Zum Tode von Marcel Reich-Ranicki (2. Juni 1920 – 18. September 2013)

Ein Anwalt der Literatur

Von Sybille Fuchs
9. Oktober 2013

Zweiter und letzter Teil | Erster Teil

Literaturkritik als Aufklärung

Marcel Reich-Ranicki konnte oft scharf und witzig kritisieren. Nicht umsonst konnte er eine Sammlung seiner Kritiken mit dem Titel Lauter Verrisse herausgeben, die sich sehr gut verkaufte.

Diesem Band stellte er einen Essay voran, in dem er sich ausführlich mit der Geschichte, der Bedeutung und den Aufgaben der Literaturkritik auseinandersetzt. Anknüpfend an die Aufklärer des 18. Jahrhunderts legt er dar und belegt mit den Klassikern der Literaturkritik wie Gotthold Ephraim Lessing, dem Romantiker Friedrich Schlegel oder Theodor Fontane, weshalb die Negation eine notwendige Aufgabe der Kritik sein müsse. Sie bedeute, die Literatur ernst zu nehmen und sie ernst zu behandeln.

Er grenzt sich ab von der „deutsch-spießbürgerlichen Abkehr vom öffentlichen Leben“ nach der gescheiterten Revolution von 1848 und dem „Kultus des Gefühls“. „Wo man die Dämmerung und das Geheimnisvolle mehr liebt als die Klarheit und das Nüchterne, wo man der Beschwörung mehr traut als der Analyse, wo man die Denker vor allem schätzt, wenn sie dichten, und die Dichter, wenn sie nicht denken, und wo man andererseits eine hartnäckige Schwäche für das Abstruse und Konfuse, für das Tiefsinnige oder richtiger gesagt, für das Scheinbar-Tiefsinnige hat, da freilich kann kein Platz für die Kritik sein. Da muss sie als etwas Lästiges und Anstößiges erscheinen.“ (9)

Für Reich-Ranicki existierte kein Gegensatz zwischen der aufklärerischen Wirkung der Literatur oder Dichtung und ihrem poetischen Gehalt. Dichten und Denken, beides war für ihn sowohl in der Lyrik als auch in der Prosa unverzichtbar. Er wurde nicht müde, von den Autoren und ihren Werken beides zu fordern. Daher liebte er auch Heinrich Heine so sehr. Ein Gräuel waren ihm moralische oder politische Traktate, die vorgaben, Erzählungen oder Romane zu sein.

In den Verrissen finden sich heftige Verurteilungen von Werken, deren Autoren er im Grunde überaus schätzte. So bedauerte er immer wieder die Kapitulation von Anna Seghers vor den Forderungen des stalinistischen Kulturbürokratie. Ihren Roman Das Vertrauen besprach er unter der Überschrift Der Bankrott einer Erzählerin. (10)

Ein missratenes Stück von Peter Weiss

Auch wenn es nicht möglich ist, alle Verrisse hier ausführlich zu behandeln, sei noch auf einen verwiesen. Zu den Autoren, deren Verdienste er an anderer Stelle gewürdigt hatte, gehört Peter Weiss, dessen Theaterstück Trotzki im Exil er rezensiert. Er hatte es sich im Düsseldorfer Schauspielhaus in einer gewöhnliche Aufführung angeschaut und beginnt mit dem Satz: „Was sich hier abspielte, kommt mir widerwärtig und obszön vor.“ Er beschreibt dann zunächst die im Publikum sitzenden „typischen Vertreter“ der reichen bürgerlichen Gesellschaft, „offenbar wohlhabende Düsseldorfer, die natürlich nichts weniger wünschen als die kommunistische Herrschaft an Rhein und Ruhr“, die scheinbar gleichgültig auf den Inhalt des Stücks reagieren.

Das Stück markiert die Reaktion von Peter Weiss, der an den Sozialismus und die Reformierbarkeit der Sowjetherrschaft glaubte, auf den Einmarsch der Roten Armee 1968 in Prag und seine Abwendung von den Methoden des Stalinismus. So lässt er Trotzki in dem Stück sagen: „Was geschehen ist, beweist nicht die Falschheit des Sozialismus, sondern die Gebrechlichkeit, die Unerfahrenheit in unseren revolutionären Handlungen.“ (11)

