Südkoreanische Gewerkschaften zwingen Arbeitern neue Produktivitätsmaßstäbe auf

Von Ben McGrath
1. November 2012

Vergangenen Monat machte die Koreanische Metallarbeitergewerkschaft (KMWU) einer langen Kampagne in den Betrieben ein Ende, an der zehntausende Autoarbeiter beteiligt waren und handelte separate Vereinbarungen mit Hyundai, Kia Motors und der General-Motors-Filiale GM Korea aus. Allen diesen Ausverkäufen war gemeinsam, dass die Gewerkschaft sich damit einverstanden erklärte, das Produktionstempo zu beschleunigen, und außerdem weitere gegen die Autoarbeiter gerichtete Produktivitätsmaßnahmen akzeptierte.

Im Juli, August und September führten die Arbeiter von Hyundai, Kia Motors und GM Korea eine Reihe von Streiks und Arbeitsunterbrechungen durch. Diese Betriebskampagne war die erste, die sich gegen die großen Autoproduzenten richtete, seitdem die Arbeiter von Ssangyong im Jahr 2009 ihren Betrieb 77 Tage lang besetzt hielten, um ihre Arbeitsplätze zu verteidigen. Sie wurden damals auf brutale Weise von Bereitschaftspolizei und Schlägern, welche die Unternehmensleitung angeheuert hatte, auseinandergejagt.

Mitte Juli organisierte die KMWU eine Reihe von Teilstreiks bei GM Korea, bei denen die Arbeiter ihre Arbeit für ein paar Stunden niederlegten. Die Forderungen beinhalteten Lohnerhöhungen, eine Beteiligung der Arbeiter am Betriebsgewinn und die Abschaffung der Nachtschicht. Ähnliche Aktionen fanden darauf bei Hyundai und Kia statt. Der eintägige Generalstreik vom 13. Juli, den die KMWU ausgerufen hatte und der mit 130.000 beteiligten Arbeitern der größte in der Geschichte der Gewerkschaft war, provozierte eine schroffe Antwort der Regierung. Präsident Lee Myung-bak berief eine Dringlichkeitssitzung ein und verunglimpfte die streikenden Arbeiter in aller Öffentlichkeit als gierige „Arbeiteraristokraten“.

Zwei Wochen später, am 27. Juli, attackierten hunderte mit Knüppeln und Stahlrohren bewaffnete Schläger einer privaten Sicherheitsfirma – Contractus – zwei separate Streikgruppen der Autozulieferarbeiter von Mando Corp und SJM. Contractus hat Verbindungen zur herrschenden Saenuri-Partei (Große Nationalpartei) und wurde als Schutzgarde für Lee während dessen Präsidentschaftskampagne 2007 engagiert.

Dieser gewalttätige Angriff auf die streikenden Autozulieferarbeiter drückt lediglich in handfester Form jene Haltung aus, die der Koreanische Arbeitgeberverband für angebracht hält: knallharte Unnachgiebigkeit. Der Verband bezeichnete die Streiks, von denen die großen Autohersteller in Mitleidenschaft gezogen wurden, als “illegal“ und forderte staatliches Handeln sowie Strafverfolgung der Streikenden.

Hyundai erlitt während der Streiks einen Verlust von 1,5 Milliarden US-Dollar; die Inlandsverkäufe sanken um 30 Prozent im Jahresvergleich und die Exporte brachen um 31 Prozent ein. Vergleichbare Einbrüche wurden auch von GM und Kia berichtet. Die Krise der Autohersteller platzt mitten hinein in eine sich rapide verschlechternde Situation der exportabhängigen südkoreanischen Wirtschaft. Das erwartete Wirtschaftswachstum wurde auf drei Prozent oder weniger herabgesenkt, nachdem es im vorigen Jahr 3,6 Prozent betragen hatte und 6,2 Prozent im Jahr 2010.

Die Streiks der Autoarbeiter wurden letztendlich nicht mittels staatlicher Repression niedergeschlagen, wie sie vom Koreanischen Arbeitgeberverband gefordert wurde, sondern durch Vereinbarungen, die nichts anderes als ein Ausverkauf sind und die die Gewerkschaften den Arbeitern aufzwangen. Der mächtige koreanische Industrieverband Federation of Korean Industries (FKI), der große Konglomerate repräsentiert, darunter Hyundai, rief zu stärkerer Zusammenarbeit im „Arbeits-Management“ auf, um sein Hauptziel, die Erhöhung der Produktivität, zu erreichen.

