„Möge es doch öfter Hauptmanns Weber geben“

Anmerkungen zum Gerhart-Hauptmann-Jubiläum

Von Sibylle Fuchs
25. Januar 2013

Ende letzten Jahres wurde in den deutschen Feuilletons der 150. Geburtstag des Dichters Gerhart Hauptmann gefeiert und an die Nobelpreisverleihung an den Dichter vor 100 Jahren im Dezember 1912 erinnert. Berühmt wurde Hauptmann als Vertreter des „Naturalismus“ und vor allem durch sein Drama Die Weber, in dem zum ersten Mal in Deutschland Proletarier als dramatisches Subjekt und nicht als komische Nebenfiguren die Bühne betraten und der Bourgeoisie und den herrschenden Kreisen einen gehörigen Schrecken einjagten.

Dass dieses Theaterstück auch heute wieder erfolgreich aufgeführt wird – wie gerade im Deutschen Theater in Berlin – ist nicht nur dem Hauptmann-Jubiläum geschuldet, sondern auch der Tatsache, dass große Teile der arbeitenden Bevölkerung wieder unter ähnlich elenden Verhältnissen leben und arbeiten müssen wie die schlesischen Weber – und dies nicht nur in China, Afrika oder Indien. Die Naturalisten wollten statt der in Literatur und Theater vorherrschenden gekünstelten Nachahmungen und epigonenhaften Verklärungen der Klassiker oder seichten Komödien zeitgenössische und sozialkritische Themen in moderner Sprache auf die Bühne bringen und lösten in der guten Gesellschaft der Kaiserzeit und in politischen Kreisen Skandale aus. Dies hing eng mit der wachsenden Furcht der Herrschenden vor dem revolutionären Potential der Arbeiterbewegung zusammen, die trotz der Bismarck’schen Sozialistengesetze immer größeren Einfluss gewann und in großen Streiks ihre Stärke zu zeigen begann.

Der Berliner Literaturwissenschaftler und Hauptmann-Experte Peter Sprengel verfolgt in seiner neuen Hauptmann-Biographie den Weg des Dichters von seiner Kindheit und Jugend bis zu seinem Tod und Begräbnis. Mit Akribie verzeichnet er alle Einzelheiten von Hauptmanns Leben und Werk an Hand intensiver Erforschung von Archivmaterial. Das ermöglicht dem Leser einen Einblick in das Leben dieses Autors wie auch in die politischen und gesellschaftlichen Umstände, unter denen er schrieb. Der Biograph enthält sich weitgehend einer Wertung, allerdings ist er nicht unvoreingenommen – dies macht seine Bemerkung zu den Webern deutlich, die Darstellung dieses Dramas als revolutionäres Stück sei ein „Missverständnis“. (1)

Dennoch lohnt die Lektüre, denn insgesamt – vor allem in der ersten Hälfte des Buchs – entsteht ein Panorama der Literatur- und Theatergeschichte des späten 19. und der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, das keineswegs nur für ein literaturwissenschaftlich gebildetes Publikum interessant ist.

Herkunft und Jugend

Am 15. November 1852 wird Gerhart Hauptmann in Ober-Salzbrunn (Schlesien) als Sohn des Hotelbesitzers Robert Hauptmann und dessen Frau Maria geboren. Die Besitzverhältnisse der erst vor einer Generation aus proletarischen Schichten aufgestiegenen Familie sind prekär und der Vater muss das Hotel aufgeben. Er übernimmt eine Bahnhofsgastwirtschaft, die er aber auf Dauer nicht halten kann.

Gerhart tut sich in der Schule schwer und muss den Besuch der Realschule in Breslau abbrechen. Er beginnt bei Verwandten der Mutter eine landwirtschaftliche Ausbildung. Schon früh fällt seine sprachliche Begabung auf, er fühlt sich aber zum bildenden Künstler berufen und wird 1880 zum Studium an der Breslauer Königlichen Kunst- und Gewerbeschule zugelassen.