Reich-Ranicki begrüßt zwar die neue kritische Haltung Weiss‘ gegenüber dem Stalinismus, aber an seinem Stück lässt er kein gutes Haar: „Da indes dem Trotzki im Exil kaum mehr als die zwar für Peter Weiss neue, doch nicht eben originelle Einsicht in das Wesen des Stalinismus zu entnehmen ist und da dieses Stück vor allem aus Leitartikeln zusammengesetzt scheint, fragt es sich, ob es nicht praktischer und vernünftiger gewesen wäre, gleich einen Artikel zu schreiben. Wozu der umständliche und anspruchsvolle Weg über die Bühne, wozu die vielen Schauspieler, Kostüme und Requisiten, wenn doch nicht mehr dabei herauskommt?“ (12)

Er kritisiert dann im Verlauf des Artikels, dass „der Zuschauer, der die Geschichte der Kommunistischen Partei der Sowjetunion nicht kennt, sich rasch in einem Chaos ihm ganz oder teilweise unverständlicher Äußerungen, Anspielungen und Vorfälle“ verliert. „Derjenige Zuschauer hingegen, der die Schriften Lenins und Trotzkis gelesen hat und dem Namen wie Radek, Plechanow oder Bucharin (sie treten alle hier auf) viel bedeuten, ist entsetzt über die Oberflächlichkeit des Autors Weiss und seine zumindest ärgerliche Fahrlässigkeit.“ (13)

Im Folgenden weist er darauf hin, dass der Stückeschreiber absurderweise in diesem Stück den Richtlinien des sozialistischen Realismus Genüge getan habe. Am meisten habe ihn an dessen Dramatik „eine Nebenfigur dieses Bilderbogens“, Stalin, erinnert. „War er dort leibhaftiger Gott, allmächtig und prächtig anzusehen, so ist er hier ein lächerlicher Popanz, wenn nicht gar ein Kretin. Die Methode bleibt sich also gleich, nur die Vorzeichen sind ausgewechselt.“ (14) Eine derartige Auseinandersetzung mit dem Kommunismus mache jede ernste Diskussion unmöglich und füge dem politischen Theater Schaden zu.

Reich-Ranicki zufolge hätte Trotzki eine ganz andere Darstellung verdient: „Noch schlimmer und noch ärgerlicher: Trotzki, einer der geistreichsten politischen Schriftsteller des Jahrhundert, dem es eine Zeitlang gelungen war, eine Synthese von philosophischer Idee und revolutionärer Tat zu verwirklichen, dessen hochdramatisches und abenteuerliches Leben einer – ich glaube nicht zu übertreiben – einzigartigen Parabel gleicht, diesen Mann degradiert Weiss zu einem ledernen, langweiligen Phrasendrescher, der oft noch den Eindruck eines bornierten und dümmlichen Funktionärs macht.“ (15)

Später fügte er den Verrissen einen Band Lauter Lobreden hinzu, in dem er seine positiven Besprechungen zusammenstellte, der sich aber nicht so großer Beliebtheit erfreute wie die Verrisse. In den Lobreden fasste er nicht nur Aufsätze anlässlich von Preisverleihungen an lebende Autoren, sondern auch solche zu Gedenktagen Verstorbener zusammen. Darunter ragt besonders seine Würdigung von Richarda Huch hervor, einer der wenigen großen Schriftstellerinnen der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, die kaum noch gelesen wird, obwohl sie Thomas Mann als „‘Herrscherin im Bereich des Bewussten’, als eine große Intellektuelle“ gefeiert hatte. (16)

Thomas Mann und Heinrich Heine als Maßstab

Reich-Ranickis Auffassung von Literatur war alles andere als elitär oder abgehoben. Dennoch stellte er hohe Ansprüche. Basis und Maßstab waren ihm Autoren wie Thomas Mann, Franz Kafka, Heinrich Heine, Theodor Fontane und die seit seiner Jugend geliebten deutschen Klassiker.

Im Anschluss an die oben zitierte Stellen aus dem Heine-Buch schreibt er: „Wenn ich mir überlege, ob es denn einen anderen Autor gebe, der mir so nahe stehen würde wie Heine und von dem ich sagen könnte, er habe mir in den schwierigsten Situationen meines Lebens geholfen, er habe mich geändert – dann kommt mir nur ein einziger in den Sinn: Thomas Mann.“ In seiner Autobiographie bekennt er, dass „Thomas Mann mich beeindruckt und beeinflusst, vielleicht sogar geprägt hat wie kein anderer deutscher Schriftsteller“. (17) Ihm und seiner Familie hat er den Band Thomas Mann und die Seinen gewidmet.

In der Tat erinnert Vieles in Reich-Ranickis Schriften an die Bissigkeit und Schärfe, mit denen Heine seine schriftstellerischen Zeitgenossen beurteilte, und an die enzyklopädische Belesenheit und Präzision der Darstellung von Thomas Mann, auch wenn sein Stil in der Regel viel schlichter ist.