Die Autounternehmen machten begrenzte Lohnzugeständnisse. Hyundai und Kia führten eine Erhöhung des Grundlohns um 5,3 Prozent und einen Einmalbonus für jeden Arbeiter in Höhe von 9,6 Millionen Won ein, was fünf Monatsgehältern entspricht. Die Arbeiter von GM Korea erhielten eine Erhöhung von 95.000 Won (85 Dollar) monatlich.

Die Autobauer zeigten sich auch bereit, die Nachtschichten abzubauen. Hyundai und Kia werden von März nächsten Jahres an die Produktion um ein Uhr nachts stoppen, GM Korea wird 2014 nachziehen. Die Gewerkschaften verkauften dieses Ergebnis als Sieg, obwohl die Autohersteller bereits zuvor geplant hatten, die Nachtschichten abzubauen und Produktion sowie Produktivität während der Tagschichten zu steigern. Die Lee-Regierung versprach, die Unternehmen zwei Jahre lang für jeden neu eingestellten Arbeiter zu subventionieren, um die verlorene Nachtproduktion zu kompensieren.

Unter den vormaligen Vereinbarungen arbeiteten die Hyundai-Arbeiter im Jahr 2011 durchschnittlich 2.678 Stunden. Das sind 485 Stunden mehr, als die durchschnittliche Jahresarbeitsstundenzahl des Landes, die 2.193 Stunden ausmacht. Diese Zahl ist bereits höher als in jedem anderen Entwicklungsland. Die Arbeiter klagen schon seit langem über Muskelschmerzen, Schlafstörungen und ein zerrüttetes Familienleben.

Die KMWU gab neuen Arbeitsbeschleunigungen grünes Licht. Beispielsweise soll in den Hyundai-Werken von Ulsan und Ansan die gegenwärtige Fertigungsrate von 402 Einheiten pro Stunde auf 432 Einheiten die Stunde erhöht werden, um den Produktionsverlust aufgrund der verkürzten Stunden wieder hereinzuholen. Die Arbeiter werden noch größerem physischen Druck ausgesetzt.

Höhere Produktivität war die zentrale Forderung der koreanischen Autohersteller, denn sie mühen sich unter den dramatischen Restrukturierungen der globalen Autoproduktionskette, die sich seit der Finanzkrise von 2008 und dem Bankrott von General Motors in den USA in Gang befinden, um Wettbewerbsfähigkeit.

Bezüglich der Arbeitsstunden pro Auto (HPV) schneiden die Werke in Ulsan und Ansan (31,3 HPV) im Vergleich mit Hyundais Werken in Peking (19,5 HPV) und dem US-amerikanischen Alabama (14,6 HPV) schlecht ab. Parallel zum Versuch, die Produktivität innerhalb Südkoreas zu steigern, haben die Autobauer sich beeilt, billige Arbeit im Ausland auszubeuten. Nur 46 Prozent der Fahrzeuge Hyundais wurden vergangenes Jahr in Südkorea produziert. Das ist ein dramatischer Rückgang gegenüber den 60 Prozent vor vier Jahren und den 93 Prozent im Jahr 2000.

Der Abbruch der Betriebskampagne der Autoarbeiter durch die KMWU war ein übler Verrat an Tausenden von Zeitarbeitern an den Montagebändern. Ein Viertel der Hyundai-Belegschaft in Korea sind Zeitarbeiter; der Schacher der Gewerkschaft mit dem Unternehmen sieht vor, nur 3.000 Zeitarbeiter bis Jahr 2015 auf Dauer zu übernehmen. Den übrigen 5.000 Zeitarbeitern wird auch künftig keine Arbeitsplatzsicherheit zugestanden. Sie werden mit nur 65 Prozent dessen entlohnt, was die Arbeiter der Stammbelegschaft für dieselbe Arbeit erhalten.

Obwohl die von der Gewerkschaft organisierten Streiks beendet wurden, haben die Zeitarbeiter ihre Demonstrationen fortgesetzt. Am 18. Oktober kletterten zwei Arbeiter im Hyundai-Werk in Ulsan auf einen Hochspannungsmast. Damit protestierten sie, wie sie sagten, gegen die illegale Ablehnung Hyundais, weitere Zeitarbeiter in die Stammbelegschaft aufzunehmen. Diese Aktion unterstreicht die Tatsache, dass die Vereinbarungen der KMWU mit den großen Autoproduzenten lediglich die Bühne freigemacht haben für künftige Klassenkonflikte.