Später versucht er seine künstlerische Ausbildung in Dresden und Rom zu vervollkommnen. Gerhart und sein Bruder Carl sind von Ernst Haeckel beeinflusst, der die Theorien Charles Darwins in Deutschland verbreitete und eine Abstammungslehre ausarbeitete, die von einigen seiner Anhänger in Richtung einer Rassenhygiene interpretiert wurde. Zu diesen ist auch ein enger Freund der Brüder Hauptmann, Alfred Ploetz, zu zählen, ein Arzt und Sozialdemokrat, der später von Hauptmann im Drama Vor Sonnenaufgang als Loth porträtiert wurde. Zu dem Freundeskreis gehörte zudem Ferdinand Simon, der spätere Schwiegersohn August Bebels.

Durch seine Verlobung mit der reichen Erbin Marie Thienemann, die er 1885 heiratet, ist Hauptmann finanziell abgesichert. In Jena beginnt er ein Studium unter dem Einfluss seines naturwissenschaftlich, philosophisch interessierten Bruders Carl, der eine Schwester von Marie Thiemann heiratet. Nicht zuletzt der Heirat mit Marie verdankt Hauptmann, dass er eine „fast großbürgerliche Poetenexistenz“ (Sprengel) führen konnte.

Hauptmann bahnt sich als Autodidakt allmählich und mühsam seinen Weg zur Literatur. Neben der Bildhauerei, die er nach seinem Rom-Aufenthalt aufgibt, verfolgt Hauptmann zunächst erfolglos etliche literarische Projekte im Geiste klassisch historistischer Tradition. Erst mit der sozialkritischen Novelle Bahnwärter Thiel (1887) kann er einen ersten Erfolg verbuchen. Der Regisseur des Berliner Gorki Theaters Armin Petras hat die bis heute oft gelesene Erzählung kürzlich erfolgreich auf die Bühne gebracht.

Durchbruch auf dem Theater

Seinen „Durchbruch“ feiert Hauptmann, inzwischen Mitglied des Vereins „Durch“, dem zahlreiche Vertreter des Naturalismus angehörten, 1889 mit seinem Drama Vor Sonnenaufgang. Das Stück behandelt das Schicksal einer reich gewordenen, rückständigen Bauernfamilie, auf deren Land ein Steinkohlevorkommen erschlossen wurde, der ihr Reichtum aber kein Glück bringt. Aufgeführt werden kann das Stück wegen der strengen Zensur im deutschen Kaiserreich nur im Rahmen einer Aufführung der „Freien Bühne“, eines Vereins unter Vorsitz des Theaterkritikers und Ibsen-Verehrers Otto Brahm. Die Mitglieder des Vereins erhielten als Gegenleistung für ihren Mitgliedsbeitrag Eintrittskarten für die Stücke, die öffentlich nicht aufgeführt werden durften.

Der Romanschriftsteller und Theaterkritiker Theodor Fontane erkennt nach der Lektüre des Stücks Hauptmanns Begabung: „Gerhart Hauptmann aber darf aushalten auf dem Felde, das er gewählt, und er wird aushalten, denn er hat nicht bloß den rechten Ton, er hat auch den rechten Mut und zu dem rechten Mute die rechte Kunst. Es ist töricht, in naturalistischen Derbheiten immer Kunstlosigkeit zu vermuten. Im Gegenteil, richtig angewandt (worüber dann freilich zu streiten bleibt), sind sie ein Beweis höchster Kunst.“ (2)

Die Aufführung löst in konservativen Kreisen einen Skandal aus und trägt dazu bei, den Ruf des Dramatikers als eines Verteidigers der Armen und sozial Ausgegrenzten zu begründen. Aber weit mehr und bis heute tut dies eines seiner nächsten Stücke: Die Weber.

Die Weber

Auch Die Weber können zunächst (1893) auf Grund des Verbots der preußischen Zensurbehörde nur in einer Privataufführung der Freien Bühne im Theater am Schiffbauerdamm gezeigt werden. Aber das Stück schlägt trotzdem ein wie eine Bombe, weil es wie kein anderes mit der großen Aufbruchsstimmung in der Gesellschaft der Zeit übereinstimmt. Das Bismarck’sche Sozialistengesetz konnte die Arbeiterbewegung nicht unterdrücken und ist gefallen. Die Sozialdemokratische Partei kann von Tag zu Tag ihren Einfluss nicht nur in der Arbeiterklasse ausdehnen, sondern auch Sympathien in Teilen des Bildungsbürgertums gewinnen und kleinbürgerliche Schichten auf ihre Seite ziehen.

