„Möge es doch öfter Hauptmanns Weber geben“

Anmerkungen zum Gerhart-Hauptmann-Jubiläum

Von Sibylle Fuchs
26. Januar 2013

Mystik und Neoromantik

Hauptmann, vielleicht selbst erschrocken über die Wirkung der Weber, wendet sich danach weniger verfänglichen Stoffen zu.

Hauptmann Gerhart Hauptmann

Mit seinem 1896 aufgeführten Florian Geyer versucht er sich zunächst mit den Mitteln der naturalistischen Ästhetik an einem historischen Stoff aus dem deutschen Bauernkrieg. Das Stück misslingt trotz intensiver Studien des Autors auf ganzer Linie. Wie Mehring bissig schrieb: „Im fünften Akt des Florian Geyer holte er dann nach, was er im fünften Akte der Weber versäumt hatte: die betrunkenen Ritter fallen mit Hetzpeitschen über die gefangenen Bauern her, ein Frevel an der Kunst, der erfreulicherweise sogar dem Berliner Premierenpublikum die Eingeweide im Leibe umkehrt. Sonst erwies dies Drama die völlige Unfähigkeit nicht nur Hauptmanns, sondern des modernen Naturalismus überhaupt, einen großen historischen Stoff dramatisch zu gestalten.“ (10)

Mit seinen nächsten Stücken, darunter Versunkene Glocke, entfernt sich Hauptmann in seiner Thematik immer weiter von den Webern und tendiert dazu, sich in romantischen Märchenwelten und Träumen zu verlieren, auch wenn er in diesen immer wieder auf naturalistische Elemente zurückgreift.

Zumindest teilweise an den großen Erfolg der Weber anknüpfen kann Hauptmann mit seiner Komödie Der Biberpelz (1893), in der er auf wunderbare Weise die reaktionäre preußische Bürokratie und Justiz aufs Korn nimmt. „Das Premierenpublikum nahm die ersten Akte des Stücks sehr freundlich auf und dachte wohl, dass die Diebe schließlich an den Galgen kommen würden. Als die Dinge aber nun so genau anders kamen und aus der harmlosen Posse sich eine bitterböse Satire entwickelte, da schlug die Stimmung sofort um, und der Biberpelz hat schwerlich ein langes Leben auf der bürgerlichen Bühne zu erwarten“, mutmaßte Mehring damals. (11) Er sollte nicht Recht behalten. Die Komödie gehört zu den wenigen bis heute immer wieder gespielten Hauptmann-Stücken.

Auch seine viel später entstandene Tragikomödie Die Ratten (1911), die in einem Berliner Mietshaus Ende des 19. Jahrhunderts angesiedelt ist, greift soziale Motive des Naturalismus auf und wird heute noch aufgeführt. Hauptmann konfrontiert eine proletarische Muttertragödie mit einer satirisch dargestellten Theaterprobe von Schillers „Braut von Messina“ im gleichen Mietshaus, mit der der Autor die ästhetisch verklärten Ansprüche des Bürgertum kritisiert. Der Literaturhistoriker Hans Mayer charakterisierte das Drama als „eine Großstadtdichtung ganz eigentümlicher Art, die das Geschehen im Berliner Mietshaus stark in die Nähe expressionistischer Großstadtdichtung rückt.“

Noch einmal kehrt Hauptmann mit Hanneles Himmelfahrt zu den schlesischen Webern zurück. Aber diesmal gibt es keine Rebellion und keinen Kampf. Das arme von seiner Familie misshandelte Proletarierkind erlebt vielmehr in seinen Fieberfantasien im Sterben seine Fahrt ins himmlische Paradies.

Nobelpreis

Auch wenn seine späteren Stücke keineswegs so erfolgreich sind wie die Weber – Hauptmann ist eine Berühmtheit geworden, und der bürgerliche Theater- und Literaturbetrieb bemächtigt sich seiner, kann mit ihm Gewinne erzielen und ihn einigermaßen gut bezahlen. Berühmte Regisseure wie Max Reinhardt inszenieren seine Dramen vor allem in Berlin und Wien; aber auch in der Provinz sind sie allgegenwärtig. Selbst im Ausland finden seine Stücke Anklang und machen Hauptmann als deutschen Autor weltberühmt.

