Die New York Times und der Terrorismus

Von Joseph Kishore
1. Mai 2013

Der Artikel der New York Times vom 29.4. über den gescheiterten Anschlag auf den syrischen Premierminister Wael Nader al-Halqi in Damaskus enthält eine bemerkenswerte und aufschlussreiche Passage. Nachdem die Times feststellt, dass bei der Explosion, „die ein Auto in ein verkohltes Skelett verwandelte und die Fensterscheiben eines nahegelegenen Busses zum Platzen brachte,“ mehrere Menschen verletzt wurden (mindestens sechs Menschen kamen nachweislich ums leben), schreibt sie weiter:

„Das staatliche Fernsehen in Syrien bezeichnete den Anschlag als ‚Terroranschlag' und als ‚Versuch, den Konvoi des Premierministers zu zerstören.' ‚Terrorist’ ist das Wort, das die Behörden benutzen, um ihre bewaffneten Gegner zu beschreiben.“

Die Times unterstellt also, die syrische Regierung würde das Wort „Terrorismus“ verdrehen, um ihre von den USA unterstützten Gegner anzuschwärzen.

Was für ein hemmungsloser Zynismus! Es sind die amerikanische Regierung und die ihr hörigen Medien, die die Verwendung des Wortes „Terrorismus“ perfektioniert und den „Krieg gegen den Terror“ erfunden haben. Sie rechtfertigen damit Washingtons Kriege und bezeichnen jeden bewaffneten Widerstand dagegen - auch Angriffe auf amerikanische Truppen und die Truppen ihrer Verbündeten - als Terrorismus.

Einige Beispiele aus der Times selbst: Im August 2007 warnte sie in einem Leitartikel mit der Überschrift „Der falsche Ausweg aus dem Irak“, die Vereinigten Staaten könnten nicht einfach vor der neuen internationalen Terrorfront weglaufen, die sie im Irak geschaffen haben, und argumentierte, das US-Militär müsse auf Dauer im Lande bleiben, um „effektiv gegen Zufluchten für Terroristen vorzugehen.“

Im Oktober 2011 benutzte die Times in einem Leitartikel mit dem Titel „Die Vorwürfe gegen den Iran“ unbewiesene Vorwürfe einer Verschwörung gegen den saudi-arabischen Botschafter, um zu behaupten, die iranische Regierung setze seit langem auf Morde und Terroranschläge.

In ihren Artikeln über Drohnenangriffe in Afghanistan und Pakistan - sofern sie darüber berichten - wiederholen die Times und andere amerikanische Medien die Angaben der Regierung darüber, wie viele „Terroristen“ getötet worden seien. In „Das moralische Argument für Drohnen,“ einem besonders schmutzigen Stück Propaganda, das im letzten Juli als „Nachrichtenanalyse“ erschien, versuchte Scott Shane, den weltweiten Einsatz von Drohnen durch die US-Regierung zu verteidigen. Die Times versicherte ihren Lesern, dass „die Drohnen-Operatoren ein Ziel stunden- oder tagelang vor dem Angriff sehen können. Sie können Terroristen genauer identifizieren als Bodentruppen und normale Piloten.“

Die Einstellung der Times und anderer amerikanischer Medien und des ganzen politischen Establishments zu dem Wort „Terrorismus“ hängt von seinen Auswirkungen auf die umfangreichen Operationen des US-Militärs und seiner Geheimdienste ab. Wenn er sich gegen eine Regierung richtet, die dem US-Imperialismus im Weg steht, sind die Täter keine Terroristen. Wenn sie sich gegen die US-Regierung oder ein verbündetes Regime richten, gilt jeder bewaffnete Widerstand als Terrorismus.

Man sollte auch nicht vergessen, dass sich nicht nur die Times zurückhält, die Anschläge in Damaskus am Montag als „Terrorismus“ zu bezeichnen. Die Washington Post schrieb, dass zwar noch niemand die Verantwortung dafür übernommen habe, die syrische Nachrichtenagentur jedoch „Terroristen“ dafür verantwortlich mache. In einer Sprache, die mit derjenigen der Times fast identisch ist, schreibt die Post: „Die Regierung hat ihre Rivalen - von zivilen Oppositionsaktivisten bis hin zu hartgesottenen extremistischen Kämpfern - wiederholt als ‚Terroristen' bezeichnet, um auf diese Weise Unterstützung zu gewinnen...“

Sowohl die Times als auch die Post wissen, dass die syrische Opposition von der Al-Nusra-Front dominiert wird, die mit Al Qaida verbündet ist und die mehrmals blutige Angriffe auf zivile Ziele ausgeführt hat. Allein in diesem Jahr wurden im Februar bei einer Serie von Bombenanschlägen in Damaskus 80 Menschen getötet und mindestens 250 verletzt, darunter auch ein massiver Autobombenanschlag, bei dem 59 Menschen ums Leben kamen, hauptsächlich Zivilisten; eine Explosion in der Eman-Moschee in Damaskus im März, bei dem 42 Menschen getötet und 82 verletzt wurden; und ein Anschlag auf die syrische Zentralbank im April, bei dem fünfzehn Menschen getötet und 53 verwundet wurden.

Die Times selbst bestätigte am Samstag in einem Artikel mit dem Titel „Islamistische Rebellen schaffen Dilemma über Syrien-Politik,“ dass die Al Nusra-Front eine wichtige Rolle in der von den USA unterstützten Opposition spielt - unter anderem kontrolliert sie Syriens größte Stadt Aleppo. „Nirgendwo im von Rebellen kontrollieren Syrien gibt es eine nennenswerte säkulare Kampforganisation.“

Für die US-Regierung und ihre Verbündeten in den Medien sind die Verantwortlichen für die Anschläge in Damaskus und viele ähnliche Vorfälle zwar Terroristen, aber „unsere Terroristen.“

Trotz aller Bedenken von Teilen des politischen Establishments, dass die Al Nusra-Front an die Macht kommen könnte, und trotz der Tatsache, dass die USA sie im Dezember formell als Terrororganisation anerkannt haben, verlassen sich die USA und die CIA weiterhin auf diese Kräfte und ihren Feldzug gegen die Regierung von Bashar al-Assad.

In dem Bürgerkrieg, den die USA in Syrien angezettelt haben, profitieren in erster Linie Terroristen von den hunderten Millionen Dollar und Waffen der amerikanischen Verbündeten Saudi-Arabien und Katar, die von der CIA unterstützt wurden.

Der Krieg gegen den Terror wird von der herrschenden Klasse Amerikas und den Medien als Generalrechtfertigung für Kriege im Ausland und die Abschaffung demokratischer Rechte im eigenen Land eingesetzt. Dennoch sind die USA mitten in dieser Kampagne ein Bündnis mit Al Qaida, dem angeblichen Kriegsgegner, eingegangen.