TamilNet kritisiert WSWS-Artikel wegen Kritik an Separatisten

Von K. Ratnayake
12. September 2013

Ein Kommentar auf der TamilNet-Webseite übt harsche Kritik am WSWS-Artikel „Sri Lankan defence secretary expresses fears of social unrest“ (Srilankischer Verteidigungsminister befürchtet soziale Unruhen). Der Kommentar beleuchtet, wie abgrundtief die tamilische Bourgeoisie und wohlhabende Mittelschichten (die hinter dieser Site stehen) die Arbeiterklasse und ihren Kampf um Sozialismus ablehnen.

Der WSWS-Artikel berichtet über einen Vortrag, den Gotabhaya Rajapakse, der Verteidigungsminister von Sri Lanka, an der Kotelawala-Militärakademie vor studierenden Armeeoffizieren hielt. Zweck dieses Vortrags war es, das Militär auf die Niederschlagung künftiger Erhebungen von Arbeitern und Jugendlichen vorzubereiten und zu erläutern, warum die repressive militärische Besetzung des Nordens und Ostens des Landes aufrechterhalten werden müsse.

Der TamilNet-Kommentar, in dem ein nicht namentlich genannter „Eezham[Eelam]-Aktivist aus Jaffna“ zitiert wird, widerspricht der Betonung der Klassenfrage im WSWS-Artikel und erklärt, wenn der Artikel „den Kampf der Eezham-Tamilen um Unabhängigkeit“ berücksichtigt hätte, dann hätte es „eine angemessene Einschätzung“ sein können.

Später macht der “Aktivist” seinen Standpunkt expliziter, indem er schreibt: “Tamilen können einen Führer oder Intellektuellen aus der progressiven singhalesischen Politik nur unter der Bedingung unterstützen, dass er oder sie das Selbstbestimmungsrecht der eezham-tamilischen Nation und deren Souveränität über ihr historisches Heimatland anerkennt.“

Die Socialist Equality Party (SEP) und die WSWS weisen dieses ganze System vergifteter kommunalistischer Politik zurück, das diesem Argument zugrunde liegt. Die SEP und ihre Vorgängerin, die Revolutionary Communist League (RCL), weisen eine makellose Geschichte der Verteidigung der demokratischen Rechte der Tamilen auf und haben immer gegen den kriminellen Bürgerkrieg der Regierung in Colombo gekämpft. Doch wir bestehen seit jeher darauf, dass die demokratischen Rechte der arbeitenden Bevölkerung – der Tamilen, Singhalesen und Muslime gleichermaßen – nur durch eine vereinigte Bewegung der Arbeiterklasse verteidigt werden können, die von allen Teilen der srilankischen Bourgeoisie unabhängig und Teil des Kampfs um Sozialismus in Sri Lanka und weltweit sein muss.

Die Perspektive der SEP wurde durch die bitteren Erfahrungen des langen Krieges bestätigt, der im Mai 2009 mit der Niederlage der Liberation Tigers of Tamil Eelam (LTTE) endete. Die Behauptung, eine bestimmte Form des „Selbstbestimmungsrechts“ oder ein separater kapitalistischer Staat stelle die Lösung für die Tamilen dar, ist eine Lüge. Der „Eezham-Aktivist“, TamilNet und die verschiedenen tamilischen bürgerlichen Parteien können nur deshalb damit hausieren, weil sie Grabesstille über die politischen Lehren des Krieges bewahren. Die LTTE gründete ihre gesamte Strategie darauf, einen unabhängigen Staat Tamil Eelam zu erschaffen. Für die arbeitende Bevölkerung führte dies in eine Katastrophe.

In Colombo trugen mehrere Regierungen die Verantwortung für den Beginn und die lange Dauer dieses Krieges. Ihre chauvinistische Ideologie der singhalesischen Überlegenheit war indessen nicht allein gegen die Tamilen gerichtet, sondern ebenso gegen die ganze Arbeiterklasse. Als sie auf den Widerstand der Arbeiter und der Massen stießen, schürten die Regierungen sowohl der Vereinigten Nationalpartei (UNP) als auch der Srilankischen Freiheitspartei (SLFP) ungebrochen antitamilischen Kommunalismus. Damit sollte die Arbeiterklasse gespalten und die bürgerliche Herrschaft aufrechterhalten werden.