So kann er sich schon 1901 im Riesengebirge sein festungsartiges Haus Wiesenstein bauen lassen, in dem er bis zu seinem Tod wohnt und von Dichtern, Malern, Theaterleuten und anderen berühmten Zeitgenossen besucht wird.

Diesem Erfolg kam entgegen, dass sich Hauptmann mehr und mehr von ausgesprochen sozialen Themen ab- und allgemein menschlichen oder psychologischen Problemen zuwandte und gelegentlich auch ins Mystisch-Übernatürliche geriet.

Schon um die Jahrhundertwende setzen zahlreiche Ehrungen ein. Dreimal erhält er den Grillparzer-Preis. In Oxford und Leipzig verleiht man ihm die Ehrendoktorwürde. In reaktionären Kreisen sieht man in ihm jedoch nach wie vor den Dichter der Weber und macht Stimmung gegen ihn. So verhindert der Kaiser persönlich, dass ihm der Schillerpreis verliehen wird.

Am 12. Dezember 1912, kurz nach seinem 50. Geburtstag, wird Hauptmann der Nobelpreis für Literatur überreicht. Schon in den Jahren zuvor war er dafür vorgeschlagen worden, aber die Nominierung scheiterte daran, dass der naturalistische Dichter für unvereinbar mit den von Nobel festgelegten Kriterien erklärt wurde. Im Jahr 1912 ist nicht nur das Nobel-Komitee neu zusammengesetzt, sondern, wichtiger noch, auch die politische Lage verändert. In Europa spitzt sich mit dem Balkankrieg die Kriegsgefahr zu. In vielen Ländern, auch in Deutschland, kommt es zu großen Streiks der Bergleute und anderer Arbeiter und zu eindrucksvollen Friedenskundgebungen. Dies ließ wohl einen Autor wie den Dichter der Weber wieder ins Zentrum der Aufmerksamkeit rücken.

Den Höhepunkt seines Schaffens hatte Hauptmann mit Sicherheit in seiner naturalistischen Periode erreicht. Mehring schätzt seine „in hohem Grade … mikroskopisch feine und kleine Beobachtung der Wirklichkeit … eine Gabe, die er mit unendlichem Fleiße gepflegt hat, und dieser Fleiß hat ihn doch manchmal nahe an die Grenze geführt, wo das Genie beginnt.“ (12)

Mehring sieht die Verdienste des Naturalismus allerdings insgesamt recht kritisch und bezieht Hauptmann dabei ein, vor allem, wenn es sich bei den Werken um einen bloßen „Abklatsch der Wirklichkeit“ handle: „Allzuoft bleibt er in der brutalen Wirklichkeit stecken, kommt nicht über den Photographen und Wachsfigurenkneter hinaus, aber wo ihm ein günstiger Stoff und eine günstige Stunde winkten, da hat er eigentümliche Kunstwerke geschaffen, die in der deutschen Literatur dauern werden, so sehr sie der hergebrachten Regel spotten mögen.“ (13)

Hauptmanns spätere Abwendung von sozialen Themen und die immer stärker werdende Tendenz zum Allgemeinmenschlichen, oder gar Übernatürlichen und Märchenhaften stehen im Zusammenhang mit den politischen und gesellschaftlichen Strömungen der Zeit. Die Tatsache, dass sich in der Sozialdemokratie in den letzten Jahren vor Kriegsausbruch mehr und mehr der revisionistische Flügel durchsetzte, der sich an die Bestrebungen der deutschen Bourgeoisie nach einem „Platz an der Sonne“ anpasste, ging auch an den Künstlern nicht spurlos vorüber.

