Wirtschaftskrise erfasst auch Daimler

Von Dietmar Henning
27. September 2012

Die Auswirkungen der weltweiten Wirtschaftskrise erfassen inzwischen auch die so genannten Premiumhersteller unter den deutschen Autoproduzenten, wie Daimler und Porsche. Auch den dortigen Belegschaften drohen nun Kosteneinsparungen.

Der Autobauer Daimler hat am Donnerstag vergangener Woche ein Sparprogramm für die PKW-Sparte angekündigt. Das „Fit for Leadership“ genannte Programm soll „deutlich mehr“ als eine Milliarde Euro einbringen. Neben dem Umsatz sollen die Produktivität gesteigert und Doppelarbeit vermieden werden. Die Zulieferer sollen gezwungen werden, ihre Preise zu senken. In Vertrieb und Verwaltung sollen ebenfalls Kosten eingespart werden.

Konkrete Schritte will Konzernchef Dieter Zetsche bei der Vorlage der Geschäftszahlen für das dritte Quartal Ende Oktober bekanntgeben. Doch schon jetzt wird klar, dass auch in der Produktion mächtig eingespart werden soll. Im Mercedes-Benz-Werk Sindelfingen verhandeln Betriebsrat und Management gerade über Produktionskürzungen im vierten Quartal. Bislang konnten sie sich nicht einigen. Nach Informationen der Stuttgarter Zeitung ist zum ersten Mal seit vier Jahrzehnten die Einigungsstelle angerufen worden.

Anders als zu Beginn der Krise 2008 will Daimler frühzeitig die Produktion drosseln. Vor vier Jahren konnten die produzierten PKW nur noch über hohe Rabatte verkauft werden. Der Gewinn sank von 8,7 Milliarden Euro 2007 auf 2,7 Milliarden Euro 2008 und auf 1,5 Milliarden Euro 2009. Nach einer jüngsten Gewinnwarnung bei Mercedes haben Analysten daher Einschnitte in der Produktion für „unumgänglich“ erklärt.

In Sindelfingen, dem größten Werk Daimlers, bauen 23.000 Beschäftigte die Oberklasse-Limousinen der C-, E- und S-Klasse. Mehrere Betriebsversammlungen sind am Montag solange unterbrochen worden, bis eine Einigung über die Schichtpläne erzielt werden kann. Der Betriebsrat reagierte damit auf den in der Belegschaft weit verbreiteten Unmut über die anstehenden Einsparungen.

Ein Arbeiter aus der E-Klasse-Montage berichtete der Stuttgarter Zeitung: „Seit einigen Wochen merken wir, dass es abwärts geht.“ In der vergangenen Woche sei die Freitagsschicht gestrichen worden. Auch ein zusätzlich vereinbarter Samstag falle nun weg. In den Herbstferien solle nur noch im Einschichtbetrieb gearbeitet werden. „Das bedeutet für uns Einkommenseinbußen, weil die Spätschichtzulagen wegfallen“, sagte er.

Noch schlimmer sei es bei den Kollegen in der S-Klasse-Produktion. Dort hätten die meisten hundert Minusstunden auf ihrem Arbeitszeitkonto, weil sie aus Arbeitsmangel häufig zu Hause bleiben müssen. Die Werksleitung wolle dort nun für längere Zeit den Einschichtbetrieb einführen. Seine Kollegen befürchten Einkommensverluste durch Kurzarbeit oder Einschichtbetrieb. Die Leiharbeiter, von denen viele schon gehen mussten, fürchteten um ihren Job. Im Werk sei die Rede davon, die Weihnachtsferien in diesem Jahr auf dreieinhalb Wochen auszudehnen.

Daimler begründet das Sparprogramm mit der Entwicklung auf den internationalen Absatzmärkten. Der operative Gewinn der Autosparte mit den Marken Mercedes-Benz, Smart, Maybach und AMG werde „2012 das Vorjahresniveau von rund fünf Milliarden Euro nicht erreichen“, sagte Daimler-Chef Zetsche. Dennoch strebt Mercedes-Benz in diesem Jahr einen Verkaufsrekord von mehr als 1,38 Millionen Pkw an.

