IhrPlatz und SchleckerXL ebenfalls vor dem Aus

Von Ernst Wolff
21. Juni 2012

Nachdem im Januar bereits 12.000 und Anfang Juni weitere 14.800 Mitarbeiterinnen der Drogeriekette Schlecker entlassen wurden, gab jetzt der Insolvenzverwalter bekannt, dass auch der potentielle Investor für die Ketten IhrPlatz und Schlecker XL abgesprungen sei. Damit sind weitere 6.100 Mitarbeiterinnen von der Arbeitslosigkeit bedroht.

Gleichzeitig hat die Drogeriekette dm angekündigt, möglicherweise sechzig bis achtzig Märkte der insolventen Schlecker-Töchter zu übernehmen. Während sich dm die Rosinen aus der Insolvenzmasse herauspickt und die Insolvenzverwaltung sich in Schweigen hüllt, werden die Mitarbeiterinnen über ihre Zukunft weiterhin im Ungewissen gelassen. Dabei verdichten sich die Anzeichen, dass es sich bei dem in die Länge gezogenen Insolvenzverfahren um ein abgekartetes Spiel handelt.

„Ich glaube nicht, dass es da noch zu einem positiven Ende kommen wird“, hatte der Handelsexperte und Wirtschaftswissenschaftler Thomas Roeb von der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg in Rheinbach bereits anfangs des Monats gesagt. Es sei zu befürchten, dass IhrPlatz und Schlecker XL mit insgesamt rund 6.100 Beschäftigten ebenso wie Schlecker, die insolvente Mutter, bald geschlossen würden. „In ein, zwei Monaten können die dicht machen“, erklärte Roeb damals. Andere Experten wie Professor Jörg Funder von der Universität Worms äußerten sich ähnlich pessimistisch.

Neben ihren Prognosen gibt es aber auch konkretere Hinweise, dass eine Weiterführung von Schlecker XL und IhrPlatz nie geplant war. Wie erst jetzt bekannt wurde, sind bereits in der ersten Juniwoche neun Objekte von Schlecker XL und IhrPlatz durch dm übernommen worden. Die Verträge, die sonst über Wochen und Monate verhandelt werden, wurden innerhalb von zwei Tagen unterzeichnet. Das heißt: Die attraktivsten Teile beider Ketten wurden in einer gut vorbereiteten Blitz-Aktion aus der Insolvenzmasse herausgenommen. Damit wurde die Wahrscheinlichkeit, dass ein anderer Investor auf den Rest zugreift, ganz erheblich reduziert.

Bei den Betreibern von dm handelt es sich um die Handelsgruppe Markant, zu der auch das Schlecker-Imperium gehörte, und die zusammen mit dem Versicherer Euler Hermes und der Bundesanstalt für Arbeit einer der drei Hauptgläubiger im Insolvenzverfahren gegen Schlecker war. Es ist kaum anzunehmen, dass Markant seine Absichten in Bezug auf dm im Gläubigerausschuss verschwiegen hatte. In diesem Ausschuss saßen außer den drei Gläubigern auch ein Vertreter des Betriebsrates und ein Vertreter der Gewerkschaft Verdi.

Vieles deutet darauf hin, dass die Schlecker-Insolvenz bewusst in die Länge gezogen wurde. Die Gründe dafür liegen auf der Hand: Eine Entlassung auf Raten bedeutet nicht nur eine „Dosierung“ der öffentlichen Empörung, sondern vor allem auch eine Zersplitterung des Widerstands. Dahinter steht das Kalkül, dass Mitarbeiterinnen, die noch auf eine Weiterbeschäftigung hoffen, stillhalten und sich nicht an den Kampfmaßnahmen bereits entlassener Kolleginnen beteiligen.

Die gegenwärtige Entwicklung wirft einmal mehr ein deutliches Schlaglicht auf die Rolle, die Verdi bei der Auflösung des Unternehmens spielt. Seit der Verkündung der offiziellen Insolvenz verweigerte Verdi jeden ernsthaften Kampf zur Verteidigung der Arbeitsplätze. Die Gewerkschaft beschränkte sich darauf, den Vorschlag von Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU) zur Umschulung der Schlecker-Mitarbeiterinnen zu unterstützen. Von der Leyen hatte vorgeschlagen die entlassenen Schlecker-Frauen zur Kinderbetreuung in Kitas und Pflegeheimen einzusetzen.

Ansonsten fordert Verdi immer wieder die Bildung einer Auffanggesellschaft, was allerdings von der Regierung längst abgelehnt worden ist, und bemüht sich, die wachsende Wut der Entlassenen gegen die korrupten Machenschaften von Anton Schlecker und seiner Familie zu richten.

All dies sind nichts als billige Ablenkungsmanöver. Sie sollen darüber hinwegtäuschen, dass Verdi-Funktionäre von Anfang an in die Pläne der Schlecker-Pleite involviert waren. Statt die Mitarbeiterinnen zu informieren, ihren Widerstand gegen die Firmenleitung zu organisieren und den Kampf gegen die drohende Insolvenz so breit und so öffentlichkeitswirksam wie möglich zu führen, haben die Verdi-Funktionäre die Beschäftigten (zum Beispiel bei den Abfindungsklagen) gegeneinander ausgespielt, hinter verschlossenen Türen mit Insolvenzverwaltung und Betriebsleitung kooperiert und ihnen so bei der Vorbereitung der größten Massenentlassung, die es je im deutschen Einzelhandel gegeben hat, den Rücken freigehalten.

Auch jetzt hält Verdi konsequent an diesem Kurs fest und lässt die 6.100 Mitarbeiterinnen von SchleckerXL und IhrPlatz genauso uninformiert und unorganisiert im Regen stehen wie zuvor die Schlecker-Mitarbeiterinnen. Einen besseren Partner bei der Abwicklung ihrer Geschäfte hätten sich die Schlecker-Familie, die Gläubiger und die Insolvenzverwaltung kaum wünschen können.