So schrieb Leo Trotzki in seinem Aufsatz über Frank Wedekind: „Die Annäherung der Kunst an den Sozialismus riss jedoch bald ab. Die Dichter entfernten sich einer nach dem anderen. Warum? Weil, so erklärte einer von ihnen stolz, ‘die Partei eine Partei war, wir aber waren Künstler’. Hauptmann hat eine Evolution zur Mystik des ‘Einsamen’ durchgemacht, andere versuchten eine Synthese aus Christus und dem Marquis de Sade zu schaffen und wieder andere gingen zum Vaudeville über. …. Der soziale Nihilismus zwingt sie alle, sich um die eigene Achse zu drehen.“ (14)

Der „soziale Nihilismus“ eines Friedrich Nietzsche hatte viele Intellektuelle damals angesteckt, auch Hauptmann, der sich von 1889 an, wie Sprengel konstatiert, mit dem Philosophen befasste und sich 1904 von der Schwester Nietzsches, Elisabeth Förster-Nietzsche, zur Feier von dessen 60. Geburtstag einladen ließ. Nach dem Urteil Plechanows hielten sich die „Nietzschemenschen … für unversöhnliche Feinde des Spießertums. Aber in Wirklichkeit sind sie völlig von dessen Geist durchdrungen.“ (15)

Hauptmann stemmte sich als Künstler zunehmend weniger gegen die im intellektuellen Kleinbürgertum dominierenden reaktionären Stimmungen, sondern wurde mehr und mehr von ihnen erfasst. Er wandte sich von der ihn umgebenden Wirklichkeit der Klassengesellschaft ab. Dabei büßte sein dramatisches Werk nicht nur an Frische und Schärfe, sondern auch an künstlerischer Qualität ein, die noch seine Weber, den Biberpelz oder auch die Anfang 1911 herausgekommenen Ratten auszeichneten. Mehring konstatiert später in jenem Jahr den „peinigend-qualvollen Untergang“ seines Talents. (16)

Dennoch schafft Hauptmann immer wieder bemerkenswerte Werke. Sein erstes großes episches Werk Der Narr in Christo Emanuel Quint, das 1910 in der Neuen Rundschau erscheint, trifft auf große Zustimmung von Rosa Luxemburg. Sie empfiehlt es in Briefen aus der Festung Wronke unter anderen ihrem Freund Hans Diefenbach und Sonja Liebknecht: „Zum Beispiel der Emanuel Quint von Gerhart Hauptmann ist die blutigste Satire auf die moderne Gesellschaft, die seit hundert Jahren geschrieben worden ist. Aber Hauptmann grinst dabei nicht. Er steht zum Schluss mit bebenden Lippen und weit offenen Augen, in denen Tränen schimmern.“ (17)

Deutsches Nationalgefühl

Die Anerkennung Hauptmanns als großen Dichter und Schriftsteller im deutschen Bürgertum ging einher mit seiner geistigen Integration in den vorherrschenden Zeitgeist und seiner Anpassung an nationalistische Stimmungen.

Nachdem die Sozialdemokratie sich 1914 hinter den Kaiser gestellt und seine Kriegskredite bewilligt hatte, begrüßte auch der Dichter den Krieg und träumte von einer Vorrangstellung Deutschlands in Mitteleuropa. Er befürwortete die Annektierung besetzter Gebiete „von Antwerpen bis Calais“. (18) Mit solchen Auffassungen stand er nicht allein. Viele Intellektuelle und Künstler, auch sein Kollege und Konkurrent Thomas Mann, äußerten sich ähnlich zustimmend, bevor sie der Verlauf des Krieges eines Besseren belehrte.

Anders als viele andere Intellektuelle, die abgestoßen vor den Gräueln des Krieges nach links gingen, stellte Hauptmann sich 1918 jedoch nicht auf die Seite der revolutionären Arbeiter, er schlug sich auf die Seite von Ebert und Noske und erwies sich als treuer Gefolgsmann der Mehrheitssozialdemokraten. Mit Friedrich Ebert, den er verehrte, traf er wiederholt zusammen.

