Outokumpu schließt Edelstahlwerk in Bochum und baut weltweit 3.500 Stellen ab

Von Sybille Fuchs
10. Oktober 2013

Der finnische Edelstahlkonzern Outokumpu kündigte am Dienstag letzter Woche an, das Bochumer Edelstahl-Schmelzwerk mit rund 450 Arbeitsplätzen im Laufe des nächsten Jahres zu schließen und einen großen Teil der dortigen Produktion in sein finnisches Werk in Tornio zu verlagern.

Outokumpu ist der weltgrößte Edelstahlhersteller. Er hatte das Bochumer Werk erst zum Jahreswechsel 2012/13 von ThyssenKrupp übernommen. Damals kaufte der finnische Konzern die gesamte Edelstahlsparte von ThyssenKrupp, die den Kunstnamen Inoxum trug. (Siehe: „Verkauf der Edelstahlsparte vernichtet 1.500 Arbeitsplätze”)

Zusätzlich zur Schließung von Bochum werden in den anderen deutschen Outokumpu-Standorten rund 1.000 Arbeitsplätze abgebaut. Insgesamt beschäftigt der Konzern derzeit in Deutschland noch rund 5.500 Arbeiter. Outokumpu hat versprochen, in Zusammenarbeit mit ThyssenKrupp bis zu 600 Arbeitern in Deutschland neue Stellen anzubieten.

Der Standort Düsseldorf Benrath mit 480 Arbeitsplätzen wird ebenfalls geschlossen und die Produktion bis Ende 2015 nach Krefeld verlagert. Nur ein Teil der Düsseldorfer Belegschaft erhält ein Arbeitsplatzangebot in Krefeld, da dort ebenfalls 350 Arbeitsplätze abgebaut werden und der Konzern statt der ursprünglich angekündigten 240 Millionen nur 100 Millionen investiert.

Konzernchef Mika Seitovirta begründet die drastischen Maßnahmen mit hohen Verlusten wegen der schlechten wirtschaftlichen Lage und den Edelstahl-Überkapazitäten auf dem Weltmarkt, die sich allein in Europa auf 1,5 Millionen Tonnen beliefen. Ursprünglich hatte Outokumpu den Abbau von 2.500 Arbeitsplätzen angekündigt, jetzt sollen es 3.500 werden. Die Sparmaßnahmen sollen das Unternehmen angeblich aus der Krise führen, so dass es wieder schwarze Zahlen schreibt.

Im Januar 2012 hatten Tausende Beschäftigte von Inoxum gegen den Verkauf an den finnischen Konkurrenten demonstriert. Kurz vor Abschluss der Verhandlungen in einem Essener Hotel fand eine große Kundgebung vor der Essener Grugahalle statt. Die IG Metall hatte damals das Verhandlungsergebnis als Erfolg verkauft, weil das Bochumer Werk, das bereits auf der Schließungsliste stand, eine „Gnadenfrist“ bis 2016 erhielt. Erst dann sollte eine Wirtschaftlichkeitsprüfung entscheiden, ob das Werk weitergeführt oder stillgelegt wird. Nun hat Outokumpu diese Entscheidung offensichtlich vorgezogen.

Konzernchef Seitovirta sagte, die neuen Pläne seien „zwar schmerzhaft, jedoch notwendig, um unter den schwierigen Marktbedingungen eine Trendwende einzuleiten“. Bereits 2015 könnten damit rund 380 Millionen Euro eingespart werden.

„Mit diesem Plan werden wir die Weiterführung der Edelstahlproduktion in Europa sicherstellen und den verbleibenden über 10.000 Outokumpu-Mitarbeitern in Europa eine bessere Arbeitsplatzsicherheit bieten“, versicherte der Konzernchef wie bei solchen Gelegenheiten üblich. Das Management wolle umgehend mit den Arbeitnehmervertretern über die geplanten Einschnitte verhandeln.

Outokumpu hatte bereits im Juni Kurzarbeit bis Mai 2014 angekündigt und dies mit einer Nettoverschuldung von drei Milliarden Euro begründet. Die jetzt angekündigten Stilllegungspläne legen den Verdacht nahe, dass die Übernahme der Edelstahlsparte von ThyssenKrupp mit der Absicht erfolgte, lästige Konkurrenz loszuwerden.

Gewerkschaften und Betriebsräte zeigten sich empört über die neuen Pläne. Kampfmaßnahmen dagegen wollen sie aber nicht organisieren, sondern um jeden Preis verhindern. Sie verweisen die Arbeiter an die Gerichte. Dort wollen sie einen Vertrag einklagen, in dem sich Outokumpu verpflichtet hatte, die Arbeitsplätze in Bochum bis 2016 zu erhalten.

