Südafrikanische Gewerkschaften gehen mit Massenentlassungen und Mord gegen Bergarbeiter vor

Von Chris Marsden
27. Oktober 2012

Die National Union of Mineworkers (NUM) will die Goldbergarbeiter mit einem Abkommen verraten, durch das Zehntausende im Platin-, Gold- und Kohlebergbau entlassen würden.

AngloGold Ashanti, der größte Produzent Südafrikas, entließ am Mittwoch die Hälfte seiner 24.000 Mann starken Belegschaft, Anglo American Platinum (Amplats) hat bereits 12.000 entlassen.

Gestern wurde nach Verhandlungen zwischen der NUM, AngloGold Ashanti, Harmony, Gold Fields und der Bergbaubehörde eine Einigung angekündigt, die nahezu identisch ist mit den Forderungen, die bereits von den Goldminenkonzernen vorgelegt und von den Streikenden abgelehnt worden waren.

Es ist noch zu früh, um zu sagen ob der Verrat Erfolg haben wird. Mindestens 12.000 Gold- und 20.000 Platinbergarbeiter befanden sich gestern noch im Streik. Aber egal was passiert, die NUM und der Congress of South African Trade Unions (COSATU) stehen als Streikbrecher und Komplizen bei Massenentlassungen, Einschüchterungskampagnen, Polizeibrutalität und Mord da.

COSATU veröffentlichte diese Woche eine demagogische Stellungnahme, in der er drohte, seine 2,2 Millionen Mitglieder für Proteste gegen die Massenentlassungen von Bergarbeitern zu mobilisieren und warnte, dass „die gesamte Kapitalistenklasse die Stärke der organisierten Arbeiter spüren und in jedem Zweig der Wirtschaft auf erbitterten Widerstand stoßen“ werde.

Seine Pose ist eine Heuchelei epischen Ausmaßes – ein Trick, um die Zusammenarbeit der Gewerkschaftsbürokratie mit dem Management bei der Unterdrückung wilder Streiks von mehr als 100.000 Arbeitern zu verschleiern. Die NUM hat von Anfang an gegen die Streikenden gearbeitet. Sie hat Blut an den Händen.

Es sind Beweise für die Zusammenarbeit der NUM und COSATUs bei der Vorbereitung des Polizeimassakers am 16. August in dem Lonmin-Bergwerk bei Marikana aufgetaucht, bei dem 36 Bergarbeiter starben und 72 verletzt wurden.

Am 12. Oktober erschien im Daily Maverick ein Bericht des Journalisten Jared Sacks, laut dem die Gewalt in Marikana aufgrund der Ermordung zweier Streikender durch hohe NUM-Funktionäre in dem Gebiet begann. In zahlreichen Interviews habe sich der „fast vollständige Hass aller Einwohner gegenüber der National Union of Mineworkers gezeigt – egal, ob sie an dem Streik beteiligt waren“, außerdem hat „jeder einzelne, mit dem ich gesprochen habe, ausnahmslos behauptet, die NUM habe mit der Gewalt angefangen...“

Am 8. August hielten einige Gesteinsbohrermannschaften eine Massenversammlung ab und verlangten eine deutliche Lohnerhöhung, was die NUM nicht unterstützen wollte.

Am 9. August einigten sich NUM-Mitglieder bei einem Massentreffen darauf, die Gewerkschaft zu umgehen und ihre Forderungen direkt an Lonmin zu richten. Am nächsten Tag marschierten sie vor die Büros des Unternehmens. Dieses holte die NUM-Führung, die ihre Mitglieder zur Ordnung rief. Der wilde Streik von 3.000 Gesteinsbohrermannschaften begann als Ergebnis dieser Ereignisse.

Am 11. August marschierten die Streikenden zum lokalen NUM-Büro und forderten Unterstützung für den Streik. Dann kamen „die fünf höchsten NUM-Führer“ und andere Werksaufseher, insgesamt zwischen fünfzehn und zwanzig Mann, aus dem Büro und begannen, auf die demonstrierenden Streikenden zu schießen... ohne Warnung oder Provokation.“

Zwei Gesteinsbohrerarbeiter wurden getötet, eine Person gab ihre Namen mit S. Gwadidi aus dem Roeland-Schacht und Tobias Tshivilika aus dem New Mine-Schacht an. Beide waren NUM-Mitglieder.

„Die Polizei hat überhaupt nicht auf die beiden Todesfälle am 11. August reagiert. Niemand wurde verhaftet oder verhört“, schreibt Sacks. Das führte zu den Rachemorden an NUM-Funktionären, Polizisten und Sicherheitspersonal durch Streikende.

