Schlecker: „Es ist, als ob man seine eigene Beerdigung organisiert“

Von Ernst Wolff
12. Juni 2012

Nach dem Beschluss der Gläubiger, die Drogeriekette Schlecker zu zerschlagen, hat in der vergangenen Woche die Abwicklung des Unternehmens begonnen. Diverse Läden wurden bereits geschlossen, an den restlichen Standorten werden die Warenbestände mit Preisnachlässen von 30 bis 50 Prozent verramscht.

Schlecker

„Ich kann es kaum fassen, wenn ich das hier sehe“, sagt Miriam W., 37, die fast zwanzig Jahre lang in einer Schlecker-Filiale in Berlin an der Kasse gestanden hat, und stellt eine weitere Palette mit Shampoos und Haargels in den Gang. „Da arbeitest du jahrelang, hilfst mit, etwas aufzubauen – und dann das...“

Ludmilla V., 33, hat acht Jahre für die Drogeriekette gearbeitet und sieht sich zwischen den großenteils leergeräumten Regalen um. „Erst hat es mich wütend gemacht, dass wir so lange hingehalten und nicht informiert wurden. Jetzt macht es mich fast krank, dass wir selber mithelfen müssen, die Läden aufzulösen. Es ist, als ob man seine eigene Beerdigung organisiert.“

Tatsächlich kommen die Erlöse des Ausverkaufs zuallererst den milliardenschweren Gläubigern zugute. Ob die Arbeiterinnen für die jetzt geleistete Arbeit überhaupt vollständig entlohnt werden, geschweige denn nach der Entlassung die gesetzliche Abfindung erhalten, ist hingegen mehr als unwahrscheinlich.

Auch Marina, 48, Mutter von zwei erwachsenen Kindern, hadert mit ihrem Schicksal. „Dieser Ausverkauf ist genauso erniedrigend wie die ganze Art und Weise, auf die man uns behandelt hat. Manchmal hab ich das Gefühl, wir sind einfach nichts wert.“

Zur Demütigung kommt auch noch die nervliche Anspannung angesichts der ungewissen Zukunft. „Gestern Abend bin ich ausgerastet und hab eine Kundin angebrüllt, die mit ihrem übervollen Einkaufswagen fast ein Regal umgerissen hätte. Als sie mir dann aber sagte, dass sie vier Kinder hat und mit ihrem Geld kaum über die Runden kommt, tat sie mir richtig leid. Irgendwie stecken wir doch alle in der Scheiße...“

„Am meisten werden wir Alten bedauert“, sagt Vera, die in Kürze das Rentenalter erreicht. „Aber in meinen Augen sind die jungen Kolleginnen doch auch nicht besser dran. Wie sollen die jemals eine vernünftige Rente kriegen, wenn sie von jetzt an von Billigjob zu Billigjob ziehen?“

In der Tat gehört die größte Sorge der meisten Schlecker-Frauen ihren Aussichten am Arbeitsmarkt. „Eine gut bezahlte Vollzeitstelle ist doch heute seltener als ein Sechser im Lotto“, sagt Miriam. „Die meisten von uns werden sich mit Teilzeitstellen begnügen müssen. Im Notfall werden einige bestimmt auch für Leiharbeitsfirmen arbeiten gehen, nur um nicht in Hartz IV abzurutschen.“

„Allerdings“, gibt ihr eine Kollegin Recht. „Eins weiß nämlich jede von uns: Wenn du einmal in Hartz IV drinsteckst, ist’s gelaufen. Da kommst du nicht mehr raus!“

Auf die konkreten Erfahrungen der vergangenen Wochen angesprochen, winken fast alle Schlecker-Frauen ab. Die Enttäuschung wiegt so schwer, dass sie nicht darüber sprechen wollen. Mit einhelliger Wut reagieren sie allerdings auf den Vorstoß von Familienministerin von der Leyen, sie zukünftig als Erzieherinnen einzusetzen. „So eine Frechheit! Damit will diese Karrieristin bloß ihr Image aufpolieren“, sagt Ludmilla. „In Wirklichkeit ist der doch vollkommen egal, was aus uns wird“, stimmt ihr eine Mitarbeiterin zu.

„Die hat sowieso keinen Schimmer von unseren Sorgen“, ergänzt die Tochter der Mitarbeiterin, die ihre Schultasche in der Mittagspause bei der Mutter deponiert. „Die sollte mal in unsere Familie kommen und sich mit Mama und uns Kindern an den Küchentisch setzen, statt im Fernsehen große Reden zu halten und die Welt nur vom Rücksitz ihres Dienstwagens aus anzusehen.“

Besonders groß ist die Wut auf die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi, die die Mitarbeiterinnen in den letzten Monaten systematisch getäuscht und die Insolvenz mitorganisiert hat.

„Was hätten die denn machen sollen?“ fragt Vera, Kassiererin eines Ladens in Berlin-Mitte, der in drei Wochen geschlossen werden soll. Ihr resignierendes Schulterzucken bringt ihr sofort heftige Kritik der Kolleginnen ein.

„Die sind doch so was von hinterhältig“, erklärt eine. „Bei den Entlassungen im Februar haben sie ihre eigenen Leute geschont, wo immer es ging. Oft mussten ältere Kolleginnen, die nicht in der Gewerkschaft waren, gehen – obwohl es für sie fast unmöglich ist, eine neu Stelle zu finden.“

„Der Schlamassel, in dem wir jetzt stecken, zeigt doch, was Verdi bewirkt hat: Nichts“, zieht eine andere Kollegin nüchtern Bilanz. „Ohne die wären wir wahrscheinlich sogar weiter gekommen. Dann hätten wir uns nämlich selber helfen müssen.“

„Mir kommt echt die Galle hoch, wenn ich an die Verdi-Leute denke. Die haben doch im Grunde überhaupt nichts für uns getan“, sagt eine dritte Kollegin. „Jetzt sitzen wir auf der Straße, aber die hocken weiterhin im Trockenen!“ Verächtlich zieht sie eine leere Plastikhülle aus ihrer Handtasche. „Wissen Sie, was da mal drin gesteckt hat? Mein Verdi-Ausweis. Auf den kann ich in Zukunft verzichten!“