Gläubiger beschließen Zerschlagung von Schlecker

Von Michael Regens
7. Juni 2012

Ulm - Am Dienstag beschlossen die Gläubiger der Drogeriekette Schlecker die Zerschlagung des Unternehmens. Knapp hundert Beschäftigte demonstrierten vor dem Verhandlungsgebäude in Ulm.

Demo

Auf der Gläubigerversammlung erklärte Insolvenzverwalter Geiwitz, wie er sich den letzten Akt der Zerschlagung der insgesamt 25.000 Arbeitsplätze vorstellt. Im Unternehmen würden noch mehrere hundert Millionen Euro an Kapital stecken, trotz der Privatpleite Anton Schleckers. Diese Millionen sollen nach dem Verkauf aller Waren, Grundstücke oder anderen Werte zwischen den Gläubigern nach einem von Insolvenzverwalter Geiwitz festgelegten Plan verteilt werden. Mit welcher Quote die Forderungen erfüllt werden, konnte oder wollte Geiwitz nicht sagen.

Insgesamt haben, laut Geiwitz, die Gläubiger Forderungen in Höhe von 665 Millionen Euro an das Unternehmen. Dabei schätzt er den aktuelle Wert des Unternehmens auf „über 800 Millionen Euro und unter 1 Milliarde Euro“.

Wie mehrere Zeitungen inzwischen meldeten, soll ein beachtlicher Teil der Forderungen von Lars und Meike Schlecker stammen. Laut Wirtschaftswoche fordern die Schlecker-Kinder zusammen mehr als 170 Millionen Euro. Damit wären sie unter den Hauptgläubigern. Beide verlangen demnach je rund 48,5 Millionen Euro, plus 76 Millionen für die von Lars Schlecker geführte Logistikfirma LDG, deren einziger Kunde der Schlecker-Konzern war.

Weitere Forderungen an die Konkursmasse kommen vom milliardenschweren Warenkreditversicherer Euler Hermes, der Bundesagentur für Arbeit und dem Finanzamt, das noch offene Steuerforderungen in Höhe von 73 Millionen anmeldete.

Auf einer anschließenden Pressekonferenz gab der Insolvenzverwalter bekannt, dass in den 665 Millionen noch nicht die „Kosten“ für die 13.000 Entlassungen enthalten seien. Aufgrund der ungenauen Angabe ist auch zu vermuten, dass die „Kosten“ für die noch ausstehenden 4.500 Kündigungsschutzklagen nicht in der Forderungssumme von 665 Millionen enthalten sind. Dass Geiwitz gegenüber der Presse trotzdem diese Zahl nennt, deutet darauf hin, dass er erst alle Forderungen der Gläubiger begleichen will, bevor die Arbeiterinnen auch nur einen Cent sehen.

Bereits an anderer Stelle seiner Präsentation hatte er ähnliche Bemerkungen gemacht. So habe eine normale Belieferung der Filialen aufgrund der Insolvenz seit September 2011 nicht mehr stattgefunden. Anstatt auf Vorkasse hätten die Lieferanten aufgrund des „guten Namens“ des Insolvenzverwalters geliefert. Geiwitz hatte ihnen zugesichert, dass ihre Forderungen „natürlich bedient“ würden.

Laut Geiwitz hatte eine „Chance“ für Schlecker bestanden. Jedoch nur unter der Voraussetzung einer „Personalkostenreduktion“ und des Ausbleibens der mehreren Tausend Kündigungsschutzklagen. Obwohl die Gewerkschaft Verdi niedrigeren Löhnen sowie einem Verzicht auf Weihnachts- und Urlaubsgeld zugestimmt hatte, erklärte Geiwitz auf Nachfrage der WSWS, dieses Opfer sei nicht ausreichend gewesen.

Er habe von Verdi Lohnsenkungen von 15 Prozent für zweieinhalb Jahre und den Verzicht auf weitere Tarifforderungen in dieser Zeit verlangt. Dabei ließ er erkennen, dass Verdi dazu bereit gewesen wäre. Bei Interesse eines Investors „hätte es Verdi wahrscheinlich nicht daran scheitern lassen, sofern alles weitere geklappt“ hätte, meinte der Insolvenzverwalter.

