Massive Einbrüche in der europäischen Autoindustrie

Von Markus Salzmann
4. Juli 2013

Für die westeuropäische Automobilindustrie wird das Jahr 2013 das schlechteste seit 30 Jahren. Das geht aus einer aktuellen Studie von Professor Ferdinand Dudenhöffer vom CAR-Center Automotive Research hervor. Die Auto- und Zulieferkonzerne reagieren auf die anhaltende Krise mit Massenentlassungen und Kürzungen.

Dudenhöffer rechnet zwischen 2010 und 2020 mit 24 Millionen nicht verkauften Wagen, das entspricht einem Umsatz von etwa 312 Milliarden Euro.

Zwischen 2000 und 2007 waren in Westeuropa jährlich rund 14,7 Millionen Autos neu zugelassen worden. 2013 werden es laut Dudenhöffers Prognose mit 11,2 Millionen so wenige wie noch nie seit Beginn der EU sein. Die Absatzkrise auf Europas Automarkt werde sich abermals verschärfen.

Der Grund für den massiven Einbruch der Verkaufszahlen ist der starke Anstieg der Arbeitslosenzahlen. „Arbeitslose sind keine guten Autokäufer“, erklärte Dudenhöffer. In Südeuropa seien die Chancen für eine schnelle Erholung des Automarkts gleich null.

Besonders betroffen sind Italien, Spanien, Frankreich, Portugal und Griechenland. Dort werde der Absatz nach einem Minus von 17 Prozent im letzten Jahr um weitere 9,6 Prozent auf 3,75 Millionen PKW einbrechen.

Die Unternehmensberatung AlixPartners geht davon aus, dass für den westeuropäischen Automarkt in diesem Jahrzehnt kein Wachstum mehr zu erwarten sei. Im Mai seien die Verkäufe auf ein Zwanzigjahrestief gefallen. Diese Krise dürfte zum Dauerzustand werden.

Die Krise im Automobilbereich ist eine direkte Folge der Austeritätspolitik der EU. Seit Beginn der Sparmaßnahmen ist gerade in Südeuropa die Arbeitslosigkeit massiv angestiegen. In Ländern wie Spanien und Griechenland sind über 60 Prozent der Jugendlichen ohne Arbeit. Auch wer einen Job hat, muss mit sinkenden oder stagnierenden Einkommen kämpfen. An größere Anschaffungen wie ein Auto ist da nicht zu denken.

Laut AlixPartners werden in diesem Jahr 58 der 100 größten europäischen Autowerke Verluste einfahren, weil sie unter der kritischen Auslastungsschwelle von 75 bis 80 Prozent operieren.

Besonders alarmierend ist die Lage in Italien, wo die Auslastungsquote auf 46 Prozent gefallen ist. In Frankreich beträgt sie 62 Prozent und in Spanien 67 Prozent. Im Vergleich dazu hat Deutschland noch eine Auslastung von 81 Prozent.

Um die Kapazitäten an den niedrigeren Absatz anzupassen, müssten sie um drei Millionen Autos gesenkt werden. Das entspricht dem Ausstoß von zehn bis zwölf mittelgroßen Werken.

„Bislang wurden Werksschließungen meist nur angekündigt“, erklärte Elmar Kades von AlixPartners. „Jetzt sind die Hersteller zum Handeln gezwungen.“ Allein in Italien müssten Produktionskapazitäten für 617.000 Autos pro Jahr oder ein bis zwei Werke stillgelegt werden, um die Produktion wieder profitabel zu machen. Die Werkschließungen bei Opel in Deutschland und Peugeot in Frankreich wären damit erst der Anfang.

Auch auf die Zulieferbetriebe wirkt sich die Krise aus. Eine Studie der Unternehmensberatung Roland Berger prognostiziert, dass in den nächsten fünf Jahren 75.000 Arbeitsplätze bei westeuropäischen Automobil-Zulieferern abgebaut werden.

Der deutsche Autozulieferer Schaeffler kündigte an, seine Radlagerproduktion in den kommenden drei Jahren vom bayerischen Schweinfurt ins Ausland zu verlagern. Davon sind 876 Arbeitsplätze betroffen, die abgebaut werden.

Als Grund für die Verlagerung ins Ausland gibt das Unternehmen den extremen Kosten- und Wettbewerbsdruck an. Die vergangenen Jahre hätten gezeigt, dass eine wirtschaftliche Fertigung von Radlagern und anderen Automotive-Produkten am Standort Schweinfurt nicht mehr möglich sei, sagte Schaeffler-Vorstand Wolfgang Dangel. Weltweit beschäftigt das Unternehmen etwa 76.000 Menschen, davon 6.000 am Standort Schweinfurt.

Der deutsche Autozulieferer Mahle schließt ein Werk im französischen Ingersheim mit 270 Arbeitsplätzen. Ende März 2014 soll die Produktion von Motorkolben in der Nähe von Colmar (Elsass) auslaufen. Das Werk habe zwischen 2007 und 2012 43 Millionen Euro Verlust gemacht, lautet die Begründung. „Trotz aller in den vergangenen Jahren getroffenen Maßnahmen zur Kosteneinsparung und verstärkten Auslastung haben sich die Zahlen nicht verbessert“, sagte eine Sprecherin des Unternehmens.

Wegen schlechten Geschäftszahlen will auch der Abgas- und Klimaspezialist Eberspächer Arbeitsplätze abbauen. 2012 war der Gewinn des Esslinger Unternehmens um 6,3 Prozent auf 71,5 Millionen Euro gesunken, für das laufende Geschäftsjahr rechnet das Management mit einem weiteren Rückgang.

Um die Kosten zu reduzieren, soll der größte Standort im saarländischen Neunkirchen in den nächsten zwei Jahren verkleinert werden. Insgesamt sollen dort 300 Arbeitsplätze abgebaut werden. Die Firmenleitung schloss auch betriebsbedingte Kündigungen nicht aus. Gegenwärtig beschäftigt Eberspächer 1.950 Mitarbeiter.

Der operative Gewinn des Chemieunternehmens Lanxess, das fast die Hälfte seines Umsatzes mit der Produktion von Reifen und Dichtungen für die Autoindustrie macht, ist wegen der Autokrise um 53 Prozent eingebrochen.

Der weltweit größte Autozulieferer Bosch hat im April einen harten Sparkurs angekündigt, weil der Umsatz 2012 nur um 2 Prozent gestiegen sei und damit weit von den acht Prozent entfernt blieb, die als langfristiges Wachstumsziel ausgegeben wurden.

Auch der weltweit tätige französische Autozulieferer Faurecia, der mehrheitlich dem Autokonzern PSA Peugeot gehört, kündigte Entlassungen und Kürzungen an. „Im ersten Quartal ging die Produktion um 9 Prozent zurück, für das Gesamtjahr erwarten wir ein Minus von 4 bis 5 Prozent in Europa“, rechtfertigt das Unternehmen seinen Sparkurs. Um die Fixkosten um 50 Millionen Euro zu senken, plant Faurecia neben Frankreich auch die Kosten in Deutschland zu reduzieren.