In den 1940er Jahren kämpfte die trotzkistische Bolschewistisch-Leninistische Partei Indiens (BLPI) für eine sozialistische und internationalistische Perspektive. Der britischen Kolonialherrschaft setzte sie die Vereinigung der Arbeiter in Sri Lanka und auf dem indischen Subkontinent entgegen. Konfrontiert mit einer aufrührerischen Arbeiterklasse, war eine der ersten Handlungen der UNP-Regierung nach der formalen Unabhängigkeit im Jahr 1948 die Entrechtung von etwa einer Million tamilischer Plantagenarbeiter. Die Entscheidung der ersten tamilischen Partei Tamil Congress unter G. G. Ponnambalam, die reaktionären Staatsbürgerschaftsgesetze zu unterschreiben, brachte die Feindschaft der tamilischen Bourgeoisie gegen die Arbeiterklasse auf den Punkt.

Die Auflösung der BLPI in die opportunistische LSSP sowie ihr darauffolgender politischer Niedergang erwiesen sich als ein Desaster für die Arbeiterklasse. Der im Jahr 1964 erfolgte Eintritt der Lanka Sama Samaja Party (LSSP) in die bürgerliche Regierung von Sirima Bandaranaike war ein historischer Verrat am Trotzkismus. Er löste große Verwirrung unter Arbeitern aus und öffnete die Tür für kleinbürgerliche, auf Kommunalismus basierende Politik: sowohl für den singhalesischen Populismus der Janatha Vimukthi Peramuna (JVP), als auch für tamilische Separatistengruppen wie die LTTE.

Der Eezham-Aktivist zieht die RCL/SEP durch den Schmutz, indem er sie mit „den ‚Trotzkisten‘-Führern wie [LSSP-Führer] Colvin R. de Silva oder ‚Stalinisten‘-Führern von der JVP“ zusammenwirft. Die RCL war die einzige Partei, die sich dem Verrat der LSSP entgegen stellte, die notwendigen Lehren zog und einen unversöhnlichen politischen Kampf führte, um Arbeiter gegen alle Formen von Nationalismus und Kommunalismus zu vereinigen, auch den von der JVP und der LTTE vertretenen. Die Chronik ist für jedermann einsehbar in den Historischen und internationalen Grundlagen der Socialist Equality Party (Sri Lanka) niedergeschrieben.

Der Eezham-Aktivist behauptet fälschlicherweise, das tamilische Programm des Separatismus repräsentiere die Interessen aller Tamilen. Tatsächlich steht es für die Interessen der korrupten tamilischen Bourgeoisie, die nach einem separaten Staat strebt. Er soll ihnen ihr „Recht“ garantieren, die tamilischen Arbeiter und Armen auszubeuten. Dies war die Grundlage, auf der die LTTE ihren Krieg führte, wobei sie die tamilischen Massen in eine fürchterliche Sackgasse manövrierte.

Die Niederlage der LTTE im Jahr 2009 war nicht in erster Linie militärischen Fragen geschuldet, sondern resultierte aus ihrer Klassenperspektive und der entsprechenden Politik. Wie alle bürgerlichen nationalen Organisationen war die LTTE organisch unfähig, die Arbeiterklasse auf einer Klassenbasis zu mobilisieren. Aus Furcht vor einer unabhängigen Massenbewegung griffen sie in allen Bereichen, über die sie die Kontrolle gewannen, auf antidemokratische Herrschaftsmethoden zurück. Sie zwangen Jugendliche als Kämpfer in die Armee, strapazierten die Bevölkerung bis aufs Blut und unterdrückten politische Kritiker und Rivalen mit Gewalt.

Um den weitverbreiteten Unmut unter den tamilischen Massen in die Kanäle kommunalistischen Hasses abzulenken, griff die LTTE auf immer reaktionärere Methoden zurück. Sie beschuldigten das “singhalesische Volk” als Ganzes, einschließlich der singhalesischen Arbeiter und Armen auf dem Land, für den Krieg und die Verbrechen der Regierung in Colombo verantwortlich zu sein.

