Oktober 2013

Fünf Jahre nach Beginn der schwersten Wirtschaftskrise seit der Großen Depression sind amerikanische Arbeiter, genauso wie ihre Kollegen auf der ganzen Welt, mit beispiellosem sozialen Elend und Ausbeutung konfrontiert.

Der Anteil der abhängig Beschäftigten am Nationaleinkommen ist auf den geringsten Wert seit dem Zweiten Weltkrieg zurückgegangen. Die Produktivität ist seit 2000 rasant um 25 Prozent gestiegen, und die Reallöhne sind um sechs Prozent gefallen, – der stärkste Rückgang seit den 1920er Jahren. Auf der anderen Seite haben die Profite den höchsten Anteil am Bruttoinlandsprodukt in der Nachkriegszeit erreicht, die Börsen stehen auf Rekordniveau und das reichste Prozent der Bevölkerung hat sich 95 Prozent des gesamten Einkommenszuwachses seit dem Beginn der so genannten Erholung ab 2009 unter den Nagel gerissen.

Trotz alledem haben der AFL-CIO und andere Gewerkschaften, die behaupten, die amerikanischen Arbeiter zu vertreten, nicht einen einzigen Massenprotest oder Arbeitskampf organisiert, um die Arbeiterklasse zu verteidigen. Im Gegenteil unterstützen die Gewerkschaften die Kostensenkungsprogramme der amerikanischen Wirtschaft und der Obama-Regierung uneingeschränkt.

Bob King, Präsident der Autoarbeitergewerkschaft United Auto Workers (UAW) brachte die Ansichten dieser hoch bezahlten Gewerkschaftsbosse vergangene Woche auf den Punkt. Die Zeitung Detroit News zitierte ihn unter der Überschrift „UAW-Präsident sieht Gewerkschaften als Verbündete, nicht als Gegner der Autokonzerne“.

“Es ist wirklich wichtig, dass die Leute die globale Wirtschaft und den Wettbewerbsdruck verstehen, der auf den Unternehmen lastet”, sagte King der Zeitung. „In einer globalen Wirtschaft eine konfrontative Haltung einzunehmen, wäre für unsere Mitglieder kontraproduktiv. (…) Den Unternehmen zu helfen, ihren Marktanteil zu erhöhen, sie dabei zu unterstützen, profitabler zu werden – das alles hilft unseren Mitgliedern.“

Den Firmen zu helfen, profitabler zu werden, – für King und die UAW-Bürokratie hat es sich auf jeden Fall gelohnt. Sie profitieren täglich davon, dass sie (– man kann es nicht anders nennen –) für die Konzerne die Betriebspolizei spielen. Den Autoarbeitern hat es jedenfalls keine Vorteile gebracht. Sie schuften heute unter Bedingungen, die in vieler Hinsicht denen ähneln, die vor hundert Jahren herrschten, als Ford in seinen Fabriken das Fließband einführte.

Als 2009 GM und Chrysler neu strukturiert wurden, hat die UAW mit den Autokonzernen und der Obama-Regierung einen Tarifvertrag abgeschlossen, der den Achtstundentag abschaffte. Die Arbeiter schuften jetzt regelmäßig zehn bis zwölf Stunden ohne Überstundenzuschläge. Die UAW hat einer fünfzigprozentigen Lohnsenkung für Neueingestellte zugestimmt. Seither verdienen Tausende junger Arbeiter real nicht mehr als die „fünf Dollar pro Tag“, die ihre Urgroßväter in der Model T Fabrik von Ford 1913 als Lohn erhielten.

Es gibt keine Arbeitsplatzsicherheit mehr, und sobald der Absatz zurückgeht, können Tausende auf die Straße geworfen werden. Selbst diese üblen Tarifverträge der UAW können jederzeit hinter dem Rücken der Mitglieder gekündigt werden. Wie King der Detroit News sagte: „Die Laufzeit eines Tarifvertrags aussitzen zu müssen, verhindert, Chancen [für weitere Kostensenkung] zu nutzen.“

In den letzten sechs Jahren wurden die Arbeitskosten um 27 Prozent reduziert. So hat sich die UAW das Lob der Automanager und des Weißen Hauses redlich verdient. Die Detroit News zitiert das Lob des GM-Chefs Dan Akerson für die UAW und für Bob King, mit dem er jeden Monat diniert, um „große und kleine Fragen zu besprechen“, und den er regelmäßig einlädt, vor dem GM-Aufsichtsrat zu sprechen.

“Unsere Beziehung hat den Charakter einer engagierten Zusammenarbeit, einer Geschäftspartnerschaft, die mit einer inzwischen guten persönlichen Freundschaft unterlegt ist. Sie ist ein gutes Beispiel dafür, wie eine Sozialpartnerschaft im 21. Jahrhundert aussehen sollte“, sagte Akerson.