Wie Trotzki 1908 zur Literatur der Zeit um 1890 schreibt: „Die Literatur und die Kunst beginnen neue Wege und neue Perspektiven zu suchen….1890… fällt das Bismarcksche Sozialistengesetz. Die Sozialdemokratische Partei tritt auf die offene Arena. Umgeben von der Romantik der Illegalität, gekrönt vom Siege, wird sie zum Mittelpunkt der ideellen Aufmerksamkeit. Zu ihr fühlen sich die jungen Kräfte der Kunst und der Literatur hingezogen, in erster Linie Gerhart Hauptmann. Nichts erschien ihnen damals, erzählt der Wiener Schriftsteller Hermann Bahr, erstrebenswerter, als ein ‚echter Proletarier’ zu sein. Der eine weniger, der andere mehr, aber sie waren alle vom Geist des sozialen Protests angesteckt.“ (3)

Als Stoff nimmt sich Hauptmann, dessen Urgroßvater und Großvater selbst noch Weber waren, den Aufstand der schlesischen Weber von 1844 vor. Er stützt sich u. a., wie Franz Mehring in seiner Besprechung der Weber nachweist, stark auf die Beschreibung des Aufstands durch Wilhelm Wolff von 1845, (4) recherchiert aber auch gründlich bei noch lebenden Zeitzeugen. Am 5. März 1891 schreibt Hauptmann an Otto Brahm: „Eine herrliche alte Frau hat ausgiebig und als Augenzeugin der 44ziger Vorgänge erzählt. Viele schöne Gestalten sind dadurch schon gegeben. Heut steige ich zu einem Manne, der bei dem Krawall einen Major vom Pferde gezogen hat.“

Hauptmann kann sich selbst von der damals noch gegenwärtigen Not in den Hütten der Hausweber überzeugen, die er zusammen mit dem deutsch-amerikanischen Journalisten Max Baginski aufsucht, dem Redakteur des Proletariers aus dem Eulengebirge. (5) Wie 1844 waren die Hausweber noch zu Hauptmanns Zeit gezwungen, mit der entstehenden Großindustrie zu konkurrieren, was ihre Löhne auf ein Elendsniveau drückte.

Die Weber werden ein großer Erfolg. Der Sozialdemokrat Franz Mehring begrüßt das Stück in der Neuen Zeit (die Hauptmann abonniert hat) mit einem kräftigen „Glückauf“ als „bedeutende Dichtung“. Er erklärt, keine dichterische Leistung des deutschen Naturalismus könne sich nur entfernt mit den Webern messen. (6) Auch in Künstler- und Intellektuellenkreisen machen Die Weber großen Eindruck. So schuf die mit Hauptmann bekannte Malerin Käthe Kollwitz nach der Uraufführung, bei der sie anwesend war, ihren eindrucksvollen Grafikzyklus Der Weberaufstand.

Die Weber begründen vor allem die hohe Wertschätzung Hauptmanns in der Arbeiterbewegung.

Kein revolutionäres Stück?

Peter Sprengel begründet seine Auffassung, die Weber seien kein revolutionäres Stück, mit Äußerungen des Dichters selbst, er habe nur „Mitleid“ mit den Armen erregen wollen. Doch selbst der durchaus nicht revolutionär gesinnte Theodor Fontane sieht dies anders: „Was Gerhart Hauptmann für seinen Stoff begeisterte, das war zunächst wohl das Revolutionäre darin; aber nicht ein berechnender Politiker schrieb das Stück, sondern ein Dichter, den einzig das Elementare, das Bild von Druck und Gegendruck reizte.

Die Weber wurden als Revolutionsdrama gefühlt, gedacht und es wäre schöner und wohl von noch mächtigerer Wirkung gewesen, wenn es sich ermöglicht hätte, das Stück in dieser Einheitlichkeit durchzuführen.“

Fontane spielt hier auf den Schluss des Dramas an, in dem nicht etwa die Revolte zum Erfolg geführt, sondern der fromme alte Hilse, der sie ablehnt, von einer verirrten Soldatenkugel getroffen stirbt. Und Fontane fährt fort: „Dass etwas entstand, was revolutionär und antirevolutionär zugleich ist, müssen wir hinnehmen und trotz des Gefühls einer darin liegenden Abschwächung doch schließlich auch gutheißen. Es ist am besten so. Denn das Stück erfüllt durch dieses Doppelgesicht auch eine doppelte Mahnung, eine, die sich nach oben und eine, die sich nach unten wendet und beiden Parteien ins Gewissen spricht.“ (7)