Denn auch wenn er polarisierte und bei allem, was er für verurteilenswert befand, kein Blatt vor den Mund nahm, begriff er sich immer als Anwalt der Literatur, als Vermittler und Freund vor allem der Leser aber auch der Autoren, denn seine Kritik war begründet, beruhte auf großem Wissen und war brillant formuliert. Die Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek, deren literarisches Talent er in Frage gestellt hatte, gestand ihm zu, er formuliere seine Vernichtungen so witzig, dass selbst sie zum Genuss würden.

Martin Walser, der nach einer heftigen Fehde mit ihm den Roman Der Tod eines Kritiker geschrieben hatte, dessen Titelfigur Reich-Ranicki verkörpern sollte, schrieb jetzt in der Zeit einen seiner Bedeutung würdigenden Nachruf: „Er hätte sich auf seine Schlagfertigkeit verlassen können, aber schob seinen Erkenntnisblitzen gern noch Überlegtes nach. Zwar konnte er alles pointiert sagen, aber dann verlangte er von sich auch noch den Beweisgang. Dafür stand ihm jedes Bildungsgut zur Verfügung.”

Die scharfe Auseinandersetzung zwischen Reich-Ranicki und Walser ging auf dessen Frankfurter Rede von 1998 zurück, in der er erklärt hatte, Auschwitz eigne sich nicht dafür, „Drohroutine zu werden, jederzeit einsetzbares Einschüchterungsmittel oder Moralkeule oder auch nur Pflichtübung“. Nicht nur Reich-Ranicki hatte ihn so verstanden, dass er einen „Schlussstrich“ hinter die Auseinandersetzung mit der deutschen Vergangenheit setzen wolle, was Walser bis heute bestreitet.

Reich-Ranicki behandelt diese Debatte in dem Kapitel „Ende der Schonzeit“ (18) in Mein Leben. Darin geht es um den Historikerstreit, der 1986 ausgebrochen war, nachdem die FAZ eine Rede des Historikers Ernst Nolte veröffentlicht hatte, die den Massenmord an Juden mit anderen Massenmorden der Geschichte, vor allem in der Sowjetunion, relativierte und die Verbrechen der Nationalsozialisten als Notwehr gegen den Bolschewismus rechtfertigte. Das freundschaftliche Verhältnis Reich-Ranickis zum Chefradakteuer der FAZ, Joachim Fest, war damit beendet. Sie sprachen jahrelang nicht mehr miteinander.

Seine Funktion als Anwalt der Literatur und sein Bedürfnis, diese einem großen Publikum nahezubringen, brachte Reich-Ranicki dazu, auch ein Medium zu nutzen, dem er durchaus kritisch gegenüber stand: Das Fernsehen. In seiner ZdF-Sendung Das literarische Quartett, in der er zusammen mit Helmut Karasek und Sigrid Löffler (später Iris Radisch) Neuerscheinungen oft äußerst kontrovers diskutierte, machte er die Werke nicht nur bekannt und Leser neugierig darauf, sich selbst ein Urteil zu bilden. Durch seine lebendige, geradezu bühnenreife Darstellungskunst vermittelte er gleichzeitig einer breiten Öffentlichkeit, dass Literatur nicht nur „bildet“, sondern höchst unterhaltsam sein kann. Als ihm aber der Fernsehpreis verliehen werden sollte, war er so abgestoßen von der abgeschmackten oberflächlichen Unterhaltung, die diese Veranstaltung und das Programm der Fernsehsender mehr und mehr dominiert, dass er ihn rundheraus ablehnte.

All dies hat Reich-Ranicki zu einer Persönlichkeit gemacht, mit der die herrschenden Kreise in Politik und Medien sich zu schmücken und ihre moralische Integrität zu stärken versuchten. Nicht zuletzt deshalb durfte er 2012 die Rede zum Holocaust-Gedenktag im Bundestag halten. Zu einem Zeitpunkt, an dem deutsche Soldaten wieder an internationalen Kriegseinsätzen teilnehmen und demokratische Rechte unter Beschuss stehen, sollte sein Auftritt beweisen, dass dieser Staat ein ganz anderer ist als der, der ihn verfolgt und seine Eltern in die Gaskammern geschickt hatte.

Anmerkungen

9) Marcel Reich-Ranicki, Lauter Verrisse, Stuttgart 1984, S. 29

10) Ebd. S. 46-49

11) Ebd. S. 98f

12) Ebd. S. 99

13) Ebd. S. 100

14) Ebd. S. 101

15) Ebd. S. 100

16) Ders.: Lauter Lobreden, Stuttgart 1985, S. 26

17) Ders.: Mein Leben, S. 507

18) Ebd. S. 540-551