Die Mitgliedschaft der UAW ist seit 1979, als sie am höchsten war, von 1,53 Millionen auf weniger als 400.000 eingebrochen. Jetzt sucht die UAW die Unterstützung des deutschen Herstellers Volkswagen für die Rekrutierung neuer Beitragszahler in den Südstaaten der USA. Dort war die UAW angesichts ihrer langen Bilanz von Verrätereien noch nie in der Lage, bei europäischen und asiatischen Tochterwerken einen Fuß in die Tür zu bekommen.

Die UAW appelliert an VW, in seinem Werk in Chattanooga, Tennessee, einen „Betriebsrat“ als „Mitbestimmungsorgan“ nach dem Vorbild der IG Metall in den deutschen VW-Werken zu bilden. Ohne die Beteiligung einer nominell von der Firma unabhängigen amerikanischen Gewerkschaft wären solche Organe Unternehmensgewerkschaften und damit nach amerikanischem Recht illegal. Die UAW hofft, dass sie gewerkschaftliche Anerkennung (und viele Millionen Dollar an Beitragszahlungen) erhält, wenn VW einen Betriebsrat einrichtet. Die Arbeiter in Chattanooga könnten dann nicht einmal darüber abstimmen.

Die Verwandlung der UAW in eine Betriebspolizei ist der Höhepunkt einer seit Jahrzehnten andauernden Degeneration, die mit der anti-kommunistischen Hexenjagd der UAW-Bürokratie in den 1940er und 1950er Jahren begann. Die damaligen Säuberungen vertrieben die sozialistischen Pioniere aus der Gewerkschaft, die an der Spitze der Massenkämpfe standen, die in den 1930er Jahren zur Gründung der UAW führten.

Fortan verteidigte die UAW den Kapitalismus, sie propagierte Wirtschaftsnationalismus und unterstützte die Demokratische Partei. Auf dieser Grundlage konsolidierte die UAW ihre Position, worauf sie und andere Gewerkschaften sich immer weiter nach rechts bewegten. Als der Kapitalismus jedoch in eine historische Krise geriet und seine Weltposition erschüttert wurde, gab die herrschende Elite ihre Nachkriegsstrategie des Klassenkompromisses auf und schwenkte in den 1980er Jahren auf Klassenkrieg von oben um.

Seit dreißig Jahren unterdrücken die UAW und andere Gewerkschaften jeden Klassenkampf, weil dieser den Profiten und der amerikanischen “Wettbewerbsfähigkeit” schaden könnte. Der gleiche Prozess findet weltweit statt, wie man an der Schließung des GM-Opelwerks in Bochum, wo die IG Metall jeglichen Widerstand der Arbeiter unterdrückt, und in anderen europäischen Autowerken leicht erkennen kann.

Die Gewerkschaften sind keine “Arbeiterorganisationen”, wie diverse pseudolinke Gruppen behaupten. Diese Organisationen, zum Beispiel die International Socialist Organisation oder die Linkspartei, verteidigen die Kontrolle der Gewerkschaften über die Arbeiterklasse. Dabei sprechen die Gewerkschaften nicht für die Arbeiterklasse, sondern für eine bessergestellte Schicht von Gewerkschaftsfunktionären, deren Einkommen und Lifestyle auf dem Niveau der oberen Mittelschichten davon abhängt, dass die Arbeiter, die sie angeblich vertreten, immer stärker ausgebeutet werden.

In Detroit nutzt ein ungewählter Zwangsverwalter die Insolvenzgerichte, um Arbeitsplätze und Renten zu beschneiden und das Eigentum der Stadt zu verscherbeln, darunter auch die Kunstschätze des Detroit Institute of Arts (DIA). Angesichts dieser Angriffe haben King und andere Vorstandsmitglieder der UAW nichts Besseres zu tun, als sich mit dem Chrysler-Fiat Management über den Wert der Aktien in Höhe von mehreren Milliarden Dollar zu streiten, die sich im Besitz des von der UAW verwalteten Gesundheitsfonds für die Rentner befinden. Der Verkauf der Anteile im nächsten Jahr im Rahmen eines IPO (Initial Private Offering) wird King und seine Vorstandskollegen wahrscheinlich zu sehr reichen Männern machen.

Letzte Woche hat die Demonstration der Socialist Equality Party gegen den Verkauf der Kunstwerke des DIA der ganzen Arbeiterklasse einen Weg vorwärts aufgezeigt. Es war die erste offene und organisierte Widerstandsaktion der Arbeiterklasse gegen das Detroiter Insolvenzverfahren.

Der Neuaufbau einer wirklichen Arbeiterbewegung erfordert eine Rebellion der Arbeiterklasse gegen die UAW und andere, den Arbeitern feindlich gesonnene Organisationen, einen politischen Bruch mit der Demokratischen Partei und die Wiederbelebung der mächtigen sozialistischen Traditionen der amerikanischen und internationalen Arbeiterklasse.

Jerry White