Der offiziellen Farlam-Kommission, die das Massaker von Marikana untersucht, wurde von Anwälten der Opfer von Polizeigewalt Beweise zugespielt, die zeigen, wie die NUM mit Unterstützung von COSATU und dem Afrikanischen Nationalkongress (ANC) reagierte: Mit der Forderung nach einer Niederschlagung des Streiks.

NUM-Generalsekretär Frans Baleni veröffentlichte am 13. August eine Stellungnahme, in der es hieß: „Die NUM ist besorgt, dass die Situation in den Platinbergwerken und die eskalierende Gewalt in dem Gebiet der Nordwestprovinz von den Polizeikräften ungehindert weitergeht... Wir fordern die Entsendung einer besonderen Taskforce der SANDF [der südafrikanischen Streitkräfte], die entschlossen mit den kriminellen Elementen in Rustenburg und den umliegenden Bergwerken aufräumen soll.“

Die schäbigste Rolle hat dabei der ehemalige NUM-Führer und heutige millionenschwere Geschäftsmann Cyril Ramaphosa gespielt. Am Dienstag wurden der Untersuchungskommission zu dem Massaker mehrere seiner Emails vorgelegt.

Ramaphosa, ein Mitglied der Exekutive des ANC und angeblich der favorisierte Präsidentschaftskandidat von COSATU, schrieb eine E-Mail an einen hohen Manager bei Lonmin, Albert Jamieson, in der es hieß: „Die schrecklichen Ereignisse, die sich zugetragen haben, können nicht als Arbeitskampf bezeichnet werden. Sie sind einfach nur verachtenswert und kriminell und müssen so charakterisiert werden. Diese Situation muss mit begleitenden Aktionen angegangen werden.“

In einer E-Mail mit dem Titel „Sicherheitslage“ schreibt Ramaphosa: „Sie bestehen völlig zurecht darauf, dass die Ministerin [Susan Shabangu] und überhaupt alle Regierungsvertreter verstehen müssen, dass wir es im Grunde mit einem kriminellen Akt zu tun haben. Ich habe das auch dem Sicherheitsminister gesagt.“

Ramaphosa hat angeblich Polizeiminister Nathi Mthethwa dazu geraten, hart gegen Streikende vorzugehen, nachdem Lonmin darauf gedrängt hatte, auf die ANC-Bergbauministerin Susan Shabangu „Einfluss“ auszuüben. Er warnte sie, dass der Streik in Marikana kein „Arbeitskampf ist, sondern kriminelles Verhalten“, und dass „Schweigen und Inaktivität“ schlecht für sie und die Regierung seien. Er soll außerdem Verhandlungen mit ANC-Generalsekretär Gwede Mantashe und NUM-Präsident Senzeni Zokwana geführt haben.

Der Anwalt Dali Mpofu, der verletzte Bergarbeiter und mehr als 200 Verhaftete vertritt, erklärte Ramaphosas E-Mail an Jamieson, die an den „Lieben Albert von Lonmin“ adressiert war, sei ein Beispiel für „schändliche Zusammenarbeit.“ Sie wurde „genau 24 Stunden vor dem Massaker an dem Berg“ abgeschickt, „Es ist klar, dass Ramaphosa direkt darin verstrickt war, indem er vorschlug, was gegen diese ‚verachtenswerten kriminellen Aktionen‘, wie man sie charakterisieren muss, effektiv tun muss.“

Seine Intervention hatte zur „vorsätzlichen Ermordung wehrloser Menschen“ geführt.

Ramaphosa ist nur einer der erfolgreicheren aus der aufstrebenden Schicht der neuen Bourgeoisie, die aus den Rängen von COSATU und dem ANC aufgestiegen und durch die Politik der wirtschaftlichen Besserstellung Schwarzer reich geworden ist. Seine Investmentholdinggesellschaft Shanduka Group besitzt neun Prozent von Lonmin und ist ein bevorzugter Partner bei der wirtschaftlichen Besserstellung, er sitzt außerdem im Vorstand von Lonmin.

In einem Radiointerview im September veröffentlichte Ramaphosa eine pro-Forma-Entschuldigung für Marikana und erklärte: „Ich glaube, viele von uns Aktionären trifft die Schuld.“ In einem Ausbruch von Selbstmitleid beklagte er sich, dass seine Investition von 300 Millionen Rand (36 Millionen Dollar) in Lonmin „völlig baden gegangen und fast verloren ist.“