Bangladesch:

Arbeiter protestieren nach Brand in Textilfabrik

Von Peter Symonds
28. November 2012

Tausende Textilarbeiter aus dem Industriegebiet Ashulia, nördlich von Dhaka, beteiligten sich am Montag an wütenden Protestaktionen. Anlass war der Brand in dem Textilwerk Tazreen Fashions am Samstagabend, der mindestens 112 Todesopfer forderte.

Die Demonstranten forderten Gerechtigkeit für die Opfer, die Bestrafung der Besitzer des Werkes und Verbesserungen der Sicherheitsbedingungen. Auf der großen Verbindungsstraße zwischen Dhaka und Tangail errichtete die Polizei eine Straßensperre, um die Arbeiter daran zu hindern, in die Stadt zu marschieren.

Ein Arbeiter namens Shahida sagte zu Reuters: „Ich konnte meine Mutter nicht finden. Ich verlange Gerechtigkeit, ich verlange, dass der Besitzer [des Werkes] verhaftet wird.“ Am Sonntag organisierten etwa 40 Textilarbeiterorganisationen eine Kundgebung vor dem Presseclub Jatiya in Dhaka.

Am Montag blieben von den hunderten Textilwerken im Raum Ashulia viele geschlossen, da dem Management bewusst war, dass der Brand große Wut unter den Arbeitern hervorgerufen hat. Die Zeitung Daily Star erfuhr aus Polizeikreisen, dass die Schließungen „unerwünschte Vorfälle verhindern“ sollten.

Die Regierung erklärte aus Angst vor weiteren Unruhen, dass alle Textilwerke geschlossen und ein nationaler Trauertag abgehalten werde. Die Trauerbekundungen der Regierung und der Oppositionsparteien im Parlament waren völlig zynisch. Mehrere Regierungen haben nichts gegen die erschreckend niedrigen Sicherheitsstandards in der lukrativen Textilindustrie unternommen, die für 80 Prozent der Exporte des Landes verantwortlich ist und ihm Einnahmen in Höhe von neunzehn Milliarden Dollar beschert.

In einem verzweifelten Versuch, die Aufmerksamkeit von der Regierung und den Arbeitgebern abzulenken, behauptete Premierministerin Scheich Hasina Wajed – ohne einen einzigen Beweis dafür zu liefern – dass das Feuer durch einen Sabotageakt entstanden sei. Am Sonntag wurden in einer anderen Fabrik zwei vermeintliche Brandstifter verhaftet. Hasina erklärte, der Brand bei Tazreen Fashions sei im Voraus organisiert worden, und sprach von einer kriminellen Vereinigung, die versucht, „mit Sabotageakten das Land destabilisieren.“

Der Polizeipräsident von Dhaka, Habibur Rahman Khan, erklärte ebenfalls, der Brand am Samstag sei „wahrscheinlich ein Sabotageakt.“ Die Sicherheitskräfte hätten ihre Präsenz in den Textilwerken verstärkt, um „auf die Sicherheit zu achten.“ Der Hintergrund dieses Polizeiaufgebotes ist eindeutig, Proteste der Textilarbeiter zu unterdrücken. Diese hatten sich zuvor an großen Streiks und Demonstrationen für bessere Löhne und Arbeitsbedingungen beteiligt.

Hohe Beamte der Feuerwehr hatten bereits angedeutet, dass die wahrscheinliche Ursache für den Brand bei Tazreen ein Kurzschluss war. Aber unabhängig von der Brandursache war der Grund für die hohe Zahl an Opfern das Fehlen grundlegender Sicherheitsstandards in dem achtstöckigen Gebäude. Die Arbeiter hatten keine Fluchtmöglichkeit, die Türen waren entweder verschlossen oder führten ins Erdgeschoss, wo der Brand ausgebrochen war.

Der Überlebende Mohammed Ripu sagte zu Associated Press, er sei daran gehindert worden, das Gebäude zu verlassen, als der Feueralarm losging: „Die Manager haben uns gesagt, ‚es ist nichts passiert. Der Feueralarm ist nur defekt. Geht wieder an die Arbeit’. Aber wir haben schnell begriffen, dass es brannte. Als wir wieder zum Ausgang rannten, war er von außen verschlossen und es war zu spät.“

Viele der Verwundeten und einige der Toten waren auf der Flucht vor dem Feuer aus Fenstern gesprungen. Der oberste Fabrikinspektor von Bangladesch, Habibul Islam, erklärte, die Fabrik habe nur eine Baugenehmigung für drei Stockwerke erhalten, als sie 2009 gebaut wurde. „Sie haben das Gebäude ohne unsere Genehmigung vergrößert“, sagte er.