Die LTTE schickte Selbstmordattentäter, die Anschläge auf Arbeiter und arme Bauern verübten, bei denen Hunderte Singhalesen auf brutale Weise ums Leben kamen. TamilNet beschuldigte singhalesische Arbeiter und Bauern, sie seien des “moralischen Verbrechens schuldig, an der Kolonisation von tamilischem Heimatland der Eezham-Tamilen beteiligt” gewesen zu sein. Damit sollten die gewalttätigen Angriffe der LTTE auf arme Bauern gerechtfertigt werden, die von der Regierung in Colombo in den nördlichen und östlichen Gebieten angesiedelt worden waren. Die LTTE vertrieb außerdem tamilsprachige Muslime aus Jaffna, die sie fälschlicherweise beschuldigten, die Colombo-Regierung zu unterstützen. All dies spielte direkt in die Hände des politischen Establishments in Colombo, das eine Rechtfertigung für seinen brutalen Krieg suchte.

Die Feindschaft, die die LTTE gegen die Arbeiterklasse hegte, fand krassen Ausdruck, als sie 1998 in Kilinochchi fünf RCL-Mitglieder gefangen setzten. Ihnen wurde das “Verbrechen” angelastet, sich dem separatistischen Programm der LTTE entgegengestellt zu haben, weil sie dafür kämpften, singhalesische, tamilische und muslimische Arbeiter gegen die Regierung in Colombo, gegen Unterdrückung und Krieg zu vereinen. Die LTTE befürchtete, das sozialistische Programm der RCL könnte von den tamilischen Arbeitern und Jugendlichen mit Sympathie aufgenommen werden. Sie ließen diese Genossen erst nach einer breiten internationalen Kampagne wieder frei. (vgl. Die SEP und der Kampf für die Vereinigten Sozialistischen Staaten von Tamil Eelam und Sri Lanka”)

Die LTTE band ihre Hoffnung auf ein eigenständiges Tamil Eelam stets an Unterstützung aus Indien und von den imperialistischen Mächten. Im Ergebnis blieb ihre “Außenpolitik” unverrückbar in engstirnigem Pragmatismus verhaftet. Die Verschiebung der internationalen Beziehungen, die auf das Ende des Kalten Krieges im Jahr 1991 folgte, traf sie völlig unvorbereitet. Ihr im selben Jahr erfolgtes Mordattentat auf den indischen Premierminister Rajiv Gandhi, das sie später als Fehler betrachteten, schwächte ihre Position in Indien und auf der internationalen Bühne.

In der Folge des 11. September 2001 manövrierte die LTTE, um nicht ins Visier des amerikanischen “Krieges gegen den Terror” zu geraten. 2002 unterzeichnete sie einen Waffenstillstand und zog ihre Forderung nach einem unabhängigen Eelam zurück. In aller Eile beteiligte sie sich an einem von den imperialistischen Mächten organisierten “Friedensprozess”. Die Gespräche fanden ihr baldiges Ende, als deutlich geworden war, dass die Vereinigen Staaten und Indien der LTTE jedenfalls nur eine geringe Rolle belassen würden.

Als Präsident Mahinda Rajapakse den Krieg 2006 wieder aufnahm, lag der politische Bankrott der LTTE offen zutage. Sie war vollständig außerstande, den geringsten Anklang bei der Arbeiterklasse und den unterdrückten Massen in Sri Lanka, dem indischen Subkontinent und international zu finden. Sie behandelten die tamilischen Massen in den Gebieten unter ihrer Kontrolle mit gänzlicher Verachtung und trieben sie von einer Region in die andere. Als die srilankischen Einheiten 2009 ihre letzten Angriffsoperationen ausführten, richtete die LTTE letzte vergebliche Appelle an ebenjene “internationale Gemeinschaft”, die der Rajapakse-Regierung diplomatische, finanzielle und militärische Unterstützung zukommen ließ.