Hauptmanns Stück kennt keinen einzelnen Helden. Vielmehr macht er eine ganze soziale Schicht zu Protagonisten des Stücks. Das Personenverzeichnis weist 44 Darstellende auf. Die realistische Sprache (im schlesischen Dialekt), die authentischen Situationen, die Schauplätze und die aufständischen Weber als typische Vertreter ihrer Klasse sind etwas vollkommen Neues auf dem Theater.

Die ungeheure Wirkung, die das Stück erzielt, wird denn auch nicht nur im Theater als revolutionär aufgefasst. Das hatte die preußische Polizei vollkommen begriffen. In der Begründung des Aufführungsverbots heißt es: „Es steht zu befürchten, dass die kraftvollen Schilderungen des Dramas, die zweifellos durch die schauspielerische Darstellung erheblich an Leben und Eindruck gewinnen würden, in der Tagespresse mit Enthusiasmus besprochen, einen Anziehungspunkt für den zu Demonstrationen geneigten sozialdemokratischen Teil der Bevölkerung bieten würden, für deren Lehren und Klagen über die Unterdrückung und Ausbeutung des Arbeiters durch den Fabrikanten das Stück durch seine einseitige tendenziöse Charakterisierung hervorragend Propaganda macht.“ (8)

Interessant ist in diesem Zusammenhang auch Sprengels Hinweis auf die Tatsache, dass Hauptmann offenbar den ersten Band von Marx’ Das Kapital studiert hat. (9)

Das Stück traf in der Tat zusammen mit einem Aufschwung der Arbeiterbewegung, die zunehmend entschlossen war, der kapitalistischen Ausbeutung ein Ende zu bereiten. Sie interpretierte die Darstellung des Weberelends als Aufruf zum Widerstand.

Dieser Stimmung entsprechend war unter dem Motto „Die Kunst dem Volke!“ 1890 der Verein „Freie Volksbühne“ als proletarisches Gegenstück zur „Freien Bühne“ gegründet worden, der sich zur Aufgabe machte, den Arbeitern Zugang zu Bildung und Kultur zu verschaffen.

Aber erst nach der offiziellen Aufhebung des Aufführungsverbots war einem Arbeiterpublikum vergönnt, die Weber zu sehen, als Hauptmanns Stück in dem Verein der „Freien Volksbühne“, (Dezember 1993) sowie in ihrer Abspaltung der „Neuen Freien Volksbühne“ (Oktober 1893) gezeigt wurde. Es wurde vom Publikum so begeistert aufgenommen, dass es zum Schluss die Arbeitermarseillaise sang.

Die erste öffentliche Aufführung der Weber im Deutschen Theater musste in langwierigen Gerichtsprozessen erstritten werden. Als sie schließlich 1894 stattfinden konnte, tobte die reaktionäre Presse. Der Kaiser, der Hauptmann wie den Maler Max Liebermann und Käthe Kollwitz unter die „Rinnsteinkünstler“ zählte, kündigte seine Loge und ließ sein dort angebrachtes Wappen entfernen.

Wird fortgesetzt

Anmerkungen

1) Peter Sprengel, Gerhart Hauptmann. Bürgerlichkeit und großer Traum, Beck Verlag, München 2012. 848 Seiten. S. 218

2) Theodor Fontane, G. Hauptmann, Vor Sonnenaufgang

3) Leo Trotzki: Literatur und Revolution, Essen 1994, S. 410

4) Franz Mehring: Gerhart Hauptmann: Die Weber, in: Franz Mehring: M: Zur Literaturgeschichte. Von Hebbel bis Gorki, Berlin 1999, S. 144-152

5) Max Baginski: Gerhart Hauptmann unter den schlesischen Webern. In: Sozialistische Monatshefte, 1905

6) Mehring, ebd. S. 151

7) Zitiert nach: Gerhart Hauptmann. Leben und Werk, Gedächtnisausstellung des deutschen Literaturarchivs zum 100. Geburtstag des Dichters, Marbach 1962, S. 82

8) Ebd. S. 230

9) Sprengel, S. 209