Während der Umsatz von Daimler im zweiten Quartal um zehn Prozent gestiegen ist, fiel der Betriebsgewinn um 13 Prozent. Der Grund sind schlechtere Verkaufszahlen als erwartet bei den gewinnträchtigen Oberklasse-Limousinen. Vor allem die Verkaufszahlen der E- und der S-Klasse, die in der Grundausstattung 40.000 bzw. 72.000 Euro kosten, sind gesunken.

Daimler hatte bislang den Rückgang der Verkaufszahlen in Europa, der nicht ganz so stark ausfiel wie bei anderen europäischen Herstellern, mit wachsenden Absatzahlen in den USA und China ausgleichen können. Doch inzwischen schwächelt der Absatz auch dort, während sich die Krise in Europa weiter vertieft.

Für China erwartet der Auto-Experte Ferdinand Dudenhöffer nach einem Wachstumsplus von 8,5 Prozent in diesem für das kommende Jahr nur noch einen Zuwachs von 4 Prozent. Auch in den USA geht man von einem Abflachen der Nachfrage aus.

Und in Europa ist die Krise laut Dudenhöffer „nicht vorbei, sondern am Beginn“. Mit dem erwarteten Verkauf von 11,6 Millionen PKW in ganz Europa droht 2013 das schlechteste Verkaufsjahr seit 1993. Dudenhöffer rechnet damit, dass der PKW-Absatz in Europa auch 2014 und 2015 weiter sinkt.

Schon vor der Krise, die mit dem Zusammenbruch der Bank Lehman Brothers begann, hatte es in der europäischen Autoindustrie Überkapazitäten gegeben. Inzwischen werden laut Dudenhöffer auf dem Kontinent jedes Jahr vier bis fünf Millionen Autos produziert, die nicht verkauft werden können. Es gebe mindestens vier oder fünf große Autofabriken zu viel. „Zu einer Schließung gibt es im Grunde keine Alternative“, behauptet er.

Betroffen sind in erster Linie Konzerne, die Klein- und Mittelklassewagen für den europäischen Markt bauen – PSA Peugeot Citroën, Fiat und Opel. Sie haben alle Werksschließungen und Massenentlassungen angekündigt. Auch Ford erwartet in Europa einen Verlust von einer Milliarde Euro in diesem Jahr.

Doch auch die Premiumhersteller werden zunehmend in die Krise hineingezogen. Der Sportwagenhersteller Porsche, der bislang aufgrund seiner Käufer aus den oberen Schichten gegen die Krise immun zu sein schien, will die Produktion wie Daimler drosseln, allerdings erst im nächsten Jahr.

Auch auf die LKW-Sparte von Daimler ist Druck vorprogrammiert. Zetsche hält in diesem Bereich zwar noch an den Gewinnprognosen fest. Doch die Einbrüche bei den Konkurrenten sind Vorboten auf das, was den Branchenprimus Mercedes Benz erwartet. So sank der Auftragseingang beim schwedischen LKW-Hersteller Volvo um 19 Prozent, bei MAN ging der Gewinn um 38 Prozent zurück. Der italienische Hersteller Iveco schließt fünf Werke in Europa, drei davon in Deutschland.

Europas Marktführer Volkswagen hat ebenfalls seine Absatzziele für 2012 leicht heruntergeschraubt. Die Autobauer BMW und Audi bleiben vorerst bei ihren Jahreszielen. Bei beiden soll der Absatz steigen und der Gewinn auf Vorjahresniveau bleiben.

Da sich die Wirtschaftskrise weltweit verschärft, sind die Gewinnwarnungen der Autokonzerne und das jetzt angekündigte Sparprogramm bei Daimler nur die ersten Vorboten weitaus größerer Angriffen auf die Löhne und Arbeitsplätze der Autoarbeiter in ganz Europa.