Das Gebäude hatte auch keine ausreichenden Feuerlöscheinrichtungen. Ein anderer Arbeiter namens Yeamin sagte zu Associated Press, die Feuerlöscher, die in der Fabrik hingen, hätten nicht funktioniert und „sollten nur Käufer oder Behörden beeindrucken.“ Wie die Nachrichtenagentur meldete, fanden Inspektoren unbenutzte Feuerlöscher in der Fabrik.

Die Arbeitgeber zahlen den Familien der Opfer in begrenztem Umfang Entschädigung. Die Regierung hat mehrere Untersuchungskommissionen eingesetzt. Arbeitsminister Rajiuddin Ahmed Raju erklärte gestern, er werde alle Textilwerke schließen lassen, die nicht mindestens zwei Notausgänge hätten. In der Vergangenheit hatte es ähnliche Versprechen gegeben, die allesamt gebrochen wurden.

Der Präsident der Gewerkschaft National Garment Workers Federation, sagte zu Reuters: „Dieser verheerende Brand war eine Folge der ständigen Nachlässigkeit gegenüber der Sicherheit und dem Wohlergehen der Arbeiter. Wenn es zu einem Brand oder Unfall kommt, richtet die Regierung eine Untersuchungskommission ein; die Behörden und die Fabrikbesitzer zahlen Geldstrafen und versprechen, die Sicherheitsstandards und Arbeitsbedingungen zu verbessern, aber das tun sie nie.“

Die Gewerkschaften verteidigen jedoch zusammen mit den Regierungen Niedriglöhne und schlechte Arbeitsbedingungen, um die Textilindustrie von Bangladesch „international wettbewerbsfähig“ zu halten. Die Lohnkosten in Bangladesch sind niedriger als die von Rivalen wie China, Sri Lanka und Vietnam.

Internationale Konzerne, die ihre Kleidung in Bangladesch herstellen lassen, haben sich schnell von dem Brand distanziert. PVH, Nike, Gap, American Eagle Outfitters und das französische Unternehmen Carrefour veröffentlichten Erklärungen, laut denen ihre Produkte nicht in dem Tazreen-Textilwerk hergestellt werden.

Walmart erklärte in einer Stellungnahme, es versuche „herauszufinden, ob das Werk zurzeit in Verbindung mit Walmart oder einem seiner Zulieferbetriebe stehe.“ Kalpona Akter vom Bangladesh Centre for Worker Solidarity fand jedoch am Ort des Geschehens Etiketten der Walmart-Marke Faded Glory und anderer führender europäischer Einzelhändler.

Laut Associated Press wurde die Fabrik bei einer Inspektion im Auftrag von Walmart im Mai 2011 als „Gebäude mit hohem Risiko“ eingestuft, im August 2011 als „Gebäude mit mittlerem Risiko.“

Um das Image ihrer Marken und ihre Profite zu schützen und rechtliche Schwierigkeiten zu vermeiden, haben die internationalen Konzerne verschiedene angeblich unabhängige Überwachungsstellen aufgebaut, die die Sicherheitsstandards und Arbeitsbedingungen in den Fabriken kontrollieren sollen. Aber diese Untersuchungen sind oft nur oberflächlich.

Ein Sprecher des Unternehmens C&A sagte, Tazreen Fashions hätte in den nächsten drei Monaten 220.000 Sweatshirts liefern sollen. Er erklärte, das Unternehmen prüfe normalerweise bei möglichen Geschäftspartnern die Sicherheitsstandards und Arbeitsbedingungen, bevor es Geschäftsbeziehungen aufnehme, in diesem Fall sei dies allerdings nicht geschehen.

Die internationalen Konzerne wissen von den schlechten Löhnen, Arbeitsbedingungen und niedrigen Sicherheitsstandards in der Textilindustrie von Bangladesch. Die Käufer bestehen zwar auf Einhaltung der Standards bei Preisen, Fertigung, Qualität und Fristen für ihre Produkte, aber das Wohlergehen der Arbeiter kümmert sie nicht.

Daher kommt es zu einer Tragödie nach der anderen – seit 2006 gab es in Bangladesch 500 Tote durch Brände in Textilwerken. Am Montag brach in Dhaka im ersten Stock eines zwölfstöckigen Gebäudes im Stadtteil Uttara, in dem drei Textilwerke untergebracht waren, ein weiterer Brand aus. Es gab keine Todesopfer. Das ist hauptsächlich dem Einsatz von Bauarbeitern geschuldet, die an einem Gebäude in der Nachbarschaft arbeiteten. Sie errichteten schnell eine Bambusleiter, über die eingeschlossene Arbeiter fliehen konnten.