Seit Ende des Krieges betteln alle bürgerlichen tamilischen Parteien die imperialistischen Mächte weiter um Unterstützung für etwas mehr “Selbstbestimmung” an. Sie klammern sich an die Tatsache, dass die Vereinigen Staaten das Thema “Menschenrechte” nutzen, und versuchen, damit Druck auf die Rajapakse-Regierung auszuüben. Sie versuchen, die Regierung zu mehr Distanz vom amerikanischen Rivalen China zu drängen. Dementsprechend richten sich die Tamilische Nationalallianz und andere Parteien am US-Imperialismus aus, während dieser sich nach einem Jahrzehnt brutaler neokolonialer Kriege in Afghanistan, dem Irak, Libyen und Syrien auf einen Konflikt mit China vorbereitet.

Der Eezham-Aktivist will die tamilischen Arbeiter und Jugendlichen in dem Artikel selbst heute noch an diese bankrotte Perspektive fesseln, da die Arbeiterklasse in Sri Lanka und weltweit großen Gefahren inmitten des schlimmsten Zusammenbruchs des globalen Kapitalismus seit den 1930er Jahren ausgesetzt ist. Wie unser Artikel warnte, ist die Rajapakse-Regierung, genau wie ihre Amtskollegen auf der ganzen Welt, bestrebt, die Last der kapitalistischen Krise auf die arbeitenden Menschen abzuladen. Sie wird nicht zögern, den Polizeistaatsapparat, der während der Kriegsjahrzehnte errichtet wurde, zur Unterdrückung jeglicher Opposition einzusetzen.

Die Rajapakse-Regierung ist mit wachsender Opposition von Arbeitern und jungen Menschen konfrontiert. Sie nimmt Zuflucht zu kommunalistischer Politik: Sie bietet verschiedenen singhalesischen chauvinistischen Organisationen Rückhalt, um anti-muslimische und anti-tamilische Stimmungen zu schüren. Die Antwort besteht nicht darin, mit tamilischem oder muslimischem Kommunalismus zu reagieren, sondern den Kampf für die Einheit der Arbeiterklasse aufzunehmen, die einzige gesellschaftliche Kraft, die die demokratischen Rechte verteidigen kann.

Die SEP weist die Behauptung des Eezham-Aktivisten zurück, dass die Nichtunterstützung der Forderung nach einem eigenständigen Eelam gleichbedeutend mit Unterstützung für “den zentralistisch-völkermörderischen srilankischen Staat” sei. Die SEP unterstützt weder den kapitalistischen Staat Sri Lanka noch die Forderung nach einem kapitalistischen Eelam. Wir haben immer für den sofortigen und bedingungslosen Rückzug aller srilankischen Militäreinheiten aus dem Norden und Osten gekämpft, jedoch nicht, um damit die Schaffung eines eigenständigen Eelam zu unterstützen, sondern um die Arbeiterklasse als Speerspitze der bäuerlichen Massen im revolutionären Kampf zur Errichtung der Sozialistischen Republik von Sri Lanka und Eelam zu vereinigen und zu mobilisieren.

Unsere Perspektive gründet auf Leo Trotzkis Theorie der permanenten Revolution, deren Richtigkeit im Verlauf des vergangenen Jahrhunderts wiederholt bestätigt worden ist. Wieder und wieder haben alle Teile der srilankischen Bourgeoisie – Singhalesen, Tamilen und Muslime – ihre komplette Unfähigkeit bewiesen, dem Streben der arbeitenden Menschen nach grundlegenden demokratischen Rechten und angemessenem Lebensstandard zu entsprechen. Dies kann nur der Kampf für eine Arbeiter- und Bauernregierung verwirklichen, deren Ziel die vollständige Reorganisierung der Gesellschaft auf sozialistischer Grundlage als Teil des Kampfs für Sozialismus in ganz Südasien und der gesamten Welt ist.

Wir rufen Arbeiter und Jugendliche auf, die notwendigen Lehren zu ziehen, unsere Geschichte und unser Programm zu studieren und in die SEP einzutreten, um die revolutionäre Führung aufzubauen, die der vor uns liegende Kampf erfordert.