Lance Armstrong und die Welt des Profisports

Von David Walsh
25. Januar 2013

Die Schilderungen des amerikanischen Radfahrers Lance Armstrong, wie er jahrelang leistungsfördernde Drogen genommen und mehr als zehn Jahre lang seine Kritiker eingeschüchtert und diskreditiert hat, sagen einiges über den Profisport und die allgemeine gesellschaftliche Atmosphäre aus. Am 13. Januar gab er der Talkshowmoderatorin Oprah Winfrey ein Interview, das letzte Woche in zwei Teilen veröffentlicht wurde.

Armstrong, der 1971 in Plano, Texas, geboren wurde, war von 1999 bis 2005 siebenfacher Tour de France-Sieger und gewann mehrere andere Wettbewerbe. 1996 und 1997 kämpfte er gegen Hodenkrebs, der Metastasen in seinem Gehirn und seinen Lungen gebildet hatte. Im Jahr 2005 zog er sich aus dem Radsport zurück, vier Jahre später stieg er wieder ein, und im Jahr 2011 verabschiedete er sich endgültig vom aktiven Sport. Damals lief in den USA ein Ermittlungsverfahren gegen ihn wegen Dopings, das aber nicht zu einer Anklage führte.

Im Oktober 2012 veröffentlichte die amerikanische Anti-Doping Agency (USADA) einen umfassenden Bericht, untermauert von 1000 Seiten Beweismaterial, darunter Aussagen von elf ehemaligen Teamkameraden, die Armstrong Doping vorwarfen. Die USADA behauptete, der Radfahrer hätte „das ausgefeilteste, professionalisierteste und erfolgreichste Dopingprogramm betrieben, das der Sport je gesehen hat.“

Armstrong wurden alle Titel ab 1998 aberkannt, und er wurde auf Lebenszeit für alle Sportarten gesperrt, die sich an den Kodex der World Anti-Doping Agency halten.

In den späten 1990ern und den 2000ern ging Armstrong gegen jeden vor, der eine Bedrohung für seine Stellung im Radsport oder die Vertuschung seines illegalen Verhaltens darstellte. Nachdem der französische Radfahrer Christophe Bassons in Zeitungsartikeln und Kommentaren auf das Problem des Dopings aufmerksam gemacht hatte, fuhr Armstrong 1999 bei der Tour de France neben ihm und sagte nach der Schilderung Bassons: „’Es war ein Fehler, so klare Worte zu sagen’. Er fragte, warum ich das mache [...] Ich habe ihm gesagt, ich denke an die nächste Generation von Radfahrern. Darauf sagte er: ‚Warum hören Sie dann nicht auf?‘“

Danach erklärte Armstrong im französischen Fernsehen, Bassons Anschuldigungen seien schlecht gewesen „für den Radsport, für sein Team, für mich, überhaupt für alle. [...] Wenn er glaubt, so geht es im Radsport zu, irrt er sich, und er sollte lieber heim gehen.“ Im Grunde bedeutete die Thematisierung des Dopings im Radsport das Ende der Karriere des französischen Radfahrers.

Armstrong ging mehrfach vor Gericht, um Personen zum Schweigen zu bringen, darunter auch ehemalige Freunde und Kollegen, aber auch Medien. Diese Klagen brachten ihm Millionen Dollar ein. Als Winfrey ihn in dem Fernsehinterview nach der Masseuse Emma O’Reilly fragte, die über Armstrongs schmutzige Tricks gesprochen hatte, gab er zu: „Wir haben sie in die Mangel genommen, unter Druck gesetzt.“ Auf die Frage, ob er O’Reilly verklagt habe, antwortete Armstrong: „Ehrlich gesagt, Oprah, wir haben so viele Leute verklagt, dass ich es gar nicht mehr weiß. Bestimmt haben wir es getan.“

Wie sich nun herausstellt, war seine öffentlichkeitswirksam inszenierte jahrelange Verteidigung nichts weiter als ein Haufen Lügen.

