Die Hostess-Insolvenz:

Das brutale Gesicht des amerikanischen Kapitalismus

Von Jerry White
22. November 2012

Die Firma Hostess Brands hat gerichtlich die Eröffnung eines Insolvenzverfahrens beantragt, um ihr Bäckereigeschäft einzustellen und die Arbeitsplätze und Rentenansprüche von 18.500 Beschäftigten zu liquidieren. Die 82 Jahre alte Firma, Hersteller bekannter Marken wie Wonder Bread und Twinkies, legte vergangene Woche Pläne vor, 33 Bäckereien, 565 Verteilungszentren, etwa 5.500 Zustelltouren und 570 Bäckerei-Outlets in den gesamten Vereinigten Staaten stillzulegen.

Die Firmenleitung machte einen einwöchigen Streik der 5.500 Mitglieder einer der größten Gewerkschaften in der Firma, der Bakery, Confectionery, Tobacco Workers and Grain Millers International Union (BCTGM), für ihre Entscheidung verantwortlich. Das Management setzte den Streikenden eine Frist bis zum 15. November, um die Forderungen nach Lohnkürzungen, der Streichung von Zusatzleistungen und nach weiteren Werksschließungen anzunehmen – oder die Auflösung des Unternehmens zu riskieren.

Die Arbeiter jedoch, die bereits mit der zweiten Insolvenz ihrer Firma innerhalb eines Jahrzehnts konfrontiert sind, sagten: Genug ist genug. Der Lohn eines Durchschnittsarbeiters wurde nach der ersten Insolvenz der Firma 2004 von 48.000 Dollar auf 34.000 Dollar reduziert. Das entspricht einem Stundenlohn von 16,12 Dollar.

Nach den jüngsten Forderungen der Geschäftsleitung sollten die Löhne jetzt auf 25.000 Dollar reduziert und die Selbstbeteiligung bei Gesundheitsleistungen erheblich erhöht werden. Das kann man nur als Armuts-Löhne bezeichnen, die unter dem liegen, was viele Arbeiter an Arbeitslosengeld erhalten würden.

Als die Arbeiter diese Erpressung ablehnten, reagierte die Firmenleitung mit aller Härte. Sie verriegelte die Fabriktore, kündigte Massenentlassungen an und stellte die Zahlung für die Firmenrenten ein. Die Medien stellten sich überwiegend hinter das Management, verurteilten die Arbeiter für ihren Streik und versuchten den Eindruck zu erwecken, sie hätten sich für kollektiven Selbstmord entschieden, anstatt die wirtschaftliche Realität zu akzeptieren.

Am Montag setzte ein Bundesrichter die Insolvenz vorübergehend außer Kraft und wies die Gewerkschaft an, Schlichtungsgespräche mit der Firmenleitung zu führen. Das Gericht hat bereits der Aufhebung von Tarifverträgen und dem „letzten Angebot“ des Managements, das gewaltige Zugeständnisse bei Löhnen und Zusatzleistungen vorsieht, zugestimmt. Am Dienstagabend gab Hostess bekannt, die Schlichtungsbemühungen seien gescheitert und das Insolvenzverfahren werde am Mittwoch wieder aufgenommen.

Ziel der gerichtlichen Entscheidung war es, die Bäckereigewerkschaft unter Druck zu setzen. Sie sollten den Teamsters, der größten Gewerkschaft bei Hostess, folgen, die die Forderungen des Konzerns im September gegen heftigen Widerstand ihrer 6.700 Mitglieder in der Firma akzeptiert hatte. Im Gegenzug hatten die Teamsters Sitze im Vorstand, eine 25-prozentige Beteiligung an Firmenaktien und eine Zusage über eine 100-Millionen-Dollar- Zahlung im Falle der Insolvenz des Unternehmens erhalten.

Die Beschäftigten von Hostess machen derzeit die gleiche Erfahrung, die zahllose amerikanische Arbeiter in den vergangenen drei Jahrzehnten gemacht haben. Firmen haben in Zusammenarbeit mit den Gewerkschaften eine Runde an Zugeständnissen nach der anderen durchgesetzt - jede noch belastender als die vorherige.

Ob in der Auto-, Stahl- oder Fleischverpackungsindustrie, ob bei Fluggesellschaften, im Einzelhandel oder im Transportwesen - in fast allen Bereichen der Wirtschaft haben die Konzerne Insolvenzverfahren benutzt, um Löhne zu senken, Zusatzleistungen zu streichen und Arbeitsbedingungen von Arbeitern zu verschlechtern.

Finanzhaie von privaten Investoren-Firmen und Hedgefonds haben Übernahmen organisiert und „retten“ in Zahlungsschwierigkeiten geratene Firmen, um ihnen Schulden aufzuladen, die Pensionskassen zu plündern, Gelder für Zusatzleistungen einzubehalten und sich ihre Vermögenswerte unter den Nagel zu reißen. Am Ende ziehen sie mit Millionengewinnen davon.

Die Gewerkschaften versuchen seit langem, die aufgeblasenen Gehälter und die Vergünstigungen der Funktionäre zu verteidigen, indem sie den Bossen die Arbeitsplätze und den Lebensstandard ihrer Mitglieder zum Fraß vorwerfen. Am Ende retten die Zugeständnisse aber keine Arbeitsplätze, so wie es die Gewerkschaften versprechen, sondern erleichtern weitere Entlassungen und Firmenschließungen und zerstören Arbeiterviertel und ganze Städte.