Die IG-Metallbevollmächtigte für Bochum, Eva Kerkemeier, klagte über die „bodenlose Unverschämtheit des Unternehmens“ und schimpfte: „Offenbar gibt es in Finnland keine Gesetze.“ Zu Streiks solle es allerdings nicht kommen, betonte sie im gleichen Atemzug. Dafür fehlten „rechtliche Gründe“. „Wir wollen nicht denselben Rechtsbruch begehen, wie er von der anderen Seite angekündigt ist.“

Um Dampf abzulassen luden Betriebsräte und Gewerkschaft am 2. Oktober zu mehrstündigen „Informationsveranstaltungen“ ein, an denen mehrere hundert Arbeiter teilnahmen. In den Outokumpu-Werken in Düsseldorf-Benrath, Krefeld, Bochum und Dillenburg stand die Produktion zum Teil für mehrere Stunden still. In Bochum wurden die Schmelzöfen heruntergefahren und rund 120 Bochumer Arbeiter fuhren in Bussen nach Krefeld, um dort gemeinsam mit Kollegen aus den anderen Werken für den Erhalt der Arbeitsplätze zu demonstrieren. Nach 32 Stunden lief die Produktion in Bochum wieder an.

Weitere Kampfmaßnahmen oder gar gemeinsame Aktionen mit den Arbeitern von Opel und ThyssenKrupp, wo ebenfalls tausende Arbeitsplätze gefährdet sind, lehnt die Gewerkschaft strikt ab. Dabei bringt die Schließung des Bochumer Edelstahl-Werks den gesamten Stahlstandort Bochum in Gefahr. ThyssenKrupp beschäftigt auf demselben Gelände wie Outokumpu 2.500 Arbeiter und bezieht rund ein Drittel des verarbeiteten Materials von der Edelstahlschmelze.

Die bevorstehende Schließung des Bochumer Opel-Werks, die die IG Metall ebenfalls kampflos hinnimmt, bedroht in der Region bis zu 40.000 Arbeitsplätze. Vor fünf Jahren hatten außerdem 4.000 Beschäftigte ihren Arbeitsplatz in Bochum mit der Schließung des Nokia-Werks verloren.

Nun droht auch den etwa 300 Nokia-Ingenieuren, die damals vom Smartphone-Hersteller Blackberry übernommen wurden, die Entlassung. Blackberry will sich von einem Drittel seiner weltweiten Belegschaft trennen und 4.500 von 11.500 Stellen streichen.

IG Metall und Betriebsrat haben nicht nur keine Antwort auf diesen Kahlschlag, sie helfen aktiv mit, ihn zu organisieren. Bereits mit ihrer Zustimmung zum Verkauf der Edelstahlsparte an Outokumpu hatten sie die Weichen für Arbeitsplatzabbau und Stilllegungen gestellt. Nun regen sie sich darüber auf, dass der Konzern sie nicht ausreichend in seine Pläne mit einbezieht.

Sie werfen ihm Vertragsbruch vor, weil er sich nicht an die Spielregeln halten will, die hierzulande bei solchen Maßnahmen üblich sind: Gewerkschaft und Betriebsrat in die Sparmaßnahmen einzubinden und sie dann möglichst kampflos über die Bühne zu bringen.

Die IG Metall ist, wie schon bei der Schließung des Nokia-Werks 2008 und aktuell bei Opel, vor allem bestrebt, mit am Tisch zu sitzen. Zahnlose Proteste, soweit sie diese überhaupt organisiert, dienen dazu, dem Management unter Beweis zu stellen, dass sie für die Durchsetzung der Angriffe auf die Arbeiter benötigt wird.

Robert Fuß, der für die IG Metall im Aufsichtsrat von Outokumpu sitzt, erklärte in einer Pressemeldung auf der Bochumer IG Metall–Seite: „Der angedrohte Bruch des Tarifvertrags durch Outokumpu ist ein Angriff auf die deutsche Unternehmens- und Mitbestimmungskultur.“ Die IGM sei „über das Vorgehen der Arbeitgeberseite entsetzt“.

Der Betriebsratsvorsitzende des Bochumer Outokumpu-Werks, Frank Klein, versucht, die Arbeiter ruhig zu halten und in falschen Hoffnungen zu wiegen, indem er darauf verweist, dass auch das finnische Werk nicht rentabel sei. Es ist das sattsam bekannte Spiel der Betriebsräte, die Arbeiter verschiedener Standorte gegeneinander auszuspielen und hinter ihrem Rücken die Schließung durchzusetzen.