Das ist keine schöne Angelegenheit, und es besteht kein Grund, sie zu beschönigen. Man hat oft instinktiv die Tendenz, jeden zu verteidigen, der von den verkommenen amerikanischen Medien angegriffen wird. Armstrongs Fall liegt jedoch anders als der von Muhammad Ali, der 1967 vom Boxsport suspendiert wurde, nachdem er sich geweigert hatte, während des Vietnamkriegs seinen Wehrdienst zu leisten, oder als der Fall des Leichtathleten John Carlos, der 1968 wegen seiner Proteste bei den Olympischen Spielen in Mexico City ins Fadenkreuz geraten war. Sein Fall liegt auch anders als der des Baseballspielers Magglio Ordoñez und seines Managers Ozzie Guillen, die von den Medien und den Ultrarechten verteufelt wurden, weil sie sich positiv über Hugo Chavez, bzw. über Fidel Castro geäußert hatten.

Armstrong war eindeutig Teil des Problems. Er hat offenbar eine Art Miniatur-Radsport-Mafia betrieben und die übelsten Facetten des räuberischen amerikanischen Unternehmertums in den Radsport eingebracht. Seine Geschichte hat etwas Unheimliches und Verstörendes – vor allem seine Bereitschaft, die Karrieren anderer Menschen zu zerstören. In dem Interview mit Winfrey sprach er von seiner Einstellung, „um jeden Preis gewinnen zu wollen.“

Natürlich steckt in dem Angriff der Medien auf seine Person eine große Dosis Heuchelei. Viele von denen, die den Radfahrer jetzt angreifen, haben ihn, der knapp dem Tod entrann und dann zum Sieger der Tour de France wurde, vorher zu einer fast gottähnlichen Figur aufgebaut. Eine solche Figur zieht unweigerlich viele Verteidiger und Blutsauger an.

Mehrere Großkonzerne haben von Armstrongs Karriere profitiert, unter anderem Nike (das die Pressemitteilung für Road to Paris von 2001 von seiner Webseite genommen hat –in der Dokumentation geht es um Armstrongs Vorbereitungen auf die Tour de France im gleichen Jahr), Anheuser-Busch, Trek Bicycle, der Schutzkleidungshersteller Giro, die Fahrradzubehör-Hersteller SRAM und Shimano, AMD [Halbleiter], der Sportartikelhersteller Oakley, RadioShack, 24 Hour Fitness, FRS und Honey Stinger (beides Hersteller von Energienahrung) und viele andere.

Der Investmentbanker Thomas Weisel, Mitbegründer von Montgomery Securities, die 1997 einen Wert von 1,3 Milliarden Dollar hatten, war ein wichtiger Geldgeber für das Unternehmen, das gegründet worden war, um das Radteam des US Postal Service zu managen, in das Armstrong 1998 eintrat. Weisel gründete später sein eigenes Unternehmen, Thomas Weisel Partners, ein „auf Wachstum konzentriertes Unternehmen für Investmentbanking.“

Die extreme Kommerzialisierung und Korruption des Profisports hat das wirtschaftliche und soziale Umfeld für Armstrongs Fehlverhalten geschaffen. Die Summen, um die es dabei geht, sind riesig. Wie der Radfahrer Winfrey erklärte, haben nach seinem Fall mehrere Firmen angerufen, um ihre Beziehungen mit ihm zu beenden. „Sie haben mich in eineinhalb Tagen fallengelassen. Sie haben nach den Kosten gefragt. Ich denke darüber nicht gerne nach, aber es waren 75 Millionen Dollar am Tag. Alles weg, wahrscheinlich für immer.“ Für die Unternehmen und Eventveranstalter geht es natürlich um noch viel mehr – um hunderte Millionen Dollar, sogar um Milliarden.

