Europäische Autoindustrie bereitet Massenentlassungen vor

Von Dietmar Henning
9. August 2012

Bisher waren vorrangig Beschäftigte des öffentlichen Diensts, Rentner, Arbeitslose und auf Sozialleitungen Angewiesene von der Eurokrise und den Sparmaßnahmen betroffen, mit denen die Regierungen darauf reagieren. Nun trifft die sich anbahnende Rezession auch die Autoindustrie. Vor allem Hersteller, die fast ausschließlich für den europäischen Markt produzieren, melden massive Verluste und bereiten Massenentlassungen, Werksschließungen und Lohnsenkungen vor.

Die Hersteller, die aufgrund hoher Verkaufszahlen in den USA und Asien noch Profite einstreichen, beobachten nervös die internationale Entwicklung. Auch sie treffen Vorkehrungen, die Krise durch Entlassungen und Lohnsenkungen auf die Beschäftigten abzuwälzen.

In Europa werden so wenig Neuwagen verkauft wie zuletzt 1994. In Spanien schrumpfte im Juli der Verkauf angesichts der hohen Arbeitslosigkeit um 17, in Italien um 21 und in Frankreich um sieben Prozent.

Selbst in Deutschland, wo der Verkauf bisher noch leicht angestiegen war, sackte die Zahl der Neuzulassungen im Juli im Vergleich zum Vormonat um fünf Prozent ab. Mit rund 1,9 Millionen Neuzulassungen liegt die Zahl für Januar bis Juli 2012 knapp unter der des Vorjahreszeitraums. Der Chef des Herstellerverbands VDA Matthias Wissmann sagte, Deutschland drohe seine Rolle als Stabilitätsanker in Europa zu verlieren.

Auch die Verkaufszahlen der bislang verschonten so genannten Premium-Marken Mercedes und BMW sanken. Mercedes gab auf dem deutschen Markt ein Minus von 14,6 Prozent und BMW von 17,9 Prozent bekannt. Der Marktführer Volkswagen verzeichnete Einbußen von 1,5 Prozent.

Einzige Ausnahme auf allen Märkten ist die VW-Tochter Porsche. Der Sportwagenhersteller schreibt überall schwarze Zahlen. Denn die Arbeitslosigkeit und Armut, die den anderen Herstellern zu schaffen macht, ficht den Luxussportwagenproduzenten nicht an.

Das Manager Magazin hatte schon vor einigen Wochen eine Studie der vor allem in der Autoindustrie tätigen Unternehmensberatung Alix Partners zitiert, die einen „Double-Dip“, eine Wiederholung der Rezession von 2008/2009 voraussagt. Demnach wird der Auto-Absatz in Westeuropa in diesem Jahr um eine Million Fahrzeuge einbrechen und auf das Niveau der 1980er Jahre sinken.

Die Konzerne, die sich vor allem auf den europäischen Markt konzentrieren, melden bereits hohe Verluste. PSA Peugeot Citroën gab im ersten Halbjahr einen Verlust von 819 Millionen Euro bekannt.

Auch die Gewinne des nach PSA zweitgrößten französischen Autoherstellers Renault gingen zurück. Der Nettogewinn brach um mehr als ein Drittel ein. Nur noch die Beteiligungen am japanischen Konzern Nissan und dem schwedischen LKW-Partner von Volvo werfen Gewinn ab. Analysten der Deutschen Bank schätzen die Verluste von Renault in Europa auf 160 bis 210 Millionen Euro.

Der Chef des zweitgrößten US-Autobauers Ford, Alan Mulally, erwartet in Europa in diesem Jahr einen Verlust von einer Milliarde Dollar oder 805 Millionen Euro. In der ersten Jahreshälfte fiel der Absatz in Europa auf das niedrigste Niveau seit zwanzig Jahren.

Der größte amerikanische Autobauer General Motors erzielte im zweiten Quartal 2012 zwar weltweit noch 1,2 Milliarden Euro Gewinn, 41 Prozent weniger als im Vorjahreszeitraum. Doch in Europa machte der Konzern mit Opel und Vauxhall im gleichen Zeitraum 294 Millionen Euro Verlust. Im Vergleich zum Vorjahreszeitraum sanken die Verkäufe um 13 Prozent.

Fiat zehrt derweil von den Gewinnen seiner Tochter Chrysler. Der Gewinn im zweiten Quartal betrug 358 Millionen Euro, nach 1,2 Milliarden Euro im Vorjahreszeitraum. Doch alleine hätte Fiat hohe Verluste eingefahren, im ersten Halbjahr rund 500 Millionen Euro. Der Umsatz fiel um fast sieben Prozent.