Diesmal haben die Hostess-Arbeiter „nein“ gesagt. Damit sprachen sie nicht nur für sich selbst. Sie haben einem wachsenden Gefühl der Ablehnung in der ganzen Arbeiterklasse eine Stimme gegeben.

Millionen spüren, dass es unmöglich wird, in ständiger wirtschaftlicher Unsicherheit zu leben – der „neuen Normalität“ unter Präsident Obamas angeblicher wirtschaftlicher Erholung. Gleichzeitig explodieren Konzerngewinne, Aktienmärkte und Bonuszahlungen an Spitzenangestellte, während sich der Graben zwischen Arm und Reich immer weiter vertieft.

Diese Bedingungen entlarven den Bankrott der offiziellen Gewerkschaften, die die Rahmenbedingungen des Kapitalismus und die Unterordnung der Arbeiterklasse unter die Demokratische Partei voll und ganz akzeptieren. Um die Regierung Obama von dem Angriff auf die Hostess-Arbeiter freizusprechen, verurteilte der Boss des US-Gewerkschaftsverbandes AFL-CIO, Richard Trumka, den Fall Hostess als Beispiel dafür, wie „Bain-artige Geier der Wall Street sich bereichern, indem sie Amerika verarmen lassen“. Er bezog sich damit auf die Investmentfirma Bain, die jahrelang vom republikanischen Präsidentschaftskandidaten Mitt Romney geleitet wurde.

In Wahrheit haben private Investmentfirmen und Hedgefonds, die mit der Plünderung von Hostess beschäftigt sind, weitaus engere Bindungen zur Demokratischen Partei als zu den Republikanern. Tom Collins, Chef der Investmentfirma Ripplewood Holdings, die der Firma Schulden auflud, die Rentenzahlungen aussetzte und Lohn- und Zusatzzahlungen zusammenstrich, ist ein prominenter Demokrat, der gute Beziehungen zum ehemaligen demokratischen Mehrheitsführer im Repräsentantenhaus, Dick Gephardt, unterhält und durch ihn auch mit den Teamsters verbandelt ist.

Einer der Hedgefonds, der Hostess endgültig zu Fall brachte - der in Manhattan ansässige Monarch Alternative Capital – ist ein Ableger der Investmentfirma Quadrangle Group, die von Steven Rattner mitgegründet wurde, dem Multimillionär, dem Obama 2009 die erzwungene Insolvenz und die Restrukturierung von General Motors und Chrysler übertrug. In jener Funktion war Rattner verantwortlich für die Vernichtung von tausenden Arbeitsplätzen, der Zerstörung von Zusatzleistungen und Renten und der Halbierung des Einstiegslohnes für Neubeschäftigte.

Dies ist das brutale Gesicht des amerikanischen Kapitalismus, der von beiden Parteien des großen Geldes unterstützt wird. Die Regierung, die Konzerne, die von den Konzernen kontrollierten Medien und die Gewerkschaften bilden eine Einheitsfront, um die Arbeiterklasse für das Versagen des Profitsystems bezahlen zu lassen und den jetzt schon obszönen Reichtum der Finanzaristokratie weiter zu vermehren.

Für die Arbeiterklasse kann es nur eine Antwort auf ein System geben, das mit den Methoden der Erpressung und des wirtschaftlichen Terrors Wenige auf Kosten Vieler bereichert – einen revolutionären Kampf zur grundlegenden Reorganisation der Gesellschaft. Um die sozialen Rechte der Arbeiterklasse zu garantieren –gut bezahlte Arbeitsplätze, sichere Arbeitsbedingungen, ein würdiges Alter und angemessene Unterkunft, sowie eine gute Ausbildung und ausreichende Gesundheitsversorgung – muss die Diktatur der Banken und der privaten Investmentfirmen gebrochen werden.

Die Verschwendung gewaltiger finanzieller Ressourcen und der Abbau der Industrie muss durch die Vergesellschaftung der Banken und der Finanzindustrie und ihre demokratische Kontrolle durch die arbeitende Bevölkerung gestoppt werden. Die Bücher von Hostess müssen offengelegt werden, um die Mechanismen zwischen den Spitzenangestellten, den Investoren und den Gewerkschaftsfunktionären deutlich zu machen und die Grundlage für die Vergesellschaftung der Firma zu legen. Das Raubgut der kriminellen Financiers muss konfisziert werden, um einen billionenschweren Fond einzurichten, damit all diejenigen entschädigt werden können, die um ihre Häuser, ihre Löhne und ihre Renten gebracht wurden.

Die Hostess-Insolvenz zeigt, wie notwendig eine neue, sozialistische Perspektive für die Arbeiterklasse ist. Der Kampf um Hostess ist nur der Anfang immenser gesellschaftlicher Auseinandersetzungen, die ausbrechen und sich gegen die Regierung Obama und das kapitalistische System, das sie verteidigt, richten werden. Wir fordern alle Arbeiter auf, sich uns anzuschließen und die Socialist Equality Party aufzubauen, um sich mit uns zusammen auf diese Kämpfe vorzubereiten.