Auch bei der jetzt anstehenden Zerschlagung der Drogeriekette verlässt sich Geiwtz auf die Hilfe Verdis. An mehreren Stellen betonte er, wie wichtig ihm eine „konstruktive Zusammenarbeit“ mit der Dienstleistungsgewerkschaft sei. Auch bei der Ausarbeitung der weiteren „Abwicklungsvorgehensweise“ und eines „Sozialplans“ für die Beschäftigten wolle er eng und konstruktiv mit Verdi zusammenarbeiten. Bereits am Mittwoch traf sich Geiwitz mit Verdi und Betriebsräten.

Geht es nach dem Willen von Geiwitz und Verdi, dann sollen die 13.000 Mitarbeiter, die bald ihre Kündigung erhalten, in den kommenden Wochen den „Abverkauf“ der Ware organisieren, um anschließend dem Wohlwollen des Insolvenzverwalters ausgeliefert zu sein. Geiwitz hat am Dienstag mehrmals betont, er könne keine Angabe darüber machen, ob die Mitarbeiterinnen etwas von den potentiell 800 bis 1.000 Millionen Euro bekommen werden.

Mehrere Dutzend Schlecker-Beschäftigte, meist aus der Umgebung, waren zu dem Verhandlungsort in der Ulmer Innenstadt gekommen. Viele hatten von ihrem jeweiligen Betriebsrat von der Aktion erfahren. Trotz anderslautender Medienberichte blieb die Anzahl der Demonstranten vor Ort aber mit weniger als hundert gering. Verdi schien kein Interesse an einer Mobilisierung zu haben, wie es eine gekündigte Mitarbeiterin ausdrückte.

Die Schlecker-Mitarbeiterinnen waren nach fünf Monaten der Ungewissheit und des Ausverkaufs größtenteils frustriert und wütend oder angesichts ihrer Kündigung geschockt. „Ich fühle mich wie ins kalte Wasser geworfen“, meinte eine Frau.

Trotz der Frustration sprachen sich viele Betroffene gegenüber der WSWS für eine zentrale Großkundgebung aus. So sagte etwa Ganina K., eine Schlecker-Beschäftigte aus dem Kreis Tübingen: „Ich hätte mir gewünscht, dass alle 13.000 Betroffenen hierhergekommen wären.“

Ganina Ganina

Von Verdi fühlte sie sich enttäuscht. „Mit Verdi und der Art, wie sie die Insolvenz gehandhabt hat, bin ich nicht einverstanden“, so Ganina. „Wir sind nie informiert worden, wie es weiter geht. Unsere Kunden haben uns oft gefragt, und wir wussten jedes Mal auch nicht mehr als sie.“

Dass Verdi einen Vertreter im Gläubigerausschuss sitzen hat und dadurch über die Details der Insolvenz stets informiert war, wusste sie nicht.

Von anderen Kolleginnen war zu erfahren, dass es keine zentrale Organisation gab und keine Busse aus dem Bundesgebiet organisiert waren. Auch hatten viele von der Aktion erst wenige Tage vorher erfahren oder waren selbstständig angereist.

Kerstin, 48 Jahre, arbeitet seit 19 Jahren bei Schlecker. Trotzdem sieht sie kaum Chance auf eine Abfindung. Bei der Frage, ob Verdi dafür eine Mitschuld trage, winkt sie ab und sagt: „Kein Kommentar!“ Sie glaube nicht, dass Streiken etwas gebracht hätte: „Was hätte man mehr machen sollen? Im Grunde sind wir das ganze letzte halbe Jahr nur veralbert worden.“

Kerstin Kerstin

Vertreter der WSWS verteilten Flugblätter an die anwesenden Schlecker-Beschäftigten. Darin wird vorgeschlagen, dass kein Cent an andere Gläubiger geht, bevor nicht jeder Mitarbeiter eine Abfindung von mindestens 25.000 Euro erhält. Bezogen auf die bereits Gekündigten oder von der Kündigung stehenden rund 25.000 Arbeiterinnen entspräche dies einer Summe von 625 Millionen Euro – weniger als das Unternehmen laut Insolvenzverwalter Wert ist. Um eine solche Forderung durchzusetzen, müssen sich die Beschäftigten unabhängig von Verdi, die das Diktat des Insolvenzverwalter und die Profitlogik des Kapitalismus akzeptiert, vernetzen und organisieren.