Die Hersteller gewähren angesichts dieser Verluste in Europa immer größer werdende Rabatte, so dass Fiat-Chef Sergio Marchionne den VW-Konzern jüngst in der New York Times beschuldigte, bei der Preisgestaltung „ein Blutbad“ anzurichten.

Während der Krise 2008/2009 hatten viele europäische Regierungen die Absatzkrise in der Autoindustrie mit einer Abwrackprämie aufgefangen. Doch für solche Maßnahmen steht heute kein Geld mehr zur Verfügung. Die Autokonzerne bereiten deshalb massive Angriffe auf Arbeitsplätze und Löhne sowie Werksschließungen vor.

Laut Alix Partners dürfte im kommenden Jahr annähernd jedes zweite Werk in Europa unterhalb der kritischen Auslastungsschwelle operieren. Seit der Rezession von 2008/2009 sind in Europa drei von über 100 Autofabriken geschlossen worden, nun droht ein Kahlschlag.

PSA Peugeot Citroën hat bereits letzten Monat angekündigt, 8.000 Stellen zu streichen und das Werk in Aulnay-sous-Bois zu schließen. Bis 2015 will PSA so 1,5 Milliarden Euro einsparen. Auch Renault-Manager haben angekündigt, wegen der schlechten Zahlen sei es notwendig, die Produktionskapazitäten in Westeuropa zu reduzieren.

Fiat, das bereits ein Werk in Sizilien geschlossen und die Löhne in anderen Werken empfindlich gekürzt hat, hat die Werksferien im Werk Pomigliano bei Neapel verlängert und verstärkt Kurzarbeit angeordnet. Die Schließung eines weiteren Fiat-Werks gilt als wahrscheinlich.

Die GM-Tochter Opel/Vauxhall, deren Führungsspitze derzeit völlig umgebaut wird, bereitet massive Einsparungen vor.

Doch auch für die Beschäftigten von Daimler, BMW und VW gibt es keinen Grund zur Entwarnung. Bislang hat das starke Asien- und USA-Geschäft den drei Konzernen Zuwächse gesichert. Mittlerweile gehen drei von vier Neuwagen der deutschen Hersteller ins Ausland. VW und seine Tochter-Marken, vor allem Audi, lieferten mit 1,3 Millionen Modellen seit Jahresbeginn fast jedes dritte Auto nach China (plus 17,5 Prozent). In Nordamerika erzielten sie in den ersten sechs Monaten ein Plus von 22,1 Prozent.

VW-Personalvorstand Horst Neumann hat jedoch vor verfrühter Euphorie gewarnt. Das Geschäft von VW laufe zwar gut, aber das Umfeld in Europa werde schwieriger. „Wir dürfen nicht glauben, es geschafft zu haben“, sagte er dem Handelsblatt. Die VW-Marke Seat oder auch das eine oder andere deutsche Werk könnten unter Druck geraten, schreibt das Manager Magazin.

Die Krise macht außerdem nicht an den europäischen Grenzen Halt. Die Zeichen einer Vertiefung der globalen Krise mehren sich. Daimler hatte im Juli in China bereits einen Rückgang von 0,8 Prozent zu verzeichnen.

Für die Daimler PKW-Marken Mercedes-Benz, Smart, AMG und Maybach bleibt Westeuropa zudem der wichtigste Absatzmarkt. Im Juli schrumpfte der Verkauf um 3,2 Prozent. „Immer mehr wird sichtbar, dass sich der schwäbische Autoriese dem Strudel der Eurokrise auf dem Heimatkontinent nicht entziehen kann“, schreibt das Handelsblatt.

Den europäischen Autoarbeitern stehen deshalb heftige Angriffe bevor. Ein amerikanischer Fondsmanager beklagte sich kürzlich gegenüber der Finanznachrichtenagentur Bloomberg, Ford habe in den USA „einen beachtlichen Job gemacht“, doch Europa zerstöre die ganzen Erfolge wieder. Das gleiche gelte für die anderen US-Hersteller GM und Chrysler.

Dieser „beachtliche Job“ bestand darin, Löhne und Sozialleistungen zu dezimieren. Mit Unterstützung der Obama-Administration und der Gewerkschaften schlossen die amerikanischen Autokonzerne nach der Krise von 2008 zahlreiche Werke, halbierten die Löhne für Neueingestellte und kürzten Renten und Krankenkassenbeiträge.

Diese amerikanischen Verhältnisse sollen nun auf Europa übertragen werden. Der Konkurrenzkampf zwischen den Autokonzernen wird auf dem Rücken der Arbeiter ausgetragen. Fiat-Chef Marchionne hatte schon Ende 2008 vorausgesagt, dass weltweit nur sechs Konzerne übrig bleiben werden. Damals war er davon ausgegangen, dass Fiat mit der Übernahme von Chrysler zu diesen sechs gehören werde. Der Ausgang ist inzwischen offen.