Die Arbeiterklasse und die Verteidigung des Detroit Institute of Arts

15. August 2013

Die jüngste Ankündigung des Detroiter Notfallmanagers Kevyn Orr, dass die Stadt das Auktionshaus Christie’s beauftragt habe, um den Wert der Kunstsammlung im Detroit Institute of Arts zu schätzen, hat bei vielen Menschen Entsetzen ausgelöst. Es wird erwogen, die Werke zu verkaufen und den Erlös den Gläubigern der Stadt zukommen zu lassen.

Entrüstung ist so weit eine gesunde Reaktion, doch die enormen Folgen, national und international, die mit der Gefährdung des Detroiter Kunstmuseums einhergehen, müssen in Betracht und aus ihnen die notwendigen Schlüsse gezogen werden.

Das Detroit Institute of Arts (DIA) hat in seinem Bemühen, die Welt in Form künstlerischer Darstellung verstehbar zu machen, einige der eindrucksvollsten Leistungen der Menschheit zusammengetragen. Die Vorstellung, dass das Schicksal dieser Kostbarkeiten jetzt in den schamlosen Händen der Finanzgangster und ihrer Lakaien liegt, löst physischen Ekel aus.

Unabhängig davon, ob mit der Drohung gegen das DIA letztlich Ernst gemacht wird oder nicht, so macht sie doch die Gefahr sichtbar, vor der die Kultur und alle sozialen Rechte der arbeitenden Menschen stehen. Diese Gefahr geht von der bestehenden Gesellschaftsordnung aus.

Wie Leo Trotzki einmal erläuterte, bleibt das Nebeneinander von Kunst und kapitalistischen Gesellschaftsbeziehungen nur so lange möglich, wie die Bourgeoise „in der Lage ist, ein ‚demokratisches‘ Regime sowohl politisch als auch moralisch zu erhalten.“ Die herrschende Elite, fuhr er fort, schmeichelte den Künstlern und führte gewisse Institutionen ein. Dies fand im selben Zeitraum statt, als sie „den obersten Schichten der Arbeiterklasse besondere Privilegien“ gewährte und „die Bürokratie der Gewerkschaften und Arbeiterparteien“ in ihren Griff bekam und unter Kontrolle brachte. „Alle diese Phänomene existieren auf der selben historischen Stufe“, erklärte Trotzki.

Die Krise des globalen und amerikanischen Kapitalismus machte dieses Nebeneinander zu einem Dng der Vergangenheit. Die Bedrohung des DIA existiert „auf der selben historischen Stufe“ wie die Verwüstung der Lebensbedingungen der Arbeiter, die Zertrümmerung der Renten und anderer Unterstützungsleistungen sowie die Verdammung von Millionen Menschen zu sozialem Elend.

Ohne die Räuberbarone und Schurkenkapitalisten der Vergangenheit idealisieren zu wollen, wird deutlich, dass die gegenwärtige Krise einen fundamentalen kulturellen Niedergang innerhalb der herrschenden Elite entblößt hat. Detroits Geldadel trug im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert die Sammlung des DIA zusammen und machte sie teils unwillig der Bevölkerung zugänglich. Das Beispiel der Russischen Revolution und die Arbeitererhebungen der 1930er Jahre überzeugten die Elite der Stadt, dass sie den kulturellen Bedürfnissen der Arbeiterklasse gewisse Zugeständnisse machen musste.

Es gibt eine direkte Verbindung zwischen Detroits Rolle als Geburtsstätte der Fließbandproduktion und dem Charakter sowie der Anziehungskraft des DIA. In den Jahren 1932-33 hielt sich der mexikanische Künstler Diego Rivera, der von den gigantischen Automobilwerkstätten angezogen wurde, in dem Gebiet auf. Er hinterließ einen unauslöschlichen Beweis seiner künstlerischen Vision und seiner gesellschaftlichen Überzeugungen in Form seiner berühmten Fresken im Innenhof des Museums. Diese Episode und die Geschichte der rebellischen Arbeiterklasse der Stadt wurmt die herrschende Elite nach wie vor und trägt nicht wenig zu ihrer besonderen Rachsucht gegenüber Detroit im allgemeinen und dem DIA im besonderen bei.

Als die US-amerikanische Nationalstiftung für Kunst (National Endowment for the Arts - NEA) im Jahr 1965 begründet wurde, erklärte Präsident Lyndon B. Johnson: „Kunst ist ein besonders wertvolles Erbe der Nation. Denn in unseren Kunstwerken enthüllen wir vor anderen und uns selbst jene innere Vision, die uns als Nation leitet. Und wo keine Vision ist, gehen die Menschen zu Grunde.“

Natürlich ist einem solchen Kommentar das Element der Routine und Verbindlichkeit eigen. Er reflektiert indessen eine andere Haltung gegenüber Kunstinstitutionen, besonders unter Bedingungen des Kalten Kriegs, während welchem das amerikanische Establishment sich gehalten fühlte, künstlerischer Innovation zumindest Lippenbekenntnisse und den Künsten auf einem gewissen Niveau staatliche Unterstützung zukommen zu lassen. Der Zusammenbruch der Sowjetunion begünstigte einen Auftrieb der am meisten kulturlosen und kriminellen Tendenzen in den amerikanischen Herrschaftskreisen.