Allem Anschein nach war Doping im Radsport nicht nur weitverbreitet, sondern wurde von fast allen praktiziert. Armstrong hat sich hauptsächlich durch organisiertes Vorgehen und Dreistigkeit hervorgetan. Winfrey fragte: „Bedeutet das, Sie mussten verbotene Substanzen einnehmen, um zu gewinnen? Meinen Sie, das war so normal?“ Armstrong antwortete: „Ja, und ich bin mir nicht sicher, ob das eine akzeptable Antwort ist, aber es war so selbstverständlich wie Luft in den Reifen und Wasser in den Flaschen. Meiner Meinung nach gehörte es zum Job.“

Auf die Frage, ob er sich fühle als habe er betrogen, antwortete Armstrong: „Ich habe mich informiert, was ‚betrügen‘ bedeutet. Es bedeutet, einen Vorteil über einen Rivalen oder Gegner zu gewinnen, den er nicht hat. Ich habe es nicht so gesehen, sondern als Chancengleichheit.“

Jedenfalls kommt die rücksichtslose Haltung des Radfahrers nicht aus dem Nichts. Armstrong wuchs in der Zeit von Reagan, Bush und Clinton auf, als der „freie Markt“, die Selbstsüchtigkeit und die Gier in den Medien und dem ganzen politischen Establishment verehrt wurden. „Gewalt funktioniert“, erklärte das Wall Street Journal nach dem Irakkrieg von 1990-91, und im ganzen politischen System, der Popkultur und dem Profisport wurden Druck und Gewalt als Lösung aller Probleme angesehen.

Man will nicht übertreiben, aber Armstrong scheint in seinen Einschüchterungstaktiken, seiner unablässigen und fast schon provokanten Lügerei und seinem zur Schau gestellten Glauben, mit allem durchzukommen, einiges von den Beziehungen Amerikas der letzten zwanzig Jahre mit dem Rest der Welt übernommen zu haben.

Das Sponsoring des Profisports, bei dem es um riesige Geldbeträge geht, und die Entstehung des Konzeptes vom „Sportler als Unternehmer“ waren der Beginn des amerikanischen Starkultes, der auch Armstrong an die Spitze brachte. Tatsächlich war sein Gespräch mit Oprah Winfrey im landesweiten Fernsehen einer der betrügerischen und inszenierten Vorgänge dieser Kultur (Zweifellos waren bei Armstrongs Auftritt auch alle möglichen rechtlichen und finanziellen Kalkulationen im Spiel, vielleicht als erster Schritt, um sich öffentlich zu rehabilitieren und seine lebenslange Sperre in allen Sportarten aufzuheben.)

Winfrey, eine der reichsten Frauen Amerikas, vermied sorgfältig alle Fragen oder Kommentare, durch die die Sport- und Unterhaltungsindustrie, zu der sie gehört, oder die amerikanische Wirtschaft als solche in einem schlechten Licht dagestanden hätten.

Die Fragen blieben auf einem niedrigen Niveau und zielten darauf ab, Armstrong dazu zu bringen, persönliche Verantwortung für sein Handeln zu akzeptieren. Das tat er gehorsam und in Übereinstimmung mit den etablierten Regeln des Spektakels eines öffentlichen Geständnisses. „Alle Schuld hierfür liegt bei mir“, beichtete der Radfahrer der Interviewerin, die ihr Programm hilfreicherweise mit einem Bibelzitat beendete: „Die Wahrheit wird euch freimachen.“

Armstrong ist vor dem starken Druck in einem allgemein demoralisierten und demoralisierenden Klima eingeknickt. Man kann sein Handeln erklären und verstehen, ohne es im Geringsten gutzuheißen. Durch sein rücksichtsloses und kriminelles Vorgehen hat er seine beträchtlichen Fähigkeiten verschwendet und sein Bild in der Öffentlichkeit für immer ruiniert. Die Generation, die jetzt in Sport, Kunst, Politik und allen anderen Feldern ins aktive Leben tritt, wird, dessen sind wir sicher, eine ganz andere Art von Persönlichkeit hervorbringen – Persönlichkeiten, die sich an Prinzipien orientieren und in der Lage sind, sich dem korrumpierenden Druck der Sport- und Unterhaltungsindustrie zu widersetzen.