In der Weimarer Republik galt Hauptmann nicht nur als literarischer, sondern auch in politisch gesellschaftlicher Sicht als Repräsentant Deutschlands, nicht zuletzt durch seine Bekanntschaft und Freundschaft mit zahlreichen Politikern und Unternehmern wie Walter Rathenau oder mit dem ehemaligen Reichskanzler Bernhard von Bülow. Zeitweilig wurde sogar an ihn appelliert, als Reichspräsident zu kandidieren, was er zwar ablehnte, ihm aber durchaus schmeichelte.

Hauptmann und die Nazis

Im Gegensatz zu vielen anderen seiner Kollegen ist Hauptmann im „Dritten Reich“ nicht emigriert. Seine Haltung zu den neuen Machthabern war widersprüchlich. Sie schwankte zwischen Zustimmung, Ablehnung und Opportunismus. Zwar lehnte er den Antisemitismus und die rassistische Züchtungsideologie der Nazis ab, ohne sich jedoch öffentlich darüber zu äußern.

Trotz seines politischen Skeptizismus lässt er sich von der Familie Goebbels zum Diner einladen, erklärt Hitler zum „Sternenschicksalsträger des Deutschtums“, bezeichnet dessen Buch Mein Kampf als „hochbedeutsame Hitlerbibel“ und beschönigt die Bücherverbrennung vom 10. Mai 1933 als „reine Albernheit“. Er empfängt den „Henker von Polen“ und „Judenschlächter von Krakau“ Hans Frank mehrmals bei sich zu Hause und lässt sich von ihm aus seinen eigenen Schriften vorlesen. Hauptmann nennt ihn einen „Mann tiefmenschlicher Absichten, gebildet durchaus und im leidenschaftlichen Trieb sich fortzubilden.“ Nach 1945 versucht sich Hauptmann, inzwischen 82 Jahre alt, wie viele andere mit „Nichtwissen“ zu rechtfertigen.

Durch die Zerbombung Dresdens, die er aus nächster Nähe miterlebt, erleidet der Dichter einen Schock und einen Schlaganfall, von denen er sich nicht wieder ganz erholt. Er stirbt schließlich 1946 vereinsamt in seiner Villa im polnisch gewordenen schlesischen Agnetendorf/Agnieszków, aus dem ihn die polnischen Behörden vertreiben wollen.

Hauptmanns Sarg wurde sieben Wochen nach seinem Tod durch die sowjetisch besetzte Zone bis zur Beisetzung auf der Insel Hiddensee, seinem Sommerdomizil, geleitet. In Stralsund rief die SED die Arbeiter mit einem Plakat auf, ihm ihren letzten Gruß zu entbieten und ihn mit einem Trauerzug zur Fähre zu geleiten.

Von Gerhart Hauptmann bleiben vor allem Die Weber. „Das Theater jagt nach Modernismus. Möge es doch öfter Hauptmanns Weber geben. Das zeitgemäßeste aller Stücke. Doch der Direktor möge nicht vergessen, die ersten Reihen den Führern der Sozialdemokratie zu reservieren“, schrieb Trotzki 1932. (19) Dieses Urteil behält heute seine volle Gültigkeit.

Ende

Anmerkungen

10) Mehring, a. a. O., S. 278

11) Ebd. S. 157

12) Ebd. S. 274

13) Ebd.

14) Leo Trotzki, a. a. O., S. 430 f

15) Georgi Plechanow. Kunst und Literatur: Berlin 1955, S. 950

16) Mehring, a. a. O, S. 195

17) Rosa Luxemburg: Gesammelte Briefe, Berlin 1984, Bd. 5, S. 180

18) Peter Sprengel, Gerhart Hauptmann. Bürgerlichkeit und großer Traum, München 2012, S. 489

19) Leo Trotzki: Was nun? In: Portrait des Nationalsozialismus, Essen 1999, S. 68