Die Erfahrung des DIA muss der Arbeiterklasse überall eine Warnung sein. Unter dem Kapitalismus ist Kunst eine Ware wie jede andere. Sie wird gekauft und verkauft. Nirgendwo zeigen sich die Kräfte, die sich vom Konzept leiten lassen, dass die kulturellen Leistungen der Menschheit auch der Menschheit gehören. Ganz im Gegenteil: das aristokratische Prinzip – wie wir hier schon ausgeführt haben – ist als Bestandteil des Niedergangs der jetzigen Gesellschaftsordnung wieder emporgekommen.

Neben groben finanziellen Motiven wird die Drohung gegen das DIA auch von dem intensiven Gefühl innerhalb der herrschenden Klasse getrieben, dass die Daseinsberechtigung große Kunst dem Unterhaltungs- und Zufriedenheitsbedürfnis der Elite zu dienen habe und dass eine Stadt, die überwiegend von armen Leuten bewohnt wird, kein Recht auf eine solche Institution habe. Die Bloomberg-Kolumnistin Virginia Postrel sprach für viele, als sie im Juni bemerkte: „Große Kunstwerke sollten nicht von einem relativ unpopulären Museum in einer verfallenden Region in Geiselhaft genommen werden. Der Kunst wäre mehr gedient, wenn man sie an Institutionen in aufsteigenden Städten verkaufte, wo Museen substanzieller frequentiert werden und die bildende Kunst angesehener ist, als sie es in Detroit jemals war.“

In Zusammenhang mit solchen antidemokratischen Auffassungen steht der ideologische Elan, die arbeitende Bevölkerung der Kultur und intellektuellen Bewusstheit zu berauben, um sie so anfälliger für den Angriff auf ihre Rechte und Lebensbedingungen zu machen. „Die Kunst früherer Jahrhunderte machte den Menschen komplizierter und biegsamer; sie hob seine Psyche auf eine höhere Stufe und bereicherte sie allseitig (…), [d]ie Erfassung der alten Kunst erscheint darum nicht nur als eine unbedingte Voraussetzung für die Schaffung einer neuen Kunst, sondern auch für den Aufbau einer neuen Gesellschaft,“ schrieb Trotzki. Wenn er recht hat, dann werden die Feindschaft und die Furcht vor der Kunst, welche die Machthaber bekunden, umso verständlicher.

Kürzlich organisierte die New York Times einen Dialog über „Kunst in schweren Zeiten,“ in welchem verschiedene Teilnehmer ihre Meinung dazu äußerten, „ob Werke des Detroiter Institute of Arts verkauft werden sollten, um dabei zu helfen, die Schulden der Stadt zu begleichen.“ Die Diskussion nahm die eigennützigen Behauptungen von Orr und anderen Detroiter Beamten für bare Münze, dass der Erhalt der DIA-Sammlung abgewogen werden müsse gegen „die Renten tausender Feuerwehrleute, Krankenschwestern, Polizeibeamten, Lehrern und anderer städtischer Beschäftigten.“

Vor diese falsche und bösartige “Wahl” stellen in erster Linie jene, die sowohl das DIA als auch die Arbeiterrenten zerstören wollen. Eine herrschende Elite, die fähig ist, um sich selbst zu bereichern, die Kunstwerke zu verkaufen, die der Detroiter Bevölkerung seit 1885 zugänglich sind, wird keine Sekunde zögern, der Arbeiterklasse auch alles andere zu stehlen.

Es wurden bereits bedeutende Schritte in diese Richtung unternommen. Die Einstiegslöhne der Autoarbeiter wurden halbiert, tausende Arbeitsstellen der Stadtverwaltung eliminiert, wichtige Dienste privatisiert und die Stadtbevölkerung allgemein geplündert. Wenn Orr und seinen Kumpanen gestattet wird, ihr Vorhaben umzusetzen, werden sie die Werke des DIA verkaufen und die Arbeiterrenten sowie ihre Gesundheitsleistungen zerstören.

Jene, welche die Aussage für glaubwürdig halten, dass Orr und andere Beamte wirkliche Versuche unternehmen, eine Stadt zu „retten“, die sich in der Krise befindet, täuschen sich und führen, beabsichtigt oder nicht, andere in die Irre. Der Notfallmanager ist ein nicht gewählter Repräsentant der Banken und Anlagenaufkäufer, dessen Ziel darin besteht, die Kosten der Systemkrise auf den Rücken der Arbeiterklasse abzuwälzen.

Die Gefahr, in der sich das DIA befindet, ist ein Ausdruck der finanziellen, intellektuellen und moralischen Erschöpfung der kapitalistischen Gesellschaft. Ein Ausverkauf der Museumskunst würde einer neuen Welle sozialer Barbarei die Schleusentore öffnen. Die einzige soziale Kraft, die in der Lage ist, das DIA zu verteidigen, ist dieselbe, für die der Zugang zu Kultur und Wissen eine Frage von Leben und Tod bedeutet: die Arbeiterklasse.

David Walsh